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Die Darstellung der Deutschen Fortschrittspartei im Diskurs der Parteienforschung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 28 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Die mitteldeutschen Vertreter der Deutschen Fortschrittspartei
2.1 Karl Wilhelm Rudolf von Bennigsen
2.2 Franz Hermann Schulze-Delitzsch
2.3 Hans Victor von Unruh

3 Die Deutsche Fortschrittspartei in der Quellenbetrachtung, das Gründungsprogramm vom 9. Juni 1861

4 Die Parteienforschung als Analyseansatz zu den verschiedenen Darstellungen der Geschichte der Deutschen Fortschrittspartei
4.1 Die Geschichte der Parteienforschung
4.2 Der Gegenstand der Parteienforschung
4.3 Die Methode der Parteienforschung

5 Beitrag zur Parteienforschung: Die Deutsche Fortschrittspartei in ausgewählten Darstellungen
5.1 Walter Tornim: Geschichte der deutschen Parteien seit 1848
5. 2 Gerhard Eisfeld: Die Entstehung der liberalen Parteien in Deutschland 1858-1870
5. 3 Gustav Seeber: s.v. Deutsche Fortschrittspartei (DFP) 1861 – 1884
5. 4 Andreas Biefang: National-preußisch oder deutsch-national? Die Deutsche Fortschrittspartei in Preußen 1861-1867

6 Schlussfolgerungen und Ausblick

7 Quellen- und Literaturverzeichnis

8 Anhang

1 Einleitung

Die Deutsche Fortschrittspartei (DFP) wurde 1861 von liberalen Abgeordneten im preußischen Abgeordnetenhaus als erste deutsche Programmpartei gegründet. Die Mitglieder entstammten dem 1859 von Liberalen und Demokraten gegründeten „Deutschen Nationalverein“. Ziele der Partei waren vor allem die Einigung der deutschen Staaten, eine starke Zentralgewalt in Preußen, eine Volksvertretung, die Verwirklichung des Rechtsstaates, sowie eine Selbstverantwortung der kommunalen Ebenen und eine neue soziale Ordnung. Die DFP war von 1861 bis 1866 die stärkste Fraktion im preußischen Abgeordnetenhaus. Im Jahre 1866, kurz nach der Billigung der Indemnitätsvorlage[1], brach die Partei allerdings auseinander. Die großbürgerlichen Kräfte bildeten 1867 die Nationalliberale Partei, während sich im Süden aus demokratisch-republikanischen Kräften die Deutsche Volkspartei bildete. Bedeutende Kräfte der Deutschen Fortschrittspartei waren zunächst Leopold Freiherr von Hoverbeck, Franz Leo Benedikt Waldeck und Hans Victor von Unruh, später Eugen Richter. Zu den Mitbegründern zählten Rudolf Virchow und Werner von Siemens. 1884 fusionierte die Partei unter Eugen Richter und Franz August Schenk von Stauffenberg mit der Liberalen Vereinigung, einer linken Abspaltung der Nationalliberalen Partei, zur Deutschen Freisinnigen Partei.[2]

Nicht die Geschichte der deutschen Fortschrittspartei soll in dieser Hausarbeit beleuchtet werden, sondern die Darstellung der Partei in einzelnen Werken. Es soll die Absicht verfolgt werden, aufzuzeigen, wie verschieden ein Gegenstand dargestellt werden kann. Der Untersuchungsgegenstand ist allein deshalb interessant, da die Partei, wie erwähnt, die erste moderne deutsche Partei darstellt. Die zu benutzenden literarischen Werke werden neben Monographien und einem Aufsatz auch ein Lexikonartikel sein.

Zum besseren Verständnis wird zuerst auf die mitteldeutschen Vertreter der Partei eingegangen. Mitteldeutsch deswegen, da sich so ein regionaler Bezug der Partei herstellen lässt. Dazu zählen Karl Wilhelm Rudolf von Bennigsen, Franz Hermann Schulze-Delitzsch und Hans Victor von Unruh. Die als Grundlage für die Parteiengeschichte der Deutschen Fortschrittspartei relevante Quelle stellt im weiteren Verlauf dieser Arbeit das Gründungsprogramm der Partei vom 9. Juni 1861 dar. Diese Quelle soll betrachtet und analysiert werden.

