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Paneldatenanalyse der Jugendkriminalität in Deutschland

Diplomarbeit 2010 148 Seiten

Soziologie - Recht, Kriminalität abw. Verhalten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorien uber die raumliche Verteilung der Jugendkriminalitat
2.1 Einordnung der Theorie sozialer Desorganisation unter den Theorien abweichenden Verhaltens
2.2 Sozialokologische Grundlagen der Theorie sozialer Desorganisation
2.2.1 Einfuhrung in die Sozialokologie
2.2.2 Raumliche Verteilung der Jugendkriminalitat in Chicago
2.2.3 Sozialokologische Theorien
2.3 Theorie sozialer Desorganisation
2.3.1 B egrifsdefinition und B egriffsursprung
2.3.2 Theorie sozialer Desorganisation als Subkulturtheorie
2.3.3 Theorie sozialer Desorganisation als Kontrolltheorie und Hypothesenbildung

3 Paneldatenanalyse der Jugendkriminalitat in Deutschland
3.1 Operationalisierung der Variablen
3.1.1 Operationalisierung der abhangigen Variable
3.1.2 Operationalisierung der unabhangigen Variablen
3.2 Panelmodelle zur Erklarung der Jugendkriminalitatsraten
3.2.1 Einfuhrung in die Paneldatenanalyse
3.2.2 Between-Effects-Modell
3.2.3 Fixed-Effects-Modell
3.2.4 Random-Effects-Modell
3.2.5 Modellwahl
3.3 Soziale Kontrolle als Mediator zwischen sozialer Desorganisation und der Jugendkriminalitat
3.3.1 Einfuhrung in die Mediatorenanalyse
3.3.2 Operationalisierung der Mediatorvariablen
3.3.3 Test auf die Mediationsbeziehung

4 Kritik und Ausblick

Literaturverzeichnis

Weblink-V erzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Verteilung der Jugendkriminalitat uber die Stadtteile von Chicago

Abb. 2: Pfaddiagramm der Theorie kultureller Ubertragung

Abb. 3: Vier-Felder-Diagramm der Arten sozialer Kontrolle

Abb. 4: Pfaddiagramm der Theorie sozialer Desorganisation

Abb. 5: Trichtereffekt fortschreitender Aussortierung von Kriminalitat

Abb. 6: Tatverdachtige nach Bundeslandern von 2004 bis 2007

Abb. 7: Aufklarungsquoten nach Bundeslandern von 2004 bis 2007

Abb. 8: Armutsgefahrdungsquoten nach Bundeslandern von 2004 bis 2007

Abb. 9: Vergleich alternativer Armutsgefahrdungsquoten nach Gebietsstanden

Abb. 10: Auslander nach Bundeslandern von 2004 bis 2007

Abb. 11: Bevolkerungsmobilitat nach Bundeslandern von 2004 bis 2007

Abb. 12: Alleinerziehende nach Bundeslandern von 2004 bis 2007

Abb. 13: Urbanisierungsgrad der Bundeslander von 2004 bis 2007

Abb. 14: Beispielgrafiken fur individuelle Regressionskonstanten

Abb. 15: Partielle Residuenplots im Between-Effects-Model1

Abb. 16: Pfaddiagramm der Mediationsbeziehungen

Abb. 17: Ehrenamtliches Engagement nach Bundeslandern in 2005 und 2007

Abb. 18: Geselligkeit nach Bundeslandern in 2005 und 2007

Abb. 19: Beaufsichtigungsstatus nach Bundeslandern in 2005 und 2007

Abb. 20: Pfaddiagramm des Causal-Steps-Ansatzes

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Beispiel-Haushalt 1 zur Berechnung des Aquivalenzeinkommens

Tab. 2: Beispiel-Haushalt 2 zur Berechnung des Aquivalenzeinkommens

Tab. 3: Beispiel-Haushalt 3 zur Berechnung des Aquivalenzeinkommens

Tab. 4: Regression Specification Error Test im Between-Effects-Modell

Tab. 5: Between-Effects-Modell zur Erklarung der Jugendkriminalitatsraten

Tab. 6: Lineares Regressionsmodell zur Erklarung der Jugendkriminalitatsraten I

Tab. 7: Fixed-Effects-Modell zur Erklarung der Jugendkriminalitatsraten

Tab. 8: Lineares Regressionsmodell zur Erklarung der Jugendkriminalitatsraten II

Tab. 9: Dummyvariablen-Modell zur Erklarung der Jugendkriminalitatsraten

Tab. 10: Areg-Modell zur Erklarung der Jugendkriminalitatsraten

Tab. 11: Random-Effects-Modell zur Erklarung der Jugendkriminalitatsraten

Tab. 12: Lineares Regressionsmodell zur Erklarung der Jugendkriminalitatsraten III

Tab. 13: Hausman-Test uber das Vorliegen von Fixed- oder Random-Effects I

Tab. 14: Beispiel-Haushalt 1 zur Berechnung des Beaufsichtigungsstatuses

Tab. 15: Beispiel-Haushalt 2 zur Berechnung des Beaufsichtigungsstatuses

Tab. 16: Beispiel-Haushalt 3 zur Berechnung des Beaufsichtigungsstatuses

Tab. 17: Panelmodelle des Causal-Steps-Ansatzes (Schritt 1)

Tab. 18: Hausman-Test uber das Vorliegen von Fixed- oder Random-Effects II

Tab. 19: Panelmodelle des Causal-Steps-Ansatzes (Schritt 2a)

Tab. 20: Hausman-Test uber das Vorliegen von Fixed- oder Random-Effects III

Tab. 21: Panelmodelle des Causal-Steps-Ansatzes (Schritt 2b)

Tab. 22: Hausman-Test uber das Vorliegen von Fixed- oder Random-Effects IV

Tab. 23: Panelmodelle des Causal-Steps-Ansatzes (Schritt 3)

Tab. 24: Hausman-Test uber das Vorliegen von Fixed- oder Random-Effects V

Tab. 25: Varianzinflationsfaktoren des RE-Modells aus Tabelle

Tab. 26: Varianzinflationsfaktoren des RE-Modells aus Tabelle

1 Einleitung

„Deutschland ist ein sicheres Land“ (vgl. Suddeutsche Zeitung vom 16. Juni 2009)! Mit diesen Worten stellte der fruhere Bundesinnenminister und jetzige Bundesfinanzminis- ter Wolfgang Schauble die Polizeiliche Kriminalstatistik des Jahres 2008 vor.

Ware Schauble bei Vorstellung der Polizeilichen Kriminalstatistik des Jahres 2009 im Juni 2010 noch im Amt gewesen, so hatte er moglicherweise gesagt: „Deutschland ist ein noch sichereres Land geworden“! Bereits das sechste Jahr in Folge ist sowohl die Gesamtanzahl der registrierten Straftaten als auch der von Jugendlichen und Heran- wachsenden begangene Anteil an diesen Straftaten gesunken. Wahr ist aber auch, dass es nach wie vor groBe Unterschiede in der Zahl der registrierten Straftaten zwischen den Bundeslandern gibt. Ware Schauble noch im Amt, so hatte er deshalb moglicherweise auch gesagt: „Deutschland ist ein sicheres Land! Aber manche Bundeslander sind siche- rer als andere“!

Es ist Aufgabe der Soziologie Antworten zu finden auf die Frage, warum es so groBe regionale Unterschiede in den Kriminalitatsraten gibt. In den USA entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Theorierichtung der Kriminalsoziologie, welche versucht, die unterschiedlich hohen Jugendkriminalitatsraten in Stadtteilen von amerikanischen GroBstadten zu erklaren. Es ist das Ziel dieser Diplomarbeit, zu uberprufen, ob diese fast 100 Jahre alte Theorie auch zur Erklarung der unterschiedlich hohen Jugendkrimi- nalitatsraten der deutschen Bundeslander zu Beginn des 21. Jahrhunderts dienen kann. Diese Theorie galt Mitte des 20. Jahrhunderts als der dominierende Ansatz in der Kri-minalsoziologie. In den Folgejahrzehnten galt sie jedoch als uberholt und wissenschaft- lich verworfen. Erst Ende der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts ist diese Theorie in den USA wiederentdeckt worden. Allerdings war und ist diese Theorie in der deutschen Soziologie noch weitestgehend unbekannt.

Deshalb wird im gesamten Kapitel zwei diese Theorie vorgestellt und aus ihr empirisch zu prufende Hypothesen abgeleitet.

Im gesamten Kapitel drei wird eine Paneldatenanalyse uber die Jugendkriminalitat in Deutschland fur den Zeitraum von 2004 bis 2007 durchgefuhrt. Ebenso wie die zugrun- de liegende Theorie, so ist auch die Paneldatenanalyse als statistisches Instrument in den Gesellschaftswissenschaften in Deutschland noch weniger stark verbreitet ist als in den USA. Dabei bietet dieses Datenauswertungsverfahren speziell fur die Erforschung der Jugendkriminalitat in Deutschland eine Reihe von Vorteilen. Falls es namlich tat- sachlich sowohl Unterschiede in den Kriminalitatsraten zwischen Bundeslandern aber auch zwischen den Jahren - dies ist eine der zentralen Aussagen der Polizeilichen Kri- minalstatistik - gibt, so stellt die Paneldatenanalyse die geeignete Form der Datenanaly- se dar.

In Kapitel vier werden die zentralen Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst. Daruber hinaus sollen Kritikpunkte und Verbesserungsvorschlage fur diesen interessanten, aber auch kritisierbaren Ansatz zur Erklarung der Jugendkriminalitat genannt werden.

2 Theorien uber die raumliche Verteilung der Jugend- kriminalitat

2.1 Einordnung der Theorie sozialer Desorganisation unter den Theorien abweichenden Verhaltens

Theorien uber abweichendes Verhalten entstammen aus verschiedenen wissenschaftli- chen Disziplinen und einige existieren bereits seit mehreren Jahrhunderten.

Bereits in der Antike entstanden spiritistsiche Ansatze, welche die Ursache fur abwei-chendes Verhalten in dem Einwirken von „bosen“ Machten und Kraften (z.B. Damonen, Hexen) aus einer anderen Welt sahen (vgl. Lamnek, 2007, S. 65). In Abgrenzung zu diesen entstanden bereits im 13. Jahrhundert naturalistische Ansatze, welche die Ursa-che fur abweichendes Verhalten in erforschbaren Objekten, Ereignissen und Beziehun- gen der diesseitigen Welt sahen. Alle im Folgenden genannten Theorien stellen natura-listische Ansatze dar.

Die klassische Schule der Kriminologie entstand zur Zeit der Aufklarung. Der Mensch wird als vernunftiges und verantwortlich handelndes Wesen gesehen, das sich aber den- noch unter bestimmten Umstanden und Situationen abweichend verhalt. Da sich dem- nach jeder Mensch abweichend verhalten kann, steht nicht der Tater, sondern die Tat, d.h. die sozialen Umstande und Situationen, in denen ein Mensch sich abweichend ver- halt, im Fokus der klassischen Schule (vgl. ebd., S. 66).

Als klare Abkehr von der klassischen Schule entwickelten sich Ende des 19. JahrhundertS. biologisch-genetische Ansatze des abweichenden VerhaltenS. Vor dem Hintergrund der Entstehung des Sozialdarwinismus und groBen Fortschritten in den Naturwissenschaften (v.a. in der Medizin) wurde mit wissenschaftlichen Methoden nach biologisch-genetischen Unterschieden zwischen Kriminellen und Nicht- Kriminellen gesucht. Bestimmte korperliche Merkmale der „geborenen Verbrecher“ (ebd., S. 70) wurden als Ursachen fur abweichendes Verhalten gesehen. Soziale Ein- flusse (z.B. Sozialisation) wurden vernachlassigt.

