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Die Symboltheorie in der Analytischen Ästhetik

Überlegungen im Ausgang von Nelson Goodmans Aufsatz „Kunst und Erkenntnis“

Studienarbeit 2008 18 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Grundlegende symboltheoretische Argumente und Thesen in Nelson Goodmans Aufsatz Kunst und Erkenntnis
1.2. Die wissenschaftstheoretische Verortung Goodmans
1.3 Nelson Goodmans Idee einer allgemeinen Symboltheorie

2. Die Symboltheorie Cassirers bei Goodman
2.1. Grundzüge der Symboltheorie Ernst Cassirers
2.2. Die Bedeutung der Symboltheorie Cassirers für Goodmans Theorieansatz

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Wenn die Seele etwas erfahren möchte, dann wirft sie ein Bild der Erfahrung vor sich nach außen und tritt in ihr eigenes Bild ein (Meister Eckhart)

Einleitung

Nelson Goodman (1906-1998) hat als amerikanischer Philosoph innerhalb der so genannten Analytischen Philosophie Ansätze bearbeitet und gefunden, die von seinen Kollegen bislang unberührt geblieben sind. Seine sowohl originel­len als auch innovativen Bemühungen um eine allgemeine Symboltheorie wur­den von dieser Seite jedoch nicht immer goutiert. Von anderer Seite setzte Goodman sich - insbesondere mit seinen Schriften Weisen der Welterzeugung (1978) und Sprachen der Kunst (1968) - dem Relativismusverdacht aus. Den­noch gelten seine Untersuchungen inzwischen als Hauptwerke der Philosophie der Gegenwart.[1]

Goodman nimmt mit seiner programmatischen Idee einer allgemeinen Symbol­theorie deutlich Bezug auf Ernst Cassirer (1874-1945), ohne jedenfalls inner­halb seiner Überlegungen und Ausführungen ausdrücklich auf ihn zu verwei­sen. Daher erscheint eine vergleichende Untersuchung der Theorieansätze bei­der Wissenschaftler interessant, die solche Bezüge aufzuzeigen vermag. Dies ist es, was diese Arbeit leisten will. Sie versucht dies anhand von Goodmans Aufsatz Kunst und Erkenntnis. Als Grundlage für den Vergleich sollen dabei Ernst Cassirers Aufsätze Der Begriff der symbolischen Form im Aufbau der Geisteswissenschaften sowie Sprache und Mythos dienen, ohne jedoch in die­sem Rahmen den Anspruch erfüllen zu können, das umfassende Werk Cassi­rers im Detail zu kennen, oder auch nur tiefer in seine Philosophie der symboli­schen Formen einzutauchen. Daher soll methodisch versucht werden, verwen­dete Begriffe und Ideeninhalte beider Philosophen aufzuspüren und verglei­chend gegenüberzustellen, in der Hoffnung freilich, dies möge befriedigende Antworten zu unserer Fragestellung liefern.

In einem ersten Schritt sollen Goodmans grundlegende Argumente und Thesen herausgearbeitet werden, die in seinem Aufsatz ausgeführt sind. Auf eine wis­senschaftstheoretische Einordnung Goodmans folgt eine vertiefte Einsicht zu Goodmans Idee einer Symboltheorie oder Metatheorie. Sodann, in einem zwei­ten Schritt, nähern wir uns der Fragestellung über eine Auseinandersetzung mit Ernst Cassirers Symbolbegriff und seiner Bedeutung für die Erfahrung und Erkenntnis von symbolischen Welten wie sie etwa Mythos, Religion, Sprache und Kunst darstellen. Dies alles geschieht, um in einem letzten Abschnitt im direkten Vergleich Aufschluss über den Einfluss Cassirers auf Goodman zu bekommen.

