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El Cid - Realität und Mythos

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 26 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Leben des Rodrigo Díaz
2.1 Herkunft
2.2 Anstellung am königlichen Hof
2.3 Ursachen der Verbannung
2.4 Im Dienste der Mauren
2.5 Die Invasion der Almoraviden
2.6 Die Versöhnung
2.7 Wieder verbannt
2.8 Die Beziehung zum Grafen von Barcelona
2.9 Als Fürst von Valencia

3. Fiktion versus Realität
3.1 Der Cantar de Mio Cid
3.2 Erster Gesang
3.2.1 Inhalt
3.2.2 Umstände der Verbannung
3.2.3 In der Verbannung
3.2.4 Die Belagerung von Alcocer
3.2.5 Der Graf von Barcelona
3.3 Zweiter Gesang
3.3.1 Inhalt
3.3.2 Die Eroberungen von Almenara und Murviedro
3.3.3 Die Belagerung von Valencia
3.3.4 Die Almoraviden
3.3.5 Die Infanten von Carrión
3.4 Dritter Gesang

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das mittelalterliche Ritterepos „El Poema de Mio Cid“ (PMC) ist eine der wenigen überlieferten Werke der spanischen Heldenepik. Es handelt von dem kastilischen Ritter Ruy Díaz de Vivar (im Epos „el Cid“ genannt), der von seinem Herrn, König Alfons VI aus dessen Reich verbannt wurde. Um der Gnade seines Herrn wieder teilhaftig zu werden und in seine Heimat zurückkehren zu können, kämpft er im Exil erfolgreich gegen die Mauren was ihn zum spanischen Nationalhelden werden lässt.

Alfons X „el sabio“(*1221, † 1284) war der erste, der die durch verschiedene Autoren überlieferten Heldentaten des Rodrigo Díaz zusammenführte und 1264 in seiner „Crónica General de España“ aufnahm. Da er hierbei dem historischen Rodrigo die Eigenschaften der literarischen Figur zumaß, wird er als Ursprung der späteren Mythisierung des Cid in der Geschichte betrachtet. So schrieb auch Menéndez Pidal, ein bedeutender zeitgenössischer Romanist der 1930er Jahre, dem Autor des PMC eine "gran fidelidad a los acontecimientos" und ein "conocimiento exacto" der sozio- politischen Strukturen in Kastilien zu und trug so maßgeblich zur überhöhten Heroisierung des Cid zum Nationalhelden bei. Seine Ansichten zur Realitätstreue des Cid Epos wurden allerdings von anderer Seite stark kritisiert. So stellte der Romanist und Literaturhistoriker Richard Fletcher die historischen Theorien Pidals in Frage. Er ist vielmehr der Ansicht, dass es weder die Absicht des Autors des Epos gewesen sein kann, sich streng an der historischen Wirklichkeit zu orientieren, noch ein ausschließlich fiktives Werk zu kreieren.

Diese Arbeit geht der Frage nach, inwieweit sich "El Poema de Mio Cid" nun tatsächlich an der Geschichte orientiert. Um einen solchen Vergleich zu ermöglichen, wird im Folgenden zunächst ein Überblick über die tatsächlichen historischen Ereignisse gegeben. Ausgehend davon wird anschließend der Inhalt des Epos mit den gewonnen Erkenntnissen verglichen. Die Arbeit stützt sich dabei maßgeblich auf das Werk „El Cid - Leben und Legende des Spanischen Nationalhelden“ von Richard Fletcher, da dieser maßgeblich zur Entmythisierung des Cid beigetragen hat.