Psychologische Theorien abweichenden Verhaltens konnen nicht trennscharf von Theorien aus anderen Disziplinen (v.a. Sozialpsychologie und Soziologie) unterschieden werden. Charakteristisch fur psychologische/psychoanalytische Theorien ist, dass die Ursache fur abweichendes Verhalten in Personlichkeitsstorungen der devianten Person gesehen wird. Diese Personlichkeitsstorungen haben aber nicht nur endogene Ursachen, sondern sind auch haufig auf die sozialen Bedingungen (v.a. Sozialisationsdefek- te) zuruckzufuhren. Gottfredson und Hirschi negieren deshalb die Existenz rein psycho- logischer Theorien, da abweichendes Verhalten als soziales Verhalten nur soziologische Ursachen haben konne (vgl. Gottfredson/Hirschi, 1990, S. 70).

Unter den soziologischen Theorien abweichenden Verhaltens gibt es eine Vielzahl von unterschiedlichen Richtungen und Schulen. Lamnek schlagt eine grobe Klassifikation nach den beiden Merkmalen „atiologische“ und „interaktionistische“ Ansatze sowie zwischen mikro- und makrosoziologischen Theorien vor (vgl. Lamnek, 2007, S. 106). Atiologische Theorien versuchen die Ursachen abweichenden Verhaltens zu erforschen. Abweichendes Verhalten wird als „pathologisch“ gesehen, dass durch Praventions- und InterventionsmaBnahmen verhindert werden musse. Diese Theorien setzen einen Kon- sens uber Normen und Werte voraus, der von allen Gesellschaftsmitgliedern geteilt wird.

Interaktionistische Theorien negieren die Existenz eines solchen Wertekonsenses und fragen danach, wie Normen im sozialen Prozess entstehen und ein bestimmtes Verhal- ten erst dadurch als kriminell definiert wird. Diese Ansatze entwickelten sich auf Basis des Symbolischen Interaktionismus, des Labeling Approaches, konflikttheoretischer Ansatze sowie der neomarxistischen Gesellschaftstheorie. Vor allem die letzteren beiden Ansatze sehen in dem Normsetzungsprozess einen komplexen sozialen Vorgang der die ungleichen Macht- und Herrschaftsverhaltnisse einer Gesellschaft zementieren soll, indem unterprivilegierte Bevolkerungsgruppen erst als kriminell definiert werden (vgl. ebd., S. 43).

Atiologische Theorien lassen sich wiederum in mikro- und makrosoziologische Theo- rien untereilen. Zu den mikrosoziologischen Theorien werden vor allem Theorien aus dem Grenzgebiet zwischen Psychologie und Soziologie, wie die Theorie differenziellen Lemens und die (Selbst-)Kontrolltheorie, gezahlt. Uber die Frage, ob die Theorie sozia- ler Desorganisation neben der Anomietheorie, der Subkulturtheorie und der Kulturkonf- likttheorie zu den makrosoziologischen Theorien abweichenden Verhaltens gezahlt werden soll, herrscht wenig Klarheit in der Literatur. Einige Einfuhrungsbucher der Kriminologie zahlen sie dazu (Schneider, 1987; Gottfreson/Hirschi, 1990; Burke, 2009); andere jedoch nicht (Lamnek, 2007; Jung, 2005).

Ein Grund fur diese Unklarheit ist, dass diese Theorie auf Forschungsergebnissen und Theorien der Sozialokologie aufbaut. Diese ist eine interdisziplinare Forschungsrich- tung zwischen Soziologie, Biologie und Geographie (siehe Kapitel 2.2.1). Andererseits wird der Theorie aber auch eine inhaltliche Nahe zu verschiedenen soziologischen Sub- kulturtheorien (siehe Kapitel 2.3.2) und einer kollektiven Kontrolltheorie (siehe Kapitel 2.3.3) nachgesagt (vgl. Oberwittler, 2003, S. 139).

In Kapitel 2.2 sollen nun die sozialokologischen Forschungsergebnisse und Theorien dargestellt werden, auf denen die Theorie sozialer Desorganisation basiert.

2.2 Sozialokologische Grundlagen der Theorie sozialer Desorganisation

2.2.1 Einfuhrung in die Sozialokologie

Die Okologie ist eine Spezialdisziplin der Biologie und untersucht die Interaktionen der lebenden Organismen untereinander sowie deren Anpassungsprozesse an die physische Umwelt (vgl. HauBermann, 2007, S. 610). Zu den lebenden Organismen werden in der Okologie lediglich die verschiedenen Pflanzen- und Tierarten gezahlt.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die okologischen Konzepte auch auf die Erfor- schung von menschlichen Gemeinschaften ubertragen. Zum ersten Anwendungsgebiet wurden die amerikanischen GroBstadte, die sich im Laufe der Industrialisierung gebildet hatten. Bei der sozialokologischen Stadtforschung stand die empirische Erforschung und theoretische Erklarung der Stadtstruktur sowie deren Wandel im Zentrum des Inter- esses. Unter Stadtstruktur versteht man dabei die ungleiche Verteilung der Bevolkerung uber die stadtischesn Wohngebiete (soziale Segregation) sowie die ungleiche Verteilung von Funktionsraumen wie Industrie-, Gewerbe-, Wohn- und Erholungsgebiete (funktio- nale Segregation) uber das Stadtgebiet (vgl. HauBermann/Siebel, 2004, S. 139).

Zum Zentrum der sozialokologischen Forschung entwickelte sich das Department fur Soziologie an der Universitat Chicago. Die dort entwickelten Theorien und empirischen Studien stellen eine der Hauptstromungen der Stadtsoziologie dar und werden heute als “Chicago-School“ der Stadtsoziologie (vgl. Hillmann, 2007, S. 853) bezeichnet.

Ein Grand fur die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema „moderne GroBstadt“ ist dem Umstand geschuldet, dass diese Stadte eine ganzlich neue Siedlungsform dar- stellen. In den USA waren in fruheren Jahrhunderten mehr landlichere Siedlungsformen sowie Kleinstadte die dominierenden Siedlungsformen gewesen. Die Soziologen der Chicago-School erkannten in der modernen GroBstadt aber durchaus eine Reihe von Gefahren, z.B. das vermehrte Auftreten von Kriminalitat und abweichendem Verhalten, im Vergleich zu landlicheren Siedlungsformen (vgl. HauBermann, 2007, S. 601).

Im nachsten Kapitel soll deswegen ein Buch zweier Autoren der Chicago-School dar- gestellt werden, das sich mit der Verteilung der Jugendkriminalitat uber die Stadt Chicago beschaftigt. Dieses Werk stellt einen Meilenstein in der der Entwicklung der Theo- rie sozialer Desorganisation dar und gilt als eines der einflussreichsten Werke der Kri- minalsoziologie (vgl. Lamnek, 2008, S. 218).

2.2.2 Raumliche Verteilung der Jugendkriminalitat in Chicago

Clifford Shaw und Henry McKay untersuchen in dem Buch “Juvenile Delinquency and Urban Areas“ (1969) in drei verschiedenen Zeitraumen die raumliche Verteilung der Jugendkriminalitat uber die Wohngebiete von Chicago.

Die unterschiedlichen Kriminalitatsraten erfassen sie anhand der Wohnorte von Jugendlichen im Alter von zehn bis 16 Jahren, die in einer oder mehreren der folgenden Kriminalitatsstatistiken erfasst wurden (vgl. Shaw/McKay, 1969, S. 47):

- Statistik uber tatverdachtigte Jugendliche, die zu einer Anhorung vor dem Jugendgericht erscheinen mussten fur die Zeitraume 1900-1906, 1917-1923 und 1927-1933
- Statistiken uber Jugendliche, die zu Aufenthalten in Erziehungsanstalten (“correctional schools“) verurteilt wurden fur dieselben Zeitraume
- Statistiken uber Jugendliche, die von dem fur Jugendkriminalitat zustandigen Polizeibeamten verwarnt wurden fur die Jahre 1926, 1927 und 1931

Shaw und McKay stellen fur den Zeitraum von 1927 bis 1933 fest, dass die Wohnorte der in den verschiedenen Kriminalitatsstatistiken registrierten Jugendlichen auBerst ungleich uber die Stadt verteilt sind. Die Kriminalitatsraten (Anzahl der registrierten Jugendlichen pro 100 jugendliche Bewohner des Wohngebiets) bei allen drei Kriminalitatsstatistiken sind in den zentrumsnahen Wohngebieten, die in unmittelbarer Nachbarschaft zum zentralen Industrie- und Geschaftsbezirk liegen, am Hochsten und in den weit auBerhalb am Rand der Stadt Chicago liegenden Vororten am Geringsten. “The areas with the highest rates are located directly south of the central business district, (...), low rates of delinquents will be noted in many of the outlying areas“ (ebd., S. 55). In der folgenden Abbildung 1 sind fur alle 140 Wohnblocks von Chicago die Anzahl der Jugendlichen, die zu einer Anhorung vor das Jugendgericht erscheinen mussten, fur den Zeitraum von 1927-1933 erfasst. Die Lage des zentralen Industrie- und Geschaftsbezirks ist durch eine eigene Hervorhebung, die nicht im Original zu finden ist, gekennzeichnet. Die verschiedenen Farbtonungen haben folgenden Bedeutung:

Ist ein Wohnblock schwarz markiert, so sind in diesem Wohnblock unter 100 wohnhaften Jugendlichen 10 oder mehr in dieser Kriminalstatistik erfasst worden. WeiB bedeutet, dass nur 0 bis 2,5 Jugendliche registriert wurden. Die anderen Graustufen geben mittlere Kriminalitatsraten an. Es gilt, je dunkler ein Wohnblock markiert ist, desto hoher ist die Jugendkriminalitatsrate in diesem Wohnblock von Chicago.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Verteilung der Jugendkriminalitat uber die Stadtteile von Chicago (Quelle: Shaw/McKay, 1969, S. 54)

Man erkennt, dass die Wohngebiete in unmittelbarer Nahe zum zentralen Industrie- und Geschaftsbezirk die hochsten Kriminalitatsraten aufweisen. Die weit von diesem Bereich entfernt liegenden Vororte im Norden und Suden weisen dagegen nur sehr geringe Kriminalitatsraten auf. Diese ungleiche Verteilung der Jugendkriminalitatsraten zeigt sich nicht nur in allein drei untersuchten Kriminalitatsstatistiken fur den Zeitraum von 1927 bis 1933, sondern auch fur die anderen untersuchten Zeitraume (vgl. ebd., S. 70). Die zentrumsnahen Wohngebiete weisen also uber einen Zeitraum von mehr als 30 Jahren die hochsten Jugendkriminalitatsraten unter alien Stadtteilen von Chicago auf.

Neben der Verteilung der Jugendkriminalitat untersuchen Shaw und McKay auch die Sozialstrukturen der Wohnbevolkerungen der Chicagoer Stadtteile. Sie konnen feststellen, dass in den stark von Kriminalitat belasteten Wohngebieten der Anteil der von Armut betroffenen Familien bei uber 30 %, in den weit auBerhalb liegenden Vororten dagegen immer unter 6 % liegt. Ebenso ist in den zentrumsnahen Gebieten die Konzentration von Afroamerikanern und Auslandern so hoch wie sonst nirgendwo. Als weiteres Charakteristikum dieser Wohnblocks erkennen sie die hohe Bevolkerungs- fluktuation. Im Laufe der beobachteten Zeitraume sind so viele Bewohner aus diesen Wohngebieten weggezogen und durch neue Bewohner - vor allem neuangekommene Immigranten aus Europa - ersetzt worden wie in sonst keinen anderen Wohngegenden von Chicago (vgl. ebd., S. 27ff.).

