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Welche feministischen Gender-Konzepte dominieren in den Vereinten Nationen?

von Sarah H. (Autor)

Hausarbeit 2010 20 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Int. Organisationen u. Verbände

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gender, Gender- Mainstreaming und das Verhältnis von Gender-Studies und Feminismus

3. Feministische Gender-Konzepte
3.1 Feminismus in den Internationalen Beziehungen und die Bedeutung von Gender
3.2 Feministische Gender-Konzepte
3.2.1 Liberaler Feminismus – Catching up the Men (Dyer 1982)
3.2.2 Radikaler beziehungsweise Standpunkt- Feminismus
3.2.3 Poststrukturalistischer Feminismus
3.2.4 Postkolonialer Feminismus
3.3 Übersicht über die feministischen Gender-Konzepte
3.4 Theoretisches Grundgerüst zur Untersuchung von Sprache

4. Analyse der Pekinger Erklärung und Arbeitsplattform auf feministische Gender-Konzepte
4.1 Vorgehen
4.2 „Beijing Declaration and Action Plan“- Eine kurze Einführung
4.3 Analyse
4.4 Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Historically, the discipline of International Realtions failed to notice the relevance of gender in international relations/politics and had not, until quite recently, engaged with feminist theory.“(Steans, 2006: 1)

Die Strategie, das Prinzip der Geschlechtergerechtigkeit einzuführen, wurde zum ersten Mal 1985 auf der 3. Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen (VN) im Kontext der Entwicklungs-zusammenarbeit vorgestellt. 1995 verpflichteten sich die Mitgliedsstaaten der VN auf der 4. Weltfrauenkonferenz mit der Pekinger Erklärung (Beijing Declaration) und Aktionsplattform (Action Plan) zur Implementierung von Gender-Mainstreaming. (gender-mainstreaming.net/gm/ Hintergrund/herkunft.html, 09.07.2010).

In meiner Arbeit möchte ich untersuchen, inwieweit die VN-Politik sich der Relevanz von Gender angenommen hat. Dazu werde ich eine Übersicht über die feministischen Gender-Konzepte der Internationalen Beziehungen (IB) mit Hilfe von Sekundärliteratur erarbeiten. Die Konzepte dienen als Kategorien zur Analyse der Pekinger Erklärung und Aktionsplattform. Weiterhin werde ich auf das Maß der Verbindlichkeit der geforderten Maßnahmen in der Aktionsplattform eingehen. Da hierfür die Untersuchung von Sprache notwendig ist, werde ich auf Aspekte des Konstruktivismus nach Nicholas G. Onuf eingehen. Ich werde allerdings nur sehr kurz das Thema Sprache anreißen, weil der Schwerpunkt meiner Hausarbeit auf feministischen Gender-Konzepten basiert.

Die Peking-Erklärung und der Aktions-Plan sind meiner Ansicht nach das entscheidende Dokument auf UN-Ebene, weil sich die Mitgliedsländer zur Umsetzung des Prinzips von Gender-Mainstreaming zum ersten Mal ernsthaft verpflichtet haben. Die Erklärung und Aktionsplattform sind damit eine optimale Basis, um zu überprüfen, ob Ansätze beziehungsweise die Einbindung feministischer Gender-Konzepte erkennbar sind. Die Intentionen, das heißt, welche Absicht die Verantwortlichen mit den Dokumenten verfolgt haben könnten, sind für meine Arbeit irrelevant. Entscheidend ist die konzeptionelle Ebene.

2. Gender, Gender- Mainstreaming und das Verhältnis von Gender-Studies und Feminismus

In der Genderforschung wird Gender definiert als „soziales, kulturell bedingtes Geschlecht“, das sich vom statischen biologischen Geschlecht „sex“ abgrenzt (Schwerma, 2004: 22). Ihre Konstruktion kann in den verschiedenen kulturellen und historischen Kontexten voneinander abweichen (Metzler, 2002: 141). Konstruktion bedeutet, dass die Geschlechter mit typischen emotionalen und psychologischen Charaktereigenschaften definiert werden. Weil die Geschlechter in soziale Institutionen und Prozesse eingebunden sind, werden durch die Definitionen materielle Beziehungen zwischen Mann und Frau geschaffen, indem festgelegt wird „Wer bekommt was“, „Wer darf was machen“. (Steans, 2006:8f.) Dadurch, dass auch die männliche Perspektive berücksichtigt wird, werden beide Geschlechter eingeschlossen. In der neueren feministischen Forschung wird die Gender-Kategorie ebenfalls berücksichtigt. Der untergeordnete weibliche Status wird aus der Gender-Perspektive über die ungerechten sozialen Beziehungen zwischen Mann und Frau untersucht. (Steans, 2006: 9) Trotzdem ist Frauenforschung weiterhin als ein eigenständiger Teilbereich der Gender-Studies (G.S.) zu betrachten, da der Schwerpunkt vergleichsweise stärker auf der einseitigen Förderung des weiblichen Geschlechts liegt. (Braun, 2006: 3ff.)

