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Kulturpolitische Entwicklungslinien in Nachkriegs(west-)deutschland

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 34 Seiten

Medien / Kommunikation - Medienökonomie, -management

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entwicklungslinien der Kulturpolitik
2.1 Erhalt und Wiederherstellung des kulturellen Erbes
2.2 Kultur für alle
2.3 Kulturmarketing
2.4 Bündelung der Bundeskulturpolitik

3. Zukunftstendenzen
3.1 U + E-Kultur = Integrationskultur
3.2 Demographischer Wandel
3.2.1 Sinkende Bevölkerungszahlen
3.2.2 Steigendes Alter der Bevölkerung
3.2.3 Binnenwanderung innerhalb des Landes
3.2.4 Bedeutung der Bevölkerung mit Migrationshintergrund

4. Fazit

5. Ausblick

6. Literatur

1. Einleitung

Wirtschaftspolitik bemüht sich darum, die Wirtschaft zum Florieren zu bringen, Finanzpolitik kümmert sich um das Füllen öffentlicher Kassen, Verteidigungspolitik beinhaltet die Bemühungen eines Staates zum Schutz seiner äußeren Sicherheit – doch mit was beschäftigt sich Kulturpolitik? „Offenbar muss es sich um Kultur handeln“ (Fuchs 2003: 15). Der diesem Antwortversuch von Max Fuchs latent mitschwingende zynische Unterton verdeutlicht die Schwierigkeiten, die mit der Suche nach einer allgemeingültigen Definition des Begriffs „Kulturpolitik“ verbunden sind. Denn das Wesen der „Kulturpolitik“ ist zu jeder Zeit von dem herrschenden Kulturbegriff bestimmt worden. Der Begriff „Kultur“ ist aber schwierig zu fassen – er kann in einem weiteren Verständnis jegliche Form gesellschaftlicher Beziehungen umfassen und er befindet sich in stetigem Wandel.[1] Ohne auf die Vielfalt der verschiedenen Kulturbegriffe eingehen zu wollen, lässt sich Kulturpolitik vielleicht am einfachsten damit umschreiben, dass man betrachtet, worum sie sich „kümmert“. Dabei handelt es sich offenbar primär um den Bereich der traditionellen Künste (bildende Kunst, darstellende Kunst, Musik, Literatur). Kulturpolitik umfasst politische Aktivitäten, die der Förderung (Bildung, Ausbildung, Verbreitung) und Erhaltung von kulturellen Gütern und Leistungen (z.B. Denkmalschutz) und der Sicherung der künstlerischen Rechte (z.B. geistiges Eigentum, Verwertungsrechte) dienen (Vgl.: Schubert/Klein 2008; Klein 20052: 60ff.; Fuchs 2004: 34f.).[2] Aber Kulturpolitik ist auch Gesellschaftspolitik. Einerseits reagiert sie auf alle Probleme und Entwicklungstrends, die eine moderne Gesellschaft berühren. Andererseits bestimmt sie mit ihrer Definition von Zielen sowie mit dem Setzen personeller, organisatorischer und finanzieller Rahmenbedingungen für Kultur ganz entscheidend (nicht nur) die kulturelle Entwicklung einer Gesellschaft mit (Vgl.: Fuchs 2003: 15; Scheytt 2003a, b: 8; Heinrichs 19992: 85).

Seit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1949 lassen sich, eng mit gesellschaftlichen Entwicklungen verknüpft, verschiedene kulturpolitische Entwicklungslinien unterscheiden, die zu ihren jeweiligen Zeiten zu unterschiedlichen Kulturbegriffen sowie -konzepten, unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen und Zielen sowie zu unterschiedlichen Ergebnissen geführt haben. Nimmt man eine solche Typologisierung in Form von Phasen der Kulturpolitik vor, muss man sich der Tatsache bewusst sein, dass ihrer Aussagefähigkeit Grenzen gesetzt sind. Diese liegen unter anderem darin, dass sich mit dieser Methode zwar sehr gut dominante Kultur- und Kulturpolitikkonzepte rekonstruieren lassen, es aber auch zu jeder Zeit Strömungen gab, die sich für die Durchsetzung anderer Konzepte einsetzten, aber in einer solchen Typologisierung unbeachtet bleiben. Auch wenn in den Phasen inhaltliche Ziele für die Kulturpolitik formuliert wurden, heißt das nicht, dass diese auch tatsächlich flächendeckend umgesetzt wurden. Zudem sind die Phasen nicht in direkter gegenseitiger Ablösung zu verstehen. Vielmehr überschneiden sie sich zeitlich und wirken bezüglich ihrer Zielsetzungen und deren Umsetzung bis heute fort. Der derzeitige Ist-Zustand der Kulturpolitik und damit auch des ganzen Kulturbereichs (mit Einfluss auf die gesamte Gesellschaft) ist immer ein Produkt der vorherigen Phasen der Kulturpolitik und deren (teil-)umgesetzter Ziele. Trotz der Schwierigkeiten, mit der eine solche Typologisierung behaftet ist, lohnt es sich, eine solche vorzunehmen – einerseits, um die verschiedenen sich vielfältig überlagernden Motive aus verschiedenen Zeiten auseinander halten zu können, andererseits, um den derzeitigen Ist-Zustand sowie gegenwärtige Trends besser verstehen und einordnen zu können (siehe hierzu bspw. Schulze 20052: 501; Fuchs 2007: 36).