2. Das Leben des Rodrigo Díaz

2.1 Herkunft

Rodrigo Díaz, der künftige Cid Campeador, kam 1043 nördlich von Burgos als Sohn niedriger Adeliger (infanzones) zur Welt und starb im Alter von 56 Jahren in Valencia. Die Bezeichnung Cid ist auf das arabische Wort sayid zurückzuführen, das Meister oder Herr bedeutet. Noch heute ist dieser Ehrentitel als Sidi oder Si in weiten Teilen der arabischen Welt gebräuchlich. Obwohl es keine bekannten Quellen gibt, die belegen, dass El Cid als offizieller Titel für Rodrigo Díaz verwendet wurde, geht Fletcher davon aus, dass zumindest Rodrigos Gefolgsleute ihn so bezeichneten. (vgl. Fletcher, 1999, S. 7)

2.2 Anstellung am königlichen Hof

Rodrigo kam schon als Jugendlicher an den Königshof und schloss dort Freundschaft mit Sancho II von Kastilien. Dieser ernannte den Cid zum "armiger (auf lateinisch)“ was wörtlich mit "Schwert- und Bannerträger" oder mit „alférez (auf romanisch)“ zu übersetzen ist. Ursprünglich war der „armiger“ nur der Träger der Waffen des Königs. Der Bedeutung des Amtes unter Sancho II wird dieser Titel jedoch kaum gerecht, da Rodrigo den König in Abwesenheit als Feldherr vertrat und in Schlachten neben ihm zu reiten hatte. Er war für Ruhe und Ordnung in Kastilien verantwortlich. Witwen, Waisen und auch sonstige Bedrängte hatten Anrecht auf seinen Schutz. Er führte darüber hinaus Aufsicht über die Hausmiliz und die Eskorte des Königs. Um seinem Amt Rechnung zu tragen, eignete sich der Cid umfangreiche juristische Kenntnisse, einschließlich des maurischen Rechts, an. Er musste außerdem als Schwertführer des Königs Duelle ausfechten, durch die größeres Blutvergießen verhindert werden konnten. Rodrigo wurde darüber hinaus ein enger Vertrauter Sanchos, den er in wichtigen militärischen Fragen berät. Fletcher schreibt: „[El Cid] musste zugleich Stabsoffizier, Adjutant, und Regimoberfeldwebel sein – und daneben noch so etwas wie ein Berater.“ (vgl. Fletcher, 1999, S.185)

Nachdem Sancho II ermordet worden war, wurde Alfons VI gekrönt. Über die Umstände streitet die Literatur: Lorenz zufolge stimmt Rodrigo der Krönung nur zu nachdem dieser sehr zu seinem Ärger einen feierlichen Eid hatte leisten müssen, daß er bei der Ermordung seines Bruders nicht im Hintergrund die Fäden gezogen habe. (Lorenz, 1971, S.11)

Diesen erzwungenen Schwur macht sie für den späteren Bruch zwischen Alfons und dem Cid verantwortlich. Lorenz stützt sich hier auf den einflussreichen neuzeitlichen Historiker Menéndez Pidal, der nachdrücklich behauptet, Rodrigo Diáz habe ihm den Schwur abgenommen; deswegen sei „Alfons später niemals gut auf ihn zu sprechen gewesen“. (Menéndez Pidal, 1936, S. 134) Fletcher bewertet Pidals Aussage als „phantastisch“ und wirft ihm vor, den Charakter von Alfons falsch interpretiert zu haben. Pidal habe einen makellosen Helden schaffen wollen; Alfons musste also im Unrecht sein. Weiterhin führt Fletcher einen Beleg für das gute Verhältnis zwischen dem Cid und dem kastilischen König aus der Historia Roderici an:

Nach dem Tod seines Herrn also, der ihn unterhalten und ihn sehr geliebt hatte, nahm König Alfons ihn ehrenvoll als Vasallen auf und behielt ihn in großer, achtungsvoller Zuneigung bei sich. (Fletcher, 1999, S.189)

Ein weiteres Indiz dafür, dass König Alfons dem Cid anfänglich positiv gegenübersteht, ist die Tatsache, dass er ihm seine Cousine, die Dame Jimena, die Tochter des Grafen Diego von Oviedo, zur Frau gab. Für den Cid bedeutete die Heirat Verbindungen in einen Stand, der bedeutender war als seiner, und die Jimena bekam einen aufstrebenden Mann mit vielversprechenden Beziehungen und Ambitionen. Aus den Augen Alfons verband die Ehe zwei bedeutende Familien aus unterschiedlichen Teilen seines Herrschaftsgebietes und er hoffte, dass sie zum Zusammenhalt seines Reiches beitragen würde. Er arrangierte die Hochzeit also nicht ganz uneigennützig, steht dem Cid jedoch ganz klar positiv gegenüber. Dieser Auffassung folgend emanzipierte sich auch Lacarra gegen die Mythisierungsversuche Pidals:

