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Schwänke unter besonderer Berücksichtigung des Motivs der Landknechte in der Frühen Neuzeit

Am Beispiel von „Warum die Bauern nicht gerne Landsknechte beherbergen“ und „Der Teufel läßt keinen Landsknecht mehr in die Hölle fahren“ von Hans Sachs

Hausarbeit 2010 21 Seiten

Didaktik - Deutsch - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gattungsbegriff: Der Schwank

3. Analyse der Schwänke
3.1 Warum die Bauern nicht gerne Landsknechte beherbergen
3.1.1 Der Inhalt des Schwanks
3.1.2 Der formale Aufbau
3.1.3 Die Bedeutung der Figuren
3.2 Der Teufel lässt keinen Landsknecht mehr in die Hölle fahren
3.2.1 Der Inhalt des Schwanks
3.2.2 Der formale Aufbau des Schwanks
3.2.3 Die Bedeutung der Figuren

4. Das Landsknechtwesen
4.1 Die Bedeutung der Landsknecht in der Frühen Neuzeit
4.2 Die Rolle der Landsknechte im Schwank „Warum die Bauern nicht gerne Landsknechte beherbergen“
4.3 Die Rolle der Landsknechte im Schwank „Der Teufel läßt keinen Landsknecht mehr in die Hölle fahren“

5. „Die Moral von der Geschicht“

6. Schlusswort

7. Quellenverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Wie er die Frühlings-Sonne spürt,
Die Ruh ihm neue Arbeit gebiert:
Er fühlt, daß er eine kleine Welt
In seinem Gehirne brütend hält,
Daß die fängt an zu wirken und leben,
Daß er sie gerne möcht von sich geben.[1]

Johann Wolfgang von Goethe gab in seinem 1776 erschienenen Gedicht „Erklärung eines alten Holzschnittes, vorstellend Hans Sachsens poetische Sendung“ seine Bewunderung gegenüber Hans Sachs preis. Goethe versucht eine persönliche Beziehung zu diesem Dichter aufzubauen, indem er zunächst die Lebenssituation des gelernten Schusters in diesem Gedicht schildert und dann in den darauffolgenden Zeilen die große persönliche Zuneigung zu Sachs ausdrückt.

4000 Meisterlieder, etwa 1800 Spruchgedichte, Hunderte von Schwänken, über 120 Tragödien und Komödien, 85 Fastnachtspiele und sieben Prosadialoge – insgesamt knapp eine halbe Million Verse waren das Werk eines herausragenden Dichters der Frühen Neuzeit – Hans Sachs (1494-1576).

Die Literatur in den deutschen Ländern des 16. Jahrhunderts war von einer „unübersichtlichen, komplexen Gemengelage gekennzeichnet, die aus aufbrechenden konfessionellen Differenzen, aus dem Fortleben mittelalterlicher, v.a. städtischer Literaturtraditionen und dem verstärkten Aufkommen humanistisch-neulateinischer Einflüsse“[2], sowie aus starken regionalen Differenzen und der grundlegenden Dynamisierung der Ständeordnung im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen resultierte.

Die wichtigsten sozialgeschichtlichen Voraussetzungen bzw. Bedingungen für die vor allem volkssprachliche Literatur des 16. Jahrhunderts waren die Stadtentwicklung und die daraus resultierende Entstehung neuartiger bürgerlicher Lebensformen und Lebensverläufe. „Die spätmittelalterliche bzw. frühneuzeitliche Stadt bildet mit dem Meistersang, dem Schwank und dem Fastnachtsspiel ihre repräsentativen volkssprachlichen literarischen Formen aus, die tief in der ständischen bzw. zunftartigen Verfassung der Stadtkultur verankert waren.“[3]

Der gebürtige Nürnberger Meistersänger und Dramatiker, Schauspieler und Theaterleiter, Reporter und Flugschriftenautor hat nicht nur bei Goethe, sondern auch bei den meisten Betrachtern seiner Werke Verblüffung und Bewunderung hervorgerufen für den „immensen Fleiß dieses Mannes, der in seiner besten Zeit bis zu 450 Titel jährlich verfasste“[4]. Zwei seiner Werke „Schwank: Warum die Bauern nicht gerne Landsknechte beherbergen.“ (1559) und „Schwank: Der Teufel läßt keinen Landsknecht mehr in die Hölle fahren.“ (1557) werde ich in der vorliegenden Arbeit analysieren.