Der benutzte Analyseansatz zur Betrachtung ausgewählter Darstellungen ist die sog. Parteienforschung. Dieses wichtige Instrument wird zum einen in seiner Entwicklung und seinem Gegenstand dargestellt. Zum anderen wird versucht, die einzelnen Methoden dieser Forschungsrichtung genauer zu skizzieren.

Schließlich erfolgt die Betrachtung der einzelnen ausgewählten Darstellungen. Die jeweiligen Beiträge zur Parteienforschung stellen eine Mischung aus Monographien, einem Lexikonartikel und einem Aufsatz dar. Die zu benutzenden Werke sind nicht willkürlicher Art, sondern sind eine Auswahl aus verschiedenen zeitlichen Abständen, sowie verschiedener Autoren der Bundesrepublik und der Deutschen Demokratischen Republik. Ziel ist keine eigene Darstellung einer Partei, sondern der Versuch herauszufinden wie verschieden eine Partei beschrieben werden kann. Dazu gehören eine Analyse, als auch die Bewertung der ausgewählten Literatur.

Die Arbeit mündet abschließend in eine Schlussbetrachtung zu den vorangegangenen Betrachtungen, sowie einem Fazit.

2 Die mitteldeutschen Vertreter der Deutschen Fortschrittspartei

2.1 Karl Wilhelm Rudolf von Bennigsen

Der erste zu beschreibende Politiker ist Karl Wilhelm Rudolf von Bennigsen. Dieser wurde am 10. Juli 1824 in Lüneburg geboren. Bennigsen studierte 1842 bis 1845 in Göttingen und Heidelberg Jurisprudenz. Der studierte Jurist trat nach seinem Studium in den hannoverschen Staatsdienst. Diesen verließ Bennigsen jedoch schon bald darauf, weil er in die zweite Kammer des Abgeordnetenhauses in Hannover gewählt wurde und für dieses Mandat nicht von seinem Dienst freigestellt wurde.

Er gehörte zu den Gründern des Deutschen Nationalvereins[3] und stellte gleichzeitig den eigentlichen Leiter dieses Vereines dar. Vor Ausbruch des Deutschen Krieges 1866 versuchte er vergeblich, Hannover vor einem Bündnis mit Österreich zu bewahren. Nach der Annexion Hannovers durch Preußen wurde er in den Norddeutschen Reichstag und das Preußische Abgeordnetenhaus gewählt. Bennigsen trat an die Spitze der nationalliberalen Fraktion und hatte von 1873 bis 1879 das Präsidium des Preußischen Abgeordnetenhauses inne.

Nach der Reichseinigung 1871 trat er in den Reichstag über und übernahm auch hier die Führung der nationalliberalen Fraktion. Zu seinen Leistungen in den 70er Jahren des 18. Jahrhunderts zählte u.a. die Justizgesetzgebung von 1876. Als sich ab 1879 aus verschiedenen wirtschaftlichen und politischen Problemen der liberale Block in einen rechten und linken Flügel zu spalten begann, wurde die Machtstellung der Liberalen gebrochen, Bennigsens Lebenswerk somit vernichtet. Er legte als Folge dessen seine gesamten Mandate im Jahre 1883 nieder und kehrte 1887 wieder in die Politik zurück, ohne aber jedoch seiner Partei wieder wesentliche Bedeutung verleihen zu können.

Neben seiner Tätigkeit im Reichstag und Abgeordnetenhaus war Bennigsen gleichzeitig auch als Selbstverwalter in seiner Heimatprovinz tätig. Auch wurde er 1868 von den Provinzialständen zum Landesdirektor gewählt und war darüber hinaus von 1888 bis 1897 Oberpräsident von Hannover. Bennigsen starb am 7. August 1902.[4]

2.2 Franz Hermann Schulze-Delitzsch

Franz Hermann Schulze-Delitzsch wurde am 29. August 1808 in Delitzsch geboren. Er studierte von 1827 bis 1830 Jura in Halle und Leipzig. Seinen beruflichen Werdegang begann er als Assessor am Kammergericht in Berlin und wurde 1841 Patrimonalrichter in Delitzsch. Im Zuge der Revolution wurde er 1848 in die verfassungsgebende Preußische Nationalversammlung in Berlin gewählt, ab hier führte er seinen Beinahmen „Delitzsch“. Schulze-Delitzsch trat für die deutsche Einigung unter preußischer Führung ein. Wegen der drohenden Auflösung der Nationalversammlung rief er Ende 1848 zur Steuerverweigerung auf und wurde bald darauf vor Gericht gestellt. Zwar wurde er freigesprochen, aber zum Hilfsrichter degradiert, was ihn dazu zwang, seinen Dienst zu quittieren.

