Lade Inhalt...

Johannes der Täufer in der "Logienquelle"

Das Bild des Täufers in sich bei Matthäus und Lukas über Markus hinaus gleichenden Darstellungen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 32 Seiten

Theologie - Biblische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Problemskizze

2. Die Zweiquellen-Theorie
2.1 Forschungsgeschichtlicher Überblick zur Entstehung der Q-Hypothese
2.2 Profil der „Logienquelle Q“
2.3 Kritik an der Existenzvermutung einer „Logienquelle“
2.4 Struktur und Gestalt der „Logienquelle“

3. Johannes der Täufer in der Logienquelle
3.1 Die Verkündigung des Täufers (Q 3,7-9)
3.1.1 Johannes und der Kommende (Q 3,16b-17)
3.2 Täuferanfrage und Antwort Jesu (Q 7,18-23)
3.3 Jesu Zeugnis über Johannes den Täufer (Q 7,24-28)
3.3.1 Die Bedeutung des „Stürmerspruches“ (Q 16,16)
3.4 Gleichnis von den spielenden Kindern (Q 7,31-35)

4. Der geschichtliche Ort der „Logienquelle“; ein Lokalisierungsversuch

5. Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Problemskizze

Eine Seminararbeit, die sich einem der herausragenden Charaktere des Neuen Testaments widmet, steht am Anfang vor im wesentlichen zwei Überlegungen: innerhalb welcher Darstellung – gesetzt, es gibt derer verschiedene – nimmt der Leser die portraitierte Figur aus welchen Gründen wahr und wodurch ragt sie generell und im allgemeinen aus ihrem Kontext heraus. Bei der Frage nach der Darstellung hat es sich diese Arbeit zum Ziel gemacht, das Bild Johannes des Täufers aus der landläufig „Logienquelle“ oder „Spruchquelle“ genannten, bis dato allerdings noch nicht erwiesenen Q-Hypothese herauszuarbeiten, um es anhand der oben formulierten Herangehensweise aus zweierlei Richtungen zu befragen: auf welchem Fundament steht die sogenannte „Logienquelle“ und worin liegen die bis heute begründeten Zweifel an ihrer Voraussetzung? Denn es ist keineswegs so, wie der Erlanger Neutestamentler P. Pilhofer in seinem Repetitorium – sicherlich stark verkürzt – gleich im ersten Satz seiner Darstellung den Studierenden Glauben machen will: „Wenige Probleme der neutestamentlichen Wissenschaft sind in so überzeugender Weise gelöst worden wie die synoptische Frage“1. Vielmehr muß man – zumal aus der Sicht eines am Beginn seiner neutestamentlichen Studien Stehenden – Pilhofer schon nach einer kursorischen Sichtung der gegenwärtigen Forschungsliteratur wenigstens die Ermunterung M.S. Goodacres entgegenhalten, daß aus seiner Sicht “Students who were introduced to Q at an early stage in their university education might enjoy hearing news of a different view. The brighter students, those with inquiring minds, will no doubt enjoy examining the evidence to see whether the Q hypotheses is indeed the best opinion, or whether this might be an occasion for using Occam's Razor“2.

Also wird sich diese Arbeit darum bemühen, im Spannungsbogen Pilhofer – Goodacre auf der anderen Seite ein möglichst genaues Bild des jüdisch-christlichen Propheten par excellence mit „für die Entstehung des Christentums [...] entscheidender Bedeutung“3 zu zeichnen, um Johannes dem Täufer, in dem die Kirche vielleicht sogar das personifizierte Kontinuum von Altem und Neuen Testament erblicken kann, „in bei Matthäus und Lukas sich über Markus hinaus gleichenden Darstellungen (genannt „Q“)“4 gerecht zu werden. Denn es muß bei aller Kritik an „Q“ wunder nehmen, wie wichtig den beiden Evangelisten diese Tradition war, so daß sie sich vielleicht unerwartet stark bei sowohl Mt als auch Lk mit frappierenden Ähnlichkeiten niederschlägt. Daß dies kein Zufall sein kann und also einer genauen Betrachtung bedarf, soll die hermeneutische Grundlage und Prämisse dieser Arbeit sein.