1. Grundlegende symboltheoretische Argumente und Thesen in Nelson Goodmans Aufsatz Kunst und Erkenntnis

Nelson Goodmans Aufsatz Kunst und Erkenntnis[2] wurde von ihm in etwas abgewandelter Form als Schlusskapitel seiner Untersuchung Sprachen der Kunst (Languages of Art) verwendet. Er fasst somit deren wesentliche Thesen und Argumente zusammen. Der Schlusssatz des Aufsatzes beschreibt prägnant, worum es Goodman in seiner Arbeit im Wesentlichen ging:

„Mein eigentliches Ziel ist es ..., das systematische Studium der Symbole, Symbol­systeme und der Arten ihrer Funktionen in unseren Wahrnehmungen und Handlungen, in den Künsten, in den Wissenschaften und damit im Schaffen und im Erfassen unse­rer Welten einige Schritte voranzubringen.“[3]

Goodmans Überlegungen zur Kunsttheorie nehmen in der Abgrenzung zu gän­gigen Denkmodellen ihren Ausgang. So kann er sich nicht der Idee anschlie­ßen, die ästhetische Einstellung habe als passive Kontemplation (etwa bei Schopenhauer) zu erfolgen, auch stellt er sich Nachahmungstheorien, die Kunstwerke als Mimesis betrachten, skeptisch gegenüber; Vergnügen, und sei es ein wie immer geartetes objektiviertes, oder Befriedigung im Kunstgenuss zu finden scheint ihm ebenso wenig die gebotene Haltung zu Kunst und ihren Werken zu sein. Ferner wendet sich Goodman gegen jede Theorie, die Kunst als Realitätsersatz mit unterschiedlicher - etwa therapeutischer - Zielsetzung begreift.[4] Die anschließende Auseinandersetzung mit der gängigen Dichotomie zwischen Kognition und Emotion als Kriterium der Klassifizierung ästhetischer Erfahrungen und die Feststellung, dass die kognitive Verwendung der Emotio­nen weder in jeder ästhetischen Erfahrung zu finden sei, noch dass sie in jeder nicht-ästhetischen fehle, bringt Goodman schließlich zu der Überlegung, dass es vielleicht kein einzelnes markantes Kennzeichen gebe, das alle ästhetische von aller wissenschaftlichen und praktischen Erfahrung unterscheide.[5] Dage­gen kann mit Goodman gesagt werden, dass:

„...ästhetische wie wissenschaftliche Aktivität in hohem Maße in Symbolverarbeitung besteht; im Erfinden, Anwenden, Interpretieren, Umformen, Manipulieren von Sym­bolen und Symbolsystemen.“[6]