Aus dieser Not heraus gründete Schulze-Delitzsch 1849/50 Selbsthilfevereine und Genossenschaften. Er sah zudem die Genossenschaften als wichtige Ergänzung zu seinen demokratischen Vorstellungen. Zielgruppe dieser Genossenschaften waren der gewerbliche Mittelstand und die Lohnarbeiterschaft. Jegliche Form von staatlicher Hilfe wurde aus Gründen der politischen Unabhängigkeit abgelehnt.

Auf Grund seiner Entwürfe kam 1867 das preußische Genossenschaftsgesetz zustande, welches auch vom Deutschen Reich übernommen wurde. Seit 1858 beteiligte er sich an der Gründung des Volkswirtschaftlichen Kongresses, des Deutschen Nationalvereins und der Deutschen Fortschrittspartei. Die DFP vertrat er ab 1861 im Preußischen Abgeordnetenhaus und ab 1867 im Deutschen Reichstag. Als Liberaler setze er sich für das Recht der Arbeiter auf eine eigenständige politische Vertretung und gesellschaftlicher Organisationen ein. Auch verlangte er volle Vereins- und Koalitionsfreiheit. Der zentrale Verdienst Schulze-Delitzschs war es, dem gewerblichen Mittelstand durch den Zugang zu Krediten eine Zukunftsperspektive eröffnet zu haben. Für seine Leistungen wurden ihm zahlreiche Ehren und Auszeichnungen zu Teil. Er starb am 29. April 1883 in Potsdam.[5]

2.3 Hans Victor von Unruh

Der letzte vorzustellende Vertreter ist Hans Victor von Unruh. Dieser wurde am 28. März 1806 in Tilsit geboren. Unruh studierte zunächst an der Berliner Bauakademie und legte 1828 bei Karl Friedrich Schinkel sein Examen ab. Dann trat er in den preußischen Staatsdienst ein und wurde zunächst 1839 Regierungs- und Baurat in Gumbinnen und 1843 nach Potsdam berufen. 1844 ließ er sich aus dem Staatsdienst beurlauben, um sich dem Eisenbahnbau zu widmen. 1846 siedelte er nach Magdeburg über, wo er die Leitung des Eisenbahnbaus zwischen Magdeburg und Wittenberg übernahm.

1848 wurde Unruh in die Preußische Verfassungsgebende Versammlung mit dem Mandat Magdeburgs gewählt. Er trat als Vertreter des konstitutionellen Staatsmodells englischer Prägung auf. Damit gewann er vor allem das Vertrauen der gemäßigten Liberalen. Er zog in das Berliner Parlament ein, wo er sich zunächst dem linken, später dem rechten Zentrum anschloss. Unruh wurde schließlich zum Präsidenten der Verfassungsgebenden Versammlung gewählt. Er bemühte sich, neue revolutionäre Kämpfe zu verhindern, gleichzeitig hielt er aber an seinen liberal-konstitutionellen Zielen fest. Nach der Abschiebung des Parlaments von Berlin nach Brandenburg rief er zum passiven Widerstand auf.

1849 wurde er erneut mit dem Mandat Magdeburgs in die zweite Kammer des Preußischen Landtages gewählt. Unruh sprach sich des Weiteren gegen das preußische Dreiklassenwahlrecht aus. In Folge seiner Haltung während der Revolution lehnte der preußische König Friedrich Wilhelm IV. die vorgeschlagene Ernennung Unruhs zum Oberbürgermeister von Magdeburg ab, auch kamen andere berufliche Schikanen auf ihn zu. Unruh ging daraufhin nach Dessau, um sich den politischen Einfluss Preußens zu entziehen. Dort gründete er die Deutsche Continental-Gasgesellschaft und baute in vielen deutschen Städten Gasanstalten.