La situación [...] era distinta de lo que Menéndez Pidal creía: [...] al iniciarse el reinado de Alfons VI en Castilla este rey está bien dispuesto con el Cid (Lacarra, 1980, S.107)

Auch beruflich ließ Alfons den Cid weiterhin gut dastehen. Er konnte ihm zwar nicht mehr die Stelle als „armiger“ anbieten und der Cid verlor überdies den Oberbefehl über die Hausmilitz, da der König andere leonesische Gefolgsleute hatte die er belohnen musste, aber Rodrigo wurde als einflussreicher Richter am Hof eingesetzt. (vgl. Fletcher, 1999, S.191) Als wichtigster Beleg hierfür gilt ein Streit über Weiderechte aus dem Jahre 1073. Er wurde durch ein Gerichtsurteil geschlichtet, das der Cid unterschrieb.(vgl.Fletcher,1999, S.192)

Bis hierher deutete also nichts auf ein in irgendeiner Form getrübtes Verhältnis zwischen König und Vasall hin. Der König war ihm positiv gesinnt, was sowohl die Ehe beweist, die er für den Cid arrangiert hat, als auch die Weiterbeschäftigung nach der Ermordung Sanchos II. Das Königreich steckte im Aufschwung, was gewiss auch den Cid positiv in die Zukunft hat blicken lassen.

2.3 Ursachen der Verbannung

Die Verbannung des Rodrigo Díaz ist schnell zusammengefasst. Er machte sich Feinde am königlichen Hofe, indem er unbedacht handelte; fiel so bei Alfons in Missgunst und wurde daraufhin im Sommer 1081 in die Verbannung geschickt. Er arbeitete fünf Jahre bei dem muslimischen König von Zaragoza, versöhnte sich dann wieder mit Alfons und kehrte nach Kastilien zurück. Dieses Handlungsknäuel soll im folgenden Kapitel entwirrt werden, um die genauen Umstände und den Ablauf der Verbannung zu klären.

Ein Faden dieses Knäuels bildete die Beziehung Alfons zu dem Königreich Toledo. Schon Alfons Vater hatte dort die sogenannten parias (Tribute) eingetrieben und seinem Sohn dieses Recht vererbt. Der Herrscher von Toledo, al-Ma’mun, war jedoch ein kluger Mann und es gelang ihm, sich von der christlichen Schutzherrschaft zu befreien. Er stellte die Zahlung der parias ein und schaffte es sogar, das stark umkämpfte Valencia und die ehemalige Kalifenhauptstadt Córdoba zu annektieren. 1075 wendete sich das Blatt, als al-Ma’mun, wahrscheinlich durch Neider aus eigenen Reihen, vergiftet wurde. Als sein Nachfolger in Toledo wurde sein Enkel al-Quadir eingesetzt. Dieser war seiner neuen Führungsaufgabe nicht gewachsen und brachte es fertig, nach nur zwei Monaten im Amt einen Bürgerkrieg zu provozieren. Er wandte sich mit der Bitte um Hilfe an Alfons VI, der dieser natürlich gern nachkam. Auf diese Weise bot sich für den kastilischen König schließlich die Möglichkeit, das Protektorat seines Vaters über Toledo weiterzuführen. Alfons hegte jedoch auch territoriale Ambitionen im Süden. Insbesondere auf die Städte Badajoz, Granada und Sevilla hatte er es abgesehen, da auch hier sein Vater bereits parias eingetrieben hatte. Schon im Jahre 1076 konnte er zumindest ein Teilziel umsetzen: Es gelang ihm, das Protektorat in Granada und Sevilla zu erneuern und die Städte so wieder zu Tributzahlungen zu verpflichten. Laut Fletcher gilt es als wahrscheinlich, dass Alfons dieses Ziel nur auf Grund seines Einflusses, den er auf Toledo hatte, realisieren konnte. So zeigte sich z.B. ’Abd Allah aus Granada von Alfons Einfluss auf Toledo „derart eingeschüchtert, dass er Tribut zahlte.“ (vgl. Fletcher, 1999, S.205) Das war der Zeitpunkt, als der Cid, ohne es zu wollen, die Aufmerksamkeit des Hofes auf sich zog.