2. Die Zweiquellen-Theorie

Das Markstück der Zweiquellen-Theorie ist die Voraussetzung, daß Matthäus und Lukas auf der Grundlage des Markusevangeliums, also ausgehend von markinischem Rahmen und markinischer Christologie, ihre Evangelien schrieben. Darüber hinaus finden sich allerdings bei Mt und Lk einzelne Passagen oder gar ganze Komplexe, die einander sprachlich und somit inhaltlich stark gleichen und sich nicht oder zumindest nicht in entsprechender Form bei Markus finden lassen. Daraus ergab sich in der neutestamentlichen Forschung die Ansicht, daß beiden Evangelisten eine weitere Quelle vorliegen mußte, die, da sich unter diesem Gesichtspunkt bei beiden mit Ausnahme zweier narrativer Komplexe vorwiegend Reden finden, eine Sammlung von vielleicht aramäischen und später griechisch redigierten Sprüchen aus der Zeit vor dem Jüdischen Krieg enthalten haben soll5. Abgeleitet vom griechischen Begriff „logia“ für „Sprüche“ oder „Reden“ wurde diese Quelle von vielen Forschern „Logienquelle“ genannt6 und konventionell mit „Q“ bezeichnet. D. Zeller gibt für diese Entstehungsgeschichte der synoptischen Evangelien in seinem „Kommentar zur Logienquelle“ eine übersichtliche Graphik, anhand derer die Zweiquellen-Theorie sehr gut nachzuvollziehen ist7 :

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. l: Modell der Zweiquellen-Theorie nach D. Zeller

Einen sehr einfachen Grund für das Zustandekommen zweier Ur-Zeugnisse (Markusevangelium und „Logienquelle“) bietet J.M. Robinson, indem er erklärt, „dass es in der Urgemeinde von Anfang an zwei unterschiedliche 'Konfessionen' gab – und jede hatte ihr eigenes Evangelium. [… In der] heidenchristlichen Kirche wurden die vorhandenen Tradition über Jesus aufgezeichnet und so entstand das Markusevangelium als ein heidenchristliches Evangelium […]. Die judenchristliche Kirche andererseits war von den Jüngern Jesu gegründet worden, die sämtlich Juden waren und die nach dem Tod Jesu seine Worte weiter verkündigten. Daraus entstanden kleine Sammlungen von Jesusworten, [...] das Spruchevangelium Q“8. Eine geschichtliche Lokalisierung der „Logienquelle“ ist indes nicht so einfach vorzunehmen, da „Q“ weiterhin hypothetisch bleibt und sich insofern – gegen Bischof Papias von Hierapolis – schon die Verfasserfrage erübrigt, „[d]enn die immer wieder wiederholte Annahme, der Apostel Matthäus sei der Verf. gewesen, beruht ausschließlich auf Schleiermachers problematischer Deutung des Papiaszeugnisses über Mt“9.

2.1 Forschungsgeschichtlicher Überblick zur Entstehung der Q-Hypothese

Wie Ch. Heil zusammenfasst10, entwickelte sich die Zweiquellen-Theorie seit 1835 nach Beobachtungen des Philologen K. Lachmann, der ausgehend von einer Priorität des Markusevangeliums die Vorarbeit für den Philosophen C.H. Weiße und dessen Vermutung einer zweiten, in Mt und Lk verarbeiteten Quelle neben Mk schuf. Diese wurde – allerdings als „kreativer Irrtum“11 – bis ins 20. Jh hinein infolge eines ausgewerteten Papias-Fragmentes aus dem 2. Jh. als eine hinter dieser Quelle stehende „Sammlung von aramäischen Jesus-Aussprüchen“12 betrachtet. Als Siglum für diese vermuteten „logia“ wurde zunächst H.J. Holtzmanns Vorschlag K verwendet, bis sich nach J. Weiß', dem ersten, der 1890 „das Siglum 'Q' für die 'zweite Quelle'“13 verwendete, 1899 die von P. Wernle „in seinem Buch Die synoptische Frage die heutige Konvention: 'Die – hypothetische – Quelle sei mit Q bezeichnet'“14 durchsetzte.

