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Die Soziologie der Statussymbole

Seminararbeit 2010 16 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Statussymbole I
2.1 Begriffsbestimmung
2.2 Literatur zu Statussymbolen

3 Statussymbole II
3.1 Die Kategorie der Partizipation
3.2 Die Kategorie der Authentizität
3.3 Die Kategorie der Öffentlichkeit
3.4 Die Kategorie der Potenz

4 Abschließende Betrachtung: Schematische Darstellung und Erläuterung

5 Literatur

1 Einleitung

„Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ - diese Trias, die als Slogan in einem TV-Werbespot[1] von sich reden gemacht hat, liefert für eine Untersuchung der Soziologie der Statussymbole erste einprägsame Hinweise. Zwei gut gekleidete Männer, die sich lange nicht gesehen zu haben scheinen, treffen sich in diesem Spot zufällig in einem Restaurant und legen buchstäblich die Karten auf den Tisch, indem sie jeweils Fotos ihrer Errungenschaften zücken. Auffallend ist hierbei, dass sowohl ein Kausalzusammenhang von Wohlbefinden und dem Besitz jener Objekte suggeriert, als auch provokant mit dem Odium eines materialistischen Konkurrenzdenkens gespielt wird. Dieser Werbespot dient als Ausgangspunkt für die Entwicklung einer Soziologie der Statussymbole, die Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist. Ziel ist es, eine schematische Darstellung der Wirkungsweise von Statussymbolen zu entwickeln.[2] Dazu ist es notwendig, mit der Erarbeitung einer Definition zunächst eine grundlegende Begriffsbestimmung vorzunehmen und die Statussymbole beispielsweise von persönlichen Objekten abzugrenzen (Abschnitt 2.1). Dieser Abschnitt stellt somit die konzeptionelle Basis der weiteren Ausführungen dar. Es folgt eine kurze Darstellung der Literatur zu Statussymbolen. Das dritte Kapitel stellt daraufhin vier Kategorien (Partizipation, Authentizität, Öffentlichkeit und Potenz) vor, die sich für die Entwicklung einer Soziologie der Statussymbole als nützlich erweisen. Diese Arbeit im Gesamten, also auch die schematische Darstellung der Soziologie der Statussymbole und deren Erläuterung (Kapitel 4) orientiert sich vor allem an folgender Fragestellung: Welche Wirkungsweisen der Statussymbole innerhalb einer Gruppe sowie bezüglich des Individuums lassen sich erkennen? Es wird grundsätzlich von einer nahezu unüberblickbaren Vielzahl an Interaktionen zwischen dem Statussymbol, dem Individuum und der Gruppe ausgegangen. Die vorgestellte Soziologie der Statussymbole kann folglich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Sie steht zudem im übergeordneten Kontext der Frage, welche Bedeutung bestimmten Objekten im Allgemeinen zukommt. Diese Fragestellung wiederum führt unverzüglich auf den Weg der grundlegenden Problematik, ob die Bedeutung der Dinge allein der Zuschreibung durch den Menschen entspringt oder vielmehr in den spezifischen Eigenschaften des Objekts bereits angelegt ist. In dieser Arbeit wird versucht, zwischen diesen Positionen einen Mittelweg zu beschreiten. Es wird in dieser Arbeit angenommen, dass nicht jedes Objekt gesellschaftlich zu einem Statussymbol erhoben werden kann. Im Zuge der Erläuterung der schematischen Darstellung, die die zuvor gewonnenen Erkenntnisse in graphischer Form zusammenfasst, wird diese Problematik diskutiert, bevor die für die Anfertigung dieser Arbeit verwendete Literatur genannt wird.

2 Statussymbole I

2.1 Begriffsbestimmung

Eine Begriffsbestimmung des Wortes Statussymbol erweist sich schnell als ein durchaus kompliziertes Unterfangen. Dennoch scheint ein intuitives, gleichwohl gesellschaftlich geprägtes Wissen darüber zu existieren, wann ein Objekt als Statussymbol fungiert. Man bemerkt beispielsweise unverzüglich, dass die Wörter Haus, Auto und Boot in dem genannten Werbespot vor allem durch ihre Reihung eine Bedeutungserweiterung erfahren und den Gedanken an Reichtum und Luxus evozieren. Eine semantische Vorentscheidung bei der Begriffsbestimmung kann aber auch in Anbetracht der Tatsache getroffen werden, dass durch die Wortbildung aus den Wörtern Status und Symbol bereits angezeigt wird, dass es sich um Objekte handelt, die verstärkt auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht oder einer bestimmten Gruppe verweisen. Definiert man Status als „[d]ie gesellschaftliche Anerkennung oder das Prestige, das einer bestimmten Gruppe seitens anderer Gesellschaftsmitglieder gezollt wird […]“[3], werden in Bezug auf Statussymbole bereits wichtige Aspekte der Soziologie der Statussymbole angedeutet:

