Lade Inhalt...

Soziales Handeln bei Weber und Luhmann

Hausarbeit 2008 15 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Ego-Alter-Konstellation

3 Luhmann
3.1 Kommunikationssysteme
3.2 Autopoietisches System
3.3 Doppelte Kontingenz

4 Weber
4.1 Soziales Handeln
4.2 Subjektiver Sinn
4.3 Soziale Beziehung

5 Vergleich

6 Schlussbemerkung

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Beantwortung der Frage nach den konstitutiven Eigenschaften von Sozialität gehört zu den grundlegendsten Aufgaben der Soziologie. Weber und Luhmann erheben beide den Anspruch, mit ihren Theorien „alles Soziale“ behandeln zu können, sich also auf alle historischen Ausgestaltungen von Sozialem zu beziehen (Luhmann 1984: 9). Dabei steht Luhmanns Vorschlag in seiner allgemeinen Theo­rie sozialer Systeme und Webers Gedanke in seiner Schrift der soziologischen Kategorienlehre bzw. seinem Werk zu den soziologischen Grundbegriffen nieder­geschrieben.

Dass beide Theoretiker mit ihren Werken Grundlagen für die Soziologie schaffen wollen, kann als Indikator für einen gleichen Problembezug der beiden Wissen­schaftler gewertet werden. Nicht gesichert ist hierin jedoch, ob beide Theoretiker in ihren Annahmen auch den Gegenstand des Sozialen in ähnlicher Weise be­trachten. Es ist bekannt, dass für Weber Sozialität mit sozialem Handeln gegeben ist, während für Luhmann kommunikatives Geschehen die Voraussetzung von sozialer Wirklichkeit darstellt (vgl. Greshoff 1999: 33).

Das Ziel dieser Arbeit ist es daher, die beiden Gegenstandskonzepte miteinander zu vergleichen und so herauszufinden, „ob man von einem Grundbegriff der Kommunikation ... oder von einem Grundbegriff der Handlung als letzter emergenter, für soziale Systeme nicht weiter auflösbaren Einheit ausgehen“ muss (Luhmann 1990a: 283). Lösen sich nämlich diese letzten Einheiten auf, dann ver­schwindet alles Soziale. Bevor wir uns mit den Begriffen soziale Handlung und Kommunikation als soziale Sachverhalte auseinandersetzen, soll geklärt werden, was im Sinne soziologischer Theorie als sozialer Sachverhalt zu verstehen ist. Danach lassen sich die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Begriffe klären.

2 Die Ego-Alter-Konstellation

Die Voraussetzung für das Vorliegen eines sozialen Sachverhaltes bilden wenigs­tens zwei Akteure, die als Ego und Alter miteinander in einer Beziehung stehen und die in dieser ihr Verhalten aneinander ausrichten. Durch die wechselseitige Verhaltensabstimmung der beiden Handelnden entsteht eine neue soziale Ord­nung, deren Merkmal es ist, dass sie nur von dem Ego-Alter-Verhältnis her begrif­fen werden kann.

Ego und Alter beziehen sich in ihrer Verbindung aufeinander, aber auch auf eine Umwelt. Zur Umwelt gehört in dem Fall alles, was einen Akteur umgibt, also Ge­genstände, Tiere und andere Menschen. Die Umweltbeziehungen von Ego und Alter lassen sich in drei Arten unterscheiden: Auf der ersten Ebene erfährt ein In­dividuum den eigenen Zustand und nimmt gleichzeitig physische Dinge der äuße­ren Umwelt wahr. Dementsprechend kann es dann sein Verhalten entsprechend der Umwelt ausrichten. Eine weitere Form ist die, dass Ego Alter als ebenfalls wahrnehmendes Selbst einstuft, welches zwischen seiner Umwelt und sich selbst unterscheidet und auf dieser Basis seine Eigenaktivitäten steuert. Auf der letzten Stufe beobachten beide Akteure, dass der jeweils andere ebenfalls ein Selbst mit einer Umwelt ist, „in der das wahrnehmende Selbst ebenfalls als ein Selbst vor­kommt“ (Lindemann 2006: 68).