Der Durchbruch der Zweiquelle-Theorie ist nicht zuletzt ebenso H.J. Holtzmann zu verdanken. Er vermutete ausgehend vom Lukasprolog (Lk 1,1-4) die Existenz mehrerer Quellenschriften als lukanische Vorlage, zu denen er das Markus- sowie das Matthäusevangelium zählte, welche nach seiner Ansicht „dem Lukas zwar bekannt waren, von ihm aber nicht (oder nur in sehr eingeschränktem Maße) als Quellen benutzt wurden. Lukas habe, wie seine Vorgänger, auf die Paradosis der Augenzeugen zurückgegriffen (Lk 1,2). Zu dieser gehörten Holzmann zufolge die beiden Quellenschriften A (Urmarkus) und K (Logienquelle)“15. Als Arbeitsgrundlage dieser Hypothese rekonstruierte A.v. Harnack im Jahre 1907 die „Logienquelle“ und kam nach „W. Wredes 1901 veröffentlichtem Buch Das Messiasgeheimnis in den Evangelien16 zu der bahnbrechenden Einsicht, „Q“ enthalte „das 'Wesen des Christentums'“17. Wrede postulierte die These, daß Mk keinen ursprünglichen Zugang zu historischen Jesusworten und mithin zur historischen Person Jesu von Nazaret eröffne, worauf im Gegensatz zu Wrede „vor allem J. Wellhausen in seiner Einleitung in die drei ersten Evangelien (1905, 21911) für die Priorität des Markus“18 mit Fokus auf Christologie und Kerygma der Logienquelle plädierte.

Entgegen der v.a. deutschen und britischen Exegese der ersten Hälfte des 20. Jh. setzte sich dann seit der 1959 erschienen Dissertation „von H.E. Tödt: Der Menschensohn in der synoptischen Überlieferung [...] die Erkenntnis durch, dass Q einen eigenen kerygmatischen Entwurf voraussetzt [...] und […] den Zugang zu Geschichte und Theologie der frühen palästinischen Jesus- Bewegung“19 ermöglicht. Die Folge dieser „Erkenntnis“ war die Erkundung „von Tradition und Redaktion in Q selbst“20 sowie die Vermutung eines deuteronomistischen Geschichtsbildes hinter Q, für welche vor allem O.H. Stecks Dissertation aus dem Jahre 1965 verantwortlich zeichnet. Die „Q bestimmende theologische Konzeption, ihre soziohistorische Verortung und ihre Stellung innerhalb der Frühgeschichte des Christentums“21 stellen seither die neuesten forschungsgeschichtlichen Interessen dar. Kulminationspunkt der Q-Forschung ist das „International Q Project“, das, wie folgendes Zitat indirekt nahelegt, jedoch keineswegs fernab von Kritik existiert und arbeitet: „Um das Spruchevangelium Q unter Berücksichtigung der umfangreichen Forschungsliteratur bezüglich jeder Variante zwischen Matthäus und Lukas zu rekonstruieren, gründete J.M. Robinson 1989 das International Q Project . […] Durch die forschungsgeschichtlich wie argumentativ überaus intensive wie extensive Rekonstruktion des IQP kann man nicht mehr davon reden, die Q-Rekonstruktion stehe auf literarkritisch relativ unsicheren Beinen“22.

2.2 Profil der „Logienquelle Q“

Wie oben schon angeklungen, wird in der Forschung neuerdings davon ausgegangen, es handle sich bei „Q“ um eine Quelle mit eigenständigem theologischen Profil23. Bei der näheren Bestimmung dieser Theologie ergeben sich allerdings einige Schwierigkeiten. W.G. Kümmel weist in seiner Einleitung in das Neue Testament zurecht darauf hin, daß allein die Rekonstruktion die notwendig begrenzte Grundlage von Vermutungen über das vollständige Profil der „Logienquelle Q“ bietet, denn „wenn wir die Existenz von Q nur aus dem Zusammentreffen von Mt und Lk in Stoffen, die Mk nicht hat, erschließen können, so kann als zu Q gehörig nur nachgewiesen werden, was im Wortlaut weitgehend übereinstimmt“24.