Zum einen spielen im Kontext der Statussymbole, die gegenständlicher (z.B. Auto, Markenkleidung) und nicht-gegenständlicher (z.B. Titel, Verhaltensweisen) Art sein können[4], die gesellschaftliche Wertschätzung der Gruppe und daraus resultierende Erwartungen sowie Erwartungserwartungen[5] eine entscheidende Rolle, zum anderen verweisen Statussymbole auf die Partizipation eines Individuums an einer Gruppe, die auf Grund einer Privilegierung in Bezug auf mindestens ein allgemein erwünschtes Merkmal (z.B. exklusiver oder umfangreicher Besitz, hohes Einkommen, hohe Bildung)[6] ein hohes Ansehen genießt und auf Grund eines gewissen positiven Selbstverständnisses eine Partizipation sowohl für sich selbst als auch für Außenstehende als ein unzweifelhaftes Desiderat versteht. In den Augen des Verfassers dieser Arbeit stellt die Partizipation die grundlegende Kategorie dar, die alle weiteren Funktionen der Statussymbole erst ermöglicht. Es ist hierbei wichtig, zwischen tatsächlicher Partizipation und Partizipationsbestreben zu differenzieren, denn es muss angenommen werden, dass ein Statussymbol eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für die Zugehörigkeit zu einer bestimmten privilegierten Gruppe ist.[7] Statussymbole stellen eine spezielle Form der Zugehörigkeitssymbole dar, die sich als „bedeutungserweiterte Zugehörigkeitssymbole“ von „reinen Zugehörigkeitssymbolen“ unterscheiden lassen.[8]

Die auf der Basis der dargestellten Überlegungen erarbeitete Definition lautet folgendermaßen:

Statussymbole sind gegenständliche und nicht-gegenständliche Objekte, deren Besitz in Bezug auf eine gesellschaftliche Gruppe, die hinsichtlich mindestens eines allgemein erwünschten Merkmals privilegiert ist, Partizipationsbestreben oder tatsächliche Partizipation anzeigt.

Diese Definition dient als Leitfaden und als Basis für die schematische Darstellung der Soziologie der Statussymbole, da sie sich für eine Analyse der Funktionsweise der Statussymbole eignet. Es wird sich zeigen, dass die Definition den Kern der Analyse bildet, jedoch um einige weitere Kategorien ergänzt werden kann, denn neben der in der Definition enthaltenen Hauptkategorie der Partizipation tangieren Statussymbole weitere Kategorien, die jedoch als sekundäre Funktionen (Demonstration von Potenz) und als Rahmenbedingungen (Authentizität, Öffentlichkeit) Relevanz besitzen.

Es muss im Folgenden grundsätzlich zwischen Statussymbolen und persönlichen Objekten unterschieden werden. Individuell geprägte Bedeutungen sind bei Statussymbolen eher von marginaler Bedeutung oder besitzen diese nur über den Weg der Partizipation an einer Gruppe.[9] Im Vergleich zu Statussymbolen weisen persönliche Objekte in stärkerem Maß individuelle und private Funktionen auf und können unter anderem verschiedene Erinnerungsfunktionen und ästhetisch-rezeptive Funktionen besitzen.[10] Ein klassisches persönliches Objekt ist beispielsweise der Teddybär. Das Repertoire an persönlichen Objekten ist demgemäß auch ungleich größer und variabler als das der Statussymbole. Bei der Analyse der Wirkungsweise von Statussymbolen steht nicht die persönlich-subjektive Zuschreibung einer Bedeutung im Mittelpunkt des Interesses, sondern die gesellschaftliche Verständigung darüber, welches Objekt welcher Gruppe zuzuordnen ist. Da ein Statussymbol einen Zugehörigkeitsanspruch an eine privilegierte Schicht demonstrieren soll, muss die Semantik eines Statussymbols jederzeit decodiert werden können, ein persönliches Objekt behält seine Bedeutung für das Individuum unabhängig von einem gesellschaftlichen Konsens.

