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Die Menschen, die wir sein und werden wollen, die Menschen, die wir nicht werden dürfen

Essay 2010 15 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

3. Die Schuldfrage bei Hanna

4. Die Schuldfrage bei Michael

5. Mitleid mit Hanna als einem Mensch, der sie war und werden wollte, als Mensch, der sie nicht hätte werden dürfen?

6. Die Menschen, die wir sein und werden wollen, die Menschen, die wir nicht werden dürfen – eine Illusion?

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Menschen, die wir sein und werden wollen, die Menschen, die wir nicht werden dürfen“: Was wollen wir sein und werden? Was dürfen wir nicht werden? Heute haben wir bei vielen Entscheidungen in unserem Alltag eine grosse Freiheit. Aber wir haben auch oft die Qual der Wahl. Im ganzen Leben muss sich der Einzelne entscheiden, was er will und was nicht. Wir leben heute ein individuelles Leben und haben den Eindruck, wir seien autonom. Mit der Individualisierung unseres Daseins gestalten wir uns nach unseren Wünschen. Meistens wollen wir gute Menschen sein und nicht böse. Doch wir befinden uns in der ständigen Auseinandersetzung mit dem Bösen, mit dem, was wir nicht werden wollen und nicht werden dürfen. Die meisten von uns wollen keine Verbrecher sein, wollen nicht einen Bruch mit der Rechtsordnung. Vielleicht haben wir uns auch schon ertappt, dass wir in Gedanken zu Mördern geworden sind, wenn wir unsere Gegner mit Wonne beseitigen würden, sei es der Nachbar mit seinen „Macken“ oder der Chef mit seiner Pedanterie.

Im nachfolgenden Essay wird der Fragestellung „Menschen, die wir sein und werden wollen, die Menschen, die wir nicht werden dürfen “ anhand des Romans „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink nachgegangen. Es soll das Schuldigwerden, die Verantwortlichkeit und Moralität betrachtet werden. Im Roman wird dargestellt, wie Menschen oft durch banale Umstände schuldig werden können und die Schwierigkeit mit der jeweiligen Schuld umgehen zu können.

Die Moral ist sowohl für die Hauptfiguren Hanna wie auch für Michael etwas, das mit der Fähigkeit des Lesens und Schreibens im Zusammenhang gesehen werden muss. Die Werte, die das Tötungsverbot als oberstes Prinzip setzen, sind so lange nicht vorhanden, wie jemand von den Kulturtechniken abgeschnitten ist. Der Analphabetismus steht so im Roman für die Unmündigkeit von Hanna.

2. Inhalt des Romans „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink (1997)

Der Protagonist und Erzähler, der 15-jährige Michael, begegnet Hanna, die zwanzig Jahre älter ist als er. Es entsteht eine leidenschaftliche Affäre. Für Michael ist es die erste Liebe. Auch Hanna verliebt sich, wenn sie auch anfänglich um eine emotionale Distanz bemüht ist. Michael wird von Hanna abhängig. Ihre täglichen Treffen sind von Ritualen geprägt wie „sich duschen, sich lieben und Michaels Vorlesen für Hanna“. Michael sagt: „ […] alles, was unser Ritual des Vorlesens, Duschens, Liebens und Beieinanderbleiben öffnete, tat uns gut.“[1] Zu den Ritualen gehört auch das Streiten, aus dem Hanna als Siegerin hervorgeht. Michael muss sich jeweils entschuldigen. Er denkt, dass Hanna das Streiten braucht, „als sehne sie sich nach der Wärme meiner Entschuldigungen, Betreuungen und Beschwörungen. Manchmal dachte ich, sie triumphiert einfach über mich. Aber so oder so hatte ich keine Wahl.“[2]

Das unbeschwerte Glück währt jedoch nur einen Sommer. Michael überrascht Hanna mit der grossen Leidenschaft für Bücher. Er ist der Meinung, sie geniesse, vorgelesen zu bekommen. Michael denkt am Anfang nicht viel über die Vergangenheit nach. Der Holocaust ist ihm nahezu gleichgültig, und „über das Dritte Reich hatte er im Krankenbett gelesen.“[3] Eines Tages ist Hanna plötzlich verschwunden. Sie hat ihre Sachen gepackt, als sie von ihren Vorgesetzten das Angebot bekommt, von den einfachen Aufgaben einer Kartenkontrolleurin in der Strassenbahn zu einer Arbeit im Büro zu wechseln. Michael findet die Wohnung leer und keine Erklärung von ihr. Mit gebrochenem Herzen bleibt er zurück.