Ziel dieser Arbeit ist es, die wichtigsten Phasen der Kulturpolitik in Nachkriegs(west-)deutsch-land zu erläutern, aktuelle Trends und Positionen darzulegen und einen Ausblick auf zukünftige Kulturpolitik zu geben. Die Arbeit teilt sich zur Bearbeitung dieser Themenstellung in zwei inhaltliche Abschnitte: Im ersten Abschnitt (Kapitel 2) werden zunächst die bedeutendsten Phasen der Kulturpolitik von 1949 bis heute beschrieben: 1. „Erhalt und Wiederherstellung des kulturellen Erbes“ (50er Jahre bis Mitte der 60er Jahre), 2. „Kultur für alle“ (Mitte der 60er bis Mitte der 80er Jahre), 3. „Kulturmarketing“ (Mitte der 80er bis Ende der 90er Jahre) und 4. „Bündelung der Bundeskulturpolitik“ (Ende der 90er Jahre bis heute).[3] Im zweiten Abschnitt der Arbeit (Kapitel 3) werden dann gesellschaftliche Entwicklungen beschrieben, von denen auszugehen ist, dass sie sich in zukünftiger Kulturpolitik widerspiegeln werden: Das Aufeinanderzubewegen von „Unterhaltungskultur“ und „ernsthafter Kultur“ (U- und E-Kultur) sowie der demographische Wandel. Eine zusammenfassende Schlussbetrachtung (Kapitel 4) und ein Ausblick auf zukünftige Kulturpolitik (Kapitel 5) schließen die Arbeit ab.

2. Entwicklungslinien der Kulturpolitik

2.1 Erhalt und Wiederherstellung des kulturellen Erbes

Um nachvollziehen zu können, unter welchen Bedingungen sich Kulturpolitik in der Aufbauphase der Bundesrepublik Deutschland entwickelte und im weiteren Verlauf wandelte, ist zunächst ein Blick auf die Vergangenheit und die sich daraus entwickelnden historischen Konstellationen erforderlich. Die spätere Bundesrepublik war nach dem zweiten Weltkrieg ein von alliierten Besatzungsmächten (Amerika, Großbritannien, Frankreich und Sowjetunion) besetztes Land, dessen Infrastruktur überwiegend zerstört war, dessen Industrie aus Rohstoff- und Personalmangel weitgehend stillstand und deren Einwohner primär die Sicherung ihrer Grundbedürfnisse bewegte. Gleichzeitig konnte man innerhalb der Bevölkerung einen „geistig-moralischen Zusammenbruch“ (Rudzio 20067: 31) ausmachen. Neben dem Nationalsozialismus waren deutsche Traditionen, die diesen ermöglicht oder zumindest nicht verhindert hatten, durch das offensichtliche Scheitern fragwürdig geworden (Vgl.: Rudzio 20067: 31).

Aus der Sicht der alliierten Besatzungsmächte stellte sich vor allem die Frage, wie man eine Wiederholung all dessen, was passiert war, bestmöglich ausschließen konnte. Der von ihnen gebildete Viermächte-Kontrollrat erwies sich aufgrund von Meinungsverschiedenheiten zwischen den Besatzungsmächten allerdings bald als handlungsunfähig. Die Lösung für die westlichen Besatzungszonen (Amerika, Frankreich, Großbritannien) bestand nach eingehender Prüfung verschiedener Optionen im Aufbau einer lebensfähigen Demokratie und letztlich der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, in der die staatliche Ordnung durch eine zunächst provisorische Verfassung, dem Grundgesetz, geregelt werden sollte (Vgl.: Rudzio 20067: 31ff.). Auflage der Alliierten für die Staatsgründung war hierbei unter anderem, die neue Bundesrepublik als einen föderalistischen Staat aufzubauen, um durch die Verteilung von Macht auf verschiedene Ebenen die noch junge Demokratie zu stützen, den Frieden zu sichern und damit auch den Bedürfnissen der europäischen Nachbarn nach Sicherheit zu entsprechen (Vgl.: Rudzio 20067: 42, 303). Die Folge war neben einer horizontalen Gewaltenteilung zwischen Legislative, Exekutive und Judikative (Art. 20 Abs. 3 GG) eine in Art. 28 und 30 GG festgelegte vertikale Form der Gewaltenteilung zwischen staatlicher Gewalt und kommunaler Selbstverwaltung (Vgl.: Rudzio 20067: 304ff.; Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland 200657: 36f., 40, 43). Fast parallel hierzu entstand mit der Gründung der „Deutschen demokratischen Republik“ in der sowjetischen Besatzungszone ein zweiter deutscher (sozialistischer) Staat, der sich dem Einfluss der westdeutschen Politik – entsprechend auch der westdeutschen Kulturpolitik – entzog (Vgl.: Rudzio 20067: 15).[4]