In die Politik kehrte er als Mitbegründer des Deutschen Nationalvereins und der Deutschen Fortschrittspartei zurück, deren erster Vorsitzender er auch von 1861 bis 1863 war. 1863 zog Unruh wieder mit dem Magdeburger Mandat in das Preußische Abgeordnetenhaus ein. Nach Zusammenbruch der DFP gründete er zusammen mit Bennigsen 1867 die Nationalliberale Partei Deutschlands. 1867 bis 1879 war er Mitglied des Norddeutschen Reichstages und des Deutschen Reichstages. Im Parlament führte er den sog. Hammelsprung[6] ein. Unruh wurde im Rahmen seiner Verdienste Ehrenbürger von Magdeburg und Dessau. Er starb am 4. April 1886 in Dessau.[7]

3 Die Deutsche Fortschrittspartei in der Quellenbetrachtung, das Gründungsprogramm vom 9. Juni 1861

Die Grundlage der Deutschen Fortschrittspartei stellte ihr Parteiprogramm von 1861 dar. Die Partei wollte sich mit diesem Programm den zukünftigen Wahlen stellen. An den Verhandlungen zu diesem Programm wirkte u.a. Schulze-Delitzsch mit. Die formulierten politischen Grundsätze stellten zur damaligen Zeit etwas vollkommen Neues dar. Der Bürger sollte nun die Abgeordneten wählen, die ihn pflichtgemäß im Parlament vertreten sollten. Somit wurde der Abgeordnete zum Repräsentanten des Volkes im eigentlichen Sinne.

Einleitend heißt es in dem Gründungsprogramm DFP: ,,[...]wir haben die klare Einsicht bekommen, daß die Existenz und die Größe Preußens abhängt von einer festen Einigung Deutschlands, die ohne eine starke Zentralgewalt in den Händen Preußens und ohne gemeinsame deutsche Volksvertretung nicht gedacht werden kann.“[8] Hier kommt die Forderung nach der Einheit Deutschlands zum tragen, verwirklicht durch preußische Hand. Dies alles verbunden mit Hilfe einer deutschen Volksvertretung.

Diese Forderungen klangen im Vorfeld auch von anderen politischen Vereinen an, die DFP dehnte hingegen ihre Forderungen zusätzlich auf andere Lebensbereiche der Gesellschaft aus. So forderten sie für die innenpolitische Entwicklung eine „[…]konsequente Verwirklichung des verfassungsmäßigen Rechtsstaates.“[9] Das heißt, sie forderten unabhängige Richter, eine Beseitigung des Anklagemonopols seitens der Staatsanwaltschaft, eine Verantwortlichkeit der Beamten und eine Wiederherstellung der Geschworenengerichte für politische und Pressevergehen. Des Weiteren verlangten sie eine Umsetzung des Artikels 61 der preußischen Verfassung, ein Gesetz, welches die Verantwortlichkeit der Minister forderte.

Weitergehende Forderungen waren eine „[…]auf den Grundsätzen der Gleichberechtigung und der Selbstverwaltung gestützten Gemeinde-, Kreis- und Provinzialverfassung unter Aufhebung des ständischen Prinzips und der gutsherrlichen Polizei.“[10] Somit wurde eine komplette Kommunalreform unter Aufhebung jeglicher Stände gefordert. Weitere wichtige Forderungen stellten die Verbesserung des Unterrichtswesens, die Trennung von Kirche und Staat, die Religionsfreiheit, die Zivilehe, sowie eine Revision der Gewerbegesetzgebung dar.[11] Die Forderungen gingen tief in den gesellschaftlichen Bereich und betrafen vor allem die Wirtschaft. Auch der militärische Bereich wurde bedient, so sollte in Friedenszeiten Sparsamkeit walten, die Landwehr aufrechterhalten werden, die allgemeine körperliche Ausbildung und eine erhöhte Aushebung der waffenfähigen Mannschaft gewährleistet werden.[12]

Abschließend wies man auf die Notwendigkeit einer Reform des Preußischen Herrenhauses hin. Dies sollte „[…]daher als der Anfang aller Reformen vor allem mit Energie angestrebt werden[…]“[13]. Bei allen Forderungen stellten die Reform des Herrenhauses und das Mitverantwortlichkeitsgesetz die Kernstücke des Programms dar.

