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Der Doppelweg und der Doppelte Kursus

Zur Terminologie und modernen Strukturierung des "Erec" von Hartmann von Aue

Seminararbeit 2010 18 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Die Terminologie zur Strukturierung des Erec
1.1 Der Doppelweg als Strukturierungsprinzip der Artus-Romane
1.2 Der Doppelte Kursus als Strukturierungsprinzip eines mentalen Werdegangs

2 Die Struktur des Erec in der modernen Forschung
2.1 Das Problem des Doppelweg s bei Elisabeth Schmid
2.2 Ein „neuer“doppelter Kursus bei Ludger Lieb

Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsnachweis

Abbildungen

Einleitung

Im Mittelhochdeutschen ist es nicht immer leicht, die Struktur eines Werks herauszufiltern, da besonders hier eine starke Verbindung zwischen mündlicher und schriftlicher Überlieferung herrscht, sodass ein „roter Faden“ meist nur sinngemäß aus dem Inhalt heraus gefunden werden kann.[1] Doch zeigt sich bei einem Autor deutlich, dass die Struktur sehr wohl kompositorisch durchdacht und als Gestaltungsmerkmal mit dem Inhalt verarbeitet wurde; und zwar ist dies bei Hartmann von Aue vorzufinden, im Speziellen bei seinem Artusroman „ Erec “.

In der modernen mittelhochdeutschen Forschung zu den Strukturierungsmöglichkeiten gibt es zwei Termini, die für die Erklärung der Struktur des Erec verwendet werden und als Strukturierungsprinzipien in der Forschung legitimiert sind. Doch fällt immer wieder auf, dass die beiden Termini „ Doppelweg “ und „ Doppelter Kursus“ beinahe überall gleichwertig und synonym verwendet und auch als solches verstanden werden.[2] Doch sind dies keineswegs Synonyme und sie dürfen als solche auch nicht verstanden werden, denn sie bezeichnen jeweils grundsätzlich Verschiedenes.

Folglich taucht die Frage auf, was nun der genaue Unterschied dieser beiden Termini ist und ob diese für die aktuelle Forschung überhaupt noch interessant sind. Diesen Unklarheiten möchte ich im Folgenden nachgehen und anhand zwei ausgewählter aktueller Aufsätze erläutern und damit, wenn möglich, beiseiteschaffen.

Meine Fragestellung lautet: Wie sind die beiden Termini „ Doppelweg “ und „ doppelter Kursus “ zu unterscheiden und vor allem sind diese in der modernen mittelhochdeutschen Strukturierungsforschung noch angemessen und sinnvoll oder werden neue Ansätze dafür bereits sichtbar und notwendig?

Ich möchte folgendermaßen vorgehen. Im ersten Kapitel werde ich die beiden Termini jeweils getrennt definieren und erläutern, um deren Unterschiede genauer skizzieren und damit besser verwenden zu können. Im zweiten Kapitel möchte ich explizit auf zwei aktuelle und wichtige Aufsätze eingehen, in welchen die beiden Termini jeweils hinterfragt und erneuert oder zumindest kritisiert werden. Anhand der Analyse der beiden Meinungen möchte ich daran anschließend mein Fazit ziehen.

1 Die Terminologie zur Strukturierung des Erec

Wie bereits erwähnt, sind die beiden Termini Doppelweg und doppelter Kursus strikt voneinander zu trennen, da sie auf unterschiedliche Aspekte innerhalb des Romans Bezug nehmen. Der Doppelweg bezieht sich auf die Gesamtstruktur fast aller Artus-Romane, der doppelte Kursus dagegen bezieht sich lediglich auf die „binäre“[3] Struktur eines geistigen personellen Vorgangs, der innerhalb des Doppelwegs vollzogen wird. Diese Struktur finden wir vor allem im Erec und Iwein, die andere bei fast allen allgemein zu nennenden Artus-Romanen. Doch betrachten wir zunächst die Entwicklung und Funktion des Doppelwegs genauer, um die Differenz zwischen den beiden besser herauszufiltern.

