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Der Zufall in Dürrenmatts Kriminalromanen

Untersuchungen zu den Romanen "Der Richter und sein Henker" und "Der Verdacht"

Hausarbeit 2003 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Richter und sein Henker
2.1. Vorkommnisse des Zufalls
2.2 Zufall als Ermöglicher / Verhinderer eines perfekten Verbrechen

3. Der Verdacht
3.1 Inhalt
3.2 Gespräch zwischen Bärlach und Emmenberger
3.3. Bärlachs ausbleibende Reaktion
3.4. Der Zufall als deus ex machina

4. Schlussbemerkungen

5. Literatur

1. Einleitung

„Ihr baut eure Handlungen logisch auf; wie bei einem Schachspiel geht es zu, hier der Verbrecher, hier das Opfer, hier der Mitwisser, hier der Nutznießer; es genügt, dass der Detektiv die Regeln kennt und die Partie wiederholt, und schon hat er den Verbrecher gestellt, der Gerechtigkeit zum Sieg verholfen. Diese Fiktion macht mich wütend. [...] in euren Romanen spielt der Zufall keine Rolle, und wenn etwas nach Zufall aussieht, ist es gleich Schicksal oder Fügung gewesen [...]. Ein Geschehen kann schon allein deshalb nicht wie eine Rechnung aufgehen, weil wir nie alle notwendigen Faktoren kennen, sondern nur einige wenige, meistens recht nebensächliche. Auch spielt das Zufällige, Unberechenbare, Inkommensurable eine zu große Rolle. Unsere Gesetze fußen nur auf Wahrscheinlichkeit, auf Statistik, nicht auf der Kausalität, treffen nur im allgemeinen zu, nicht im besonderen. Der einzelne steht außerhalb der Berechnungen.“ (Dürrenmatt 1958, S. 15ff.)

Dieses Zitat, das aus Dürrenmatts dritten Kriminalroman „Das Versprechen“ stammt, soll die Begeisterung des Autors für das Thema Zufall verdeutlichen. Ein Thema, dass in allen seinen Kriminalerzählungen eine bedeutende Rolle spielt. Diese Arbeit soll die Rolle des Zufalls in den Detektivromanen „Der Richter und sein Henker“ und „Der Verdacht“ von Friedrich Dürrenmatt beleuchten. Dazu ist es notwendig beide Bücher einzeln zu behandeln, da der Zufall jeweils verschieden dargestellt wird. Beiden Werken werden die Fragen gestellt, an welchen Stellen der Zufall vorkommt und welche Funktion er zugeschrieben bekommt. Anschließend werden beide Arten des Zufalls gegenüber gestellt, verglichen und auf eine Entwicklung hin untersucht. Ferner werden die Romane kurz mit „Die Morde in der Rue Morgue“ von Edgar Allen Poe verglichen.

2. Der Richter und sein Henker

2.1. Vorkommnisse des Zufalls

Dürrenmatts erster Kriminalroman „Der Richter und sein Henker“, der 1950 veröffentlicht wurde, beginnt wie viele Romane dieses Genres sofort mit dem Fall, dem Auffinden einer Leiche. Der Tote ist der Polizeileutnant Ulrich Schmied, Untergebener von Kommissar Bärlach. Bemerkenswert sind hierbei zwei Sachen: Zum Einen die Darstellung des Auffindens durch den Polizisten Clenin, zum Anderen dessen weitere Vorgehensweise. Ohne dramatische Effekte in einer sachlichen, untertrieben wirkenden Art wird beschrieben, wie der Polizist die Leiche findet. Dies geschieht deshalb, weil „die Schockwirkung nicht auf den Leser zielen soll, sondern den Polizisten Clenin erfaßt“ (Seifert, S. 24). Dieser wird auf Grund des Schockes, denn „als Dorfpolizist war ihm ein so blutiger Fall noch nie vorgekommen“ (Dürrenmatt. 1982, S. 5f.), ein unkriminalistisches Verhalten zeigen, dass jedem Leser von Kriminalgeschichten als solches auffallen muss. Er schiebt den Toten auf die Beifahrerseite und fährt mit dessen Auto bis zur Stadt Biel, wo die nächste Polizeistation ist. Dies hat zur Folge, dass der in diesem Falle ermittelnde Polizist Kommissar Bärlach einen veränderten Tatort vorfindet, der sich zur Spurensuche nur noch bedingt eignet. Doch Bärlach ist darüber keineswegs verärgert, weil er „nicht nur der modernen wissenschaftlichen Kriminalistik überhaupt“ (Spycher, S. 142) mißtraut, sondern „er hat selber eine ausgesprochene Abneigung gegen Tote“ (ebenda). Ferner scheint der Kommissar auf die Methoden der wissenschaftlichen Kriminalistik, die sein Vorgesetzer Dr. Lucius Lutz so trefflich verkörpert, gar nicht angewiesen zu sein: „Und er stieß mit seinem rechten Fuß auf etwas Hartes“ (Dürrenmatt. 1982, S.16). Die anwesenden Dorfpolizisten staunen, da er eine Revolverkugel in der Hand hält. Auf die rhetorische Frage Clenins, wie er das nur wieder gemacht habe, antwortet der Kommissar: „Das ist nur Zufall“ (Dürrenmatt. 1982, S.17). Hier endet, wenn man Gerhard Knapps Einteilung folgt, die Exposition des Romans, in der die Grundzüge des Werkes und auch die „Abweichungen des Textes vom orthodoxen Schema des Detektivromans“ (Knapp, S. 21) dargestellt werden. Zu diesen Abweichungen zählt Knapp die Person des Kommissar Hans Bärlach selbst, der stellenweise parodistische Erzählstil des Romans und die Bedeutung des Zufalls.