In der Beziehung von Ego und Alter stimmen beide ihr Verhalten aufeinander ab. Die Basis dafür bildet nicht nur das sichtbare Verhalten des Anderen, sondern auch dessen vermeintliche Intentionen und Wahrnehmungen. Ego erwartet von Alter bestimmte, auf sich selbst gerichtete Verhaltenserwartungen. Er richtet sein Verhalten daraufhin nach diesen erwarteten Erwartungen aus. Die aufeinander bezogenen Erwartungen, also Erwartungs-Erwartungen, beschreiben einen sozia­len Sachverhalt. Beide Akteure erwarten Erwartungen des Gegenübers und rich­ten ihr Verhalten danach aus. Auf der Basis dessen können Ego und Alter eine soziale Ordnung etablieren (vgl. Lindemann, 2006: 68).

3 Luhmann

3.1 Kommunikationssysteme

Im Zentrum von Luhmanns Systemtheorie stehen soziale Systeme. Sie operieren in Form von Kommunikationen und sind demnach Kommunikationssysteme. Kommunikationen sind für Luhmann emergente Realitäten, die zwar eine Mehrheit von mitwirkenden Bewusstseinssystemen voraussetzen, aber als Einheit keinem Einzelbewusstsein zugerechnet werden können (vgl. Luhmann 1998: 81).Den Be­griff der Operation verwendet Luhmann im Sinne einer Aktivitätsart, die für das jeweilige System konstitutiv ist, mit der sich das System also selbst produziert und reproduziert (vgl. Berghaus 2003: 39 ff.). Im Operieren erzeugen Systeme „eine Differenz von System und Umwelt. Sie erzeugen eine Form, die zwei Seiten hat, nämlich eine Innenseite - das ist das System - und eine Außenseite, die Umwelt“ (Luhmann 1995a: 27). Das System operiert also nicht nur, sondern unterscheidet auch zwischen sich selbst und allem anderen. Dadurch, dass das System die Dif­ferenz zwischen sich und der Umwelt in sich hinein kopiert, ergeben sich weitrei­chende Folgen. Aus der Differenz ergibt sich eine ganze Fülle an Unterscheidun­gen, Beobachtungen und Erkenntnismöglichkeiten und sie ist die logische Erklä­rung dafür, dass jede Realität eine Konstruktion ist. Die Welt bietet dem Beobach­ter eine Fülle an Potenzial für unendlich viele Möglichkeiten, sie zu beobachten und über sie zu kommunizieren. Durch die Systemgründung werden die vorher beinahe unendlichen Kommunikationsmöglichkeiten eingeschränkt (vgl. Schneider 2005: 379). Es gibt innerhalb eines sozialen Systems keine Offenheit für Willkürli­ches mehr. An ihre Stelle tritt vielmehr eine Sensibilität für Bestimmtes. Diese drückt sich in den Unterscheidungskategorien aus, die jeder Beobachter seinem Beobachtungsgegenstand hinzufügt und mit denen er selbst Teil des Beobach­tungsgegenstandes ist. Weil jeder Beobachter in dem ist, was er beobachtet, kann er sich nicht selbst beobachten und produziert so einen „blinden Fleck“ (vgl. Luh­mann 2002b: 146). Das System grenzt Relevantes von Irrelevantem ab und unter­scheidet zwischen sich selbst und der Umwelt. Damit wird die Offenheit für Will­kürliches durch das Herausbilden eines Kommunikationssystems reduziert und Unbedeutendes aus der Umwelt ausgeblendet.

Kommunikationen weisen einen selbstreferentiellen und einen fremdreferenziellen Aspekt auf. Den fremdreferentiellen Aspekt verkörpert die Selektion der Informati­on, mit der man sich in der Regel auf etwas bezieht, das außerhalb der Kommuni­kation liegt. Eine Information wird vom Bewusstseinssystem ausgewählt, um sie zum Inhalt einer Mitteilung zu machen. Für die Mitteilung kann eine bestimmte Form gewählt werden, zum Beispiel eine sprachliche Äußerung oder ein Brief.

Eine Kommunikation kann erst nachträglich und nur im gegenseitigen Bezug der Selektionen in Form von Information, Mitteilung und Verstehen begründet werden.

Wenn ein Verhalten als Mitteilung einer Information verstanden worden ist, dann kann es im Anschluss angenommen oder abgelehnt werden. Dies hat weitrei­chenden Einfluss darauf, wie weit sich Kommunikation ausbreiten kann.