Dazu werde ich zunächst den Begriff Schwank klären und meine gewählten Beispiele unter folgenden Gesichtspunkten analysieren: Inhalt, Form und Bedeutung der Figuren. Des Weiteren gehe auch auf die Stellung der Landsknechte in der Frühen Neuzeit ein und möchte die Rolle derer in den beiden Schwänken darlegen. Als letztes werde ich die Intention des Autors deutlich machen und meine Ergebnisse zusammen fassen.

2. Gattungsbegriff: Der Schwank

Der Schwank ist eine kurze, meist realistische Erzählung in Versen oder Prosa mit einer Pointe, die einen lustigen Einfall oder eine komische Begebenheit wiedergibt. Der Schwank, als eigenständige Erzählform, hat seine „Blütezeit zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert.“[5] Als Volksdichtung ist der Schwank sehr alt, wurde aber erst im Spätmittelalter literarisch fixiert. Berühmte große Schwanksammlungen entstanden im 16. Jahrhundert, wie z.B. J. Pauli: „Schimpf und Ernst“ (1522) oder J. Wickram: „Das Rollwagenbüchlein“ (1555).

Handlungsträger sind flächenhaft gekennzeichnete, nicht ausgestaltete Figuren. Das Gerüst besteht darin, dass Personen unterschiedlichen Standes (Herr/Knecht, Bauer/ Städter, Laie/Kleriker) oder Geschlechts zusammentreffen und eine dieser Persönlichkeiten durch List den Sieg über die andere davon trägt. Erzählerischer Spott wird mit dem Schaden des einen und mit dem Hohn des anderen getrieben. Der Plan kann sich aber manchmal auch gegen den Schelm selbst richten, und der Schelm steht am Ende als der Geprellte da.[6]

Bevorzugt werden menschliche Eigenheiten, wie Dummheit, Schwächen oder Fehler, Prahlsucht, Gerissenheit oder Eitelkeit, dargestellt. Diese erscheinen häufig im Licht des Komischen, der Heiterkeit und Schadenfreude. Der Schwank thematisiert häufig den klerikalen sowie den dörflichen und städtischen Lebensbereich, „außerdem […] die Vitalsphären von Essen und Trinken, körperlichen Ausscheidungen und Sexualität.“[7] Durch diese Erzählungen sollen Tabubrüche entlarvt, Laster verspottet oder „komische Vorfälle in einer hochstilisierten Alltagswelt“[8] dargestellt werden.

Durch die einsträngige Handlung wird zumeist ein lasterhaftes oder törichtes Verhalten geschildert, das durch einen Konflikt verursacht wurde. Der Schwank führt geradlinig und unmittelbar auf die Zuspitzung des Geschehens hin, wobei die Pointe oft witzig und überraschend ist.

Das Ziel eines Schwanks ist es, die Leute zu unterhalten und sie durch lehrhafte Tendenzen gleichgültig welchen Alters und Standes, zu erstaunen, verdutzen, nachdenklich zumachen und selbstkritisch zu sein.

3. Analyse der Schwänke

3.1 Warum die Bauern nicht gerne Landsknechte beherbergen

3.1.1 Der Inhalt des Schwanks

Der zu analysierende Schwank „Warum die Bauern nicht gerne Landsknechte beherbergen“ wurde 1559 veröffentlicht.

Er beginnt mit einem Bezug zur Überschrift, indem gefragt wird, warum die Bauern nicht gern Landsknechte beherbergen. Die Antwort auf diese Frage gibt Sachs in den nachfolgenden 126 Versen dieses Schwanks. Die Geschichte wird von dem Erzähler vorgetragen, der von dem Ort Gersthofen berichtet, wo die Abneigung gegenüber Landsknechten ihren Ursprung fand.