Er beginnt später an der Universität Recht zu studieren. Der Holocaust beschäftigt ihn zunehmend. Seine Klasse absolviert ein Seminar über einen KZ-Prozess. Michael und seine Klasse sehen sich als Avantgarde der Aufarbeitung.[4] Zufällig ist gerade dieser Prozess ein Prozess gegen Hanna, die Liebe seines Lebens, und anderen angeklagten Frauen, die während des Zweiten Weltkrieges als Wächterinnen in einem KZ-Lager gearbeitet haben. Sie haben einige Frauen in einer brennenden Kirche sterben lassen.

Michael kann Hanna jedoch nicht loslassen und ist immer im Gerichtssaal anwesend. In dieser Zeit denkt er viel über den Holocaust und über sein Verhältnis zu Hanna nach. Vor allem beschäftigt ihn die Frage der Schuld. Er hört den Aussagen der einzig überlebenden Frau und ihrer Tochter zu. Das Gehörte ist für ihn unfassbar. Die kühle Schilderung von Hanna über das Geschehene macht ihm zu schaffen wie auch ihre Einstellung, dass sie nur das getan habe, was ihre Aufgabe gewesen sei. Hanna wirkt gefühllos und reflektiert nicht über die auf sich geladene Schuld. Den Anwesenden erscheint sie als Monster.

Michael ist hin und her gerissen zwischen der Abscheu über die Tat und der Liebe, die er für Hanna einst empfunden hatte. Die anderen Angeklagten leugnen die Taten. Hanna dagegen gibt ehrlich Auskunft über das Geschehene. Die anderen KZ-Wächterinnen beschuldigen Hanna, dass sie die befehlshabende Wächterin gewesen sei. Sie trage die Hauptschuld und habe die belastenden Dokumente geschrieben. Als der Richter eine Handschriftprobe von Hanna verlangt, gerät sie in Panik. Michael realisiert, dass Hanna eine Analphabetin ist. Durch das Verheimlichen ihres Analphabetismus ist sie nicht in der Lage, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Michael erkennt dieses Geheimnis während des Prozesses. Im KZ hatte Hanna junge Mädchen in Schutz genommen, die ihr vorgelesen hatten. Diese Sonderbehandlung konnte auch als Todesankündigung betrachtet werden: Die schwachen Mädchen wurden bei der nächsten Selektion nach Auschwitz überstellt und somit in den Tod geschickt.[5]

Hanna ist die einzige Angeklagte, die während des Prozesses, wenngleich durch eine Lüge, Verantwortung für das Geschehene auf sich nimmt. Sie schämt sich so sehr, eine Analphabetin zu sein, dass sie zugibt, den Bericht verfasst zu haben. Dies hat zur Folge, dass sie zu lebenslanger Haft verurteilt wird. Michael, der die Falschaussage hätte aufklären können, greift nicht in den Prozess ein. Er geht Hanna aus dem Weg. Michael versucht den Prozess zu verdrängen, absolviert die Gerichtsprüfung und verheiratet sich mit Gertrud, die auch Juristin ist. Gertrud und er bekommen eine Tochter: Julia. Später scheiden sich Gertrud und Michael. Die Tochter versteht die Situationen nicht. Michael hat ein schlechtes Gewissen, da er realisiert, dass er und Gertrud Julia die notwendige Geborgenheit verweigert hatten.