2.2 Literatur zu Statussymbolen

Dieser Abschnitt liefert eine ausschnittartige Orientierungshilfe zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen der gesellschaftlichen Differenzierung im Allgemeinen sowie der Analyse des Phänomens der Statussymbole im Besonderen. Auffällig ist, dass sich viele Publikationen auf die Analyse eines bestimmten Statussymbols beschränken.[11] Es zeigt sich zudem, dass die Beschäftigung mit Statussymbolen durchaus einen interdisziplinären Charakter aufweist. Ergänzt werden die Ausführungen in diesem Abschnitt durch einen Rückbezug auf die im vorangegangen Abschnitt entwickelte Statussymboldefinition.

Zur Darstellung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Differenzierung sei zunächst ein Klassiker der Soziologie genannt: Pierre Bourdieu (1930-2002) hat in seinem Hauptwerk Die feinen Unterschiede: Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft aus dem Jahr 1979 eine umfängliche, auf empirischen Erhebungen basierende Analyse des kulturellen Konsums vorgestellt. Das Werk befasst sich mit dem Zustandekommen gesellschaftlicher Distinktionen. Elitendistinktion vollzieht sich nach Bourdieu über den Habitus, denn dieser bestimmt den Geschmack und den Lebensstil. Über diesen Weg manifestieren sich wiederum soziale Unterschiede. Einen für diese Arbeit äußerst interessanten Ansatz stellt die Möglichkeit der Bestimmung von Statussymbolen über das Phänomen der Imitation dar. Laut Bourdieu kennzeichnet sich „[d]er Lebensstil der unteren Klassen […] durch die Abwesenheit von Luxuskonsum […] nicht weniger als durch den billigen Ersatz für etliche dieser erlesenen Güter […]“[12]. Bourdieu nimmt zudem an, dass der Geschmack eines Menschen von der Sozialisation abhängt und damit gesellschaftlich geprägt ist.

Der deutsche Soziologe Stefan Hradil thematisiert Statussymbole ebenfalls im Kontext der sozialen Ungleichheit und schließt sich bei der Begriffsbestimmung unter anderem dem amerikanischen Soziologen Erving Goffmann (1922-1982) an, indem festgestellt wird, man habe es „[i]mmer wenn äußerlich erkennbare Gegebenheiten den Prestigestatus eines Menschen anzeigen (sollen) […] mit Statussymbolen zu tun […]“[13]. Im Vergleich zu der im vorangegangen Abschnitt entwickelten Definition ist der Fokus in dieser Definition auf das Prestige gerichtet. Dies kann damit begründet werden, dass das Ansehen tatsächlich den letzten Referenzpunkt eines Statussymbols darstellt. Die Grundbedingung für einen Prestigegewinn eines Subjekts ist in den Augen des Verfassers dieser Arbeit jedoch die Partizipation an einer entsprechend angesehenen Gruppe. Abgesehen von dieser unterschiedlichen Perspektive weisen die Definitionen aber eine wichtige Gemeinsamkeit auf: Das in Klammern gesetzte sollen deutet darauf hin, dass Statussymbole nicht zwangsläufig einen bestimmten Status anzeigen. Dies deckt sich, sofern die Partizipation in den Mittelpunkt des Interesses gerückt wird, mit der Feststellung, dass zwischen Partizipationsbestreben und tatsächlicher Partizipation unterschieden werden muss. Des Weiteren ist die eingangs formulierte Annahme, dass die Gruppe (nur) hinsichtlich eines Merkmals privilegiert sein muss, kongruent zu Hradils Feststellung, Differenzierung vollziehe sich nicht nur „vertikal“, sondern auch „horizontal“.[14] Dies impliziert, dass beispielsweise das Streben nach Prestige durch hohe Bildung vollkommen unabhängig von einem Streben nach Prestige durch umfangreichen Besitz existieren kann. Es wurde in Kapitel 2.1 bereits angesprochen, welche Merkmale den Wunsch nach Partizipation forcieren. Es sind dies Merkmale, anhand derer sich eine Gruppenschließung[15] vollzieht und sich zudem die Differenzierung einer Gesellschaft im Allgemeinen nachzeichnen lässt.[16] Zu nennen sind daran anschließend Einkommensschichten, Berufsprestigeschichten und Bildungsschichten.[17] Hradil stellt zudem fest, dass in der Statussymbolforschung der 1950er- und 1960er- Jahre das Theorem des sogenannten „trickle effects“ vorherrschend gewesen sei, demzufolge der Gebrauch eines Statussymbols in einer Gesellschaft von „oben“ nach „unten“ durchsickere, sich dieser Effekt aber abgeschwächt und sogar umgekehrt habe und zunehmend Statussymbole von den Mittellagen ausgegangen seien. Insgesamt habe das Interesse an der empirischen Untersuchung des Phänomens der Statussymbole nach großer Aufmerksamkeit für die Thematik in der Nachkriegszeit stark nachgelassen.[18]