Aufgrund der dargestellten empirischen Ergebnisse drangen sich folgende vier Fragen auf:

- Wie kommt es zu einer so starken sozialen und ethnischen Segregation in den Wohngebieten von Chicago? Warum ist zum Beispiel der Armenanteil in manchen Wohnblocks so hoch, wahrend er in anderen verschwindend gering ist?
- Warum konzentrieren sich die sozial benachteiligten Bevolkerungsgruppen gerade in den zentrumsnahen, nahe am zentralen Geschaftsbezirk gelegenen Wohngebieten?
- Warum sind die Jugendkriminalitatsraten in den Wohngebieten mit der besonderen Sozialstruktur (hoher Armen- und Migrantenanteil, hohe Bevolkerungsfluktuation) so hoch?
- Warum sind die Kriminalitatsraten uber einen Zeitraum von uber 30 Jahren in diesen Wohngebieten so konstant hoch?

Die ersten beiden Fragen konnen mit Hilfe der sozialokologischen Theorie der Stadt- entwicklung beantwortet werden. Die dritte und vierte Frage kann mit der Theorie so- zialer Desorganisation beantwortet werden. Diese Theorie baut aber auf die sozialoko- logische Theorie auf. Im nachsten Kapitel werden deshalb die wichtigsten Inhalte dieser Theorie ausgefuhrt. Dadurch sollen zum einen die beiden ersten Fragen beantwortet werden und zum anderen soll der Anknupfungspunkt gezeigt werden, an dem die Theo- rie sozialer Desorganisation an die sozialokologische Theorie ansetzt.

2.2.3 Sozialokologische Theorien

In Kapitel 2.2.1 wurde bereits erwahnt, dass sich die Okologie mit den Beziehungen der lebenden Organismen zu anderen Organismen sowie mit deren Anpassungsprozessen an die unbelebte Natur beschaftigt. Diese Beziehungen und Anpassungsprozesse sollen nun detaillierter dargestellt werden.

Die Beziehungen aller Tiere und Pflanzen untereinander ist von Konkurrenz gepragt. Konkurrenz um knappe, aber lebensnotwendige Ressourcen wie Luft, Licht, Wasser, Nahrung etc.

Die Chancen sich mit den uberlebenswichtigen Ressourcen zu versorgen, sind aber un- gleich verteilt uber die verschiedenen Spezies. Robert E. Park nennt als Beispiel Baume. Baume sind durch ihre Hohe und ihrer breiten Baumkronen in der Lage, besonders viel der Ressource Licht fur sich zu verschaffen (vgl. Park, 1936, S. 7). Durch die starken Abhangigkeiten der Spezies untereinander, hat die dominante Stellung der Baume di- rekte Auswirkungen auf andere Spezies. Die verschiedenen Arten suchen sich ihre Ni- sche in der physischen Umwelt, in der sie bestmoglich an die Umweltbedingungen an- gepasst sind und dadurch uberleben konnen. So werden niedere Busche wohl vermehrt auf freiem Feld wachsen, um der Dominanz der Baume im Wald zu entgehen. Eine sol- che Verteilung uber den Raum wird als Segregation bezeichnet. Ist ein Territorium un- ter den verschiedenen Spezies segregiert, so befindet sich das Okosystem in einem Gleichgewichtszustand.

Jedoch ist solch ein okologisches Gleichgewicht instabil und hangt vor allem von der PopulationsgroBe ab. “The balance of nature, as plant and animal ecologists have conceived it, seems to be largely a question of number“ (ebd., S. 5). Ein Anstieg der Population durch einen Einfall von fremden Spezies aus anderen Gebieten wird dabei als Invasion bezeichnet. Nachdem das okologische Gleichgewicht durch eine Invasion ge- stort wurde, beginnen wieder die okologischen Anpassungsprozesse, um zu einem neu- en, stabileren Gleichgewichtszustand zuruckzukehren. Diese zyklische Abfolge von Storungen des Gleichgewichts sowie darauf folgenden Anpassungsprozessen wird als Sukzession bezeichnet (vgl. McKenzie, 1982, S. 33).

Diese grundlegenden Konzepte der Okologie mit ihren zentralen Begriffen der Konkur- renz, Dominanz, Segregation, Invasion und Sukzession werden von der Sozialokologie auf menschliche Gemeinschaften ubertragen und erstmals zur Erforschung der amerika- nischen GroBstadte zu Beginn des 20. Jahrhunderts angewendet. Jedoch unterscheidet sich die Okologie menschlicher Gemeinschaften in zahlreichen Punkten von der Okolo- gie in der Tier- und Pflanzenwelt.

Auch menschliche Gemeinschaften sind von einem Konkurrenzkampf um begehrte, aber knappe Ressourcen gepragt. Fur die Sozialokologie steht der Konkurrenzkampf um die begehrten Territorien einer Stadt im Mittelpunkt des Interesses. Wie bereits in Kapi- tel 2.2.1 dargestellt wurde, beschaftigt sich die Sozialokologie neben der sozialen Segregation auch mit der funktionalen Segregation der Stadt. Neben der Wohnbevolkerung nehmen also auch funktionale Einheiten wie Fabriken, Unternehmen etc. in gleicher Weise am Konkurrenzkampf um die begehrten Standorte in der Stadt teil. “The spatial distribution of economic utilities, shops, factories, offices, is the product of the operation of ecological forces quite as much as is the distribution of residence“ (ebd., S. 29). Das Ergebnis dieses Kampfes ist ein (sozial)okologisches Gleichgewicht, welches durch die soziale und funktionale Segregation in Form einer bestimmten Stadtstruktur sichtbar wird.

Allerdings sind in diesem Kampf andere Dominanzprinzipien relevant als in der Tier- und Pflanzenwelt. Wahrend in der Pflanzenokologie Baume aufgrund ihrer Hohe und breiten Baumkronen dominant sind, basiert das Dominanzprinzip in menschlichen Gemeinschaften auf okonomischen Dimensionen (Einkommen, Vermogen, Status etc.). Aus diesem Grund ist es offensichtlich, dass Akteure wie Fabriken, Unternehmen, Ban- ken etc. die dominanten Akteure sind, weil sie uber die groBten finanziellen Mittel ver- fugen (vgl. Saunders, 1987, S. 60). Diese Akteure sichern sich die begehrtesten Standorte in der Stadt. Durch die fortschreitende Urbanisierung und den Ausbau von Massen- transportmitteln (Metro, Automobil etc.) seit dem 19. Jahrhundert wird das Stadtzent- rum zu dem strategisch wichtigsten Standort, weil sich sehr viele Menschen dort im Laufe des Tages aufhalten. Die Bodenpreise im Stadtzentrum steigen aufgrund der vor- teilhaften Lage stark an, sodass nur die okonomisch dominanten Akteure in der Lage sind, sich dort anzusiedeln. Die Folge ist, dass sich in den Stadtzentren der zentrale Industrie- und Geschaftsbezirk ansiedelt mit zahlreichen Fabriken, Einkaufszentren, Bankgebauden etc.

Die unmittelbar an das Zentrum anschlieBenden Wohngebiete werden aufgrund ihrer Nahe zum zentralen Geschaftsbezirk auBerst unattraktiv. Ein Grund dafur ist, dass diese Gebiete aufgrund ihrer Nahe zu den zahlreichen Fabriken einer starken Larm- und Ge- ruchsbelastigung ausgesetzt sind (vgl. Shaw/McKay, 1969, S. 19).

Ein weiterer Grand wird in dem Modell „Konzentrischer Kreise“ von Ernest Burgess (1982) beschrieben. Mit diesem Modell wird das Wachstum von GroBstadten beschrie- ben. Burgess unterteilt eine GroBstadt in funf konzentrische Kreise. Im Zentrum befin- det sich der zentrale Geschaftsbezirk. In den Zonen zwei bis funf folgen die Wohnge- biete der stadtischen Bevolkerung (vgl. Burgess, 1982, S. 36). In einer wachsenden Stadt expandieren die einzelnen Zonen in die ihnen auBen angrenzenden. Dieser Vor- gang wird mit dem okologischen Begriff der Invasion bezeichnet. Expandiert zum Bei- spiel der zentrale Geschaftsbezirk in das angrenzende Wohngebiet, so wurde dies zu Widerstanden von der ansassigen Bevolkerung fuhren. Durch die dominante Stellung des Geschaftsbezirks mussten aber alle Bewohner das Wohngebiet verlassen. Die Folge ist ein neues okologisches Gleichgewicht, das mit einem Wandel der Landnutzung ein- her geht. Die alten, verlassenen Wohnhauser werden abgerissen und durch neue Indust- rieanlagen, Geschafte etc. ersetzt. Das ehemalige Wohngebiet in Zone zwei hat sich zu einem neuen Geschaftsbezirk entwickelt. Diese Prozesse laufen fur die anderen Zonen von Wohngebieten identisch ab. Nur kommt es dort nicht zu einem Wandel der Landnutzung, weil in den bestehenden Wohngebieten nur ein Austausch der Wohnbevolke- rungen stattfindet. Der komplette Austausch der Wohnbevolkerung oder der Wandel der Landnutzung durch Invasion wird als Sukzession bezeichnet. “The thing that characterizes a succession is a complete change in population type between the first and last stages, or a complete change in use“(McKenzie, 1982, S. 33).

Durch die drohende Invasion des Geschaftsbezirks werden Investitionen und Reparatu- ren an den Wohngebauden unrentabel, da sie bei erfolgter Sukzession abgerissen und durch Industrieanlagen oder Geschaftshauser ersetzt wurden. “The dwellings in such areas, often already undesirable because of age, are allowed to detoriate when such invasion threatens or actually occurs, as further investment in them is unprofitable“ (Shaw/McKay, 1969, S. 20). Physischer Zerfall, Larm und Gestank bewirken, dass sol- che zentrumsnahen Wohngegenden als sehr unbegehrenswert angesehen werden, was zu geringen Miethohen in diesen Gebieten fuhrt.

Ein Kritikpunkt an der Theorie Konzentrischer Kreise ist allerdings, dass sie wohl nicht auf andere GroBstadte ubertragbar ist. Sie stellt vielmehr eine detaillierte Einzelfallbe- schreibung des Wachstums der Stadt Chicago zu Beginn des 20. Jahrhunderts dar (vgl. HauBermann/Siebel, 2004, S. 122).

Aus den bisherigen Darstellungen der zentralen Konzepte der Sozialokologie sowie dem Modell Konzentrischer Kreise lassen sich nun die ersten beiden Fragen beantworten, die in Kapitel 2.2.2 genannt wurden. Der Konkurrenzkampf zwischen ungleich machtigen Akteuren bewirkt, dass sich im Zentrum der Stadt der zentrale Geschaftsbezirk heraus- bildet. Die direkt an das Zentrum angrenzenden Wohngebiete sind wegen des Larms, des Gestanks und der „Invasionsdrohung“ auBerst unattraktiv, weisen aber dafur sehr gunstigen Mieten auf. Unterprivilegierte soziale Gruppen wie Arme und Migranten mussen sich aus okonomischen Zwangen in diesen Wohngegenden niederlassen. Aller- dings sind diese Migranten uberwiegend noch im Ausland geboren und erst vor kurzer Zeit in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die USA immigriert. Die Wohnorte von Migranten, die bereits langer in den USA leben und den sozialen Aufstieg geschafft haben, sind deutlich weiter verstreut uber die Stadt (vgl. Shaw/McKay, 1969, S. 37). Die hohe Bevolkerungsfluktuation lasst sich damit erklaren, dass Familien, die es sich leisten konnen, sofort diese unbegehrten Wohngebiete verlassen, um sich in einer be- gehrteren Gegend niederzulassen.

