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Die schiitische Rechtsprechung im Iran

Ihre Entstehungsgeschichte und Entwicklung vom Beginn des Imamats bis zur Gegenwart

von Aiko Gastberg (Autor) Shirin Sanuri (Autor)

Seminararbeit 2010 41 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Islamwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1. Einleitung

2. Der Beginn des Imamats – Die Zwölfer-Schia
2.1. Der sechste Imam Ğaʿfar aṣ-Ṣādiq (702-765) und die Anfänge der Imāmīya

3. Die Ära der Būyiden (945 – 1055)
3.1. Die Grundlagen des schiitischen Rechts: die Uṣūl-Werke
3.2. Die Schule von al-Ḥilla (13. – 14. Jh.)
3.3. Iğtihād und Taqlīd

4. Die Ära der Ṣafaviden (1501 – 1722)
4.1. Die Theorie des unfehlbaren Muğtahids (17. Jh.)
4.2. Die Uṣūlī-Schule (18. Jh.)
4.3. Rechtliche Besonderheiten der Zwölfer-Schia

5. Das persische Strafrecht vor und nach der Verfassung von

6. Das Strafgesetzbuch von

7. Die Revolution von 1979: Khomeinis Rechtsvorstellungen und die Fuqahā

8. Das Strafgesetzbuch der Islamischen Republik Iran – ḥadd- und taʿzīr-Strafen
8.1. Auszüge aus dem iranischen Strafgesetzbuch (Beispiele)
8.1.2. Fallbeispiele der iranischen Rechtsprechung in der Gegenwart und Divergenzen zum Strafgesetzbuch und internationale Reaktionen

9. Schlussbemerkung

Literatur

Vorwort

In dieser Hausarbeit beschäftigen wir uns mit der schiitischen Rechtsprechung am Beispiel des Iran, ihrer Entstehung und Entwicklung – vom Imamat bis in die Gegenwart. Aufgrund der Komplexität des Themas beschränken wir uns auf die wichtigsten Merkmale und Fakten ihrer Entwicklungsgeschichte, möchten jedoch abschließend noch einen weiteren Fokus auf die aktuelle rechtliche Situation in der Islamischen Republik Iran setzen und diese anhand einiger Fallbeispiele untermauern.

Da gerade hier die Beschaffung fundierter Literatur eine besondere Herausforderung darstellte, sind wir für die Unterstützung und die Hinweise seitens Frau Prof. Dr. Katajun Amirpur (Universität Zürich), Herrn Dr. Reza Hajatpour (Universität Bamberg), Frau Dr. Silvia Tellenbach (Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht), Herrn Mohammad Abdolmohammadzadeh (Universität Marburg), Frau Monika Matzke (Humboldt-Universität Berlin) und Frau Madeleine Voegeli (Universität Freiburg i. Brsg. und Basel) sehr dankbar.

1. Einleitung

Die Grundlage für das Verfassen dieser Arbeit bildet das im Sommersemester 2010 von Herrn Dr. Mahmoud Rambod gehaltene Proseminar “Schia“.

Wir gehen im Folgenden auf die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der schiitischen Rechtsprechung ein – ausgehend von der Zeit des Imamats bis zur Gegenwart – und stellen die wichtigsten Faktoren und Geschehnisse heraus. Unser Augenmerk liegt hierbei auf der Rechtsprechung im Iran.

Diese Hausarbeit beginnt mit den Anfängen der schiitischen Rechtslehre zur Zeit des Imamats, geht auf den Ursprung der Zwölfer Schia ein und beschreibt die Auffassung der frühen schiitischen Jurisprudenz, sowie die Grundlagen der schiitischen Rechtsprechung. Darauf folgend wird auf das Zeitalter der Būyiden bis hin zu den Ṣafaviden - und deren Einfluss auf die Entwicklung der Rechtsprechung - eingegangen.

Im abschließenden Teil beschäftigt sich diese Arbeit mit der Rechtsvorstellung, ihrer Umsetzung (seit der Revolution von 1979) und dem Strafgesetzbuch der Islamischen Republik Iran und stellt anhand von aktuellen Beispielen ihren Wirkungsgrad dar.