Es sind also die Symbole, mittels derer der Mensch in Beziehung zu seinen Gegenständen tritt, mittels derer er Bezug auf sie nimmt. Und so empfiehlt Goodman in seinem Aufsatz „ein Studium von Systemen der Beschreibung, der Darstellung, der Projektion, der Schematisierung, der Exemplifizierung, des Ausdrucks und der formalen Notation.“[7] Ausdrücklich wendet er sich dabei gegen bisherige Versuche der Entwicklung einer allgemeinen Theorie der Symbole, da er sie vom Ansatz her als gescheitert erachtet.[8] Denn für Good­man gibt es kein vorrangiges Symbolsystem unter das alle anderen subsumiert werden könnten.[9] Vielmehr geht es ihm an dieser Stelle darum aufzuzeigen, welche Kennzeichen seiner Meinung nach geeignet sind, wichtige Unterschei­dungen zwischen Typen von Symbolsystemen zu konstituieren. Er nennt diese Merkmale Symptome des Ästhetischen - schon die Wahl des Begriffs zeigt aber, dass er nicht den Anspruch erhebt, damit in gängige Erklärsysteme zu passen. Demnach bezeichnet (1) die Syntaktische Dichte, dass durch minimale Differenzen bereits ein neues Symbol entsteht.[10] Bildliche Systeme können syntaktisch dicht genannt werden, weil, wie Catherine Z. Elgin erklärend aus­führt, die genaue Farbe, Dicke, Position und Schattierung jeder Linie in einer Zeichnung entscheidend für ihre Identität als ein bildliches Symbol sei.[11] Dies, wie Goodman meint, im Gegensatz zu Sprachen, denn Inschriften in einer Sprache, die gleich buchstabiert werden, seien ohne syntaktische Wirkung aus- tauschbar[12] - denn sie stellen, so lässt sich hinzufügen, exakt das Gleiche dar. (2) Die Semantische Dichte besagt, Bilder seien semantisch dicht, sie können daher die kleinsten Unterschiede in ihren Bezugnahmefeldern wiedergeben.[13] Mona Lisas rätselvolles Lächeln - ist es weise, tief und samtig, ist es hinter­gründig oder Ausdruck einer nervösen Erkrankung? Was genau der Ausdruck auf dem Gesicht der von Leonardo da Vinci gemalten Dame darstellt, kann schwerlich festgestellt werden, denn wie Goodman sagt, sind Bilder seman­tisch nicht-getrennt. Auch Worte haben diese Eigenschaft. Mittels der Sprache können wir so genau beschreiben, dass eine Unterscheidbarkeit der Bezugsob­jekte unmöglich erscheint. (3) Die Exemplifikatorische Beziehung[14] meint, dass ein Kunstwerk ästhetische Eigenschaften ausdrückt, die es exemplifiziert,[15] mit anderen Worten: dass ein Symbol nicht nur etwas sagt, sondern, was es sagt auch zeigt. Dies ist also in Abgrenzung zu reiner Darstellung und Beschreibung zu sehen. Dabei ist nach Goodman Ausdruck eine Unterart der metaphorischen Exemplifikation, bei der eine bereits manifeste Bedeutung einschließlich des mit ihr verbundenen Bedeutungsbereichs auf einen anderen Gegenstand über­tragen wird.[16] (4) Die Relative syntaktische Fülle[17] will hingegen besagen, dass jede Eigenschaft eines Symbols signifikant sei. Eine Zeichnung etwa gewährt über vielfältige Wege epistemischen Zugang zu verschiedenen Bezugsobjek­ten, dabei können beim wiederholten Betrachten in schier unendlicher Weise neue Bezugsmomente entdeckt werden, die zuvor nicht aufgefallen waren oder die sich sogar durch neue Entwicklungen erst ergeben. In Abgrenzung dazu seien wissenschaftliche Symbole vergleichsweise ausgedünnt. Dichte, Fülle und Exemplifikation sind demnach symptomatisch für die Kunst, wohingegen Artikuliertheit, Verdünnung und Denotationalität Kennzeichen des Nicht­ästhetischen sind. Somit sei der Unterschied zwischen Kunst und Wissenschaft als ein Unterschied in der Dominanz von gewissen - nämlich von Goodman vorgeschlagenen - spezifischen Merkmalen von Symbolen gekennzeichnet.[18] Und ausdrücklich nicht etwa der zwischen Gefühl und Tatsache, Intuition und Konklusion, Synthese und Analyse, Wahrheit und Schönheit, um nur einige zu nennen. Dessen ungeachtet spielt jedoch die Emotion in den Erkenntnisprozess in der Weise ein, dass sie ihm Vollzugsmittel wird, ja dass sie „in der ästheti­schen Erfahrung eine kognitive Funktion haben“, wie Goodman es formuliert. Und so sieht er „in der ästhetischen Erfahrung ... Emotion [als] ein Mittel, mit dessen Hilfe man entdecken kann, welche Eigenschaften ein Werk besitzt und zum Ausdruck bringt.“[19] Dies muss aber nicht zwangsweise so sein, sowohl in der ästhetischen wie in der nicht-ästhetischen Erfahrung kann sie wahrgenom­men oder vermisst sein. Keine Rolle hingegen spielt für Goodman der ästheti­sche Wert eines Kunstwerks, denn „die ästhetische Erfahrung als eine Form der Erkenntnis zu begreifen, führt sowohl zur Auflösung als auch zur Abwertung der Frage nach dem ästhetischen Wert.“ Die Symptome des Ästhetischen stel­len somit keine Gütezeichen für den Grad des Ästhetischen dar, besser formu­liert: Die reine Feststellung, dass etwas Kunst sei, sagt nichts darüber aus, ob es auch gute Kunst ist.

