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Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Phraseologiekonzeption bei Bally und Vinogradov

Zwischenprüfungsarbeit 1998 18 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Charles Bally
2.1 "Série phraséologique".
2.2 "Unité phraséologique"
2.2.1 Äußere Merkmale
2.2.2 Innere Merkmale

3. Weitere Klassifizierung bei Viktor V. Vinogradov
3.1 "Frazeologičeskoe sraščenie"
3.2 "Frazeologičeskoe edinstvo"
3.3 "Frazeologičeskoe sočetanie"

4. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als Begründer der Phraseologie gilt der Schweizer Sprachwissenschaftler Charles Bally (1865-1947), ein Schüler von Ferdinand de Saussure. Bally bemühte sich in seinem 1909 verfassten Traité de stylistique française um eine erste Klassifizierung zusammenhängender Wortverbindungen. Seinen Untersuchungen ist das zweite Kapitel dieser Arbeit gewidmet.

In Russland beschäftigte sich als Erster Victor V. Vinogradow (1895-1969) mit dieser Problematik (vgl. Kapitel 3. dieser Arbeit). Er baute auf den Überlegungen Ballys auf und entwickelte sie weiter, indem er die Wortverbindungen noch weiter unterteilte und systematisierte. Nach Vinogradow setzte eine Flut von Publikationen zu diesem Thema ein, wobei der damaligen Sowjetunion eine führende Rolle zukam.

Viele der Forscher sahen in der russischen (v. a. Literatur-) Sprache der Gegenwart viele Überreste des Altkirchenslavischen, aber auch der alten Volkssprache [1]. Wortverbindungen festigen sich meist erst nach Verlauf eines mehr oder weniger langen Zeitraums, und so bleiben häufig veraltete Sprachformen nur durch ihre Eingliederung in eine solche Wortgruppe lebendig. Teilweise wird den Phraseologismen auch eine Tendenz zur Bewahrung archaischer Elemente zugesprochen:

[...] Sie besteht darin, daß phraseologische Einheiten in jedem Falle verfestigte Verknüpfungen von Wortformen sind, Syntagmen und ganze Sätze, die günstige Bedingungen für die Bewahrung von Elementen aus früheren Epochen abgeben. In diesen komplexen Zeichen sind archaische Elemente gleichsam als Einschlüsse enthalten. [2]

In der heutigen Zeit entstehen Phraseologismen häufig auf der Basis von Werbeslogans; teilweise verschwinden sie recht schnell wieder, teilweise gehen sie auch in die Alltagssprache über. Eine Klassifizierung von Wortverbindungen gestaltet sich oft nicht ganz einfach, da manche der Kriterien, z. B. das der in

Vergessenheit geratenen Einzelbedeutungen der Komponenten, auch eine Ermessensfrage sein können.

Im Folgenden soll versucht werden, die Überlegungen von Bally und Vinogradov in Bezug auf eine Systematisierung von Phraseologismen wiederzugeben.

2. Charles Bally

In seinem Buch Traité de stylistique française [3] widmete sich Bally ausführlich dem Thema zusammenhängender Wortgruppierungen und bemühte sich, diese – wenigstens grob – zu klassifizieren. Bally betonte, dass sich beim Erlernen einer Sprache Wortgruppen leichter einprägen als isolierte Wörter. Hierbei ist wesentlich, ob es sich um freie, jederzeit veränderbare Wortverbindungen [die nach Bally eher als Kontext zu bezeichnen sind [4] ] oder um mehr oder weniger feste Ausdrücke handelt. Da letztere häufig wiederholt und reproduziert werden, prägen sie sich meist schneller ein und bleiben besser im Gedächtnis haften als Verbindungen, die nach ihrer Bildung gleich wieder zerfallen.

Solche festen Wortgruppen enthalten meist irgendeine Form oder Inhalt betreffende Besonderheit. Auf jeden Fall bleibt uns die Assoziation zwischen einem bestimmten Gedanken und der betreffenden Wendung in Erinnerung und erhält ihre Stabilität durch häufiges Reproduzieren.

Bally unterscheidet zwei Haupttypen phraseologischer Wendungen:

1. Als phraseologische Serie (série phraséologique) wird eine relativ freie Zusammenfügung von Worten bezeichnet.
2. Dagegen ist der Zusammenhalt der Elemente bei der phraseologischen Einheit (unité phraséologique) fest und unveränderlich.

Zwischen den beiden Extremfällen (freie, sofort wieder zerfallende Wortverbindungen einerseits und feste Wendungen andererseits) gibt es eine Fülle von Übergängen, die aber, bis auf die phraseologische Serie, von Bally nicht weiter untersucht werden.