Sie beleuchtet auftretende Divergenzen innerhalb der iranischen Rechtsprechung und stellt einige internationale und innerstaatliche Reaktionen auf bestimmte Urteilssprüche der Gegenwart heraus.

Ziel dieser Hausarbeit soll sein, die Entwicklung, die Besonderheiten und die Veränderungen der schiitischen Rechtsprechung im Iran im Laufe der Zeit zu verdeutlichen.

Als Arbeitsgrundlagen nutzten wir sowohl Fachliteratur zur Geschichte der Schia und ihrer Jurisprudenz, als auch Gespräche mit Experten der Iranistik und iranischen Rechtsprechung, sowie Interviews und Internet-Artikel zu aktuellen Fallbeispielen und Urteilssprüchen.

2. Der Beginn des Imamats – Die Zwölfer Schia

Die Zeit der Imame fand ihren Ursprung im Jahre 656 n. Chr., als sich die deutlichen Spannungen um die rechtmäßige Nachfolge des verstorbenen zweiten Kalifen ʿUmar zwischen den Anhängern ʿAlīs und ʿUṯmāns in einem Machtkampf entluden, in dessen Verlauf der bereits zum dritten Kalifen ernannte ʿUṯmān (644-656) in seinem Haus in Medina getötet wurde. Die Gegnerschaft ʿUṯmāns rief daraufhin ʿAlī b. Abī Ṭālib am 17. Juni 656 in der Moschee von Medina, die auf dem Boden des ehemaligen Wohnhauses Muḥammads erbaut wurde, zum vierten Kalifen und Nachfolger ʿUṯmāns aus.

Aus Sicht der Schiiten kam somit der einzige legitime Nachfolger Muḥammads an die Macht, da – nach schiitischer Auffassung – der Prophet schon zu Lebzeiten von seinen Anhängern ʿAlī gegenüber die gleiche Ergebenheit forderte, die sie auch ihm selbst entgegenbrachten.[1]

„Nach dem Tod des Propheten hatte er vierzig Jahre lang das Imamat inne, doch vierundzwanzig Jahre und sechs Monate davon war er gehindert, die Regierungsgeschäfte zu führen, und mußte Verstellung (taqīyya) üben und sich zurückhalten.“[2]

Nach Auffassung der Schiiten waren diese vierundzwanzig Jahre der Zurückhaltung eine göttliche Vorherbestimmung, um die Gemeinde zu prüfen und um die wahren Gläubigen von den Heuchlern zu unterscheiden.

Das Kalifat ʿAlīs’ war durch seinen Tod 661 allerdings nur kurzweilig, jedoch spaltete diese Zeit die Einheit der islamischen Umma.

Aufgrund dessen, dass ʿAlī nicht von allen Muslimen anerkannt wurde war er gezwungen, seinen Sitz von Medina in die Stadt Kūfa, Irak, zu verlegen.

Im Januar 661 wurde ʿAlī vor den Toren einer Moschee in Kūfa von einem Bluträcher aus den Lagern der Ḫ awāri ǧ niedergestochen und verstarb zwei Tage später.

Somit ist schon der erste Imam der Schiiten als Opfer gefallen und als einer der noch zahlreich folgenden Märtyrer zu sehen.

In der Zeit der Auseinandersetzung zwischen Muʿāwiya – dem fünften Kalifen – und ʿAlī entstand auch die Bezeichnung Schia, vom arabischen Wort šī ʿ a („Partei“) bzw. šī ʿ at ʿ Alī also „Partei ʿAlīs’“.[3]

Trotz ʿAlīs’ Ableben 661 bestand die „Partei“ in Kūfa fort und man hoffte, dass eines Tages einer der Söhne ʿAlīs’ die rechtmäßige Nachfolge des Vaters wieder übernehmen und sich zum Kalifen (zum „Befehlshaber der Gläubigen“) ausrufen lassen würde.

Zu dieser Zeit war die Schia noch nicht unter religiösen Gesichtspunkten anzusehen, sondern lediglich als eine Partei um den Kampf der rechtmäßigen Macht.