Die dritte und vierte Frage aus Kapitel 2.2.2 kann mit der sozialokologischen Theorie jedoch nicht beantwortet werden. Dafur ist aber die Theorie sozialer Desorganisation geeignet. Diese Theorie baut allerdings auf den sozialokologischen Theorien auf. Um diesen Anknupfungspunkt darzustellen, muss auf die besondere Art der Ressourcen eingegangen werden, um die in menschlichen Gemeinschaften konkurriert wird. Wahrend die knappen Ressourcen der Tier- und Pflanzenwelt immer naturgegeben sind, muss in alle Ressourcen menschlicher Gemeinschaften Arbeit investiert werden. Ein- deutig ist dies bei materiellen Produkten, die in industrieller oder sonstiger arbeitsteili- ger Fertigung produziert werden. Aber auch in den lebensnotwendigen Ressourcen wie Wasser oder Nahrung steckt immer menschliche Arbeit (z.B. Brunnenbau, Landwirt- schaft, Viehzucht etc.).

Aus dieser Tatsache ergibt sich, dass sich die Konkurrenz in menschlichen Gemeinschaften eher als „konkurrierende Kooperation“ (vgl. Park, 1936, S. 4) darstellt. Dieser Begriff hat auch unter der Bezeichnung “Co-opetition“ (Brandenburger/Nalebuff, 1996) in die Wirtschaftswissenschaften Einzug gehalten. Danach arbeiten Menschen arbeits- teilig zusammen, wenn es um die Erstellung der begehrten, aber knappen Ressourcen geht. Bei Verteilung der produzierten Ressourcen unter den Menschen herrscht dann aber wieder das Konkurrenz- und Dominanzprinzip.

Obwohl die Menschen untereinander um die Ressourcen konkurrieren, ist ihnen ihre gegenseitige Abhangigkeit bewusst, da diese Ressourcen in einem arbeitsteiligen Pro- zess erst hergestellt werden mussen. Es entwickeln sich Zusammengehorigkeitsgefuhle, Normen, Werte, Traditionen und Konsens unter den Menschen. An dieser Stelle ist auch der starke Einfluss von Emile Durkheim auf die Sozialokologie erkennbar. Ahnlichkei- ten zum Konzept der „organischen Solidaritat“ von Durkheim (1992) sind unverkenn- bar. Die menschliche Gemeinschaft - und nur die menschliche Gemeinschaft - besteht also aus zwei Ebenen: Einer biotischen, in der Konkurrenz unter den Menschen herrscht, und einer kulturellen, die durch Konsens, Werte und Normen gekennzeichnet ist. “The fact seems to be, that human society, as distinguished from plant and animal society, is organized on two levels, the biotic and the cultural. There is a symbiotic society based on competition and a cultural society based on communication and consensus. As a matter of fact the two societies are merely different aspects of one society...“ (Park, 1936. S. 13). Dies hat zur Folge, dass auch der Konkurrenz in menschlichen Ge- meinschaften Grenzen gesetzt sind. Wahrend unter Tieren und Pflanzen der Konkur- renzkampf einem Uberlebenskampf gleicht, ist dieser Kampf in menschlichen Gemein- schaften durch Werte, Normen und Traditionen begrenzt. Beispiele dafur sind Institu- tionen wie der Wohlfahrtsstaat oder zivilgesellschaftliche soziale und karitative Einrich- tungen. Deren gemeinsames Merkmal ist es, Menschen, die aus eigener Kraft nicht im Konkurrenzkampf bestehen konnen, mit den lebensnotwendigen Ressourcen zu versor- gen, um so das Uberleben aller Menschen zu sichern.

Insgesamt lasst sich sagen, dass sich die Sozialokologie uberwiegend mit der biotischen Ebene menschlicher Gemeinschaften beschaftigt. Das lasst sich daran erkennen, dass sich im zentralen Aufsatz von Robert Park uber die Grundlagen der Sozialokologie nur folgende zwei Satze mit der kulturellen Ebene beschaftigen: “Society is everywhere a control organization. Its function is to organize, integrate, and direct the energies resident in the individuals of which it is composed“ (ebd., S. 14).

Diese beiden Satze, auf die Park im folgenden Text nicht weiter eingeht, sind aber sehr wichtig, weil sie den Anknupfungspunkt der Theorie sozialer Desorganisation an den sozialokologischen Theorien darstellen. Diese Theorie beschaftigt sich namlich gerade mit den Ursachen und Folgen, falls es einer Gemeinschaft nicht gelingt, die einzelnen Bewohner zu organisieren bzw. zu integrieren. AuBerdem ist auch hier bereits von so- zialer Kontrolle die Rede. Ein Begriff, der fur die Theorie sozialer Desorganisation eine wichtige Rolle spielt.

AbschlieBend sei noch kurz auf die Begriffe “community“ und “society“ (im Folgenden als „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ bezeichnet) eingegangen. In der Sekundarlitera- tur uber die Sozialokologie wird unter Gemeinschaft die biotische und unter Gesell- schaft die kulturelle Ebenen menschlicher Gemeinschaften verstanden (vgl. Theodor- son, 1982, S. 4).

Diese Unterscheidung ist aber nicht plausibel, weil nur menschliche Gemeinschaften eine kulturelle Ebene haben und deswegen auch nur diese Gesellschaft sein konnen. Im Originalzitat von Robert Park auf Seite 12 dieser Diplomarbeit ist aber auch von pflanz- lichen und tierischen Gesellschaften die Rede. Es gilt also festzuhalten, dass Park keine trennscharfe Unterscheidung dieser beiden Begriffe vornimmt. Fur eine detaillierte Dar- stellung dieser mangelhaften Unterscheidung wird auf Saunders (1987) verwiesen.

Der Begriff der Gemeinschaft stellt einen komplexen, vielschichtigen Begriff dar. Bei Betrachtung verschiedener Definitionen von Gemeinschaft (Fuchs-Heinritz, 2007; Reinhold, 2000; Hillmann, 2007) fallen dennoch folgenden Gemeinsamkeiten auf: Unter einer Gemeinschaft wird eine Bevolkerung verstanden, die ein bestimmtes territorial begrenztes Gebiet bewohnt, deren Bewohner zahlreiche okonomische und soziale Be- ziehungen untereinander pflegen sowie Zusammengehorigkeitsgefuhle und ortliche Traditionen entwickeln.

2.3 Theorie sozialer Desorganisation

2.3.1 Begrifsdefinition und Begriffsursprung

Bevor ich auf die Begriffsdefinition und den Begriffsursprung von sozialer Desorgani- sation eingehe, erscheint es mir sinnvoll erst einmal den soziologischen Grundbegriff der Organisation zu definieren. Es ist nicht einfach eine Definition fur einen so komple- xen und in vielen Erscheinungsformen auftretenden Gegenstand wie eine Organisation zu finden. Eine haufig gebrauchte - bewusst abstrakt gehaltene - Definition lautet wie folgt: „Organisationen sind tendenziell auf Dauer angelegte soziale Einheiten mit insti- tutionellen Regelungen, die das Verhalten der Beteiligten steuern, und mit spezifischen Zielen bzw. Aufgaben, die durch die Mitglieder realisiert werden sollen“ (Reinhold, 2000, S. 476). Als Beispiele fur soziale Einheiten, die diese Definition erfullen, konnen z.B. Familien, Gemeinschaften, Vereine, Nationen, Unternehmen etc. genannt werden. Ohne irgendwelche Vorkenntnisse uber den Begriff „soziale Desorganisation“ zu besit- zen, lasst sich bereits aus der Bezeichnung soziale Desorganisation - das Prafix „Des“ ist lateinisch-franzosischen Ursprungs und bedeutet „Ent-„ (vgl. Drosdowski et al., 1974, S. 168) - schlieBen, dass es sich dabei um einen Zustand oder einen Prozess han- deln muss, in dem eine soziale Einheit ein oder mehrere Organisationsmerkmale verliert bzw. bereits verloren hat. Wortlich lasst sich der Begriff mit „Entorganisation“ uberset- zen.

Erstmals in der Literatur erwahnt wurde dieser Begriff in dem mehrbandigen Werk “The Polish Peasant in Europe and America: Monograph of an Immigrant Group“ (1958), welches von William Thomas unter Mithilfe von Florian Znaniecki veroffent- licht wurde. Inhalt dieses Werks sind die Lebenslagen und Lebensstile polnischer Kleinbauern am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dieser Zeitraum ist fur jene Bevolkerungsgruppe durch einen raschen sozialen Wandel gekennzeichnet. Die beginnende Industrialisierung, die Nationalstaatenbildung sowie die verstarkte Urbani- sierung in Polen verandern die Lebensweise der Bevolkerung drastisch. Jedoch fuhrt nicht nur der soziale Wandel in Polen zu einer Veranderung der Lebensumstande. Die vielen polnischen Immigranten, die in diesem Zeitraum aus Polen in die USA (vor al- lem nach Chicago) eingewandert sind, mussen nun ihr Leben ebenfalls radikal neu ge- stalten.

In zahlreichen Quellen wie Briefen, Zeitungsartikeln, Autobiographien werden die Fol- gen dieser Veranderungen der Lebensumstande fur die Lebenswelten der polnischen Kleinbauern analysiert. Die Bande 1 und 2 beinhalten die Veranderungen fur die tradi- tionellen polnischen GroBfamilien. Band 3 ist die Autobiographie eines einzelnen polni- schen Immigranten in den USA. Die Bande 4 und 5 tragen die Titel “Disorganization und Reorganization in Poland“ bzw. “Organization und Disorganization in America“. In den Titeln fur diese beiden Bande wird erstmals der Begriff Desorganisation verwendet. Zu Beginn von Band 4 geben sie erstmals eine Definition des Begriffs: “We can define the latter [i.e.: social disorganization; Anmerkung des Verfassers] briefly as a decrease of the influence of existing social rules of behavior upon individual members of the group“ (Thomas, 1958, S. 1128). Soziale Desorganisation ist also ein Zustand oder ein Prozess, in dem die sozialen Normen und Werte einer bestimmten sozialen Gruppe nicht mehr fur das Verhalten der einzelnen Individuen der Gruppe verpflichtend sind. Vergleicht man diese Definition von sozialer Desorganisation mit der oben gegebenen Definition von Organisationen, so ist in sozial desorganisierten sozialen Einheiten das Organisationsmerkmal der institutionellen Regelungen, die das Verhalten der Beteilig- ten steuern, nicht mehr erfullt.

Am Besten lasst sich dieser Zustand beschreiben durch den regen Briefverkehr zwi- schen den polnischen Immigranten in den USA und ihren daheimgebliebenen Familien- angehorigen, der von den beiden Autoren Thomas und Znaniecki in groBer Detaillier- theit abgedruckt wurde. In den Briefwechseln zeigt sich, dass die traditionellen Normen und Werte der polnischen GroBfamilien wie Religiositat und familiare Solidaritat fur die ausgewanderten Polen jegliche Bedeutung verloren haben. Durch die Inklusion in die amerikanische Gesellschaft erhalten alle polnische Immigranten umfassende wirtschaft- liche und rechtliche Freiheiten. Das Handeln dieser Generation ist gepragt von Eigen- verantwortung, Rationalitat und Erfolgsstreben. Die gesamte Lebensfuhrung, egal ob Bildung, Arbeits- und Erwerbsleben oder Familienplanung, ist von okonomischen Kal- kulen gepragt. Weymann (1995) bezeichnet diese Lebensweise als „Okonomie der Le- benszeit“. Die traditionellen Normen und Werte werden als irrational bzw. unrentabel angesehen. Als ein Beispiel dafur kann ein Brief eines Immigranten an seine daheimge- bliebenen Eltern genannt werden. In diesem schreibt er seinen Eltern, dass er ihnen kein Geld zur finanziellen Unterstutzung schicken konne, weil sein gesamtes Vermogen bei sehr guten Zinsbedingungen auf der Bank angelegt sei, und er nicht bereit sei, diese lukrative Anlage aufzulosen (vgl. Thomas, 1958, S. 793). Die familiare Solidaritat hat fur diesen Immigranten jegliche Bedeutung verloren.