Rodrigo machte sich im Herbst 1079 als Gesandter des Königs nach Sevilla auf, um bei dem dortigen Herrscher al-Mu’tamid die ausstehenden parias einzutreiben. Parallel wurde für den gleichen Zweck eine andere Gesandtschaft nach Granada entsendet. ’Abd-Allah von Granada sah in dem Eintreffen der christlichen Schutzstaffel eine Chance: Sie sollte als Speerspitze gegen seinen erbitterten Feind al-Mu’tamid von Sevilla eingesetzt werden, von dem Rodrigo unterdes den Tribut gefordert hatte und der, genau wie ’Abd-Allah, Schutzbefohlener von Alfons war. Dem Cid blieb also nichts anderes übrig als sich den Angreifern zu stellen. Es gelang ihm, sie bei einem Gefecht bei Cabra[1] im Königreich Cordoba zu besiegen und in die Flucht zu schlagen. Im Rahmen des paria – Systems war eine solche kriegerische Auseinandersetzung nicht ungewöhnlich und konnte bis hierher nicht der Grund für Rodrigos Verbannung gewesen sein. Dem Cid wiederfuhr jedoch an dieser Stelle ein folgenschwerer Fehler:

Gefangen wurden also in der Schlacht Graf García Ordóñez und Lope Sánchez und Diego Pérez und mehrere andere von ihren Rittern. Und nachdem er so den Sieg errungen hatte, hielt Rodrigo Díaz sie drei Tage lang gefangen; schließlich nahm er ihnen ihre Sachen und all ihre Waffen fort und ließ sie so ihres Weges ziehen. (vgl. Fletcher, 1999, S.207)

Die Gefangenen waren einflussreiche Männer. Der wichtigste unter ihnen war García Ordóñez. Er hatte sich nach der Machtergreifung Alfons den Posten als armiger sichern können; ein Amt, das zuvor der Cid innegehabt hatte. Alfons hatte Ordóñez außerdem mit Uraca, der Schwester des verstorbenen Königs verheiratet. Ordóñez hatte also vornehmer geheiratet als der Cid und darüber hinaus noch sein Amt übernommen. Fletcher hält es für möglich, dass der Cid schlichtweg eifersüchtig war und Ordóñez mit der dreitägigen Gefangenschaft eins auswischen wollte. (vgl. Fletcher, 1999, S.208)

Hinzu kommt, dass Rodrigo nicht nur einen hochrangigen Gesandten des Königs verärgert hatte. Fórtun Sánchez, der Bruder des gefangen genommenen Lope Sánchez, war nicht nur ein enger Vertrauter des Königs, sondern auch ein Schwager von Ordóñez. (vgl. Fletcher, 1999, S.208) Der Cid hatte so eine einflussreiche Lobby gegen sich gebracht, die nur darauf wartete, sich an ihm zu rächen.

Sie musste sich nicht lange gedulden. Im Jahre 1081 überfiel eine wahrscheinlich aus Toledo kommende Bande die Gegend um die Burg Gormaz[2] und machte große Beute. Dieser Überfall war nicht offiziell autorisiert; es handelte sich vielmehr um einfache Banditen (latrunculi). Umso rätselhafter erscheint die Reaktion Rodrigos:

Und so sammelte er sein Heer und all seine wohlbewaffneten Ritter und plünderte und verwüstete das Land der Sarazenen im Gebiet von Toledo. (vgl. Fletcher, 1999, S.209)

[...]


[1] Cabra liegt südsüdöstlich von Córdoba

[2] Die Burg Gormaz lag ca 130 km südöstlich von Burgos

Details

Seiten
26
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640780310
ISBN (Buch)
9783640780488
Dateigröße
699 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163538
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
Realität Mythos

Autor

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