1.1 Der Doppelweg als Strukturierungsprinzip der Artus-Romane

Der Roman „ Erec “ von Hartmann von Aue ist ein Artusroman.[4] Damit ist ihm eine Struktur auferlegt, die gemeinhin als gültig erwiesen scheint und als solches auch proklamiert wird: der sog. Doppelweg. Diese Struktur findet man bei „ Erec “, „ Iwein “ und Wolfram von Eschenbachs „ Parzival[5], teilweise mittlerweile auch bei Gottfried von Straßburgs „ Tristan[6], doch bleibt dies hier auf Grund noch unzureichender Überlegungen unbeachtet.

Der Begriff des Doppelwegs taucht erstmals 1969 bei Hans Fromm[7] auf, welcher anhand der Untersuchungen von Hugo Kuhn[8] einen verallgemeinerten und definitorischen Gesamtzusammenhang innerhalb der arthurischen Romanstruktur sieht, vor allem die bedeutsame Verbindung von Quelle und Verarbeitung einiger Werke, also von Chrétien de Troyes und Hartmann von Aue. Dieser Aspekt ist besonders wichtig, denn bereits Kuhn nimmt die Urheberschaft des zweifachen Abenteuerweges nicht so genau, sodass Hartmann von Aue meist im Glanze der „ Doppelweg “-Erfindung steht, obwohl dies bei Chrétien als dessen französische Quelle ebenfalls sichtbar ist und demnach v o r Hartmann verarbeitet sein muss.[9] Doch soll dies nicht Gegenstand der Untersuchung bleiben. Vielmehr interessiert zunächst die allgemeine Sicht auf die Interpretation des sog . Doppelwegs im Erec in der heutigen Forschung.

Der Terminus bezeichnet ein Handlungsmuster, das in zwei Abenteuerwege geteilt ist. Der Held muss in diesen beiden das Prinzip „Gewinn, Verlust und Wiedergewinn“[10] absolvieren,

„ein(en) Doppelweg durch die Abenteuerwelt, dessen erster Durchgang mit dem Erwerb von Ehre und Liebe in einer Krise endet, die zum Ausgangspunkt des zweiten Durchgangs wird, in dem eben die Fehler korrigiert werden, die beim ersten Mal zum Scheitern geführt hatten.“[11]

Dies erfolgt im Erec folgendermaßen (Schema 1 und 2)[12]:

Der erste Handlungszyklus beginnt mit einem Ausritt aus dem königlichen Artushof. Als Begleiter der Königin mit ihrer Dienerschaft erlebt Erec gleich zu Beginn eine Schmach. Eine Dienerin, welche Auskunft bei einem vorbeireitenden Ritter einholen möchte, wird von dessen Zwerg geschlagen. Sogleich Erec möchte den Namen des Ritters erfahren, doch wird auch er von dessen Zwerg mit Gewalt fern gehalten. Um die Schande, die er erleiden musste, zu rächen, folgt Erec dem Ritter bis zur nächsten Stadt. Dort sucht er ein Nachtlager in einem unbewohnbaren Häuschen, in welchem ein alter Mann mit seiner Tochter haust. Als Erec von seiner Schmach erzählt, bittet er den alten Herrn um eine Rüstung und um seine Tochter, um bei einem Turnier teilnehmen zu können, was er gewährt. Erec gewinnt das Turnier nach einem harten Kampf mit dem Ritter, der ihm die Schmach angetan hat, und nimmt Enite zur Frau. Beide kehren zur Hochzeit am Artushof zurück, an dem Enite zur schönsten Dame gewählt wird, deren Anwesenheit den Hof ehrt. Nach der Hochzeit bleiben Erec und Enite den gesellschaftlichen Ereignissen am Hof fern, sodass dort Unmut über das Verhalten Erecs entsteht. Als Enite einmal darüber im Bett klagt, im Glauben, dass Erec schlafe, tadelt er sie und verlässt mit ihr den Hof. Damit ist die erste Krise Erecs vollbracht, da sein Ansehen am Hof durch das sog. verligen sehr geschwächt ist.[13]