Liest man die Titel der Bande 4 und 5 so lasst sich bereits erahnen, dass es sich bei so- zialer Desorganisation um einen systemischen Ungleichgewichtszustand handelt, der aber durch geeignete Korrekturmechanismen beseitigt werden konne. Thomas und Znaniecki nennen zwei solcher Reorganisationsmechanismen: “According to this view, disorganization may be reduced and the integrity of the system restored either by strengthening social controls or by redefining norms so that behavior definded as deviant becomes normatively acceptable” (Thomas, 1920, S. 4). Verlieren die sozialen Normen und Werte fur einige Organisationsmitglieder an Bedeutung, so kann entweder durch soziale Kontrolle deren Erfullung durchgesetzt werden oder es werden die de- vianten - von denen der sozialen Einheit abweichenden - Normen und Werte als allge- mein akzeptiert umdefiniert. Als Beispiel fur Letzteres kann wieder ein Briefwechsel herangezogen werden. So rechtfertigt ein Auswanderer sein egoistisches, auf Eigennutz bedachtes, und unsolidarisches Verhalten damit, dass er nun auf keinerlei Wohlwollen anderer Personen (z.B. von seinen Familienangehorigen) mehr angewiesen sei (vgl. Thomas, 1958, S. 720). Sein abweichendes Verhalten ist fur ihn nicht mehr abweichend, sondern ethisch richtig und allgemein akzeptiert.

Neben dieser Reorganisationsmoglichkeit besteht noch die Moglichkeit der Intensivie- rung sozialer Kontrolle. Trotz aller Individualisierung in den USA pflegen die polni- schen Immigranten weiterhin soziale Kontakte. Es entstehen eine Reihe von Selbsthil- fegruppen, eigene polnische Kirchengemeinden, Vereine etc. innerhalb der polnisch- amerikanischen Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft ist eine Mischform zwischen den amerikanischen und polnischen Traditionen. Sie hat die Aufgabe die verlorengegangene Solidarity der polnischen GroBfamilien zu ersetzen. Wie die Familie uben auch diese Organisationen eine starke soziale Kontrolle uber ihre Mitglieder aus und uberwachen die Einhaltung der organisationsspezifischen Normen und Werte. “(...) the Polish- American organization is the only factor which can have some preventive influence by keeping the individual under direct control and upholding certain standards of behavior which he understands and acknowledges” (Thomas, 1958, S. 1477).

Meiner Meinung nach sind folgende drei Leistungen des Werks von Thomas und Zna- niecki fur die Theorie sozialer Desorganisation besonders zu betonen:

- Die Erfindung und Definition des Begriffs „soziale Desorganisation“
- Die Formulierung der beiden Reorganisationsmechanismen; dieser Unterschei- dung ist es meiner Meinung nach zu verdanken, dass es heute zwei Lesarten der Theorie sozialer Desorganisation gibt: Eine, die sich auf die Subkulturtheorie bezieht, und eine, die der Kontrolltheorie ahnelt.
- Sie zeigen, dass Institutionen wie Familien und kollektive Organisationen (Vereine, Nachbarschaftsbeziehungen, Kirchen etc.) eine wichtige Rolle spielen bei der Des- und Reorganisation sozialer Einheiten.

2.3.2 Theorie sozialer Desorganisation als Subkulturtheorie

Im Kapitel 2.2.2 wurde dargestellt, dass es groBe Unterschiede in den Jugendkriminali- tatsraten der verschiedenen Stadtteile Chicagos zu Beginn und Mitte des 20. Jahrhun- derts gab. Es waren in den untersuchten Kriminalstatistiken, die sich uber einen Zeit- raum von mehr als 30 Jahren erstreckten, immer dieselben Wohngebiete, die die hoch- sten Kriminalitatsraten aufwiesen.

Shaw und McKay sahen die Ursache dafur in den unterschiedlichen Werthaltungen und Organisationsstrukturen, die in den verschiedenen Stadtteilen vorherrschten. Die zeitlich konstant hohen Kriminalitatsraten lassen sich durch die Weitergabe von kriminalitats- fordernden Subkulturen von einer Generation Jugendlicher an die nachste erklaren. Die- se „Theorie kultureller Ubertragung“ verbindet also die Subkulturtheorien mit den Theorien des differentiellen Lernens. Die Theorie kultureller Ubertragung hatte groBen Einfluss auf verschiedene Denker der beiden Theorierichtungen uber das abweichende Verhalten. Zu nennen sind vor allem die starken Einflusse auf die Anomietheorie Robert Mertons (1995), die Subkulturtheorie von Cohen (1957) sowie die Theorie der differentiellen Gelegenheiten von Cloward (1959).

Shaw und McKay beschreiben den Prozess, in dem sich unterprivilegierte Jugendliche subkulturelle Orientierungen aneignen und an andere Jugendliche weitergeben.

Ihre Grundannahme lautet, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft dieselben Ziele ver- folgen und auch alle die grundlegenden Werte und Normen internalisiert haben. Das ist die Grundvoraussetzung, um uberhaupt Mitglied dieser Gesellschaft sein zu konnen. Es sind vor allem Ziele wie Wohlstand, Macht, Prestige etc., die in der amerikanischen Gesellschaft als besonders erstrebenswert angesehen werden. Gesellschaftsmitglieder aus unteren Schichten sehen sich aber in schlechter Position diese Ziele durch die ge- sellschaftlich gebilligten Normen und Werte (z.B. FleiB, Eigenverantwortung, Risikobe- reitschaft etc.) zu erreichen. “The groups in the areas of lowest economic status find themselves at a disadvantage in the struggle to achieve the goals idealized in our civili- zation“ (Shaw/McKay, 1969, S. 186). Cohen bezeichnet denselben Sachverhalt als An- passungsproblem aufgrund eines individuellen Spannungszustands (vgl. Cohen, 1957, S. 106); Merton dagegen als Dissonanz zwischen den kulturell festgelegten Zielen und den legitimen Mitteln der Zielerreichung (vgl. Lamnek, 2007, S. 118). Legitime Mittel sind dabei die - durch das Normensystem - erlaubten Wege der Erreichung dieser Ziele wie Bildung und Arbeit. Der Zugang zu diesen Mitteln ist aber ungleich verteilt uber die Gesellschaft. Jugendliche aus unteren Schichten haben seltener Zugang zu guten Bil- dungsinstitutionen (z.B. durch die hohen Schulgelder, Studiengebuhren etc.) als Jugend- liche aus der Mittel- und Oberschicht. Dadurch haben diese Jugendliche neben anderen Grunden (z.B. fehlendes Startkapital fur eine Existenzgrundung, fehlende Netzwerke) auch geringere Chancen durch Arbeit die allgemein geteilten Ziele zu erreichen.

Um diesen Dissonanzzustand zu reduzieren, besteht die Moglichkeit, die legitimen Mit- tel der Zielerreichung abzulehnen und sich alternativen Wegen zu zuwenden. Diese Moglichkeit haben bereits Shaw und McKay einige Jahre fruher genannt. “It is understandable, then, that the economic position of persons living in the areas of least opportunity should be translated at times into unconventional conduct, in an effort to recon cile the idealized status and their practical prospects of attaining this status“ (Shaw/McKay, 1969, S. 187).

Cloward (1959) kritisiert aber an Merton, dass nicht nur der Zugang zu den legitimen Mitteln der Zielerreichung, sondern ebenso der Zugang zu den illegitmen Mitteln un- gleich verteilt sei.

Damit in einer gunstigen Gelegenheit die kriminelle Handlung durchgefuhrt werden kann, bedarf es neben der Akzeptanz der illegitimen Mitteln also auch die Fahigkeit diese Mittel einsetzen zu konnen (vgl. Cloward, 1959, S. 168). Als Beispiel kann ein „kompliziertes“ Verbrechen wie Autodiebstahl herangezogen werden. Ein krimineller Jugendliche, der vor allem Gewaltdelikte begangen hat, ist womoglich bereit, dieses Verbrechen zu begehen. Fehlen ihm aber die dazu notwendigen Kenntnisse und Fahig- keiten (z.B. Autotur aufbrechen, KurzschlieBen der Elektronik, Umgehen der Wegfahr- sperre etc.), so kann diese kriminelle Handlung nicht vollzogen werden. Ein Kfz- Mechaniker besitzt dagegen vermutlich diese Kenntnisse und Fahigkeiten, doch er ist nicht bereit diese kriminelle Handlung zu vollziehen.

An dieser Stelle werden nun die subkulturellen Elemente der Theorie kultureller Uber- tragung relevant. Eine kriminelle Subkultur beinhaltet namlich neben dem Wissen um die Durchfuhrung von kriminellen Handlungen auch Normen und Werte, die eine solche Handlung legitimieren und einfordern.

Ein Vorteil der Theorie kultureller Ubertragung im Vergleich zu den Subkulturtheorien ist, dass erstere in der Lage ist, die Entstehung von kriminellen Subkulturen zu erklaren. In der folgenden Abbildung 2 wird eine schematische Darstellung der Theorie kulturel- ler Ubertragung gegeben (die eingefugten Ziffern stellen eigene Hervorhebungen dar und sind nicht im Original enthalten):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Pfaddiagramm der Theorie kultureller Übertragung (Quelle: Kornhauser, 1978, S. 58)

Zu Erstens: Ausgangspunkt fur die Entstehung einer kriminellen Subkultur ist die These, dass in Gebieten mit geringer Kriminalitatsbelastung das Handeln der Bewohner uberwiegend von konformen, einheitlichen Werten gepragt ist. In den stark von Krimi- nalitat belasteten Gebieten stehen dagegen mehrere Werte in Konkurrenz untereinander. “(...) the general proposition that in areas of low rates of delinquents there is more or less uniformity, consistency, and universality of conventional values and attitudes with respect to child, care, conformity to law, and related matters; whereas in the high-rate areas systems of competing and conflicting moral values have developed” (Shaw/McKay, 1969, S. 170). Wie es allerdings zu den Unterschieden in den vorherr- schenden Werthaltungen kommt, bleibt unerwahnt. Institutionen wie Vereine, Nachbar- schafts- und Freundschaftsnetzwerke sowie Familien stehen dabei fur die konformen Werte der Mehrheitsgesellschaft. “(...) the similarity of attitudes and values as to social control is expressed in institutions and voluntary associations designed to perpetuate and protect these values (ebd., S. 171). (...) the family is thought of as representing conventional values and opposed to deviant forms of behaviour” (ebd., S. 183). Aus dem letzten Zitat geht hervor, dass diese Institutionen neben der Sozialisations- auch eine Kontrollfunktion besitzen. Die Jugendlichen werden entweder direkt sozialisiert und kontrolliert, indem sie selber Mitglieder in den Institutionen sind (in der eigenen Familie, in Vereinen etc.) oder indirekt, indem sie von erwachsenen Mitglieder solcher Organisationen zu konformen Verhalten ermahnt werden und die Ausubung dieses Ver- haltens von den Erwachsenen auch kontrolliert wird.