Mit der Erfahrung, dass in der Zeit des Nationalsozialismus auch Kunst und Kultur systematisch zu Propagandazwecken staatlich instrumentalisiert und missbraucht wurden, stand man in der neugegründeten Bundesrepublik einer zentral gesteuerten Kulturpolitik eher kritisch gegenüber (Vgl.: Klein 20052: 73f.; Singer 2003: 14). Entsprechend wurde Kulturpolitik im Rahmen des föderalen Aufbaus der Bundesrepublik im Grundgesetz explizit dezentralisiert, sprich: die Kulturhoheit den Bundesländern[5] zugesprochen und die Zuständigkeit des Bundes auf ein Minimum festgeschrieben (Vgl. Rudzio 20067: 316, Klein 20052: 74).[6] Die Bundesländer wiederum delegierten die Kulturpolitik (mit Ausnahme der Schulpolitik) größtenteils an die Städte und Gemeinden, welche die im Krieg zerstörten Kulturinstitutionen wie Theater, Museen, Archive oder Bibliotheken wieder aufbauten (Vgl.: Singer 2003: 14).[7] Da während des Nationalsozialismus die Kunstfreiheit stark eingeschränkt wurde (siehe bspw. die Bücherverbrennung 1933, das Berufsverbot für Künstler oder das Diffamieren von "entarteter Kunst")[8], wurde im Art. 5, Abs. 3 des Grundgesetzes auch die „Kunstfreiheitsgarantie“ („Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei“) festgeschrieben (Vgl.: Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland 200657: 26f.). Dies wird vor allem als Abwehrrecht, als Schutz der Künstler vor staatlichen Eingriffen interpretiert (Vgl.: Klein 20052: 74, 80).

Da die gesellschaftspolitischen Schwerpunkte zu dieser Zeit auf der Wirtschaftspolitik, auf der Konzentration auf das „Deutsche Wirtschaftswunder“ und auf einer Verbesserung des Lebensstandards der Menschen lagen[9], blieb Kulturpolitik, nachdem die Wiederherstellung der kulturellen Infrastruktur weitgehend abgeschlossen war (50er bis Mitte der 60er Jahre), zunächst auf die Sicherung, Verwaltung, Pflege und Förderung der traditionellen Kunstformen und Kulturinstitutionen beschränkt (Vgl.: Schulze 20052: 499; Singer 2003: 14; Heinrichs 19992: 83). Sie orientierte sich dabei an den „ästhetischen Vorstellungen des bürgerlichen Zeitalters“ (Schulze 20052: 499) mit dem Ziel den Bestand der Hochkultur – das kulturelle Erbe – zu erhalten und zu sichern (Vgl.: Scheytt 2006a: 29; Schulze 20052: 499). Als kennzeichnendes Leitmotiv der Kulturpolitik in jener Zeit werden entsprechend das der „Kulturpflege“ (Scheytt 2006a: 29; Singer 2003: 14; Heinrichs 19992: 83) oder das „Hochkulturmotiv“ (Schulze 20052: 499) genannt. Debatten, die sich auf eventuelle neue Formen und Inhalte von Kulturpolitik bezogen, waren nur schwach ausgeprägt und eine kritische Auseinandersetzung über die Rolle der Künste und der Kultur fand zu dieser Zeit nicht statt. (Vgl.: Singer 2003: 14).