Doch wie sieht es mit der Frage aus, inwiefern ein Symbolsystem mit dem kor­respondiert, was wir Wahrheit nennen? Kann Wahrheit ein Kriterium für Kunst sein? Goodman verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass Wahrheit im­mer einer Art des Passendseins ist, und wie wir aus der Wissenschaft lernen, ist sie stets „eine Art des Passendseins ... einer Theorie und des Passendseins von Hypothese und Theorie zu den verfügbaren Daten und Fakten.“. Für eine ästhetische Beurteilung stellt sich etwa die Frage, wie gut eine metaphorische Exemplifikation auf das verweist, was sie selbst exemplifizieren will. Ange­messenheit, ja Richtigkeit in diesem Sinne ist mit Goodman ein Passen in einen Kontext oder Diskurs und weniger ein Passen auf ein vorgegebenes System oder Objekt.[20] Die Richtigkeit tritt damit an die Stelle von Wahrheit, Gewiss-heit und Wissen, da diese immer ganz von spezifischen Symbolsystemen ab-hängig sind.[21]

[...]


[1] Dieter Sturma: Nelson Goodman. In: Philosophie der Gegenwart in Einzeldarstellungen. Von Adorno bis Wright. Hg. v. Julian Nida-Rümelin. Stuttgard (Kröner) 1999, S. 260-266

[2]

Nelson Goodman: Kunst und Erkenntnis. Übers. v. Jürgen Schlaeger, bear. v. Dieter Henrich. In: D. Henrich und Wolfgang Inser (Herg.): Theorien der Kunst. Frankfurt a. M. 1982, S. 569-591 (Art and Inquirey. In: American Philosophical Assiciation. Proceedings and Adresses. 41 [1967/68], S. 5-19; dt.)

[3] ebenda, S.591

[4] ebenda, S. 569-574

[5] ebenda, S. 578

[6] ebenda, S. 579

[7] ebenda

[8] ebenda

[9] Dieter Sturma: Nelson Goodman.In: Philosophie der Gegenwarte in Einzeldarstellungen. Von Adorno bis Wright. Hg. v. Julian Nida-Rümelin. Stuttgard (Kröner)1999, S. 261

[10] ebenda, S. 580

[11] Catherine Z. Elgin: Eine Neubestimmung der Ästhetik. Goodmans epistemische Wende. In: Symbole, Syteme, Welten. Studien zur Philosophie Nelson Goodmans. Hg. v. Jacob Steinbren­ner, Oliver R. Scholz und Gerhard Ernst (Synchron) Heidelberg, 2005, S. 52

[12] Nelson Goodman: Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Übers. v. Bernd Phi­lippi. (Suhrkamp) Frankfurt a.M. 1995, S. 125ff

[13] ebenda, S. 580

[14] ebenda

[15] Catherine Z. Elgin: S. 48/49

[16] Nelson Goodman: Sprachen der Kunst: S. 78ff

[17] ebenda

[18] ebenda, S. 590

[19] ebenda, S. 575

[20] Monika Betzler: Nelson Goodman. In: Ästhetik und Kunstphilosophie. Von der Antike bis zur Gegenwarte in Einzeldarstellungen. Hg. v. Julian Nida-Rümelin und Monika Betzler. Stutt-gart (Kröner) 1998, S. 320-328

[21] Dieter Sturma: S. 264

Details

Seiten
18
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640771950
ISBN (Buch)
9783640772131
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163151
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Philosophische Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Symboltheorie Goodman Ernst Cassirer Analytische Ästethik

Autor

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