Dieser Trend wendet sich möglicherweise in Zukunft auf Grund einer steigenden Relevanz von Status- und Zugehörigkeitssymbolen, die als Reaktion auf zunehmend instabile Wertordnungen und erodierende soziale Zusammenhänge erwartet und zurückgeführt werden kann. So nennt beispielsweise der Ethnologe Bastian Bretthauer in dem Aufsatz Der gemeine Unterschied. Statusobjekte im Dienst der symbolischen Reproduktion sozialer Ungleichheit. aus dem Jahr 2003, der sich zumindest hinsichtlich des Titels unverkennbar an Bourdieus Hauptwerk anlehnt, einige neuere Funktionen von Statussymbolen. Er spricht von „zunehmend[er] […]Sinn-, Bewertungs- und Orientierungsfunktion.“[19] Bemerkenswert ist aber die latente oder explizite negative Beurteilung des Phänomens der Statussymbole in vielen Publikationen.[20] Statussymbole reproduzieren mit Bretthauers Worten auf symbolische Weise Ungleichheit und unverkennbar klingt in seinem Aufsatz Kritik an einer Fixierung auf Prestigegewinn mithilfe entsprechender Objekte an.

[...]


[1] Es handelt sich um einen Werbespot der Sparkasse aus den 1990er-Jahren.

[2] Der Terminus Wirkungsweise impliziert die Annahme eines reziproken Verhältnisses von Objekt und Subjekt. Von Funktionen oder Bedeutungen ist im Folgenden dann die Rede, wenn der Fokus stärker auf die Subjektperspektive gerichtet ist.

[3] Giddens 1999, S.634f.

[4] Der Fokus wird in dieser Arbeit auf gegenständliche Statussymbole und auf das erwünschte Merkmal Besitz gerichtet, wenngleich der Besitz nicht mehr als alleinige Determinante angesehen werden kann (vgl. Hradil 2001, S.297). Siehe dazu auch Abschnitt 3.2.

[5] Zur Erläuterung des Terminus siehe Abschnitt 3.1.

[6] Häufig, aber nicht immer korrelieren diese Merkmale. Mitunter geht beispielsweise eine hohe Bildung nicht mit einem hohen Einkommen einher. Man spricht von Statusinkonsistenz (vgl. Hradil 2001, S.33f.). Doch mindestens eines dieser allgemein erwünschten Merkmale fungiert bei Statussymbolen als Anreiz zur Partizipation.

[7] Auf diese Problematik wird im Abschnitt 3.3 im Zusammenhang mit der Kategorie der Authentizität ausführlich eingegangen.

[8] Als Beispiel können Fußballfangruppen herangezogen werden. So ist das Tragen eines Trikots einer Nationalmannschaft während einer Fußballweltmeisterschaft als reine Zugehörigkeitssymbolik zu verstehen, nicht jedoch als das Zuschaustellen eines Statussymbols, da grundsätzlich kein Partizipationsbestreben seitens der Fans anderer Nationen zu erwarten ist und ein solches Partizipationsbestreben auch von den Fangruppen selbst nicht erwartet wird.

[9] Diese Annahme wird in Abschnitt 3.1 vertiefend dargestellt.

[10] Vgl. Habermas 1996. S.423.

[11] Beispiel haft kann hier genannt werden: Weber, Julia K.: Statussymbol Mode. Funktionen und Bedeutung eines Massenphänomens. Hamburg 2008.

[12] Bourdieu 1982, S.602.

[13] Hradil 2001, S.292f.

[14] Vgl. Hradil 2001. S.294.

[15] Zur Erklärung des Terminus siehe Abschnitt 3.1.

[16] Man spricht von Ungleichheitsdimensionen, anhand derer sich verschiedene Schichten manifestieren (vgl. Hradil 2001, S.40.).

[17] Vgl. Hradil 2001, S.40.

[18] Vgl. ebd., S.297f.

[19] Bretthauer 2003, S.145.

[20] Beispielsweise übt der Psychologe Peter Lauster mit seinem Werk Statussymbole. Eine Demaskierung menschlicher Eitelkeiten. (Erstausgabe 1975) mit Blick auf neurotische Auswirkungen auf das Individuum ebenfalls Kritik an einer Orientierung an Statussymbolen.

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640772537
ISBN (Buch)
9783640772971
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163163
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1,0
Schlagworte
Soziologie Statussymbole Bourdieu Prestige Gesellschaft Gruppe

Autor

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Titel: Die Soziologie der Statussymbole