Die beginnende Wiederherstellung von Kulturinstitutionen fand parallel zu einem Prozess der Modernisierung der Ökonomie und der Gesellschaft statt. Die Jahre des Wiederaufbaus lagen nun einige Zeit zurück und großen Teilen der Bevölkerung ging es finanziell besser als je zuvor. Gestiegene Löhne, ein breites Konsumangebot, das Beziehen neuer Wohnungen, die beginnende Massenmotorisierung, die ersten Reisen ins Ausland und die Entwicklung des Fernsehens zum Massenmedium prägten die Zeit. Mit einer Arbeitslosenquote von unter 1% wurde in den 60er Jahren in Deutschland der Zustand der „Vollbeschäftigung“ erreicht, so dass ein Mangel an Arbeitnehmern für gering qualifizierte Tätigkeiten zunehmend mit einer Anwerbung von Arbeitskräften aus (zunächst) südeuropäischen Ländern kompensiert werden musste (Gastarbeiter). Das Zusammenspiel von sozialer Marktwirtschaft, der Westintegration Deutschlands und von demokratischer Ordnung wurde in Zeiten günstiger weltwirtschaftlicher Bedingungen auch im Bewusstsein der Bevölkerung zum Erfolgsmodell (Vgl.: Schildt 1999: 23f., 28f.).

In den 50er Jahren gab es zunächst nur wenige konzeptionelle Überlegungen bezüglich der Ausgestaltung von Kulturpolitik. Ein thematischer, von den politischen Parteien getragener Diskurs fand nicht statt. Als sich die Bundesrepublik Mitte der 50er Jahre zunehmend an kulturpolitischen Debatten internationaler Organisationen beteiligte, wurde dieses Defizit immer deutlicher. Im Zuge dessen wurden zunehmend konzeptionelle Neuerungen verlangt. Kritisiert wurde nun auch die Schwerpunktlegung auf Hochkultur. Stattdessen wurde „eine Korrektur der einseitigen Selbstpräsentation, die nur wenig Austausch ermöglichte und auf kulturpolitische Kooperationen weitgehend verzichtete“ (Singer 2003: 15), gefordert. Im Bundestag fanden zu dieser Zeit die ersten großen parlamentarischen Kulturdebatten statt. Ein viel diskutiertes Thema war hierbei unter anderem eine Abstimmung der Kompetenzen von Bund und Ländern in Kultur- und Bildungsfragen und die Frage, wie man die Kompetenzen auf Bundesebene besser bündeln könne (Vgl.: Singer 2003: 15f.).

Im Jahr 1957 wurde gemeinsam von Bund und Bundesländern die rechtsfähige Stiftung öffentlichen Rechts „Stiftung Preußischer Kulturbesitz“ mit Sitz in Berlin gegründet. Auf die Stiftung gingen alle Gegenstände über, die zum Eigentum und zu sonstigen Vermögensrechten des ehemaligen, im Jahr 1947 aufgelösten, Landes Preußen gehörten und die bis zum 09. Mai 1945 im Amtsbereich des Reichs- und Preußischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung oder im Amtsbereich des Preußischen Ministerpräsidenten verwaltet wurden. Dies galt für alle Gegenstände, die als Kulturgüter zu bezeichnen waren wie bspw. Archiv-, Bibliotheks-, Museumsbestände, Kunst- oder wissenschaftliche Sammlungen oder Grundstücke zur Unterbringung dieser Kulturgüter (Vgl.: Stiftung Preußischer Kulturbesitz 2008a, b, c; Klein 20052: 117).[10] Der Stiftungszweck liegt bis heute im Sinne des damaligen kulturpolitischen Leitmotivs. Laut §3 des Stiftungsgesetzes besteht er darin, die ihr übertragenen Güter „für das deutsche Volk zu bewahren, zu pflegen und zu ergänzen, unter Beachtung der Tradition des sinnvollen Zusammenhangs der Sammlungen zu erhalten und eine Auswertung dieses Kulturgutes für die Interessen der Allgemeinheit in Wissenschaft und Bildung und für den Kulturaustausch zwischen den Völkern zu gewährleisten“ (Bundesministerium der Justiz 2008) (Vgl.: Stiftung Preußischer Kulturbesitz 2008a, b, c; Klein 20052: 118f.).

Mit der gestiegenen Prosperität der Bevölkerung rückte die Kulturpolitik mehr und mehr in den Fokus und wurde zu einem gestaltenden Faktor und einem bedeutsamen Bereich wohlfahrtsstaatlichen Engagements (Vgl.: Singer 2003: 14f.). So trat in der Zeit der Großen Koalition (1966-1969) das Interesse an einer Neuorientierung von Kulturpolitik in thematischer, regionaler und finanzieller Hinsicht immer deutlicher hervor und es kündigte sich ein Zeitalter der Reformen an (Vgl.: Singer 2003: 16).