Ein Landsknecht, der gerade in der Gegend herum zog, sah einen Dieb am Balken hängen. Dieser trug eine Hose, die dem Landsknecht gefiel und ihm in seiner Situation „grad‘ recht“ (V.16) kam. Da er die Hose nicht über des Gehängten Beine gezogen bekommen hat, hackte er diese ab und steckte sie in die Ärmel. Nach gewisser Zeit kam er an den Ort Gersthofen vorbei und da es bitterlich kalt war, fragte der Landsknecht einen Bauern nach einer Übernachtung. Am gleichen Abend gebar eine Kuh des Bauern ein Kalb. Aufgrund der Kälte wurde dieses in die Stube des Bauern gebracht und übernachtete dort gemeinsam mit dem Landsknecht. In der Früh des nächsten Morgens hat der Landknecht seine neue Hose angezogen und die abgetrennten Beine des Gehängten zurück gelassen. Die Bauernmagd entdeckte die Füße und schlussfolgerte, dass das Kalb den Landsknecht gefressen haben muss. Daraufhin riet ein alter Bauer, dass es das Beste wäre, das Haus mitsamt dem Kalb zu verbrennen. Diesem Ratschlag folgte der Bauer, doch bedauerlicherweise griff das Feuer auch auf andere Häuser über, sodass das ganze Dorf abbrannte.

3.1.2 Der formale Aufbau

Der Schwank „Warum die Bauern nicht gerne Landsknechte beherbergen“ wurde in Versform verfasst. Kennzeichnend für Hans Sachs‘ Werke ist der Knittelvers, der auch in diesem Schwank Verwendung fand. Der Knittelvers ist ein deutsches Versmaß des 15. bis frühen 17. Jahrhunderts, der nicht nur in der Lyrik, sondern auch in der Dramatik und Epik zur Anwendung kam.

Man unterscheidet den freien und strengen Knittelvers. Hans Sachs machte in diesem Schwank Gebrauch von dem strengen Knittelvers. Dieser wird paarweise gereimt und umfasst acht Silben bei männlichen Ausgang und neun bei weiblicher Kadenz.

Daß man ihn von dem Leben thu'; (V.93)

(x X x X x Xx X)
Denn würde erst das Kalb zur Kuh, (V.94)

(x Xx X x X x X)
So fräße es uns all' zusammen.« (V.95)

(x Xx X x X xXx)
In arge Furcht die Bauern kamen (V.96)

(x Xx X x Xx Xx)

Die Abfolge männlicher und weiblicher Reimpaare unterliegt keinen Regeln. Es sind vier Hebungen vorgeschrieben, wobei aber nicht festgelegt ist, dass auf eine betonte Silbe nur eine unbetonte folgen muss. So kann man in dem Schwank erkennen, dass die Anzahl der unbetonten Silben zwischen den betonten Silben variieren kann.

„Schrie bei der Tenne Zeter und Mord“ (V.59)

(X x x Xx Xx x X)

Der Bauer hört das Schrein’n sofort (V.60)

(x Xx X x X xX)

„Erschrak und schrie aus der Stub‘ herfür“ (V.61)

(Xx x X x x X xX)

‚Was ist dir?‘ Sie sprach: ‚Wehe mir!‘ (V.62)

(x X x x X Xx X)

Der Knittelvers wurde nicht zuletzt durch seine vermeintliche Kunstlosigkeit bzw. Volkstümlichkeit in späteren Zeiten nur noch gering geschätzt und mit seinem abschätzigen Namen versehen. „Knittel ist ein Diminutiv von ‚Knoten‘. Der Knittelvers ist also dem Namen nach ein ‚verknoteter‘ oder ‚verknorrter‘ Vers, ein ‚ungehobelter‘ Vers.“[9]

Positiver hat man die Reimtechnik von Sachs beurteilt. Seine Reime sind zumeist rein, wobei er aber „häufig [durch den Umfang seiner Dichtungen] in Reimnot geriet“[10], zumal er –wie auch in diesen beiden Schwänken- für fast jedes Gedicht einen Schlussreim auf Hans Sachs benötigt.

Da Sachs‘ Schwänke für die gemeinen Leute geschrieben wurden und für jedermann verständlich sein sollten, verwendete er eine einfache, sehr bildhafte Sprache. Er benutzte alltägliche und geläufige Wörter; auch seine Grammatik ist leicht zu erfassen. Sachs‘ Verse kann man leicht verstehen und nachvollziehen, sodass man sich schnell ein Bild des Geschehenen machen kann. Durch den Verzicht vieler rhetorischer Mittel gelingt es ihm, seine Gedanken unkompliziert dazulegen, sodass der Schwank klar strukturiert ist und geradlinig zu der Pointe führt. Dadurch war es auch möglich, die weniger gebildeten Leute seiner Zeit mit seinen Werken zu erreichen und zu begeistern.