Doch auch die reinen G.S. erkennen eine durch patriarchale Strukturen hervorgerufene Asymmetrie zwischen den Geschlechtern an, sei es im ökonomischen, juristischen, öffentlichen oder politischen Bereich (Metzler, 2002: 158f.). Wegen dieser unausgewogenen Geschlechterordnung gerät das weibliche Geschlecht weit häufiger in den Fokus der Forschung. (Schößler, 2008: 10) Daraus resultiert die Forderung nach Gender-Mainstreaming (G.M.), Geschlechtergerechtigkeit- bzw. gleichstellung. Praktisch bedeutet G.M. zum Beispiel, dass in Entscheidungsprozessen Auswirkungen auf beide Geschlechter berücksichtigt werden müssten. (Schwerma, 2004: 22)

3. Feministische Gender-Konzepte

3.1 Feminismus in den Internationalen Beziehungen und die Bedeutung von Gender

Feministische Ansätze in den IB sind herrschaftskritische Theorieansätze und üben Kritik an den internationalen Theorien, indem sie bisher ausgeblendete Variablen wie ungleiche Machtverteilung zwischen den Geschlechtern und Unterordnung der Frau, thematisieren. (Brand et al, 2004: 46ff.) Ziel ist „to create a social order free of inequalities, domination, and injustice that characterize the contemporary world.“ (Shimko, 2010: 50). Im jeweiligen soziokulturellen Kontext werden den Geschlechtern bestimmte Charakteristika zugeschrieben; männliche wären beispielsweise Stärke, Rationalität, Öffentlichkeit und Beschützer, weibliche Schwäche, Emotionalität, Privates und Beschützte (Tickner/Sjoberg, 2007: 186). Auch, wenn es kontextabhängige Abweichungen geben kann, ist zu verzeichnen, dass dem männlichen Geschlecht stets mehr positive Eigenschaften zugeschrieben werden als dem weiblichen. Die gesellschaftliche Anerkennung von männlichen Merkmalen ist somit höher.

„When a woman politican, such as Magaret Thatcher, is combative, competitive, and confrontational, this is seen as a good thing, almost as if she had overcome her femininity. A male politican seen as possessing feminine traits (…) is considered a wimp.“ (Shimko, 2010: 53)

3.2 Feministische Gender-Konzepte

Wegen der Vielfalt feministischer Theorien bezüglich der IB werde ich im Folgenden einige feministische Gender-Konzepte vorstellen, die ich später als Kategorien zur Inhaltsanalyse einer begründeten Auswahl von UN-Dokumenten verwenden werde.

3.2.1 Liberaler Feminismus – Catching up the Men (Dyer 1982)

Vertreter des liberalen Feminismus untersuchen die untergeordnete Rolle von Frauen in den IB und der internationalen Politik mit Hilfe des Positivismus, d.h. Erfassung der Geschlechterungleichheit mit statistischen Daten. Quantifizierbare Indikatoren der Geschlechterungleichheit sind beispielsweise die Anzahl weiblicher Flüchtlinge, Einkommensunterschiede oder Frauenanteils und dessen Auswirkung in Institutionen und globaler Politik. (Tickner/Sjoberg, 2007: 188f.) Oft wird auf Daten der VN oder Human Rights Watch zurückgegriffen, das heißt Daten, die es ermöglichen, Schlüsse aus den sozialen, ökonomischen und politischen Status von Frauen zu ziehen (Daddow, 2009: 150).

Liberale Feministen gehen davon aus, dass Frauen von Natur aus über dieselben Voraussetzungen zur Besetzung von Machtpositionen verfügen wie Männer (Shimko, 2010: 54). Die Ursache der Unterordnung findet sich in öffentlichen Strukturen wie dem Schul- oder Rechtssystem (Aitchison, 2003: 25). Die Ungleichheit und Unterrepräsentation von Frauen könne daher geradewegs durch die Beseitigung der „inequalitiy of opportunity“ (Aitchison, 2003: 24) ausgeglichen werden. Denn wenn Frauen dieselben Positionen wie Männern einnehmen könnten, hätten sie auch dieselben Chancen ihre Sorgen und Interessen auf die politische Agenda der Staaten oder IB zu setzen. (Steans, 2006: 12f.) Praktisch ist dafür die Reformation oder Abschaffung von Gesetzen und Hindernissen, die den Frauen bisher dieselben Rechte und Möglichkeiten wie Männern aberkannt haben, notwendig (Tickner/Sjoberg, 2007: 189). In den liberalen Fokus geraten demnach die sozialen, finanziellen und rechtlichen Effekte einer Kultur/ eines Systems, nicht aber die tieferen kulturell oder systemisch bedingten hinderlichen Gründe für „gendered knowledge and power“ (Aitchison, 2003: 25).