ʿAlīs’ Sohn al-Ḥasan (gest. 670) stellt für die Schiiten – als rechtmäßiger Nachfolger – den zweiten Imam dar. Allerdings verzichtete al-Ḥasan nach Verhandlungen mit Muʿāwiya auf den Kalifatsanspruch. Dieser Verzicht ist aus schiitischer Sicht darauf zurückzuführen, dass – angesichts der Übermacht der Truppen Muʿāwiyas’ – kein aussichtsloser Kampf mit unnötigem Blutvergießen geführt werden sollte.

Auch al-Ḥasan gilt als Märtyrer, da er laut schiitischer Überlieferung von einer seiner Ehefrauen vergiftet worden sei, wobei Muʿāwiya hier die Fäden angeblich zog.

Als Muʿāwiya im Jahr 680 starb und sein Sohn Yazīd den Thron bestieg, sah die „Partei ʿAlīs’“ noch einmal die Möglichkeit, das Blatt zu ihren Gunsten zu wenden. ʿAlīs’ 54jähriger Sohn al-Ḥusain ibn ʿAlī ibn Abī Ṭālib (der dritte Imam) startete im September 680 einen Feldzug gegen Yazīds’ Truppen, jedoch wurden sowohl al-Ḥusain, als auch fast all seine Begleiter in der Schlacht von Kerbela getötet. Seine Schwester und sein einziger überlebender Sohn ʿ Alī der Jüngere (der vierte Imam) wurden gefangen gesetzt und nach Damaskus gebracht, später jedoch nach Medina entlassen.

Erst mit dem Tod des dritten Imams Ḥusain wurde die Schia als religiöses Phänomen geboren – also nach ihrem politischen Scheitern – und das Schiitentum zu einer sich schnell ausbreitenden Bewegung.

„Für die Schiiten ist Kerbela der Dreh- und Angelpunkt ihres Glaubens, Höhepunkt eines göttlichen Heilsplanes, dessen Verheißungen all denen zuteil werden, die auf der Seite des gemarterten Imams Partei ergreifen.“[4]

Als Entstehungsort der Schia ist Kūfa zu benennen, und zwar „in rein arabischem Milieu“[5] und ist somit kein iranisches Phänomen und etwas, das der Überzeugung der Araber von Grund auf widerspräche.

Über den vierten Imam ʿAlī ibn Ḥusain Zain al-ʿĀbidīn‎ (ʿ Alī der Jüngere), sowie den fünften Imam Muḥammad ibn ʿAlī al-Bāqir ist kaum etwas bekannt. Lediglich ungefähre Todesdaten (Zain al-ʿĀbidīn um 713 in Medina, Muḥammad al-Bāqir um 733 in Medina) sind überliefert. Gewiss ist auch, dass der fünfte Imam Muḥammad al-Bāqir kein direkter Prophetenenkel war, sondern ein Halbbruder al-Ḥasans’ und al-Ḥusains’. Dies zeigt, dass die Abstammung der Imame zu dieser Zeit noch nicht festgeschrieben war, sondern nur Söhne ʿAlīs’ sein mussten.

Erwiesen ist allerdings nicht, ob der vierte und der fünfte Imam schon zu Lebzeiten als Imame anerkannt waren oder ob ihnen erst später dieser Titel zugeschrieben wurde.[6]

2.1. Der sechste Imam Ğa ʿ far a ṣ - Ṣ ādiq (702-765) und die Anfänge der

Imāmīya

Im Jahr 685 kam es in Kūfa erneut zu einer Revolte der Schiiten gegen die Statthalter des Kalifen. Die Stadt wurde übernommen, die Verantwortlichen des Angriffs auf al-Ḥusain bei Kerbela (im Jahr 680) zur Verantwortung gezogen.

Über eineinhalb Jahre behielten die Schiiten die Kontrolle über Kūfa und Teile des Südiraks.

Innerhalb dieser Siegesperiode boten die Kūfier al-Ḥusains’ Urenkel Abū ʿAbd Allāh Ǧaʿfar ibn Muḥammad aṣ-Ṣādiq („der Aufrichtige“) das Kalifat an, um die Linie Ḥusains’ fortzusetzen, jedoch lehnte dieser ab.