Bei allen Neuerungen dieses Programms muss man allerdings festhalten, dass die meisten Forderungen nur sehr vage formuliert waren und allgemein gehalten wurden. Beispielsweise über das allgemeine Wahlrecht und der sozialen Frage äußerte sich die Partei in ihrem Programm nicht. Gerade die Forderung nach einem geheimen, gleichen und allgemeinen Wahlrecht war der Hauptstreitpunkt in der Programmberatung. Schulze-Delitzsch forderte dies beispielsweise, dennoch wurde dieser Punkt nicht aufgenommen. Mit diesem Programm war zwar eine Art „Linksruck“ des Großbürgertums in Preußen zu sehen, dennoch machten das Programm und die Partei eher den Eindruck einer kompromissbereiten und zurückweichenden Partei. Das Programm der DFP stellt zwar im Vergleich mit den Forderungen des Vormärzes einen Fortschritt dar, aber es zeigte auch die Neigung, interne Konflikte zu vertuschen. Nach Außen strahlte dieses Programm Harmonie und Übereinstimmung aus, nach innen zeigte es, dass sich die Partei nicht über wichtige Fragen einigen konnte.

4 Die Parteienforschung als Analyseansatz zu den verschiedenen Darstellungen der Geschichte der Deutschen Fortschrittspartei

4.1 Die Geschichte der Parteienforschung

Die Parteienforschung bezeichnet die Erforschung der Entstehung, der Entwicklung und der Veränderungen der politischen Parteien, ihrer theoretischen bzw. ideologischen Grundlagen und gesellschaftlichen Einordnung sowie ihrer Wirkung mittels rechts- und sozialwissenschaftlicher Methoden. Sie kam Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts auf. Ihre ersten unentbehrlichen Werke entstanden allerdings zunächst aus parteipolitischem Engagement. Franz Mehring vollendete 1898 die „Geschichte der Sozialdemokratie“, 1921 kam die von Ludwig Bergsträsser verfasste „Geschichte der politischen Parteien in Deutschland“ hinzu. Weiterhin veröffentlichte Karl Bachem eine Geschichte des Zentrums in neun Bänden.

Jedoch wurde von einigen Historikern eine Parteiengeschichte im Sinne einer Parteinahme abgelehnt. Die eben zitierten Werke machten allerdings auch den Anschein einer Parteinahme. Hans Rothfels war eben jener Meinung nach Parteinahme, denn er vertrat die Ansicht, dass diese Geschichte auf größere methodische Schwierigkeiten stoßen würde als bei Staaten- und Nationalgeschichte. Hingegen verteidigte Friedrich Meinecke die Parteiengeschichte als einen Teil der von ihm favorisierten Ideengeschichte. Auch wurden Biographien in den Dienst der Parteiengeschichte gestellt. So z.B. eine Biographie über Ferdinand Lasalle.[14]

Nach einer längeren Phase der Stagnation in der Parteienforschung, kam es in den 1950er Jahren des 20. Jahrhunderts zu einem Neubeginn der Parteienforschung. Mit der Konsolidisierung der Demokratie in der Bundesrepublik wuchs das historisch-politische Interesse an den geschichtlichen Grundlagen des Parteienwesens. Wichtige Fragen waren u.a., ob und inwieweit die Schwäche der Parteien des Kaiserreiches nach dem ersten Weltkrieg zum Scheitern der Weimarer Republik beigetragen hat. In methodischer Hinsicht wurden neue Wege gegangen. So öffnete man sich auch den Nachbarwissenschaften. Es kam zu einer Schwerpunktverlegung zur Sozial- und Strukturgeschichte. Wichtige zu erwähnende Namen sind hier Theodor Schieder und Werner Conze. 1951 vollzog sich schließlich die Gründung der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Diese koordinierte und institutionalisierte die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Historikern, Politikwissenschaftlern, Soziologen und Staatsrechtlern.[15]

4.2 Der Gegenstand der Parteienforschung

Fragt man nach dem Gegenstand der Parteienforschung muss man zunächst nach den Funktionen und Aufgaben der einzelnen Parteien fragen, aber auch welche Aufgabe das Parteiensystem insgesamt wahrnimmt. Parteienforschung ist nicht die bloße Frage wie etwas gewesen ist, sondern man unterscheidet zwischen parteiinternen und parteiexternen Aspekten und Faktoren.