3.2.2 Radikaler beziehungsweise Standpunkt- Feminismus

Radikale Vertreter sehen die Hauptursache der Unterdrückung in der sexuellen Kontrolle der Frau. In der sexuellen Macht des Mannes wurzelt wiederum das Patriarchat. (Withworth, 1994: 28) Die Sexualität produziert angelehnt an den Marxismus eine Klassenbeziehung zwischen den Geschlechtern. Auf der Mikroebene ist die Familie Quelle der Unterdrückung und stellt eine Art Miniatur-Patriarchat dar. Hier werden Frauen sexuell ausgebeutet und von „echten“ bezahlten Arbeitsverhältnissen abgehalten, sodass sie in finanzielle Abhängigkeit geraten. (Aitchison, 2003: 26ff.) Auf staatlicher Ebene bedeutet das, dass Männer mit Hilfe ihrer Macht Gesellschaft in ihrem Sinne patriarchal gestalten können, zum Beispiel anhand von sexueller Gewalt wie Vergewaltigung, häuslicher Gewalt, Heirat als Institution, sexueller Belästigung und Missbrauch von Kindern und Frauen, sowie Pornografie (Withworth, 1994: 28). Zur Befreiung der Frauen wird die Beseitigung des Patriarchats angestrebt (Hines, 2008: 22).

Radikale Vertreter stimmen mit dem liberalen Feminismus in der Forderung nach der Erhöhung des Frauenanteils in bisweilen von Männern besetzten Positionen zu. Ihre Begründung findet sich in der Identitätsbildung: Mädchen orientieren sich in ihrer Kindheit an der Mutter, übernehmen deren Verhaltensmuster. Auch Jungs orientieren sich an der Mutter, doch wegen ihres Geschlechts können sie ihre Identität nicht über die Identifikation mit der Mutter bilden, sondern mit radikaler Abgrenzung von der Mutter. (Steans, 2006: 12f.) Weil die Mutter als Frau „naturgemäß“ als eher friedliebend, erziehend und vernünftig gilt, bildet der Junge bzw. Mann gegenteilige Eigenschaften aus „more aggressive, hierachical, and territorial than woman.“ Withworth ist der Ansicht, dass durch die Besetzung männlicher Posten mit Frauen eine friedlichere Zukunft gesichert werden kann (1994: 17). Auch J. Ann Tickner spricht sich für eine stärkere weibliche Besetzung in den IB aus. Durch feministische beziehungsweise weibliche „Standpunkte“ könnten Herzbegriffe wie Autonomie, Macht, Konflikt und Sicherheit neu erfunden und definiert werden, es wird allgemein vom Sehen durch „Gender/ Feminist Lenses“ gesprochen. Diese „neue Sichtweise“ ermöglicht nicht nur die Welt aus weiblicher Sicht zu sehen und zu verstehen, sondern beinhaltet ebenso die Konstruktion von Gender-Wissen zu untersuchen. (Stean, 2006: 14ff.) So lassen sich auch im Standpunkt- bzw. radikalen Feminismus konstruktivistische Ansätze erkennen.

Einen praktischen Vorschlag, wie Frauen in höhere Positionen gelangen könnten, liefert Prügl, die streng genommen zum konstruktivistischen Feminismus zählt. (Tickner/Sjoberg, 2007: 191). Frauen müssen ihrer Meinung nach Institutionen „unterlaufen“. Institutionen entwickeln sich aus Organisationen (Hegemonien), die vorherrschende Ideen (Weltbilder und Repräsentationen) auf Basis der Zustimmung der Beherrschten produzieren. Das Machtpotential (power-to) der Institutionen wird durch die Umsetzung der Ziele wie internationale Regime zu Power over gewandelt. Die Einhaltung von Regeln kann mit Sanktionen kontrolliert werden. So sind sie in der Lage als „Regime der Wahrheit“ den Geschlechtern Werte und Bedeutungen zukommen zu lassen. Weil Frauen in Institutionen unterrepräsentiert sind und in ihren Handlungsmöglichkeiten (Agencies) eingeschränkt werden, muss diese asymmetrische Positionierung durch institutionelle Strukturänderungen aufgebrochen werden. Aufgabe der Frauen wäre es, dann ein weltweites Verständnis zur Geschlechtergerechtigkeit (G.M.) zu etablieren, was gleichzeitig zu einer ideellen Änderung in den Organisationen führen würde. (vgl. Prügl, 2004: 64ff.)

[...]

Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640776481
ISBN (Buch)
9783640776191
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163399
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
UN Vereinte Nationen Feminsmus Gender-Konzepte Gender Geschlechter Diskriminierung Frauen VN

Autor

  • Sarah H. (Autor)

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