Mit Ǧaʿfar aṣ-Ṣādiq trat trotz seiner politischen Untätigkeit „die ḥ usainidische Linie wieder in den Vordergrund“[7] und „immer mehr Schiiten erkannten nun die Ḥ usainiden als die wahren Imame an […]“[8].

Basierend auf diesem Aspekt, entwickelte sich die „imamitische“ Schia. Die Ansicht der gnostischen Gruppe der „Übertreiber“ schrieb den Imamen sogar göttliche Befähigungen zu, wovon sich Ǧaʿfar aṣ-Ṣādiq allerdings distanzierte.

Ǧaʿfar galt als einflussreiche, bedeutende Persönlichkeit. Er sammelte und kommentierte in Medina die Aussprüche des Propheten und gilt daher bis heute unter den Schiiten als die bedeutendste Person in allen religiösen und rechtlichen Fragen. Aufgrund der Bedeutung und der Anzahl der Aussprüche Imam Ǧaʿfars’, nennen die Schiiten ihre Glaubensrichtung die sogenannte „ǧaʿfaritische Schule“ (ihre Anhänger werden als ǧaʿfarīyya bezeichnet).

Artikel 12 der Verfassung der Islamischen Republik Iran von 1979 besagt: „Die offizielle Religion des Iran ist der Islam und die ǧ a ʿ faritische Rechtsschule.“[9]

Ǧaʿfar blieb zeitlebens vom Kalifen und seinen Anhängern nahezu unbehelligt, da er keinerlei politische Ambitionen hegte. Auf einer Reise zum zweiten Abbasidenkalifen al-Manṣūr in den Irak besuchte er in Naǧaf das Grab Imam ʿAlīs’, welches daraufhin den enormen Bekanntheitsgrad erhielt.

Aufgrund dessen, dass die Schia noch kein verbindliches Regelwerk zur Imamats-Frage aufgestellt hatte, löste Imam Ǧaʿfars’ Tod im Jahre 765 große Unsicherheit und Verwirrung unter den Schiiten aus.

Möglicherweise beruhte die Unsicherheit darüber, wie zukünftig verbindlich zu verfahren sei darauf, dass Ǧaʿfars’ Sohn Ismāʿīl schon vor ihm selbst starb und sein zweiter Sohn ʿAbdallāh nur kurze Zeit nach dem Vater, ohne aber selbst männliche Nachkommen zu hinterlassen.

Man – die Zwölfer-Schiiten – entschied sich letztlich, ʿAbdallāhs’ jüngeren Bruder Mūsā als den siebten Imam und Nachfolger Ǧaʿfars’ anzusehen.

Später wurde als offizielle Lehrmeinung festgesetzt, dass die Nachfolge der Imame ausschließlich vom Vater auf den Sohn übergehen könne, nicht zum Beispiel von einem Bruder auf den anderen, wie einst bei al-Ḥasan und al-Ḥusain geschehen. Dies sollte nach Ansicht der Zwölfer- und auch der Siebener-Schia eine Ausnahme bleiben.[10]

3. Die Ära der Būyiden (945 – 1055)

Die Būyiden (Banū Būyah) waren eine schiitische Dynastie, die von etwa 930 n. Chr. bis 1062 existierte und ursprünglich im Nordwesten des heutigen Iran ansässig war.

Zwischen 945 und 949 n. Chr. eroberten die Būyiden weite Teile West- und Zentralpersiens (Fars, Isfahān, Hamadān, Rey und Kermān) bis hin zu Teilen Iraks. So brachte Aḥmad Muizz ad-Daula (932 - 967) im Jahre 945 Bagdad unter seine Kontrolle und entmachtete das sunnitische Abbasidenkalifat gänzlich. Der in Bagdad ansässige Kalif fungierte nur noch als ein geistiges Oberhaupt, besaß allerdings politisch nahezu keine Macht mehr.

Bedingt durch Handel und Landwirtschaft erlebte die Būyiden-Dynastie einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung.

Aufgrund dessen, dass es die Būyiden versäumten, eine klare Nachfolgeregelung ihrer Anführer festzulegen, zerbrach ihre Herrschaft bis zum Jahr 1062 gänzlich.