Die alternativen (oftmals devianten Werte) werden reprasentiert und symbolisiert durch kriminelle (Erwachsenen-) Gangs, halblegale Unternehmen etc. (vgl. ebd., S. 171).

Zu Zweitens: Werden nun die Institutionen der Mehrheitsgesellschaft in den Gebieten mit hoher Kriminalitatsbelastung mit den konkurrierenden Werten konfrontiert, so ver- lieren diese ihre Funktionen.

Dies wird am Beispiel der Familie demonstriert. Die Familie steht zwar fur die konfor- men Werte und Normen. Wenn aber ein nahes Familienmitglied durch die Existenz von kriminellen Institutionen profitiert - indem es z.B. seinen Lebensunterhalt in solch einer Institution verdient - wird die Familie ihre Ablehnung der kriminellen Werte und Nor- men aufgeben und damit auch die eigenen Kinder weniger stark kontrollieren und von kriminellem Verhalten abhalten. “Thus, even if a family represents conventional values, some member, relative, or friend may be gaining a livelihood through illegal or quasiillegal institutions- a fact tending to neutralize the family's opposition to the criminal system” (ebd., S. 183). Die Familie ist also nicht mehr in der Lage, die Jugendlichen zu konformen Verhalten zu erziehen, weil fur einzelne Familienmitglieder oder nahe Ver- wandte diese Werte selbst an Bedeutung verloren haben. Es kommt zu einem Kontroll- verlust, weil die Familie in Folge dessen auch weniger soziale Kontrolle ausubt, um die Jugendlichen von kriminellem Verhalten abzuhalten.

Diese Erklarung ist aber aus zwei Grunden nicht zufriedenstellend. Zum einen erklaren Shaw und McKay nicht, wie es zu einem Kontrollverlust in den anderen beiden Institu- tionen (Vereine, Nachbarschafts- und Freundschaftsnetzwerke) kommt. Und zum ande- ren weist diese Erklarung stark tautologische Zuge auf. Die Entstehung von Kriminalitat wird auf einen Kontrollverlust der Familie zuruckgefuhrt. Dieser Kontrollverlust wird allerdings selbst mit dem Vorhanden sein von kriminellen Organisationen und Orientie- rungen erklart.

Die Klammer unterhalb von Punkt 2 in Abbildung 2 wirft die Frage auf, ob kriminelles Verhalten bereits entstehen wurde, wenn die Akteure entweder nur einer geringeren sozialen Kontrolle oder nur einem anomischen Zustand ausgesetzt sind. Bei der Theorie kultureller Ubertragung mussen beide Faktoren vorliegen. Nur bei Kontrollverlust in einer Gemeinschaft versuchen unterprivilegierte Jugendliche die kulturellen Ziele auf illegitime Art und Weise zu erreichen. Nach Kornhauser gibt es aber immer fur den Menschen irgendwelche Ziele und Wunsche, die mit seinen zu Verfugung stehenden Mitteln nicht erreicht werden konnen (vgl. Kornhauser, 1978, S. 47). Der Mensch unter- liegt also immer einem Disonanzzustand. Eine sehr unwahrscheinliche, aber prinzipiell mogliche Situation ist es, dass eine kriminelle Handlung nur aufgrund der individuellen Spannungszustande vollzogen wird, ungeachtet des AusmaBes sozialer Kontrolle. Die Autorin nennt dafur ein Beispiel: Ein Eskimo hat die Frau seines Nachbarn entfuhrt und vergewaltigt. Die Eskimo-Gemeinschaft verfolgt die beiden und totet den Entfuhrer. Die Autorin sieht darin ein Beispiel dafur, dass ein Verbrechen auch geschehen kann, wenn die unerfullten (sexuelle) Wunsche und Ziele zu starke Dissonanz hervorrufen, so dass selbst ein so starkes AusmaB sozialer Kontrolle den Tater nicht davon abhalten kann (vgl. ebd., S. 49f). Diese Situation stellt allerdings die absolute Ausnahme dar. In der Regel ist es fur die Ausubung eines Verbrechens notwendig, dass sowohl ein Disso- nanzzustand als auch ein geringeres AusmaB sozialer Kontrolle vorliegt.

Zu Drittens: Die Konkurrenz zwischen verschiedenen Wert- und Normsystemen ist fur Shaw und McKay sowohl die Ursache als auch - neben einem geringerem AusmaB sozialer Kontrolle - ein Bestandteil sozialer Desorganisation.

Die Jugendliche aus armeren Schichten beginnen die legitimen Mittel der Zielerrei- chung abzulehnen und versuchen stattdessen mit Hilfe illegitimer Mittel die kulturellen Ziele zu erreichen. Die desorganisierte Gemeinschaft ist nicht mehr in der Lage, die Ausubung von kriminellen Handlungen durch intensive soziale Kontrolle zu verhindern. Eine erhohte Kriminalitatsrate ist die Folge.

Zu Viertens: Wie bereits weiter oben beschrieben, ist aber auch der Zugang zu illegiti- men Mitteln beschrankt. So ist ein einzelner Jugendlicher vielleicht gewillt ein be- stimmtes Verbrechen zu begehen, ihm fehlen aber die dazu notwendigen Kenntnisse und Fahigkeiten. Eine Losungsmoglichkeit fur dieses Problem ist der Zusammenschluss mit anderen kriminellen Jugendlichen zu Gangs. Durch die haufigen Kontakte unterei- nander erhalten die Jugendlichen bessere Zugangschancen zu den illegitimen Mitteln. Sie tauschen kriminelle Erfahrungen und Wissen miteinander aus.

Ein weiterer Vorteil einer solchen Gang ist, dass sie Ersatz bieten kann fur die verloren gegangene Gemeinschaft. Sie bietet Orientierung fur ihre Mitglieder, indem sie mit gruppenspezifischen Werten und Normen sozialisiert werden. Ihnen werden Aufstiegs- moglichkeiten geboten, die sie auBerhalb dieser Organisation nicht haben. Unter den Gangmitgliedern herrscht ein starkes Zusammengehorigkeitsgefuhl (vgl. Cohen, 1957, S. 107f.). All die Funktionen, welche die konventionellen Institutionen einer Gemeinschaft nicht mehr erfullen konnen, werden von den kriminellen Jugendgangs ubernom- men. Sie entwickeln sich zu „Inseln der Organisation44 in einer desorganisierten Um- welt.

Die Kriminalitat wandelt ihr Gesicht. Sie ist nicht mehr die Folge von sozialer Desorga- nisation. Die kriminellen Subkulturen werden zu einer autonomen Komponente der de- sorganisierten Gemeinschaft. Kriminelles Verhalten ist konform zu den gangspezifi- schen Normen und Werten und dient dem Statuserwerbs innerhalb der kriminellen Organisation.

Neben der Entstehung von Subkulturen und deren Inhalten, versucht die Theorie kultu- reller Ubertragung auch zu erklaren, wie dieses subkulturelle Wissen, Fahigkeiten sowie Normen und Werte von einer Generation Jugendlicher an die nachste weitergeben wird. In den stark von Kriminalitat belasteten Gebieten entstehen zahlreiche kriminelle Ju- gendgangs, deren Entstehung durch die schwache Gemeinschaft nicht verhindert wer- den konnen. Junge Knaben aus diesen Gebieten haben deshalb zahlreiche Kontakte zu diesen Gangs. Die Theorie kultureller Ubertragung geht nun davon aus, dass bereits diese Kontakte zwischen den Gangmitgliedern und den - noch unvoreingenommenen - Knaben ausreichen, um die subkulturellen Orientierungen auf diese Knaben zu „uber- tragen“. “This contact means that the traditions of delinquency can be and are transmitted down through successive generations of boys, in much the same way that language and other social forms are transmitted44 (Shaw/McKay, 1969, S. 174). Kritisch an dieser Aussage zu bemerken gibt es, dass der bloBe Kontakt zu kriminellen Gangs nicht auto- matisch auch zu einer Ubernahme subkultureller Orientierungen fuhren muss. Die Knaben konnen ja auch aus Mangel an Alternativen oder aus Gruppenzwang Kontakte zu den Gangs gehabt haben, ohne dass sie deren Werte und Normen internalisieren mus- sen.

Die Theorie kultureller Ubertragung ist also in der Lage die vierte Frage aus Kapitel

2.2.2 zu beantworten: Die Kriminalitatsraten in den zentrumsnahen Wohngebieten sind uber den gesamten Zeitraum so hoch, weil die subkulturellen Orientierungen von einer Generation Jugendlicher auf die nachste weitergegeben werden. Diese Subkulturen sind daruberhinaus auch unabhangig von den Veranderungen der lokalen Gemeinschaft.

Auf die dritte Frage aus Kapitel 2.2.2 - der Zusammenhang zwischen den Kriminalitatsraten und der Sozialstruktur - kann die Theorie jedoch keine Antwort geben.

Dies kann aber die Theorie sozialer Desorganisation, wenn man sie Kontrolltheorie interpretiert.

2.3.3 Theorie sozialer Desorganisation als Kontrolltheorie und Hypo- thesenbildung

Bevor die Theorie sozialer Desorganisation als Kontrolltheorie dargestellt wird, soll zunachst der Begriff „soziale Kontrolle“ erlautert werden. Als soziale Kontrolle defi- niert man alle Prozesse, Mechanismen und Strukturen, die abweichendes Verhalten ver- hindern und wunschenswertes Verhalten ermoglichen (vgl. Hillmann, 2007, S. 454). Diese Definition ist allerdings auBerst abstrakt und all umfassend gehalten. Es scheint deswegen angebracht, diesen komplexen und vielschichtigen Begriff in verschiedene Dimensionen zu unterteilen, um ihn differenzierter darstellen zu konnen.

Peters schlagt eine Unterteilung anhand der beiden Dimensionen „Kontrollmodus“ und „Zeit des Eingriffs“ vor (vgl. Peters, 1995, S. 137). Die Dimension „Kontrollmodus“ hat dabei die beiden Auspragungen „negativ sanktionierend“ und „bedingungsverandernd“. Beide Modi haben zum Ziel, die Adressaten sozialer Kontrolle zum Zeigen von wun- schenswertem Verhalten zu bringen. Die Art und Weise wie sie das erreichen, unter- scheidet sich jedoch bei diesen beiden Varianten. Negative Sanktionen erzwingen eine Anpassung an das wunschenswerte Verhalten. Die Person muss von der Richtigkeit des geforderten Verhaltens nicht uberzeugt werden. Das gewunschte Verhalten wird allein aufgrund der Angst vor Strafe bei Zuwiderhandlung gezeigt.

Bedingungsverandernde MaBnahmen versuchen dagegen die Person von der Richtigkeit des geforderten Verhaltens zu uberzeugen. Ziel ist, dass der Adressat sozialer Kontrolle die Normen und Werte, die dem geforderten Verhalten zugrunde liegen, internalisiert und akzeptiert.

Die beiden Auspragungen dieser Dimension stellen allerdings analytische Idealtypen dar, die in der realen Welt nie anzutreffen sind. Mischformen sind die Regel. So umfasst eine negative Sanktion immer auch eine erzieherische Komponente, wahrend eine er- zieherische MaBnahme immer auch Zwangscharakter aufweist. Eine Gefangnisstrafe als ein Beispiel negativer Sanktion umfasst in Westeuropa immer auch resozialisierende MaBnahmen wie Aus- und Weiterbildungsangebote, wahrend die verpflichtende Teil- nahme an einem Anti-Aggressionskurs als Beispiel einer bedingungsverandernden MaBnahme bereits als negative Sanktion angesehen werden.