Neben der Schwierigkeit, daß „die Logienquelle wenig vom Wirken des irdischen Jesus , wie es später die Evangelien darstellen, von Kindheitsgeschichten gar nicht zu reden“25, berichtet, herrscht bis heute eine wesentliche Unklarheit über die Frage, ob die „Logienquelle“ ein Passionskerygma – sei es selbstständig (so in logischer Konsequenz nach H.E. Tödt) oder paulinisch vorgeformt (so W.G. Kümmel) – voraussetzt, da sie keine Leidensankündigung aufzuweisen scheint. Kümmel zufolge „muß man bedenken, daß in der palästinischen Gemeinde, in der Q entstanden sein muß [...], schon sehr früh das von Paulus wiedergegebene Passionskerygma 1 Kor 15,3 ff formuliert worden ist, das die Heilsbedeutung des Todes Jesu bezeugt. Dann kann auch die Sammlung der Worte Jesu nicht unter bewußtem Absehen von diesem grundlegenden Bekenntnis geschehen sein (vgl. auch 1 Kor 11,25)“26. Es wäre noch zu prüfen, wie zwingend die Vermutung ist, „Q“ setze das paulinische Kerygma voraus. In der Tat würde eine wann auch immer nach Jesu Tod abgefasste Sammlung von Jesusworten, die dem Ostergeschehen keine Bedeutung zumisst, schon bei der Frage nach ihrem Abfassungszweck ihre Existenzmöglichkeit in Frage gestellt sehen, da eine wie auch immer gearteter Jesusbewegung ohne Christusglaube mitsamt Auferstehung keinen fruchtbaren Nährboden für eine nennenswerte Anhängerschaft aufzuweisen hätte. Es erscheint insgesamt zu wenig stichhaltig, wenn - wie Kümmel etwas sperrig argumentiert – „die Quelle Q ihre Entstehung [auf alle Fälle aber] dem Bedürfnis der vom Judentum sich sondernden christlichen Gemeinde [verdankt], sich durch den Rückgriff auf die überlieferten Worte des auferstandenen Jesus den Glauben an das Gekommensein und die erwartete Vollendung des Gottesreichs stärken und für das Leben in der Gegenwart und damit auch für die Verkündigung Weisungen geben zu lassen27 “, ohne diesen „auferstandenen Jesus“ als Voraussetzung ihres Glaubens zu benennen – was ja Kümmels hypothetische Prämisse sein muß. Immerhin bemühen sich P. Pokorný und U. Heckel, diesem Fehlen eines Passionskerygmas einen positiven Unterton zu geben, wenn die „Beziehung zur Person Jesu [...] jedoch entscheidende Konsequenzen für die Hoffnung, dass Blinde sehen, Lahme gehen und Tote auferstehen werden (7,22f. Q)“28 haben soll. H. Conzelmann und A. Lindemann verweisen mit Lk 13,34f darauf, daß man trotz fehlender Passion nicht darauf schließen kann, „Q kenne das Passionskerygma gar nicht“29. Auch D. Zeller findet mit Verweis auf eben jene Stelle Lk 13,35 ein Indiz für ein eigenständiges Kerygma, will sich aber nicht genauer festlegen und sieht im Wesentlichen eine Passionstheologie nach paulinischem Zuschnitt als unwahrscheinlich an: „In Q wird der Tod Jesu nur einmal als Entschwinden angedeutet (Lk 13,35); er ist nicht als Sühnesterben verstanden, die Vergebung Gottes braucht nicht erst durch ihn erwirkt zu werden“30.