2.2 Kultur für alle

Infolge der gesellschaftlichen Modernisierung erweiterten sich Mitte der 60er bis in die 80er Jahre das Verständnis von und damit die Handlungsfelder für Kulturpolitik. Während Kulturpolitik bis zu dieser Zeit vorrangig Bildungspolitik betreib, wurde sie nun stärker bedürfnisorientiert gedacht und als gesellschaftlicher Faktor definiert (Vgl.: Scheytt 2006a: 29; Singer 2003: 16; Fuchs 2003: 18). Eine Ablösung von traditionellen Charaktermustern und kulturellen Verhaltensformen in der breiten Bevölkerung war die Folge. Diese gesellschaftliche Veränderung machte sich schließlich auch in der kulturpolitischen Debatte bemerkbar und mündete in einer Öffnung für neues Denken, welches zuerst in Kunst, Theater, Literatur, Kino, Musik und in den Universitäten zum Ausdruck kam und auf eine aktive Teilnahme der Menschen am öffentlichen Leben setzte (Vgl.: Singer 2003: 14f., 20). Ausgehend von der Bürger- und Jugendbewegung (die 68er-Bewegung) und dem Regierungswechsel 1969 wurde eine Entwicklung angestoßen, die dazu führte, dass die Erhaltung und Pflege des kulturellen Erbes und der Tradition schließlich zugunsten gesellschaftspolitischer Zielsetzungen ersetzt wurde. Kulturpolitik wurde nun auch definitorisch zur „Gesellschaftspolitik“.[11] Der Schwerpunkt lag nicht mehr darauf, etwas zu erhalten, sondern etwas zu erarbeiten (Vgl.: Heinrichs 19992: 83f.). Prägend für diese Zeit wurden einerseits der Leitspruch der neuen sozial-liberalen Regierungskoalition „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ (Brandt 1969) aus der Regierungserklärung des Bundeskanzlers Willy Brandts vom 28. Oktober 1969 sowie andererseits die Schlagworte „Kultur für alle (und von allen)“ (Hoffmann 1981) oder „Bürgerrecht Kultur“ (Glaser 19912: 365f.) (Vgl.: Singer 2003: 20). Die Idee dahinter war eine „Neue Kulturpolitik“, eine kompensatorische Kulturpolitik zugunsten derer, die bis dato nur bedingt Zugang zu kulturellen Angeboten hatten, sprich: Jugendliche, alte Menschen, Ausländer, Frauen, Behinderte, Alleinwohnende etc.. Dabei ging es nicht nur darum, die Zugangschancen einer Teilhabe an Hochkultur zu verbessern, sondern man forderte zudem die Gleichberechtigung alternativer Kulturformen und versuchte diese durchzusetzen (Vgl.: Singer 2003: 20; Fuchs 1996: 55).[12] Im Rahmen dessen erweiterte sich das herrschende Kulturverständnis. Es fand eine „Popularisierung der Hochkultur“ (Schulze 20052: 499) im Sinne einer „Demokratisierung von Kultur“ (Schulze 20052: 499) statt. Zudem gehörte zu „Kultur“ nun auch die „Alltagskultur“, sprich: Das alltäglich Leben der Menschen, die Art, wie man lebte, wohnte, arbeitete, seine Freizeit gestaltete oder sozial interagierte. Sie sollte möglichst vielen Menschen gleichermaßen zugänglich gemacht und Bestandteil des alltäglichen Lebens werden, statt abstrakt einen alltagsfernen Raum einzunehmen. Ziel der kulturpolitischen Bemühungen war nun nicht mehr der kulturell gebildete Mensch wie im Hochkulturmotiv, sondern der autonome, sich selbst verwirklichende Mensch (Vgl.: Schulze 20052: 500; Singer 2003: 20; Scheytt 2003a: 6). Dies führte in den 70er Jahren zu einem Ausbau der Kulturinstitutionen und zu zahlreichen neuen kulturellen Praxisfeldern, die mit wachsenden öffentlichen Mitteln gefördert wurden (siehe bspw. auch die Stadtteilkultur oder soziokulturelle Zentren[13] ). Parallel hierzu war eine ständig steigende Nachfrage der Bevölkerung nach kulturellen Angeboten festzustellen (Vgl.: Schulze 20052: 500; Singer 2003: 20; Heinrichs 19992: 83). Als kennzeichnendes Leitmotiv der zweiten Phase der Kulturpolitik in Deutschland (Mitte der 60er bis Mitte der 80er Jahre) gilt entsprechend das der „Kulturarbeit“ (Scheytt 2006a: 30; Heinrichs 19992: 84). Gerhard Schulze unterteilt diese Phase noch einmal zeitlich in das „Demokratisierungsmotiv“ (Schulze 20052: 499) und das „Soziokulturmotiv“ (Schulze 20052: 500).