Zu den parteiinternen Aspekten und Faktoren gehört z.B. die Programmgeschichte einer Partei. Zu fragen ist, was überhaupt ein Parteiprogramm ist oder die Frage nach den Funktionen eines Parteiprogramms. So bilden Programme das Profil einer Partei nach außen aus. Nach innen dient es der innerparteilichen Integration und Diskussion. Weiterhin wird auch die Binnengeschichte der Parteien beleuchtet. Dazu gehört beispielsweise die Darstellung der Organisationsentwicklung einer Partei. Strittig hierbei ist, ob zu der Organisation nur die Partei gehört oder ob auch die Fraktionen eine Stellung einnehmen. Wichtige interne Faktoren einer Partei sind zudem die Untersuchung der sozialen Zusammensetzung der Wähler, Mitglieder, Funktionäre, Mandatsträger, sowie Führer einer Partei. Hiermit verbunden ist die Frage, ob eine Partei eine Klassen-, Klientel- oder Volkspartei ist. Letztendlich fragt die interne Parteienforschung auch nach den Finanzen einer Partei aus welchen Quellen sie sich finanziert, was sie finanziert, oder ob sie gar abhängig von Großspendern wird[16]

Zu den extern zu betrachtenden Aspekten und Faktoren einer Partei gehören z.B. das politische Umfeld einer Partei, das politische System in dem Parteien agieren. Ein Beispiel ist hier der Unterschied von parlamentarischen und präsidialen Regierungssystemen. Zu untersuchen ist der Fakt, wie eine Partei in diesem System integriert und verankert ist. Weitere Beachtung findet auch das Parteiensystem, welches als die Gesamtheit der politischen Gruppen, die sich im Parlament befinden, oder welche zumindest eine Teilhabe im Parlament anstreben, zu verstehen ist. Hier wird nach Anzahl, Größenordnung, Struktur und politische Relation zueinander unterschieden. Ein äußerer Faktor ist das Verhältnis von Parteien zu bestimmten Interessengruppen, beispielsweise den Gewerkschaften. Letztendlich ist auch das Wahlrecht, also das Wahlsystem zu beachten.[17]

4.3 Die Methode der Parteienforschung

Um Ordnung in eine verwirrende Vielfalt und Erscheinungen der Parteien zu bringen, war man versucht, eine Methode zu installieren, ein typologisierendes Verfahren. Dabei werden bestimmte Aspekte der Wirklichkeit übersteigert, andere werden vernachlässigt. Ein Typus oder Idealtypus stellt hierbei eine mehr oder mindergroße Abstraktion von gesellschaftlich, politisch und der historischen Wirklichkeit dar. Es handelt sich um eine Utopie der Wirklichkeit. Ohne Abstraktionen wären Strukturen nur schwer erkennbar, es könnten keine Unterscheidungen und Differenzierungen vorgenommen werden. Was vernachlässigt und was hervorgehoben wird hängt allein von der Fragestellung ab, mit welcher man sich dem Untersuchungsgegenstand nähern möchte.[18] „Beim typologisierenden Verfahren handelt es sich nicht um Theoriebildung, sondern gleichsam um einen Zwischenschritt zwischen Konkretion und Theorie, wir begeben uns in den Vorhof der Theoriebildung.“[19]

Die zu gebrauchenden Kriterien einer Partei sind 1. Nach den politischen, programmatischen und ideologischen Zielen (z.B. rechtsextrem, linksextrem); 2. nach ihrer Organisationsstruktur (z.B. Honoratiorenparteien, Massenintegrationsparteien); 3. nach sozialdemographischen Merkmalen (z.B. Arbeiterparteien, Volksparteien); 4. nach den Interessen, die Parteien vertreten (z.B. Arbeiterparteien, Unternehmerparteien) zu unterteilen. Die bekannteste methodische Gegenüberstellung ist die von Honoratiorenparteien, nach Entsprechung der bürgerlichen Parteien des 19. Jahrhunderts und Massenintegrationsparteien, wie etwa die SPD und das Zentrum der Weimarer Republik. Dem Typus der eben genannten Massenintegrationspartei folgt jener Parteitypus, den wir aus heutiger Zeit kennen, die Volkspartei.[20]

[...]