Letztlich ist die Frage nach einem vorausgesetzten Kerygma die Frage nach einer konkreten Gattungsbestimmung, die sich überdies auch nicht gerade einfach ausnimmt. Wenn zunächst schon strittig ist, ob „Q eine Gattung ' sui generis ' [...], ein 'gattungsgeschichtliches Patch-work', oder [...] eine 'Spruchsammlung', ein 'Testament', ein 'Testimonium', ein þt’oç, ein 'Halbevangelium' oder gar ein 'Evangelium'“31 sei und sich schon in der Namensgebung dieser hypothetischen Quelle im Spektrum von „Spruchquelle“ bis „Redenquelle“ alle denkbaren Formen finden lassen32, so spitzt sich die Debatte vollends über der Kerygma-Vermutung zu. J.M. Robinson und andere Vertreter der Q-Hypothese sehen nicht nur in Q ein Kerygma oder allein dessen Ausführung – Ch. Heil verwendet den Begriff „Appendix“ – , sondern betrachten Q selbst als Kerygma und bezeichnen Q konsequent als „Evangelium“. Daneben haben sich u.a. „F. Neirynck und E. Ettl gegen die Klassifizierung von Q als 'Evangelium“ ausgesprochen: Q habe keinen Passionsbericht und biete auch keinen Hinweis darauf, daß dem Tod Jesu eine besondere erlösende Bedeutung zukomme; das paulinische 'Kerygma' fehle also“33. Heil bemüht sich um eine versöhnende Begriffsfindung mittels des Kompromisses „Spruch-Evangelium“, indem er die Kritik ernst nimmt und einräumt, „daß Q natürlich kein 'Evangelium' wie das narrative Markusevangelium ist; die nähere Bestimmung als Spruch -Evangelium macht deutlich, daß Q eine 'Vorform der Gattung >Evangeliumsschrift<' darstellt“34. P. Pokorný und U. Heckel sehen die Gattungsfrage forschungsgeschichtlich in der Schwebe zwischen weisheitlich auf der einen und prophetisch auf der anderen Seite und optieren schließlich für eine gemäßigt-weisheitliche Gattung35.

Andere, v.a. theologische, Charakteristika der „Logienquelle“ sind dagegen relativ einheitlich bestimmbar36 : Jesu Auftreten ist nur nach der deuteronomistischen Gerichtspredigt Johannes des Täufers zu verstehen, und zwar als Erfüllung prophetischer Erwartungen; die Darstellung des Heils geschieht mit Blick auf Israel, wenngleich auch ein Seitenblick auf die Heiden geworfen wird. Es hat seine entscheidende Zielführung im Reich Gottes, das bei Jesus im Unterschied zur Gerichtspredigt des Täufers positiv gezeichnet und im Jüngerkreis als Ideal schon immanent vorweggenommen ist; weiterhin ist die Logienquelle wesentlich jüdisch geprägt und richtet sich an jüdische Leser, denen auch Jesu und des Täufers Erscheinen als Kinder der Weisheit und jüdisch- apokalyptische Grundtöne nicht fremd anmuten; schließlich zeichnet die Logienquelle vor dem Hintergrund des alles bestimmenden Reiches Gottes eine supra-ethische Lebensanschauung, die in konkreten Erfahrungen wurzelt und eben „nicht moralistisch“37 verstanden sein will. Darüber hinaus gilt als gesichert, daß die Logienquelle im Grunde, d.h. im von evtl. redaktionellen Einflüssen unberührten Kernbestand, paränetischen Charakter hat38.