Mit dem heimlichen Auszug, in welchem Enite als Strafe für ihr nächtliches Gerede ein Redeverbot erhält, absolvieren beide in einem zweiten Handlungszyklus einen langen Abenteuerweg, der wiederum gedoppelt ist, auf welchen ich im nächsten Kapitel näher eingehen werde. Nach dem sog. doppelten Kursus erfolgt der sog. Joie de la curt. Als Erec von einer aventiure erfährt, die bisher kein Ritter überlebt hat und dessen mittlerweile 80 Witwen auf der Burg leben, möchte er diesen Kampf sofort begehen. Auf der Burg wird er allerdings mit großer Trauer und Bedauern empfangen, doch lässt sich Erec davon nicht abschrecken. Als er in den dortigen Baumgarten eintrifft, bekommt Erec sofort die gewalttätige Art des Ritters Mabonagrin mit seiner Frau zu spüren. Nach einem tagelang dauernden, harten und gleich starken Kampf der beiden Ritter gewinnt schließlich Erec und die beiden schließen Freundschaft und erfahren ihre enge Verwandtschaft. Nach einem mehrwöchigen Fest über die Freude des Sieges kehren Enite und Erec mit den 80 Witwen, deren Trauer Erec in Freude verwandeln möchte, an den Artushof zurück. Dort wird er hoch gefeiert, weil durch den Sieg das Ansehen des Hofes noch vermehrt wird. Als kurz darauf sein Vater stirbt, nimmt Erec die Herrschaft in seinem Königreich Karnant auf.

So endet das Werk Hartmanns von Aue und damit auch der zweite Handlungszyklus. Der Doppelweg zeigt demnach den Weg Erecs an, wie er durch viele Abenteuer sein Ansehen und damit Ruhm erarbeitet, wie er vom unbedeutenden Begleiter der Königin am Anfang zum ehrenhaften König am Ende wird. Dabei ist er im ersten Zyklus charakterlich noch nicht so weit, König zu sein, weshalb er sich im zweiten Zyklus erweisen muss und seine Wesenszüge vor allem durch das Erlernen der sozial bedingten Eigenschaften unter Beweis stellen. Um den zweiten Zyklus besser zu verstehen, möchte ich im Folgenden unter dem Begriff des doppelten Kursus darauf genauer eingehen.

1.2 Der Doppelte Kursus als Strukturierungsprinzip eines mentalen Werdegangs

Der Terminus doppelter Kursus entstand aus den Beobachtungen, die Hugo Kuhn[14] 1948 machte. In seinem bereits erwähnten Aufsatz stellte er diesen Begriff als mögliche Definierung vor, der einen spezifischen Handlungsablauf i n n e r h a l b der später von Fromm als Doppelweg bezeichneten Romanstruktur benennt. Dieser spezifische Handlungsablauf ist ebenfalls gedoppelt, und zwar eine zweifache Triaden-Gruppe[15]. Sie beginnt bei der Flucht nach der Zeit des verligen und endet mit dem Joie de la Curt. Zwischen diesen Endpunkten müssen Erec und Enite zwei Mal drei verschiedene Abenteuer durchstehen, welche sich jeweils aufeinander beziehen.[16]

[...]


[1] Über die Beziehung von schriftlicher und mündlicher Überlieferung schreibt Haug, Walter: Struktur, Gewalt und Begierde. Zum Verhältnis von Erzählmuster und Sinnkonstitution in mündlicher und schriftlicher Überlieferung. In: Idee-Gestalt-Geschichte. Festschrift Klaus von See. Studien zur europäischen Kulturtradition. Hrsg. Von Gerd Wolfgang Weber. Odense 1988. S. 147 ff.

[2] Diese gleichwertige Verwendung ist vor allem zu finden bei Bumke, Joachim: Der >Erec< Hartmanns von Aue. Eine Einführung. Berlin 2006. S. 73. Siehe dazu auch Gentry, Francis G.: The Two-Fold Path: Erec and Enite on the Road to Wisdom. In: A Companion to the Works of Hartmann von Aue. Hrsg. Von Francis G. Gentry. Rochester 2005. S. 97 f.