Bagdad wurde in den Jahren 1055/1056 von den türkischen Seldschuken (as-Salāǧiqa) erobert und das Kalifat unter ihren „Schutz“ gestellt.

Allerdings prägten die zuvor herrschenden Būyiden den schiitischen Islam stark, was sich vor allem auf die Ausbreitung der Schia im Iran auswirkte, da sie während ihrer Herrschaft die persische Kultur förderten – sie sahen sich als Nachkommen der altiranischen Könige – und somit viele persische Elemente im schiitischen Islam verankerten.

Der schiitischen ‘Ulamā’ war bis zur Herrschaft der Būyiden eine schiitische Obrigkeit fremd. Man lehnte jegliche Herrschaft ab und stellte sich damit zufrieden, in aller Stille auf die Rückkehr des Verborgenen Imams zu warten.

Nun aber waren sie gezwungen, sich mit einem neuen Verhältnis zur Obrigkeit und Staatsgewalt zu arrangieren.[11]

Die schiitischen Būyiden legitimierten ihre Herrschaft mit Hilfe des Kalifen, den sie aufgrund dessen nicht antasteten.

Sie stellten während ihrer Herrschaft die schiitischen Heiligtümer unter ihren Schutz, förderten Bauprojekte (z.B. an den Grabheiligtümern der Imame) und etablierten schiitische Feste (z.B. die Erinnerung an den Teich von Qom an dem Imam ʿAlī zum Nachfolger Muḥammads’ erklärt wurde oder die Erinnerung an das Massaker von Kerbela).

Schiitische Prozessionen zum Āšūra-Fest mussten allerdings zeitweise ausgesetzt werden, um Zusammenstöße mit den sunnitischen Gläubigen zu vermeiden, da im Laufe der Āšūra-Umzüge lautstarke Verfluchungen und Schmähungen der „sunnitischen Mörder“ üblich waren.[12]

Zeitgleich zur Herrschaft der Būyiden errichteten die Fatimiden ein schiitisches Kalifat in Nordafrika (im heutigen Tunesien und in Ägypten) und gründeten ihren Herrschaftssitz in Kairo. Auch dies sorgte insgesamt für einen starken Auftrieb der Bedeutung des Schiitentums in der Islamischen Welt.

3.1. Die Grundlagen des schiitischen Rechts: die U ṣ ūl-Werke

Das Zeitalter der Būyiden im 10. und 11. Jh. gilt als die Periode, in der die Grundsteine der zwölferschiitischen Theologie und Jurisprudenz gelegt wurden. Die Aussprüche der Imame, die das Pendant zur sunnitischen Sunna bilden, wurden in dieser Phase zusammen mit Aussprüchen des Propheten in einer Sammlung zusammengeschrieben.

„Da die Imame die rechtmäßigen und gottgeleiteten Nachfolger des Propheten sind, bilden ihre Direktiven, Rechtsentscheidungen und Handlungsanweisungen mit denen des Propheten eine Einheit.“[13]

Al-Kāfī („Das Genügende“) – von Kulainī (gest. 940) aus den einzelnen 400 Traditionsbüchern zusammengetragen – ist die älteste Sammlung und bildet den ersten Band von Aussprüchen und soll sämtlichen Ansprüchen genügen.[14]

Die vier Grundlagenwerke waren leicht verständlich geschrieben und in folgende Bände unterteilt:

1. Al-Kāfī fī ‘Ilm ad-Dīn von Kulainī; umfasst 16.099 Hadīṯe
2. Man lā yaḥduruhu al-Faqīh von Muḥammad Ibn Bābawaih (gest. 991); umfasst 9044 Hadīṯe
3. Taḥdīb al-Aḥkām des Šaiḫ aṭ-Ṭūsī (gest. 1067/1068); enthält 13.590 Hadīṯe
4. Al-Iṣtibṣār fī mā iḫtulifa min al-Aḫbār (ebenfalls von Šaiḫ aṭ-Ṭūsī) mit 5511 Hadīṯen.[15]

Die schiitische Jurisprudenz fand hier ihre Wurzeln. In zahlreichen Schriften und Abhandlungen bildeten Gelehrte aus Bagdad und Qom die (Grund-)Prinzipien der schiitischen Rechtsprechung heraus („usūl al-fiqh“), aus denen sich noch immer Entscheidungen für die Gegenwart gewinnen lassen.[16]

Hier ist es vordergründig entscheidend, dass gewisse – festgelegte – Grundsätze der Verfahren gesichert werden, um auch zukünftigen Generationen zu möglicherweise auftretenden Fragen bezüglich kultisch-religiöser oder juristischer Art eine Antworten zu bieten.