2.3 Kritik an der Existenzvermutung einer „Logienquelle“

Der Gang durch die Entstehungsgeschichte der Q-Hypothese und der Versuch einer Profilbenennung der „Logienquelle“ haben schon angedeutet, daß die Q-Forschung auf einem immer stärker untergrabenen Boden steht – mit wie sicheren Füßen, kann diese Arbeit nicht erweisen, wohl aber alternative Ansätze sammeln und zu bewerten versuchen. Das Bemühen der Forscher um die Wende des 19. Jh. (aber auch noch heutzutage), einen direkten Zugang zum historischen Jesus zu finden, ist verständlich, und die darin ausgedrückte Sehnsucht nach einer verifizierbaren und jeglichen kritischen Rückfragen an das Christentum standhaltenden Grundfeste des Glaubens mag ein nachvollziehbarer Drang sein. Zuweilen drängt sich dem – soweit möglich – unvoreingenommen Betrachter der oben gezeichneten Forschungsgeschichte allerdings der Eindruck auf, die Mündung dieser Sehnsucht in der „Logienquelle“ sei zum wissenschaftlich schwer hinterfragbaren Selbstläufer geworden, also gewissermaßen selbst Konvention. Beschäftigt man sich etwas eingehender mit den Gründungsvätern des IQP, bestätigt sich der Verdacht auf einen wissenschaftlichen Selbstläufer: obgleich als Quelle nicht erwiesen, gibt kein geringerer als J.M. Robinson der „Logienquelle“ das Prädikat „Primärquelle für Jesu Evangelium“39, denn „das rekonstruierte Spruchevangelium Q [ist] die beste Quelle, die es heute gibt, um zu dem zurück zu gelangen, was Jesus tatsächlich zu sagen hatte, [und folglich] auch die beste Quelle, um zu verstehen, wie Jesus sein Verhalten begriff, worauf es ihm bei seinen Taten ankam“40.

[...]


1 P. Pilhofer, Repetitorium, 1; nach ihm habe „sich die sogenannte Zweiquellentheorie heute so gut wie vollständig durchgesetzt“.

2 M. S. Goodacre, Case, 18.

3 U. B. Müller, Johannes, 9.

4 Vgl. den Titel dieser Seminararbeit.

5 Vgl. P. Pokorný / U. Heckel, Einleitung, 342.

6 Vgl. D. Zeller, Kommentar, 12f.

7 A.a.O., 14.; vgl. auch die Legende der Abbildung 14f.

8 J.M. Robinson, Jesus, 24; 26.

9 W.G. Kümmel, Einleitung, 43.

10 Für das Folgende vgl. P. Hoffmann / Ch. Heil, Spruchquelle, 11-14.

11 P. Hoffmann / Ch. Heil, Spruchquelle, 12.

12 A.a.O., 11.

13 A.a.O., 12.

14 Ebd.; kursive Hervorhebung der jeweiligen Titel hier und im Folgenden von Ch. Heil; vgl. zur Problematik der Bezeichnung auch Ch. Heil, Lukas, 214, wo zurecht darauf hingewiesen wird, daß trotz des durch das Siglum Q erweckten Eindruckes, die „Logienquelle“ sei tatsächlich gefunden worden, das Siglum nicht notwendig umbenannt, wohl aber die Bezeichnung „Quelle“ vermieden werden müsse.

15 A.D. Baum, Faktor, 83.

16 P. Hoffmann / Ch. Heil, Spruchquelle, 12.

17 Ebd.

18 A.a.O., 12f.

19 A.a.O., 13.

20 Ebd.

21 A.a.O. 14.

22 Ch. Heil, Lukas, 8.

23 P. Hoffmann / Ch. Heil, Spruchquelle, 23.

24 W.G. Kümmel, Einleitung, 41.

25 D. Zeller, Kommentar, 96; kursive Hervorhebung von D. Zeller.

26 A.a.O., 46.

27 A.a.O., 47.

28 P. Pokorný / U. Heckel, Einleitung, 345.

29 H. Conzelmann / A. Lindemann, Arbeitsbuch, 81.

30 D. Zeller, Kommentar, 97.

31 Ch. Heil, Lukas, 214.

32 Vgl. ebd.

33 Vgl. a.a.O., 215f.

34 A.a.O., 218.

35 Vgl. P. Pokorný / U. Heckel, Einleitung, 343.

36 Vgl. für das Folgende P. Pokorný / U. Heckel, Einleitung, 345.

37 Ebd.

38 Vgl. D. Zeller, Kommentar, 98.

39 J.M. Robinson, Jesus, 27.

40 Ebd.

Details

Seiten
32
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640779482
ISBN (Buch)
9783640779604
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163315
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Neutestamentliche Wissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Johannes der Täufer Logienquelle Spruchquelle Redenquelle

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Johannes der Täufer in der "Logienquelle"