Eine weitere Stelle voller Zufälle findet vor Gastmanns Haus statt. Bärlach weiß, wie der Leser nachher erfährt, dass Gastmann, das eigentliche Ziel Bärlachs, einen Hund hat. Dieser Wachhund ist äußerst gefährlich, er hat „Zähne wie ein Raubtier“ (Dürrenmatt. 1982, S.33). Deshalb hat Bärlach seinen linken Arm mit dicken Tüchern umwickelt. Er umschleicht mit Polizist Tschanz, dem Mörder des am Anfang aufgefundenen Polizisten Schmied, das Haus. Da der Hund, „scheinbar zufällig, den Kopf wandte und ihn anstarrte“ (Dürrenmatt. 1982, S.33), um den Kommissar schließlich anzufallen, erschoss Tschanz das Tier mit seinem Dienstrevolver. Durch diesen Vorfall konnte Bärlach eine Kugel aus Tschanz´ Revolver in seinem Besitz bringen und sie mit der vom Tatort vergleichen, um Tschanz eindeutig als Täter zu identifizieren, was der Leser aber erst am Ende des Buches erfährt. Peter Spycher bemerkt zu dieser Szene, dass es sich hier um „ein abenteuerliches und von verschiedenen Zufällen abhängiges Manöver“ (Spycher, S.147) handle. Weiter wirft Spycher die Fragen auf, warum Bärlach Tschanz´ Revolver und Munition nicht einfach hat unauffällig untersuchen lassen, und warum Tschanz für einen Mord an einem Kollegen überhaupt seine Dienstwaffe benutzt. Die Frage nach der Dienstwaffe wird von Spycher mit der Eindimensionaliät des Charakter Tschanz erklärt. Tschanz ist von der Eifersucht auf Schmieds Leben in Form von Herkunft, Bildung, beruflicher Stand und Frau so besessen, dass er nur monoton ohne weiterreichende Überlegungen danach handelt. Er wird bei seinem Vorgesetzten Bärlach einbrechen, während dieser zu Hause ist, er wird sehr schnell Kontakt zu Schmieds Witwe Anna aufnehmen, was ihm ein Motiv gibt und schließlich wird er Gastmann ermorden. Dies ist seine einzige Möglichkeit seinen Mord zu verschleiern, doch „erst recht eine Wahnsinnstat“ (Spycher, S.147), weiß er doch, dass Gastmann „geistig, moralisch und physisch hochgefährlich“ (ebenda) ist und mindestens zwei beutale Leibwächter hat. Die Frage nach dem Untersuchen des Revolvers wird von ihm nicht beantwortet. Ich denke, dass dies keine „Plumpheit“ (Spycher, S.148) ist, sondern hier die Aufmerksamkeit des Lesers gezielt auf die durch Unwahrscheinlichkeiten schwierigere Vorgehensweise Bärlachs zu lenken. Bärlach braucht die einfache, wissenschaftliche Laboranalyse nicht, er schafft es die Beweise auch mit schwierigeren Methoden zusammen zu tragen, weil der Zufall auf seiner Seite steht.