2.1 "Série phraséologique"

Diese Art von Wortverbindungen, die auch gewöhnliche Gruppierung (groupement usuel) genannt wird, definiert Bally folgendermaßen:

Il y a série ou groupement usuel lorsque les éléments du groupe conservent leur autonomie, tout en laissant voir une affinité évidente qui les rapproche, de sorte que l'ensemble présente des contours arrêtés et donne l'impression du "déjà vu". [5]

Als Beispiel führt er die Wortverbindung gravement malade (schwer krank) an. Beide Elemente der Verbindung werden auch in anderen Umgebungen und Zusammensetzungen gebraucht, das heißt, sie existieren unabhängig voneinander. Im Zusammenhang mit malade sind jedoch nur ganz bestimmte Adverbien gebräuchlich wie sérieusement (ernstlich), gravement (schwer) oder dangereusement (gefährlich). Als etymologische Dublette existiert neben gravement das Adverb grièvement, aber niemals in Verbindung mit malade, sondern nur mit blessé (verletzt). Dies bedeutet, dass die Elemente zwar an sich autonom sind, jedoch als Bestandteil einer phraseologischen Serie nicht ausgetauscht werden können.

Ein Sonderfall der Serien sind jene, die den Grad der Intensität ausdrücken (séries d'intensité). Hierbei wird ein abstraktes Substantiv, Adjektiv oder Verb mit einem anderen Wort verknüpft, welches ersteres näher qualifiziert bzw. dessen ursprüngliche Bedeutung verstärkt, intensiviert: chaleur suffocante oder accablante (drückende Hitze) ist ein geläufiger Ausdruck [vielleicht, weil er gewisse Emotionen beinhaltet], während Begriffe wie chaleur solaire (Sonnenwärme, -hitze) nach Bally neutral sind [was sicherlich teilweise auch eine Ermessensfrage ist].

Eine weitere Form von Serien, die zwischen phraseologischer Serie und Einheit anzusiedeln ist, betrifft Wendungen, die Verben umschreiben (séries verbales) – ein recht häufiges Phänomen. An Stelle von vaincre (siegen) kann man auch sagen: remporter la victoire (den Sieg davontragen), statt décider (entscheiden) auch: prendre une décision (eine Entscheidung treffen) usw. Es ist nicht

einfach zu unterscheiden, ob es sich dabei um eine Serie oder eine Einheit handelt. Als entscheidendes Kriterium sieht Bally die An- oder Abwesenheit des bestimmten oder unbestimmten Artikels. So ist der Zusammenhalt der Elemente in der Wendung avoir coutume [de] (pflegen zu) nach Bally enger als in der Wendung avoir l'habitude [de] (etwas gewohnt sein, mit etwas umzugehen wissen). Bally selbst räumt allerdings ein: Encore une fois, nos classifications n'ont rien de rigide; c'est l'instinct qui doit guider la recherche. [...] [6]

Für den Ausländer, der eine Fremdsprache erlernt, kann dieser "Instinkt" jedoch zur Bildung verkehrter Serien (séries incorrectes) führen, die nach dem Muster von Serien in der Muttersprache gebildet werden. So könnte beispielsweise ein Deutscher den Ausdruck "seine Freiheit wiedergewinnen" übersetzen mit "regagner sa liberté" anstelle von recouvrer sa liberté.

2.2 "Unité phrasélogique"

Bally hält die Klassifizierung phraseologischer Einheiten für insgesamt einfacher als die der Serien. Von einer Einheit spricht man, wenn die Bedeutungen der Einzelworte verschwinden und die Gesamtbedeutung des Ausdrucks eine völlig andere ist; man würde in diesem Fall auch von einem Idiom sprechen.

Der phraseologischen Einheit entsprechen innere und äußere Merkmale, wobei Bally nur die inneren für verlässlich hält.

2.2.1 Äußere Merkmale

Scheinbar handelt es sich um eine phraseologische Einheit, wenn folgende drei Merkmale erfüllt sind:

a) die Wortgruppe besteht aus mehreren, im Schriftbild voneinander getrennten Worten;
b) die Wortfolge ist unveränderlich, Einschübe sind nicht möglich;
c) keines der Worte kann durch ein anderes ersetzt werden.

Diese Charakteristika sind allerdings nicht hinreichend, wie Bally im Folgenden darlegt:

[...]


[1] Vgl.: Vinogradov, V. V.: Osnovnye problemy drevnerusskogo literaturnogo jazyka. Moskva 1958, S. 4-5.

[2] Eckert, Rainer / Günther, Kurt: Die Phraseologie der russischen Sprache. Leipzig/Berlin/München 1992, S. 145.

[3] Bally, Charles: Traité de stylistique française (vol. I). Genève/Paris 1951.

[4] Vgl.: ebda., S. 88/89.

[5] Bally: Traité, S. 70.

[6] Bally: Traité, S. 72.

Details

Seiten
18
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783640778164
ISBN (Buch)
9783640778195
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163482
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Seminar für Slavistik
Note
1,3
Schlagworte
Gemeinsamkeiten Unterschiede Phraseologiekonzeption Bally Vinogradov

Autor

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