Verschiedene Affären mit anderen Frauen führen ihn zu der Erkenntnis, dass eine Frau ein bisschen wie Hanna sein muss. Er kann Hanna nicht loslassen und fängt an, ihr Bücher auf Kassetten aufzunehmen und diese ins Gefängnis zu schicken. Michael, 54-jähriger Jurist, blickt auf seine Lebenssituationen zurück. Sie sind im Zeitfenster, als er Schüler war, Student und jetzt Rechtsanwalt, überschattet von der ersten gros­sen Liebe mit der älteren Hanna Schmitz. Hanna ist in all seinem Denken präsent. Ehe Hanna freigelassen wird, trifft er sich mit ihr nach langer Zeit. Er realisiert das Alter von Hanna („[…] ich sass neben Hanna und roch eine alte Frau […]“). Sie macht während der langjährigen Haft eine persönliche Wandlung durch. Der Vorleser verhilft ihr, dass sie sich langsam ihrer Schuld bewusst wird. Es entwickelt sich ein begründetes Schuldgefühl. Hanna beginnt zu lesen und zu schreiben. Sie liest die Literatur über den NS-Staat. Hanna schreibt ein Gnadengesuch, dem entsprochen wird. Ein neues Leben in Freiheit zu beginnen, schafft sie nicht mehr. Am Tag der Freilassung begeht Hanna Suizid („[…] sie hatte sich bei Tagesanbruch erhängt […]“).[6]

Ist der Suizid für Hanna Erlösung und Ausweg aus der Hoffnungslosigkeit – aus der Vorstellung, dass das Leben keinen Sinn mehr hat, es nicht wert ist, mit der Erkenntnis der Schuld gelebt zu werden? Durch das Weiterleben hätte Hanna sich selbst einen Sinn gegeben.

Hanna hat der Tochter, die als Einzige zusammen mit der Mutter den Brand der Kirche überlebt hatte, Geld vererbt. Michael erfüllt Hannas Wunsch und bringt das Geld der Tochter, die in New York wohnt. Die Tochter hört ihm zu. Sie behält nur die Teedose, in der das Geld ist. Die Teedose erinnert sie an die Teedose, die sie im KZ hatte und die ihr gestohlen wurde. Das Geld will sie nicht – Michael soll es einer jüdischen Einrichtung spenden, die ihn am meisten überzeugt. Er überweist das Geld der Jewish League Against Illiteracy.

Der Analphabetismus steht so im Roman für die Unmündigkeit von Hanna. Im Gefängnis hat sie dann aber den Mut, das Lesen und Schreiben zu erlernen. Hanna hat den Schritt aus der Unmündigkeit zur Mündigkeit getan, einen aufklärerischen Schritt.[7]

„Die Menschen, die wir sein und werden wollen …“ beinhaltet, dass wir gut handeln wollen. Dies heisst, dass das gute Handeln auch mit der Entwicklung unserer Fähigkeiten zu tun hat. Nicht alle moralischen Defizite können den sozialen Verhältnissen sowie den Rahmenbedingungen wie Wirtschaft und Politik zugeschrieben werden. Einige moralische Fehlgriffe fallen in die individuelle Verantwortung von uns. Tugenden haben auch einen Zusammenhang mit der Schulung unserer Empfindungen zu tun. Sind bestimmte Empfindungen nicht da, geht unsere moralische Wahrnehmung von Situationen in unserem Leben fehl. Ethisches Streben heisst daher auch, sich um angemessene Empfindungen zu bemühen.[8]

[...]


[1] Schlink, Der Vorleser (1997), S. 51

[2] Ebd., S. 50

[3] Schlink, Der Vorleser (1997), S. 42

[4] Ebd., S. 87

[5] Ebd., S. 113

[6] Schlink, Der Vorleser (1997), S. 192

[7] Ebd., S. 178

[8] Pauer-Studer, Einführung in die Ethik (2003), S. 75 ff

Details

Seiten
15
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640800490
ISBN (Buch)
9783640800520
Dateigröße
736 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163349
Institution / Hochschule
Fachhochschule Nordwestschweiz
Schlagworte
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Titel: Die Menschen, die wir sein und werden wollen, die Menschen, die wir nicht werden dürfen