3.1.3 Die Bedeutung der Figuren

Auch wenn in den Schwänken die Figuren nur skizziert werden, so auch in diesem Schwank, kann man einige Charaktereigenschaften aus ihrem Verhalten ziehen und auf bestimmt reale Personen übertragen, sodass sich auch das Publikum angesprochen fühlt und sein Verhalten und seine Vorurteile selbstkritisch sieht.

Der erste Schwank beginnt mit der Frage, warum die Bauern Landsknechte nicht gern beherbergen. Diese richtet ein Pfaffe an den Erzähler des Schwanks. Pfaffe war eine Bezeichnung für einen Geistlichen und wurde ursprünglich für römisch-katholische Priester oder Geistliche in würdevoller Bedeutung, oft auch allgemein für eine Person, die nach einer geistlichen Regel lebt, verwendet. Hans Sachs verwendete zu Beginn des Schwanks die Figur des Pfaffens, weil diese Person bewandert und geistreich ist, um zu hinterfragen, warum die Bauern nicht gern Landsknechte beherbergen. Der Paffe toleriert es nicht, dass Vorurteile jemanden gegenüber existieren und akzeptiert die Tatsache nicht, sondern möchte wissen wo diese ihre Wurzeln haben.

Der Bauer und seine Magd können mit positiven Eigenschaften wie barmherzig und gastfreundlich beschrieben werden. Sie haben den Landknecht aufgenommen, weil sie mitfühlend waren und bis dahin noch keine Angst und Vorurteile gegenüber Landsknechten hatten. Allerdings sind sie in ihrem Denken engstirnig, denn sie haben nicht darüber nachgedacht, dass ein neugeborenes Kalb nicht in der Lage sein kann, einen Menschen zu fressen.

Der alte Bauer, der den Ratschlag gibt, das Haus abzubrennen, beruft sich auf seine lange Erfahrung und Weisheit. Die Dorfbevölkerung verkörpert die gemeinen Leute. Sie schließen sich der Meinung des alten Bauers an, ohne über die eventuellen Folgen des Vorhabens nachzudenken. Es spiegelt die Mehrheit der Leute wieder, die ohne etwas in Frage zu stellen, die Meinung einer Person annehmen.

[...]


[1] http://www.hans-sachs-spiele.de/index.php?name=News&file=article&sid=68&theme=Printer

[2] Jeßig, Benedikt (2008): Neuere deutsche Literaturgeschichte. Tübingen (Gunter Narr Verlag Tübingen) S.17

[3] Jeßig, Benedikt (2008): Neuere deutsche Literaturgeschichte. Tübingen (Gunter Narr Verlag Tübingen) S.18

[4] Könnecker, Barbara (1971): Hans Sachs. Stuttgart (J.B. Metzlerische Verlagsbuchhandlung) S.25

[5] Wunderlich, Werner (1992): Deutsche Schwankliteratur. Band I. Vom frühen Mittelalter bis ins 16.Jahrhundert. Frankfurt am Main (Fischer Taschenbuch Verlag) S.263

[6] Rötzer, H.-G. (1992): Literarische Texte verstehen und interpretieren – Märchen, Sage, Götter- und Heldensage, Legende, Schwank, Fabel. München (Mainz Verlag) S.192

[7] Wunderlich, Werner (1992): Deutsche Schwankliteratur. Band I. Vom frühen Mittelalter bis ins 16.Jahrhundert. Frankfurt am Main (Fischer Taschenbuch Verlag) S.257

[8] Wunderlich, Werner (1992): Deutsche Schwankliteratur. Band I. Vom frühen Mittelalter bis ins 16.Jahrhundert. Frankfurt am Main (Fischer Taschenbuch Verlag) S.257

[9] Bremer, Kai (2008): Literatur der Frühen Neuzeit. Paderborn (Wilhelm Fink Verlag) S.70

[10] Könnecker, Barbara (1971): Hans Sachs. Stuttgart (J.B. Metzlerische Verlagsbuchhandlung) S.23

Details

Seiten
21
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640780174
ISBN (Buch)
9783640780938
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163357
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,0
Schlagworte
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Autor

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Titel: Schwänke unter besonderer Berücksichtigung des Motivs der Landknechte in der Frühen Neuzeit