Die Reformdebatte zu Beginn der sozialliberalen Ära war bezüglich des Bereichs (Bundes-) Kulturpolitik und den damit verbundenen föderalen Fragen (Kooperation und Kompetenzaufteilung) zunächst nur auf den Bereich Bildung, Wissenschaft und Forschung fokussiert. Dies zeigte sich einerseits in den Schwerpunkten parlamentarischer Debatten und Anfragen der Zeit und andererseits in der Einrichtung eines neuen Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft (1969). Auf die Einrichtung eines Bundeskultusministeriums wurde hingegen verzichtet (Vgl.: Singer 2003: 20). Gleichzeitig entstanden allerdings auf Länderebene bundesweit eigenständige Ministerien für Wissenschaft und Kunst, die die bislang für kulturelle Angelegenheiten zuständigen (Unter-)Abteilungen der hauptsächlich für Schulen und Hochschulen zuständigen Kultusministerien ablösten und die Institutionalisierung von Kulturpolitik konkretisierten (Vgl.: Klein 20052: 8).

Während in Deutschland lange Zeit eine direkte finanzielle Unterstützung von Künstlern (abgesehen von der Künstlerhilfe des Bundespräsidenten) angelehnt wurde, rückte Anfang der 70er Jahre die soziale Lage von Künstlern und anderen Kulturschaffenden ins Blickfeld der Kulturpolitik (Vgl.: Singer 2003: 21). Eine Untersuchung dieser Personengruppen (Künstlerbericht der Bundesregierung) hinsichtlich ihrer sozialen Stellung in der Gesellschaft (Schulbildung, soziale Absicherung, haupt- und nebenberufliche Tätigkeiten, soziologisches Selbstverständnis, Beurteilung durch andere Bevölkerungsgruppen) und ihrer finanziellen Lage zeigte ihre erhebliche Notlage auf. So wurde 1976 vom Bundeskabinett ein Maßnahmenkatalog beschlossen, der die berufliche und soziale Lage von Künstlern und Publizisten verbessern sollte. Dieser beinhaltete sowohl eine Verbesserung der Rahmenbedingungen für Kunst und Kultur sowohl kulturfreundliche Regelungen im Arbeits- und Sozialrecht als auch im Wirtschafts-, Steuer- und Urheberrecht. Unter anderem beinhalteten die Maßnahmen auch einen ersten Gesetzesentwurf für ein Künstlersozialversicherungsgesetz, nachdem selbstständige Künstler und Publizisten in der gesetzlichen Kranken- und Rentenversicherung pflichtversichert werden sollten (Vgl.: Singer 2003: 22).

Ebenfalls in dieser Legislaturperiode geplant war die Errichtung einer „Deutschen Nationalstiftung“ unter Vorsitz des Bundespräsidenten. Diese zur Förderung von Kultur und Kunst angedachte gemeinsame Stiftung von Bund und Ländern wurde bereits in der Regierungserklärung von Bundeskanzler Willy Brandt vom 18. Januar 1973 vorgeschlagen. Obwohl im Jahr 1976 von der Bundesregierung 12,5 Mio. DM hierfür vorgesehen wurden und das Vorhaben im gleichen Jahr von dem nachfolgenden Bundeskanzler Helmut Schmidt bekräftigt worden war, wurde das Projekt nach dem Ende der siebziger Jahre zunächst nicht mehr weiter verfolgt (Vgl.: Klein 20052: 9; Singer 2003: 22).