2.2 Zufall als Ermöglicher / Verhinderer eines perfekten Verbrechen

Die besondere Bedeutung des Zufalls für Bärlach kommt erst im „Kernstück der Romanstruktur“ (Knapp, S. 22) zum Vorschein. Gemeint ist die Szene, in der der Kommissar zum ersten Mal auf Gastmann trifft. In seinem Haus, dessen Tür nie abgeschlossen ist, kommt es nach Schmieds Begräbnis zu einem ersten Gespräch zwischen den beiden. Dies fördert zwar in diesem Moment nicht die Lösung des Falles, sondern stellt eher ein retardierendes Element dar, ist aber für Knapp eine Stelle, an der der Autor von der traditionellen Bauform eines Detektivromans abweicht, um „seinem Text einen über dessen engen Rahmen hinausweisenden Bedeutungsgehalt zu vermitteln“ (ebenda). Inhaltlich stellt sich für den Leser heraus, dass sich die beiden schon seit vierzig Jahren kennen. Sie trafen sich in Istanbul, was allein schon ein Zufall ist. „Gemeinsam glaubten sie an die Herrschaft des Zufalls und an die Beschränktheit der menschlichen Vernunft“ (Spycher, S.156). Aber sie zogen aus ihrem Glauben unterschiedliche Schlüsse: Bärlach glaubte, dass durch den Zufall ein perfektes Verbrechen unmöglich sei, während Gastmann glaubte, gerade durch den Zufall wäre ein perfektes Verbrechen möglich. So schlossen sie eine „faustisch-mephistophelische Wette“ (Spycher, S.140) ab, die Gastmann schon mehrmals gewann, indem er perfekte Verbrechen beging, z.B. einen verarmten Kaufmann in Gegenwart von Bärlach von einer Brücke zu werfen, und es wie Selbstmord aussehen zu lassen. Im Haus Bärlachs hat Gastmann die Akte über ihn vom ermordeten Polizeileutnant Schmied gefunden und begriff, dass der Kommissar Schmied auf ihn angesetzt hatte, um ihn zu überführen. Nach dessen Tod und im Wissen über Bärlachs schwerem Magenleiden, dass ihn nur noch ein Jahr leben lässt, fühlt sich Gastmann als endgültiger Sieger der Wette. Mit dem Wissen um die Wette rückt der eigentliche Fall für den Leser in den Hintergrund. Für Bärlach geht es nicht „um die Wiederherstellung der Gerechtigkeit, sondern die Wette am Ende doch noch zu gewinnen“ (Knopf, S.50).

Bärlach geht so weit, dass er Gastmann durch Tschanz ermorden lässt. Im zweiten Gespräch mit Gastmann droht der Kommissar: „Es ist mir nicht gelungen, dich der Verbrechen zu überführen, die du begangen hast, nun werde ich dich eben dessen überführen, das du nicht begangen hast“ (Dürrenmatt. 1982, S.100). Und so bringt er den nichtswissenden Tschanz dazu, Gastmann zu ermorden. Tschanz tut dies, um den Mord am Kollegen Schmied, den er begangen hat, Gastmann in die Schuhe zu schieben. Formal gewinnt Bärlich die Wette, weil sein Plan aufgeht, der Zufall mitspielt, Tschanz die Rolle spielt, die ihm der Kommissar zugedacht hat und Bärlach Gastmann überlebt. Aber inhaltlich scheitert Bärlach und Gastmann gewinnt die Wette post mortem, weil es Bärlach nicht möglich ist, ein perfektes Verbrechen aufzudecken; er schafft es lediglich den perfekten Verbrecher mittels eines perfekten Verbrechens töten zu lassen. Somit bestätigt er Gastmanns These, dass „gerade die Verworrenheit der menschlichen Beziehungen es möglich mache, Verbrechen zu begehen, die nicht erkannt werden könnten“ (Dürrenmatt. 1982, S.67). Letzlich verstoßen beide, Täter und Verfolger, „gegen übergeordnete Moralvorstellungen, verfallen dem Bösen und werden schuldig“ (Seifert, S.92).

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640770625
ISBN (Buch)
9783640771073
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163100
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin
Note
1,5
Schlagworte
Zufall Dürrenmatts Kriminalromanen Untersuchungen Romanen Richter Henker Verdacht

Autor

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Titel: Der Zufall in Dürrenmatts Kriminalromanen