Die zweite Dimension sozialer Kontrolle „Zeit des Eingriffs“ umfasst die Auspragungen „vorher“ und „nachher“. „Vorher“ stellen dabei PraventivmaBnahmen dar, die ab- weichendes Verhalten in der Zukunft verhindern sollen. „Nachher“ umfasst alle Reak- tionen auf bereits erfolgtes abweichendes Verhalten.

Die zwei Dimensionen sozialer Kontrolle konnen in ein Vier-Felder-Diagramm darges- tellt werden. Es ergeben sich vier verschiedenen Arten sozialer Kontrolle, von denen eine fur die Theorie sozialer Desorganisation von herausragender Bedeutung ist:

Schema zur Klassifikation der Arten sozialer Kontrolle

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Vier-Felder-Diagramm der Arten sozialer Kontrolle (Quelle: Peters, 1995, S. 138)

Im Gegensatz zu Peters denke ich, dass zwei Dimensionen sozialer Kontrolle allerdings nicht ausreichend sind. Die verschiedenen Arten sozialer Kontrolle werden namlich von verschiedenen Institutionen durchgefuhrt. Als dritte Dimension sozialer Kontrolle kann „Trager der sozialen Kontrolle“ mit den Auspragungen „formelle“ und „informelle Tra- ger“ genannt werden. Zu den formellen Tragern gehoren Institutionen wie die Polizei, die Justiz, das Militar etc. Diese Institutionen sind Trager des staatlichen Gewaltmono- pols und haben das Ziel, Kriminalitat zu verhindern. Kriminalitat umfasst dabei das ab- weichende Verhalten, welches kodifizierte Gesetze verletzt (vgl. Hillmann, 2007, S. 466). Kriminalitat stellt also eine Teilmenge des abweichenden Verhaltens dar. Zu den informellen Tragern sozialer Kontrolle konnen Familien, Freundschafts- und Nach- barschaftsnetzwerke etc. gezahlt werden. Diese Institutionen verfolgen das Ziel, alle Arten abweichenden Verhaltens zu verhindern. Es soll also nicht nur Kriminalitat, son- dern auch legales, aber sozial missbilligtes Verhalten verhindert werden.

MaBnahmen der ersten Kategorie stellen Sanktionsdrohungen dar. Bereits die Andro- hung von Sanktionen soll vor abweichendem Verhalten abschrecken. Als Beispiel kann die vor wenigen Jahren gefuhrte Diskussion genannt werden, ob eine Erhohung der Hochststrafe im Jugendstrafrecht von zehn auf 15 Jahren Freiheitsstrafe das AusmaB an schwerer Jugendkriminalitat verringern konnte.

MaBnahmen der zweiten Kategorie stellen alle strafenden Reaktionen auf abweichendes Verhalten dar. Beispiele sind strafrechtliche Sanktionen der Gerichte auf erfolgte Ver- brechen, aber auch Sanktionen von Familien fur abweichendes Verhalten von Jugendli- chen (z.B. Hausarrest).

MaBnahmen der vierten Kategorie umfassen therapierende und resozialisierende MaBnahmen fur delinquente Personen. Dem Delinquenten soll nicht nur die Richtigkeit des wunschenswerten Verhaltens, sondern auch Reue fur sein abweichendes Verhalten ver- mittelt werden. Als Beispiel kann das “Bootcamp“ von Lothar Kannenberg fur jugend- liche Intensivtater genannt werden (Die Adresse der Homepage befindet sich im Web- link-Verzeichnis).

MaBnahmen der dritten Kategorie sozialer Kontrolle wollen weder sanktionieren noch therapieren. Ihr Ziel ist es, durch soziale und gemeinschaftsbildende MaBnahmen ab- weichendes Verhalten praventiv zu verhindern. Als Beispiel fur eine solche MaBnahme kann das Chicago Area Project (vgl. Shaw/McKay, 1969, S. 321ff.) genannt werden. Shaw und McKay nennen das Projekt als Interventionsmoglichkeit, um die hohe Ju- gendkriminalitat in den desorganisierten Stadtteilen zu verringern. In dem Projekt sollen die Bewohner dieser Stadtteile in Eigenverantwortung - allerdings mit finanzieller und logistischer Unterstutzung der Stadt Chicago - soziale und gemeinschaftsbildenden Pro- jekte (z.B. Hausaufgabenbetreuung und Sommercamps fur Jugendliche, regelmaBige Gemeindeversammlungen etc.) durchfuhren.

Durch die vorangegangenen Ausfuhrungen ist es nun moglich, die Art sozialer Kontrol- le zu benennen, auf die sich die Theorie sozialer Desorganisation als Kontrolltheorie bezieht. Sie entstammt der dritten Kategorie aus Abbildung 3. Die Entstehung von Kri- minalitat wird durch den Gemeinschaftszerfall und den damit verbundenen Kontrollver- lust der Bewohner untereinander bedingt. Als Saulen der zusammenhaltenden Gemein- schaft und informelle Trager der sozialen Kontrolle fungieren dabei die Institutionen Familien, Freundschaftsnetzwerke und kollektive Organisationen.

Im Folgenden soll nun die Theorie sozialer Desorganisation als Kontrolltheorie darges- tellt und aus ihr Hypothesen abgeleitet werden.

Die „kontrolltheoretische Wende“ in der Theorie sozialer Desorganisation geht auf Kornhauser (1978) zuruck. Grund dafur waren die zahlreichen Kritikpunkte an der Theorie kultureller Ubertragung, die neben sozialer Kontrolle auch zahlreiche subkultu- relle Elemente enthielt. Einige der Kritikpunkte wurden bereits im vorangegangen Kapi- tel erwahnt:

Die Theorie kultureller Ubertragung weist stark tautologische Zuge auf. Die Entstehung von Kriminalitat wird durch das Vorhandensein von kriminellen Organisationen bzw. durch das Vorhandensein von kriminalitatsfordernden Subkulturen erklart.

Die Theorie nimmt weiterhin an, dass kriminelle Subkulturen dazu dienen, die Ziele auf illegitimen Wegen zu erreichen, weil kein Zugang zu den legitimen Mitteln der Zieler- reichung besteht. Subkulturen bilden sich demnach also nur unter Jugendlichen aus ar- meren Schichten. Diese Annahme muss allerdings kritsch betrachtet werden, weil zum Beispiel Cohen (1957) darstellt, wie sich Subkulturen auch unter Jugendlichen der Mit- telschicht bilden konnen.

Die Theorie ignoriert individuelle Handlungs- und Lernentscheidungen der Akteure. Es wird angenommen, dass der bloBe Kontakt von Knaben zu kriminellen Jugendlichen bereits ausreicht, um deren Normen und Werte anzunehmen.

Die Zusammenhange zwischen den sozialstrukturellen Merkmalen (Armut, ethnische Heterogenitat und Bevolkerungsfluktuation), dem AusmaB sozialer Kontrolle und der Jugendkriminalitat werden in der Theorie kultureller Ubertragung nicht begrundet.

Die Annahme eines Startpunktes (“Initial State“ auf Abbildung 2), an dem eine Ge- meinschaft beginnt in den Zustand sozialer Desorganisation zu geraten und dadurch die Entstehung von kriminellen Subkulturen erst ermoglicht wird, ist unplausibel. Eine sol- che vollstandig organisierte Gemeinschaft ist ein Idealtypus, der in der Realitat nie an- zutreffen ist. Jede Gemeinschaft weist zumindest geringe Zuge von sozialer Desorgani- sation auf (vgl. Kornhauser, 1978, S. 22).

Die Theorie kultureller Ubertragung sowie der anderen Subkulturtheorien wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts von den Soziologen der Chicago-School begrundet. Es ist fraglich, ob diese Aussagen raumlich-zeitlich unbegrenzte Gultigkeit haben oder eher Einzelfallbeschreibungen der amerikanischen Situation zu dieser Zeit darstellen.

Die Theorie setzt Kriminalitat gleich mit jugendlicher Bandenkriminalitat (siehe Punkt 3 auf Abbildung 2). Die Annahme scheint zu restriktiv. Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch Jugendliche aufgrund gunstiger Gelegenheitsstrukturen Straftaten begehen, ohne dass diese Jugendliche Gangmitglieder sind.

Der letzte Kritikpunkt bezieht sich auf die These der Autonomie krimineller Subkultu- ren (siehe Punkt 4 auf Abbildung 2). Eine solche Subkultur kann sich nur in desorgani- sierten Gebieten entwickeln. Wenn das der Fall ist, dann ist diese Subkultur aber nicht autonom und unabhangig von dem Zustand dieser Gebiete. Wie bereits am Beispiel der polnisch-amerikanischen Organisation in Kapitel 2.3.1 dargestellt wurde, fuhrt eine In- tensivierung sozialer Kontrolle dazu, dass eine Gemeinschaft sich wieder organisiert. Eine kriminelle Subkultur bedarf also sowohl zur Entstehung als auch zu ihrem Fortbe- stand ein geringes AusmaB an sozialer Kontrolle innerhalb eines Gebietes. “Social disorganization must be present for the delinquent subculture both to arise and to persist“ (Kornhauser, 1978, S. 71). Wenn dies der Fall ist, dann ist aber die Annahme autonomer Subkulturen nicht haltbar.

Kornhauser zieht daraus die Schlussfolgerung, dass das AusmaB sozialer Kontrolle eine sehr viel bedeutendere Rolle spiele bei der Entstehung von Kriminalitat als kriminali- tatsfordernde Subkulturen. “I conclude that the logic of the Shaw-McKay theory requires a recursive control model rather than the mixed control-cultural deviance model they apparently devised in their latest work“ (ebd., S. 72).

In ihrer Kontrolltheorie unterscheidet sie zwischen okologischen und sozialen Ursachen sowie zwischen Komponenten und Folgen sozialer Desorganisation (vgl. ebd., S. 73). Zu den okologischen Ursachen zahlt sie die sozialstrukturellen Merkmale, welche bei Shaw und McKay besonders haufig in den stark von Kriminalitat belasteten Gebieten auftraten. Diese waren Armut, ethnische Heterogenitat sowie Bevolkerungsmobilitat. Diese okologischen Ursachen beeinflussen die sozialen Ursachen sozialer Desorganisa- tion. Zu diesen zahlt sie: mangelnde materielle Ressourcen, Isolation sowie Instabilitat der gemeinschaftsbildenden Institutionen Familie, Freundschafts- und Nachbarschafts- netzwerke sowie kollektive Organisationen (Vereine, Verbande etc.).

Es scheint mir plausibel, diese drei sozialen Ursachen sozialer Desorganisation in zwei Gruppen zu teilen, weil diese sozialen Ursachen von unterschiedlicher Art sind: Qualitative soziale Ursachen beziehen sich auf bestimmte Merkmale bestehender Institutionen. Zu diesen zahle ich die mangelnden materiellen Ressourcen und die Isolation der Institutionen. Die Instabilitat der Institutionen sehe ich dagegen als quantitative Ursache. Die Instabilitat bezieht sich namlich nicht auf bestimmte Merkmale von bestehenden Institutionen, sondern fragt danach, ob es uberhaupt zur Herausbildung von Institutio- nen kommt.

Wenn nun in einem bestimmten geographischen Gebiet die Bevolkerungsfluktuation sehr hoch ist, so verringert dies die Anzahl der festen, dauerhaften Institutionen (Dauer- haftigkeit stellt allerdings gerade ein notwendiges Merkmal von Institutionen dar (vgl. Hillmann, 2007, S. 381). “Adequately functioning institutions may be short-lived because of the rapid turnover of their clienteles“ (Kornhauser, 1978, S. 78). Die Bewohner dieser Gebiete sind nicht bereit, groBe Investitionen in den Aufbau von Freundschaften zu leisten oder sich stark in kollektiven Organisationen zu engagieren, weil sie den ei- genen Fortzug oder den Fortzug von Freunden, Vereinskameraden etc. fur sehr wahr- scheinlich halten. Mit einem solchem Fortzug wurden allerdings diese instabilen Institu- tionen wieder zerbrechen und die Investitionen waren umsonst getatigt worden.