Dennoch: „Es ist notwendig, darauf aufmerksam zu machen, daß keines von ihnen (den vier Büchern) , so bedeutungsvoll sie auch für die Schiiten sind, irgendeinen absoluten, kanonischen Wert hat, wie dies z.B. für den „ ṣ a ḥ ī ḥ “ des Bu ḫ ārī nach Ausgabe von Ibn Ḫ aldūn für die Sunniten hat.“[17]

Ein wesentlicher Unterschied zwischen der Rechtsprechung der Schia und der der Sunna liegt im Begriff des „Konsens“ ( i ğmā’“). Während die Sunniten der Auffassung sind, dass Gott die Gemeinschaft der Gläubigen nicht in die Irre gehen lassen würde und somit ein „Konsens“ innerhalb der Umma eine unfehlbare Gewissheit schaffe, lehnen die Schiiten dies ab. Für sie würde es schließlich bedeuten, als Minderheit auf Dauer in der Verliererposition gegenüber der Sunna zu stehen.

Der Rechtsbehelf des „Konsenses“ wird in der schiitischen Jurisprudenz nur unter der Bedingung als „unumstößlich“ zugelassen, wenn er sich mit der Meinung des unfehlbaren Imams deckt.[18] Ein „Konsens“ der den Ansichten des Imams widersprechen würde ist undenkbar, was ihn de facto als Rechtsquelle entwertet.[19]

Vielmehr berufen sich die Schiiten anstelle des „Konsens“ auf aql („Vernunft“ / „Verstand“) und naql („Tradition“).

Während die Sunniten teilweise an der Vernunft und Willensfreiheit der Menschen zweifeln und eine „göttliche Vorherbestimmung oder Lenkung“ sehen, stehen die Schiiten in der rationalistischen Position, dass der Mensch „selbstbestimmend“ agiert und mithilfe seines Verstandes für sein Handeln selbst verantwortlich sei und Gottes Willen erkennen könne.

„Offenbarung und Ratio stehen sich also keineswegs gegenüber, sondern gehören untrennbar zusammen.“[20]

Die Gelehrten der Bagdader-Schule formulierten erstmals die Gleichberechtigung von Tradition (naql) und Vernunft (aql), der auch heute noch die Mehrzahl der Mullās und Āyatollāhs folgt.

„Sie sind Räsonierer […] und sind damit das genaue Gegenteil von „Fundamentalisten“, denn sie hängen eben nicht allein am Wortlaut der Schrift und der überlieferten Aussprüche der Imame, sondern sichern sich durch den Einsatz der Ratio einen viel weiteren Spielraum für ihre Entscheidungen.“[21]

Eine „fundamentalistische“ Strömung war und ist allerdings dennoch auszumachen, da für einige Anhänger ausschließlich und allein der Wortlaut der koranischen Offenbarung und die Aussprüche des Propheten und der Imame gelten. (siehe hierzu Kapitel 3.3. „Iğtihād und Taqlīd“)

Ein weiterer Unterschied in der Rechtsprechung von Sunniten und Schiiten ist (neben dem oben erwähnten Begriff des „Konsens“), dass die Schia den Analogieschluss („qiyās“), das eigene Ermessen bei rechtlichen Entscheidungen („isti ḥ sān“), die eigene Meinung („ra’y “) und alles weitere, „was nicht auf einem allgemeingültigen Prinzip beruht und vom Religionsstifter nicht ausdrücklich bestätigt worden ist“[22] ablehnt.

3.2. Die Schule von al- Ḥ illa (13. – 14. Jh.)

Zur Zeit der Būyiden befand sich das geistige Zentrum der Schiiten in Qom und Bagdad.