2.3 Kulturmarketing

Trotz graduellem Wandel war die Zeit nach der Regierungsübernahme der liberal-konservativen Koalition unter Bundeskanzler Helmut Kohl Anfang der 80er Jahre zunächst durch eine Kontinuität der kulturpolitischen Aktivitäten des Bundes (Vgl.: Singer 2003: 27f.) gekennzeichnet, die bis zur Wiedervereinigung anhielt. Die Bundesregierung betonte im Jahr 1984 „die Kontinuität, die für die kulturpolitische Arbeit wichtig ist“ (Deutscher Bundestag 1984: 4). Die Grundsätze und wesentlichen Ziele der Kulturpolitik der vergangenen Jahre besäßen weiterhin Gültigkeit (Vgl.: Deutscher Bundestag 1984: 4). Bemühungen der vorhergehenden Bundesregierungen wurden fortgesetzt und man bemühte sich um eine Harmonisierung der kulturstatistischen Datenbasis, sowohl national als auch international, sowie um eine Verbesserung der beruflichen und sozialen Lage von Künstlern und Publizisten (Vgl.: Deutscher Bundestag 1988). Zeitgleich verstärkte Bundeskanzler Helmut Kohl die Bemühungen, die Rolle des Bundes in der Kulturpolitik stärker zu pointieren. Er initiierte persönlich Neugründungen von Museen und Ausstellungshallen wie bspw. das Haus der Geschichte der Bundesrepublik in Bonn oder das Deutsche Historische Museum in Berlin (Vgl.: Klein 20052: 122; Stemmler 2000: 17). Den im Bundestag ansässigen „Unterausschuss Kultur“ des Innenausschusses schaffte Helmut Kohl im Jahr 1994 ab.[14] Auf Bundesebene gab es nun keinen parlamentarischen Ort mehr, an dem über Kulturpolitik gesprochen und die Kulturpolitik des Bundes kontrolliert werden konnte. Nach Ansicht des Deutschen Kulturrats[15] machte Kohl die Kulturpolitik des Bundes damit zur „geheimen Kommandosache“ (Zimmermann 2005: 1) zwischen ihm und seinem Staatsminister Anton Pfeiffer. Im Innenministerium unter Manfred Kanter fand kaum noch Kulturpolitik statt (Vgl.: Zimmermann 2008: 20, 2005: 1; Deutscher Bundestag 1998: 11; Krüger 1998). Währenddessen gründeten die Bundesländer im Jahr 1984 die in Grundzügen bereits von Bundeskanzler Willy Brandt als Nationalstiftung angedachte „Kulturstiftung der Länder“, an der durch ein so genanntes Mitwirkungsabkommen auch der Bund (die Bundesregierung, genauer der damalige Bundesminister des Inneren) beteiligt sein sollte. Die Stiftung, die als rechtsfähige Stiftung des bürgerlichen Rechts mit Sitz in Berlin gegründet wurde, nahm im Jahr 1985 erstmals die Arbeit auf. Im Abkommen zur Errichtung der „Kulturstiftung der Länder“ wurde als Stiftungszweck „die Förderung und Bewahrung von Kunst und Kultur nationalen Ranges“ festgeschrieben (Vgl.: Klein 20052: 119f.)[16] Im Jahr 1989 wurde zudem das „Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa“ gegründet, welches sich seitdem schwerpunktmäßig mit komparatistischer kultur- und landesgeschichtlicher Forschung in den historischen preußischen Ostprovinzen (Schlesien, Ostbrandenburg, Hinterpommern, Ost- und Westpreußen) und weiteren Siedlungsgebieten von Deutschen in Nordost- und Südeuropa (Baltikum, böhmische Länder, Siebenbürgen, Banat) beschäftigt (Vgl.: Klein 20052: 130).

[...]


[1] Zu unterschiedlichen Definitionen eines Kulturbegriffs, der auf Kulturpolitik sinnvoll angewendet werden könnte, siehe bspw. Fuchs 2007: 10ff; Klein 20052: 31ff.). Zum Wandel des Kulturbegriffs siehe bspw. Nünning/Nünning 2003.

[2] Als eine Form von Politik kann man, was Kulturpolitik betrifft, wie bei allen Politikbereichen generell drei Dimensionen unterscheiden: „Policy“, „Polity“ und „Politics“. Policy steht für die Inhalte von Politik (Ziele, Programme, Aufgaben und Gegenstände), Polity steht für politische Strukturen von Politik (die durch Verfassung, Rechtsordnung und Tradition festgelegten politischen Institutionen wie Parteien, Verbände etc.) und Politics steht für handelnde Akteure innerhalb politischer Prozesse (Konfliktaustragung und Konsensbildung) (siehe hierzu bspw. Rohe 1994). Als problematisch erweist sich der Umstand, dass Kulturpolitik in der Literatur mehrheitlich nicht als eigenständiges Politikfeld wahrgenommen wird. Ent- sprechend verfügt der Politikbereich „Kulturpolitik“ im Vergleich zu anderen Politikfeldern kaum über eine (politik-)wissenschaftliche Theoriebildung (Vgl.: Fuchs 2007: 22).

[3] Es liegen in der Forschung verschiedene Untersuchungen vor, die eine solche Periodisierung vorneh- en. Zu nennen wären bspw. die sich bezüglich der Typologisierung von kulturpolitischen Phasen inhalt- lich größtenteils sehr ähnelnden Forschungsarbeiten von Gerhard Schulze (1992), Werner Heinrichs (1993, 1999) oder Oliver Scheytt (2006a). Eine weitere Periodisierung stammt von Albrecht Göschel. Er legte im Jahr 1991 ein Generationenmodell vor, das einen Wechsel des Kulturbegriffes im Zehnjah- resabstand beinhaltete (Vgl.: Göschel 1991).

[4] Zur Entwicklung der DDR nach 1945 siehe bspw. Glaeßner 1999; zur Kulturpolitik der DDR siehe bspw. Baird/Schmitz 2004 oder Gransow 2000. Für Vergleiche mit dem Ausland (Niederlande, Polen, USA) siehe bspw. Zimmer 1997. Zu europäischer Kulturpolitik siehe bspw. Schwencke 2001, 2004.