3.2 Autopoietisches System

Sofern ein System in der Lage ist, die System-Umwelt-Differenz selbstständig durch die Erzeugung systemeigener Elemente aus systemeigenen Elementen kontinuierlich zu reproduzieren, handelt es sich um ein autopoietisches System. Indem sich das Kommunikationssystem als soziales System operativ schließt, also seine Elemente und Strukturen ausschließlich in sich selbst fabriziert, gelingt es ihm, sich kontinuierlich gegenüber seiner Umwelt abzugrenzen. Das Kommunika­tionssystem arbeitet selbstreferentiell, da es sich mit jeder neuen Operation auf vorausgegangene eigene Operationen bezieht. Die Reproduktion des selbstrefe­rentiell geschlossenen Kommunikationssystems funktioniert nur dann, wenn seine verschwindenden Elemente, die aus Ereignissen bestehen, sofort durch neue er­setzt werden. Da das Problem anschlussfähiger Nachfolgeereignisse in jedem Moment neu gelöst werden muss, ist es wichtig, dass die in Frage kommenden Anschlussmöglichkeiten von vornherein klar abgesteckt sind. Nur dann klappt die Auswahl eines nächsten Ereignisses im Einzelschneller, als wie ein Element vergeht.

Die Einschränkung der in Betracht kommenden Anschlussmöglichkeiten gelingt durch die Funktion von Erwartungen. Diese führen zu einem selektierten, engeren Bestand von Möglichkeiten, anhand derer sich der Einzelne leichter und schneller orientieren kann. Die Last, Anschlussoperationen zu selektieren, wird erst durch das Bestehen von Erwartungen relativiert. Für die Autopoiesis des Kommunikati­onssystems spielen Erwartungen eine zentrale Rolle (vgl. Schneider 2005: 273 ff.).

3.3 Doppelte Kontingenz

Erwartungen schränken das Wirklichkeitserleben auf bestimmte Möglichkeiten ein, deren Realisierungen zukünftig erwartet werden. Ein Bewusstseinssystem rechnet dann mit diesen Erwartungen und stellt sich darauf ein. Das Eintreten dieser Er­wartungen bleibt jedoch kontingent, wobei es komplizierter wird, wenn zwei Be­wusstseinssysteme Erwartungen aneinander haben. Dann ist die Erfüllung der Erwartungen doppelt kontingent, da beide Systeme Auswahlen unterschiedlicher Verhaltensmöglichkeiten treffen und diese von der unsicheren Auswahl des Ande­ren abhängig machen. Schließlich liege bei den beiden Systemen wechselseitige Erwartungs-Erwartungen vor. Absatz oder keiner ?

Diese Strukturen werden benötigt, um ein neues soziales System in Gang zu brin­gen, da erste Verständigungsversuche auf solchen Voraussetzungen aufbauen und zur Entwicklung weiterer Erwartungserwartungen führen, die dann die Grund­lage für anschließendes Handeln bilden und im Rückschluss auf das Verhalten des Anderen bekräftigt oder korrigiert werden.

Kommunikation ist nach Luhmann extrem unwahrscheinlich. Damit sie zustande kommt, muss eine Synthese aus den drei Selektionen Information, Mitteilung und Verstehen erfolgen. Nachdem jede der Komponenten in sich selbst ein kontingen­tes Vorkommnis ist, könnte man annehmen, dass eine doppelte Kontingenz die Unwahrscheinlichkeit einer kommunikativen Operation noch verstärkt. Dies ist al­lerdings nicht der Fall, weil die doppelte Kontingenz die einfache Kontingenz überwindet und so einen Problemlösungsprozess mobilisiert. Ego und Alter sind füreinander nicht einsehbar oder kalkulierbar, unterstellen sich aber gegenseitige Beeinflussbarkeit und schreiben sich selbst eine Fähigkeit zur Einflussnahme zu. Dies führt letztlich zu Anschlussoperationen und zur Bildung von sozialen Syste­men.

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640780204
ISBN (Buch)
9783640780761
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163463
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Sozialwissenschaften
Note

Teilen

Zurück

Titel: Soziales Handeln bei Weber und Luhmann