Ist dagegen die Armut in einem Gebiet sehr hoch, so bedeutet dies, dass es den Institu- tionen an den notwendigen materiellen Ressourcen mangelt, um eine effektive Gemein- schaft aufbauen zu konnen (vgl. ebd., S. 78). Vereine in solchen Gebieten konnen keine hohen Mitgliedsbeitrage erheben. Dadurch fehlt es diesen Institutionen allerdings an den materiellen Ressourcen, um z.B. regelmaBige Vereinstreffen und Veranstaltungen zu organisieren. Diese regelmaBigen Treffen sind aber notwendig, um den Zusammen- halt unter den Mitgliedern zu starken.

Armut hat allerdings neben den Auswirkungen auf die materiellen Ressourcen auch noch Auswirkungen auf die Anzahl und Haufigkeit solcher Institutionen. Es ist namlich in der Ungleichheitsforschung eine gut abgesicherte Erkenntnis, dass Armut nicht nur finanzielle Armut, sondern auch Armut an sozialen Kontakten und gesellschaftlicher Teilhabe bedeutet. Von Armut betroffene Menschen ziehen sich haufig sozial zuruck, grunden keine Familie, treffen sich selten mit Freunden und sind selten ehrenamtlich engagiert (vgl. Hradil, 2001, S. 256). Aus diesem Grand ist es plausibel anzunehmen, dass in stark von Armut betroffenen Gebieten auch die Anzahl solcher Institutionen geringer ist.

Eine starke ethnische Heterogenitat fuhrt zur Isolation der einzelnen Institutionen vo- neinander. Weder die verschiedenen Arten von Institutionen noch Institutionen gleicher Art sind miteinander verknupft. Kornhauser schreibt bereits im Jahr 1978, dass es in Wohngebieten mit starker ethnischer Heterogenitat zur Bildung von Parallelinstitutio- nen kommt (vgl. ebd., S. 79). Eine Formulierung, die angesichts der aktuellen Diskussi- on uber Parallelgesellschaften in Deutschland sehr interessant ist. Als Beispiel kann ein Forschungsprojekt von Andrea JanBen und Ayca Polat (2006) genannt werden. Bei Be- fragung von 55 turkischstammigen Migrantinnen und Migranten in Hannover stellten sie fest, dass das soziale Netz der Befragten fast ausschlieBlich aus Mitgliedern der ei- genen Familie bestand. Freundschaftsbeziehungen zu Nicht-Familienmitgliedern hatten nur die wenigsten Befragten (vgl. JanBen/Polat, 2006, S. 12). Dies kann als Hinweis dafur gesehen werden, dass die Familien und die Freundschaftsnetzwerke in diesem Gebiet voneinander isoliert und getrennt sind.

Jedoch sind die bestehenden Institutionen nicht nur voneinander isoliert, auch die Ent- stehung von neuen Institutionen wird durch starke ethnische Heterogenitat behindert. Aufgrund von Sprachbarrieren ist es zum Beispiel nicht moglich, enge Freundschaftsbeziehungen oder kollektive Organisationen zwischen Personen verschiedener Ethnien aufzubauen (vgl. Sampson/Groves, 1989, S. 781).

Als Komponenten sozialer Desorganisation nennt Kornhauser den Verlust der Sozialisa- tions- und Kontrollfunktion der Institutionen innerhalb einer Gemeinschaft (vgl. Korn- hauser, 1978, S. 73). Die Institutionen sind weder in der Lage den Jugendlichen die konformen Werte und Normen an zu erziehen noch konnen sie durch intensive soziale Kontrolle die Einhaltung dieser Werte und Normen uberwachen.

Die Folge von sozialer Desorganisation ist ein vermehrtes Auftreten von Kriminalitat.

Die Theorie sozialer Desorganisation als Kontrolltheorie wurde zum ersten Mal von Sampson und Groves (1989) einer empirischen Prufung unterzogen Die beiden Autoren verwendeten Daten des British Crime Surveys fur ihre Studie. Die Daten umfassen 10.905 Personen aus 238 Gebietskorperschaften (Counties, Districts, Unitary Authorities etc.) GroBbritanniens.

Sie ubernahmen die drei okologischen Ursachen sozialer Desorganisation von Kornhau- ser. Allerdings verandern sie die Bedeutung der Bevolkerungsmobilitat. Kornhauser deutete Bevolkerungsmobilitat als Bevolkerungsfluktuation. Die haufigen Fortzuge aus einem Gebiet destabilisieren die verschiedenen Institutionen. Sampson und Groves zah- len neben den Fortzugen aus einem Gebiet jedoch auch die Zuzuge in ein Gebiet zur Bevolkerungsmobilitat. Diese Sichtweise geht zuruck auf einen Aufsatz von Kasarda und Janowitz (1974). In diesem konnten die Autoren zeigen, dass der gemeinschaftliche Zusammenhalt in Gebieten umso geringer ist, je hoher der Anteil neuhinzugezogener Bewohner ist. Den Grund sehen die Autoren darin, dass es eine gewisse Zeit braucht, bis neue Bewohner in die Gemeinschaft integriert sind. “ Since assimilation of newcomers into the social fabric of local communities is necessarily a temporal process, residential mobility operates as a barrier to the development of extensive friendship and kinship bonds and widespread local associational ties” (Kasarda/Janowitz, 1974, S. 338).

Zu den drei okologischen Ursachen sozialer Desorganisation fugen Sampson und Groves noch zwei weitere hinzu. Zum einen argumentieren sie, dass die Kriminalitatsrate in einem Gebiet umso hoher ist, je mehr zerruttete Familien es in diesen Gebieten gibt. Diese Sichtweise basiert auf einen Aufsatz von Sampson (1987), der in der Tradition des “Routine Activity Approaches44 (Cohen/Felson, 1979) steht. Sampson kann fur 150 Stadte in den USA nachweisen, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen der Jugendkriminalitatsrate und der Anzahl der Eineltern-Haushalten gibt (vgl. Sampson, 1987, S. 376). Der Grund liegt darin, dass Eineltern-Haushalte weniger soziale Kontrol- le uber die eigenen Kinder ausuben konnen. Dieser Ansatz geht aber implizit von einem traditionellen Familienbild aus. Der Vater ist erwerbstatig auBer Haus, die Mutter leistet Haus- und Erziehungsarbeit zuhause. Die Mutter ubt dabei soziale Kontrolle sowohl uber die eigenen Kinder als auch uber das eigenen Haus und Nachbarhauser aus. Die Kinder sind zu Hause selten unbeaufsichtigt. Kriminelles Verhalten der eigenen Kinder, aber auch ein Einbruch in das eigene Haus oder in Nachbarhauser wird deswegen un- wahrscheinlich. Steigt nun der Anteil der Eineltern-Haushalte an, so ist der allein erzie- hende Elternteil gezwungen einer Erwerbsarbeit auBer Haus nachzugehen, um sich und den Kindern den Lebensunterhalt zu verdienen. Dadurch werden aber sowohl die eigenen Kinder als auch das eigenen Haus unbeaufsichtigt. Kriminelles Verhalten der Kinder und ein Einbruch in das eigene Haus oder in angrenzende Hauser werden wahr- scheinlicher.

Sampson und Groves stellen die These auf, dass eine Erhohung der Eineltern-Haushalte auch mit einer Erhohung der unbeaufsichtigten Jugendlicher einhergeht. Diese Jugend- lichen werden dann aufgrund der fehlenden Kontrolle und Aufsicht haufiger kriminell (vgl. Sampson/Groves, 1989, S. 781).

Als weitere okologische Ursache fugen sie den Urbanisierungsgrad eines Gebietes hin- zu. Dahinter steht der Gedanke, dass der Lebensraum Stadt bereits aufgrund architekto- nischer und stadtebaulicher Merkmale eine hohere Kriminalitatsrate aufweist als eine landlichere Siedlungsform.

Zum Beispiel stellen die groBen Einkaufsmeilen in GroBstadten mit den vielen teuren Geschaften attraktive Einbruchsziele dar, weil nach Ladenschluss diese Einkaufsmeilen und die vielen teuren Geschafte oftmals menschenleer sind (vgl. Schneider, 1987, S. 334). Die Gefahr, dass ein Einbruch von Zeugen beobachtet oder gar die Polizei ver- standigt wird, ist also gering. Ebenso bieten auch die Wohngebiete in GroBstadten attraktive Verbrechensziele. Als Beispiel konnen die fur GroBstadte typischen Wohn- hochhauser genannt werden. Die Treppenhauser, Aufzuge und langen Korridore in sol- chen Wohnhochhauser stellen geeignete Orte fur die Begehung einer Straftat dar. Diese sind offentlich zuganglich, oftmals schwer einsehbar, schlecht beleuchtet und werden auch nur selten von vorbeigehenden FuBgangern „patrouilliert“. Ebenso nehmen in GroBstadten die personenbezogenen Straftaten (z.B. Handtaschendiebstahl, Raub, Ge- waltdelikte) allein dadurch zu, dass es aufgrund der hoheren Bevolkerungsdichte ein- fach viel mehr Gelegenheiten fur derartige Straftaten gibt (vgl. ebd., S. 333).

Allerdings sind es nicht nur die hohere Bevolkerungsdichte und stadtebauliche Merk- male, die eine hohere Kriminalitatsrate zur Folge haben. Ein weiterer wichtiger Grund stellt die Art des Zusammenlebens unter Stadtbewohnern dar.

Die verschiedenen Arten des Zusammenlebens der Menschen in landlichen Siedlungs- formen und Stadten wurden von Ferdinand Tonnies in seinem Buch „Gemeinschaft und Gesellschaft“ (1979) beschrieben.

Das Zusammenleben in Dorfern und landlichen Kleinstadten bezeichnete er als „Ge- meinschaft“. Die Menschen unterhalten intensive und dauerhafte Beziehungen mitei- nander. Die geographische und soziale Mobilitat ist gering. Die starken Zusammenge- horigkeitsgefuhle basieren auf gemeinsamen Traditionen und einem Werte- und Nor- menkonsens. Die Familien, die Kirche und die Dorfgemeinschaft uben starke informelle Sozialkontrolle aus, um eine Verletzung dieser Traditionen und des Werte- und Nor- menkonsens zu verhindern (vgl. HauBermann, 2004, S. 105).

Fur das Zusammenleben unter Stadtbewohnern verwendete Tonnies den Begriff „Ge- sellschaft“. Die Beziehungen der Menschen sind durch zweckrationale Austauschprin- zipien gekennzeichnet. Die Stadtbewohner stehen miteinander in vielfaltigen Aus- tausch- und Kooperationsbeziehungen auf Markten oder formellen Organisationen. Die geographische und soziale Mobilitat steigt. Emotionale Bindungen, aufgrund von ge- meinsamer Traditionen und Zusammengehorigkeitsgefuhlen, zwischen den Stadtbe- wohnern verlieren an Bedeutung (vgl. ebd., S. 106).

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Details

Seiten
148
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640781751
ISBN (Buch)
9783640781959
Dateigröße
2.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163322
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Sozialwissenschaftliche Fakultät
Note
Schlagworte
Paneldatenanalyse Jugendkriminalität Deutschland

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Titel: Paneldatenanalyse der Jugendkriminalität in Deutschland