Nach dem Zusammenbruch ihrer Herrschaft und dem daraus entstehenden Machtvakuum wurde der Iran über Jahrhunderte hinweg von verschiedenen zentralasiatischen Volksgruppen (zuerst von Turkvölkern – beginnend mit den Seldschuken – bis hin zu den Qadscharen) dominiert und beherrscht.

Die Herrschaft der Seldschuken begann etwa im Jahr 1038, als sich Toghril (ihr Anführer) im Osten Irans zum Sulṭān ausrufen lies und schließlich in den Jahren 1055/1056 Bagdad eroberte, die Būyiden-Dynastie dort stürzte und das Kalifat unter seinen „Schutz“ stellte.

Aufgrund dessen, das die Seldschuken Sunniten waren, wurde die Schia wieder in den Hintergrund gerückt, obwohl die Bevölkerung nach wie vor an ihrem Glauben festhielt.

Als jedoch im 13. Jahrhundert der Sturm der Mongolen das Kalifat in Bagdad beendete (1258 ließ Hülägü, der Bruder Kubilai Khans, den letzten abbasidischen Kalifen erwürgen), fand dies unter der schiitischen Bevölkerung großen Zuspruch, da nun endlich die ungeliebte Obrigkeit beseitigt worden war.[23]

Es blieb jedoch der bittere Wermutstropfen zurück, dass nicht nur die sunnitische Herrschaft vernichtet wurde, sondern auch die geistigen schiitischen Zentren Qom und Bagdad weitestgehend zerstört wurden.

Die Schiiten errichteten daraufhin ein neues „Zentrum der Geistlichkeit“ und wählten hierzu die Stadt al-Ḥilla, südlich der Überreste Babylons.

[...]


[1] Halm, Heinz (1994): Der schiitische Islam – Von der Religion zur Revolution; München, Originalausgabe, S. 15

[2] Halm, Heinz: Der schiitische Islam – Von der Religion zur Revolution; S. 17

[3] Halm, Heinz: Der schiitische Islam; S. 18

[4] Halm, Heinz: Der schiitische Islam; S. 28

[5] Halm, Heinz: Der schiitische Islam; S. 29

[6] Halm, Heinz (1988): Die Schia; Darmstadt; Originalausgabe; S. 35

[7] Halm, Heinz: Die Schia; S. 34

[8] Halm, Heinz: Die Schia; S. 34

[9] Halm, Heinz: Der schiitische Islam; S. 36

[10] Halm, Heinz: Die Schia; S. 36

[11] Halm, Heinz: Der schiitische Islam; S. 108

[12] Halm, Heinz: Der schiitische Islam; S. 109

[13] Halm, Heinz: Der schiitische Islam; S. 111

[14] Falaturi; Abdoljavad: Die Zwölfer-Schia aus der Sicht eines Schiiten: Probleme ihrer Untersuchung; Köln; aus: Festschrift für Werner Caskel von Gräf, Erwin (1968); Erstausgabe; Leiden; S. 64 f.

[15] Rambod, Mahmoud (1987): Religion und Gesellschaft bei Ali Schariati – Ein Beitrag zur modernen Interpretation des schiitischen Islam im Iran; Erlangen – Nürnberg; S. 24 f.

[16] Halm, Heinz: Der schiitische Islam; S. 112

[17] Falaturi, Abdoljavad: Die Zwölfer-Schia aus der Sicht eines Schiiten; S. 66

[18] Löschner, Harald (1971): Die dogmatischen Grundlagen des šīʿtischen Rechts; Erstausgabe; Erlangen-Nürnberg; S. 131

[19] Halm, Heinz: Der schiitische Islam; S. 112

[20] Halm, Heinz: Der schiitische Islam; S. 113

[21] Halm, Heinz: Der schiitische Islam; S. 113

[22] Falaturi, Abdoljavad: Die Zwölfer-Schia aus der Sicht eines Schiiten; S. 79 f.

[23] Halm, Heinz: Der schiitische Islam; S. 114

Details

Seiten
41
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640783380
ISBN (Buch)
9783640783793
Dateigröße
720 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163215
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Philologische Fakultät - Seminar für Orientalistik und Islamwissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
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