[3] Der Begriff der „binären“ Struktur taucht auf bei Dohle, Stephan: Die Abwesenheit des Helden. Zur Selbstorganisation schriftlichen Erzählens im Doppelweg des Artusromans und im Parzival Wolframs von Eschenbach. Dissertation. Universität Düsseldorf 1995. S. 26.

[4] Zur Information über den Artusroman ist empfehlenswert Kapitel VIII. bei Ruh, Kurt: Höfische Epik des deutschen Mittelalters. Erster Teil: Von den Anfängen bis zu Hartmann von Aue. 2., verbesserte Auflage, Berlin 1977. Darin zum Erec siehe besonders S. 115-141.

[5] Die drei Werke sind begründet bei Fromm, Hans: Doppelweg. In: Werk-Typ-Situation. Studien zu poetologischen Bedingungen in der älteren Literatur. Stuttgart 1969. S. 64-79. Hier S. 65.

[6] Siehe dazu Lieb, Ludger: Ein neuer doppelter Kursus in Hartmanns Erec und seine Kontrafaktur in Gottfrieds Tristan. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. Heft1/März. Stuttgart 2009. S. 193-217, zu Tristan besonders S. 202 ff. Die doppelte Handlungsstruktur im Tristan wird ebenfalls angenommen bei Walter Haug: Struktur, Gewalt und Begierde. Zum Verhältnis von Erzählmuster und Sinnkonstitution in mündlicher und schriftlicher Überlieferung. S. 153.

[7] Fromms Erforschung des Doppelwegs bei Hugo Kuhn erfolgt in Hans Fromm: Doppelweg, S. 64 ff.

[8] Hugo Kuhn war der erste, der sich mit der Frage der Struktur innerhalb der Artusromane beschäftigt und darin einen zweifachen Abenteuerweg des Titelhelden erkannt hat. Seine Abhandlung ist erschienen in Kuhn, Hugo: Erec [1948] In: Kuhn, Hugo und Cormeau, Christoph (Hrsgg.): Hartmann von Aue. Darmstadt 1973, S. 17-48.

[9] Zur Kritik an der „Chrétien-Hartmannschen Prägung“ siehe Schmid, Elisabeth: Weg mit dem Doppelweg. Wider eine Selbstverständlichkeit der germanistischen Artusforschung. In: Erzählstrukturen der Artusliteratur. Forschungsgeschichte und neue Ansätze. Hrsg. Von Friedrich Wolfzettel. Unter Mitwirkung von Peter Ihring. Tübingen 1999. S. 69-85. Auf diesen Aufsatz werde ich in Kapitel 2.1 noch näher eingehen.

[10] Zitiert nach Mertens, Volker : Der deutsche Artusroman. Stuttgart 2007. S. 35.

[11] Zitiert nach Volker Mertens: Der deutsche Artusroman, S. 35.

[12] Die beiden Schemata stammen aus Volker Mertens: Der klassische Artusroman, S. 59 f.

[13] Handlungsbeschreibung gemäß Joachim Bumke: Der >Erec< Hartmanns von Aue, S. 19 ff.

[14] Zur Bedeutung der Struktur-Erkenntnis von Hugo Kuhn siehe Kapitel VIII., 5 in Haug, Walter: Die Wahrheit der Fiktion. Studien zur weltlichen und geistlichen Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Tübingen 2003. Besonders S. 670 ff. Ein Vergleich der Struktur des Erec mit Hartmann ist im Kapitel III., 2 auf den Seiten 205-222.

[15] Auf das Triaden-Muster geht ein Haug, Walter: Literaturtheorie im deutschen Mittelalter. Von den Anfängen bis zum Ende des 13. Jahrhunderts. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Darmstadt 1992. S. 94 ff.

[16] Gemäß Walter Haug: Literaturtheorie im deutschen Mittelalter, S. 94.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640778171
ISBN (Buch)
9783640777815
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163487
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Germanistisches Seminar
Note
2,0
Schlagworte
Doppelweg Doppelte Kursus Terminologie Strukturierung Erec Hartmann

Autor

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