[5] Diese ergibt sich implizit aus der Regelungskompetenz, die das Grundgesetz im Rahmen des Födera- lismus dem Bund einräumt. Art. 30 GG besagt, dass die Bundesländer für alle staatlichen Aufgaben zuständig sind, die nicht ausdrücklich dem Bund zugewiesen werden (siehe auch Art. 74 Nr. 13; 75 Nr. 1 a; Art. 91 a Abs. 1 Nr. 1). Der Begriff „Kulturhoheit“ selbst taucht im Grundgesetz allerdings nicht auf (Vgl.: Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland 200657: 34, 62f., 76f.). Zur Kulturpolitik der Bun- desländer siehe bspw. Klein 20052: 135-150., zur Arbeitsteilung von Bund und Ländern siehe bspw. Wiesand 2008.

[6] Originär zuständig ist der Bund nach Art. 32 GG für die so genannte „Auswärtige Kulturpolitik“ (Vgl.: Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland 200657: 43f.). Unstrittig ist auch die Bundeskompetenz in der Schaffung von Rahmenbedingungen wie bspw. Fragen des Urheber- oder Steuerrechts, Fragen der sozialen Absicherung von Künstlern, Fragen der Hauptstadtkultur oder der Rückgabe geraubten Kulturgutes. Zugleich hat der Bund begrenzte Möglichkeiten der Kulturförderung, hält sich konzeptionell aber eher zurück (Vgl.: Fuchs 2007: 53f.).

[7] Zur Kulturpolitik der Gemeinden siehe bspw. Klein 20052: 150-160. Als nichtstaatliche Akteure der Kul- turpolitik spielen bspw. Parteien, Kulturverbände und Kulturorganisationen wie „Der Kulturausschuss des Deutschen Städtetages“, „Der Deutsche Kulturrat“ oder „Die Kulturpolitische Gesellschaft“ sowie Arbeit- geberverbände und Gewerkschaften, Stiftungen, Vereine, Hochschulen und Kirchen eine Rolle, siehe hierzu bspw. Klein 20052: 160-170. Selbstverständlich nehmen auch internationale Akteure wie bspw. die UNESCO oder die Europäische Union Einfluss auf deutsche Kulturpolitik (Vgl.: Fuchs 2007: 43-52, 67-84; Klein 20052: 99-110).

[8] Siehe hierzu bspw. Karpen/Hofer 1992: 952ff., Brenner 1963: 167f.; siehe auch Zuschlag 1995; Barron 1992; Fischer 1984.

[9] Ansätze zur Erklärung des Wandels gesellschaftlicher Schwerpunkte bieten bspw. die Theorie des Wer- tewandels von Ronald F. Inglehart (1977) und die Bedürfnispyramide von Abraham H. Maslow (1943), auf welcher der Ansatz Ingleharts unter anderem beruht.

[10] Siehe auch die Regelung in Art. 35 „Kultur“ des Einigungsvertrages vom 31. August 1990 (Vgl.: Grund- gesetz 200657: 160).

[11] „Kulturpolitik ist Gesellschaftspolitik“ ist unter anderem seit über dreißig Jahren der Leitspruch der Loc- cumer Kulturpolitischen Kolloquien (Vgl.: Evangelische Akademie Loccum 2008).

[12] Auf die über Jahre diskutierte Frage, ob mit „Kultur für alle“ die gleiche Teilnahme aller Bevölkerungs- gruppen an Kultur oder aber das gleiche Recht aller Bevölkerungsgruppen auf kulturellen Selbstaus- druck verstanden werden muss, wird hier nicht behandelt (Vgl.: Göschel 2007: 2).

[13] Zum Prinzip der Soziokultur und zu soziokulturellen Zentren siehe bspw. Knoblich 2001; Spiekermann 1997, 2005.

[14] Einen eigenständigen Ausschuss für Kulturpolitik gab es zu diesem Zeitpunkt bereits seit 25 Jahren nicht mehr (Vgl.: Zimmermann 2008: 20).

[15] Der „Deutsche Kulturrat“ ist der Dachverband der deutschen Kulturverbände (Vgl.: Deutscher Kulturrat 2008b).

[16] Dieser Kulturstiftung traten nach der Wiedervereinigung Deutschlands auch die neuen ostdeutschen Bundesländer bei (Vgl.: Klein 20052: 119).

Details

Seiten
34
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640778034
ISBN (Buch)
9783640777686
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163280
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Kultur- und Medienmanagement
Note
1,3
Schlagworte
Kulturpolitik Bundesrepublik Deutschland Entwicklungslinien Kulturmanagement

Autor

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Titel: Kulturpolitische Entwicklungslinien in Nachkriegs(west-)deutschland