[1] Indemnität = lat. indemnitas: Schadloshaltung

Im September 1866 wurde der Preußischen Regierung nachträglich vom Preußischen Abgeordnetenhaus Straflosigkeit zugebilligt, diese bezieht sich auf den Preußischen Verfassungskonflikt von 1862.

[2] Vgl.: Lösche, Peter: Kleine Geschichte der deutschen Parteien. Stuttgart/Berlin/Köln ² 1994, S. 28 ff.

[3] Der Deutsche Nationalverein war eine parteiähnliche Organisation, welche aus einem Zusammenschluss von Liberalen und gemäßigten Demokraten 1859 entstand und bis 1867 bestand. Das Ziel des Nationalvereins war die Schaffung eines liberalen kleindeutschen Staates unter preußischer Führung mit einem Nationalparlament.

[4] Vgl.: Herzfeld, Hans: s.v. Karl Wilhelm Rudolf von Bennigsen. In: Neue deutsche Biographie. Band 2, Behaim - Bürkel. Hrsg. von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Berlin 1971, unveränderter Nachdruck, S. 50 ff.

[5] Vgl.: Aldenhoff-Hübinger, Rita: s.v. Franz Hermann Schulze-Delitzsch. In: Neue deutsche Biographie. Band 23, Schinzel - Schwarz. Hrsg. von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Berlin 1971, unveränderter Nachdruck, S. 731 f.

[6] Ist die Methode, welche zum Zweck der Verkürzung des Verfahrens die Abgeordneten durch Betreten des Plenarsaales durch zwei dafür bestimmte Türen mit pro oder contra stimmen. Dies erspart das Verfahren des Namenaufrufens.

[7] Vgl.: Engelmann, Jürgen: s.v. Hans Victor von Unruh. In: Magdeburger Biographisches Lexikon. 19. und 20. Jahrhundert. Hrsg. von Guido Heinrich und Gunter Schandera. Magdeburg 2002, S. 746 f.

[8] Gründungsprogramm der Deutschen Fortschrittspartei vom 9. Juni 1861. In: Deutsche Parteiprogramme 1861 – 1954 (= Quellensammlung zur Kulturgeschichte; Bd. 3). Hrsg. von Wilhelm Treue. Göttingen 1954, S. 48.

[9] Ebenda.

[10] Ebenda.

[11] Vgl.: Ebenda, S. 49.

[12] Vgl.: Gründungsprogramm der Deutschen Fortschrittspartei vom 9. Juni 1861. In: Deutsche Parteiprogramme 1861 – 1954 (= Quellensammlung zur Kulturgeschichte; Bd. 3). Hrsg. von Wilhelm Treue. Göttingen 1954, S. 49.

[13] Ebenda.

[14] Vgl.: Fehrenbach, Elisabeth von: Verfassungsstaat und Nationsbildung 1815 – 1871 (= Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 22). München ² 2007, S. 85.

[15] Vgl.: Ebenda, S. 86.

[16] Vgl.: Lösche, Peter: Kleine Geschichte der deutschen Parteien. Stuttgart/Berlin/Köln ² 1994, S. 15 ff.

[17] Vgl.: Ebenda, S. 17 f.

[18] Vgl.: Lösche, Peter: Kleine Geschichte der deutschen Parteien. Stuttgart/Berlin/Köln ² 1994, S. 19.

[19] Ebenda.

[20] Vgl.: Ebenda, S. 19 f.

Details

Seiten
28
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640774616
ISBN (Buch)
9783640774685
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163228
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Geschichte
Note
2,0
Schlagworte
Darstellung Deutschen Fortschrittspartei Diskurs Parteienforschung

Autor

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Titel: Die Darstellung der Deutschen Fortschrittspartei im Diskurs der Parteienforschung