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Heraklit von Ephesos – Einführung in seine philosophischen Gedanken

Hausarbeit 2010 18 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Leben und Werk

3. Zur Lehre des Heraklit
3.1. Von der Täuschung zur Wahrheit
3.2. Ursache und Lehre des Werdens
3.3. Lehre von der Einheit der Gegensätze

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Verpflichtungserklärung

1. Einleitung

„Pantha rei - alles fließt und nichts bleibt" ist ein auf Heraklit zurückzuführender bekannter Aphorismus. Eine Interpretation, die Heraklits Fragment 12 „[d]enen, die in dieselben Flüsse steigen, strömen andere und wieder andere Wasserfluten zu" (Vorländer 1990, S.208) entspringt. Viele Menschen sind mit diesem Flussfragment vertraut, doch kaum jemand kann sein Wesen tiefgründig begreifen. Warum eigentlich? Welche Aspekte stehen hinter diesen Worten, dass es so schwierig wird, eine einfache Erklärung dafür zu finden?

Kaum ein anderer Philosoph hat so viel Unklarheit und Spekulationsraum über die eigenen Erkenntnisse hinterlassen wie Heraklit. Seine Philosophie in ihrer Gesamtheit zu betrachten, stellt die Wissenschaft vor einige Herausforderungen. Sei es die Überlegung, ob Heraklit selbst etwas niedergeschrieben hat oder eine Sammlung seiner Schüler das philosophische Gedankengut repräsentiert. Deshalb streiten sich die Forscher auch darüber, ob Heraklit eine systematische Abhandlung formuliert hat oder sein Werk aus einer Sammlung von Fragmenten besteht, die lediglich indirekte Aussagen und Argumentationsstrukturen ermöglichen. Auch ist die Quantität und Qualität des Werkes umstritten: stehen uns alle Informationen zur Verfügung und sind sie das Werk Heraklits oder Interpretationen von Doxographen? (vgl. van Ackeren 2006, S.14ff.). Hat Heraklit überhaupt ein Werk für Menschen oder lediglich etwas für die Götter verständliches erschaffen? Antiken Mythen zufolge soll er sein Werk im Tempel der Göttin Artemis niedergelegt haben - könnte dieser Mythos einen Grund haben (vgl. Huber 1996, S.3)? Diese lediglich einführenden und oberflächlichen Informationen machen deutlich, dass die eindeutige Interpretation des vorsokratischen Philosophen auf den ersten Blick schier unmöglich oder aussichtslos erscheint, gleichwohl hinter dem Gedankengut laut Röd (1988) eine exzellente Konzeption zu erahnen ist (vgl. ebd., S.89). Was jedoch soll diese exzellente Konzeption sein, wenn sie doch so schwer zu begreifen ist? Und was bedeutet nach Heraklit eigentlich Sinn? Und welche Faktoren bedingen ihn?

Heraklit soll im Folgenden näher und etwas tiefgründiger betrachtet und Grundzüge seines philosophischen Gedankengutes herausgearbeitet werden. Die nachstehende Arbeit soll ein Verständnis für grundlegende Kerngedanken Heraklits Philosophie liefern und wird diesbezüglich einige Aspekte in die Argumentationsstruktur einbinden.[1] Vor dem Hintergrund einiger zugänglicher philosophischer Analysen wird die nachstehende Arbeit Erörterungen des heraklitischen Lebens und seiner Grundgedanken machen.[2] Hierbei wird die Biografie eine Einordnung in die zeitgenössischen Gegebenheiten ermöglichen, worauf aufbauend sein philosophisches Werk und seine Theorie rekonstruiert und erörtert werden können. Dabei werden sowohl Überlegungen zu Heraklits „Lehre Sinn", als auch zu den Bedingungen und Adressaten der Wahrheit gemacht. Im Folgenden werden die Ursache und Lehre des Werdens und schließlich die Lehre von der Einheit der Gegensätze analysiert. Das Fazit schließt die Arbeit, welches alle zentralen Aspekte kurz zusammenfasst und eine kritische Auseinandersetzung vornimmt.

2. Leben und Werk

Zur Zeit des ionischen Kleinasiens und dem Zusammenbruch des Lyderreiches wurde Heraklit von Ephesos im Jahr 549 v.Chr. geboren und starb - die Zahlen sind hier nicht ganz eindeutig - um 483 - 475 v.Chr.. Als Abkömmling einer Königsfamilie (das Herrscher­geschlecht der Kodridai) und Zugehörigkeit zum aristokratischen Geschlecht hätte er Anspruch auf das königliche Amt des Opferpriesters gehabt, was er jedoch zu Gunsten seines Bruders ablehnte (vgl. Hammer 1991, S.16). Aufgrund der sich verändernden politischen Strukturen und der durch die Perser fortan zugestandenen demokratischen Grundordnung in den kleinasischen Regionen, lebte er fortan sehr zurückgezogen und gab sich gegenüber seinem Staat sehr distanziert. Grund dafür war, dass er als Angehöriger der aristokratischen Partei zu politischer Ohnmacht verurteilt wurde (vgl.ebd., S.11 - 14).

Heraklit wurde jedoch durch diese familiären und politischen Strukturen maßgeblich geprägt. Erstens ist die religiöse Tradition seiner Familie, trotz der Ablehnung des Opferpriesteramtes, für seine geistige Entwicklung bedeutend. Mit der Ablehnung wandte er sich nicht per se gegen die religiösen Traditionen, sondern brachte damit zum Ausdruck, dass er die traditionellen religiösen Vorstellungen und gleichsam die damit verbundenen sozialen und politischen Strukturen als Entfremdung empfand. Fortan lebte er als Einsiedler und empfing lediglich gute Freunde (vgl. Röd 1988, S.92). Heraklit hat keine philosophische Schule gegründet, wie es die Herakliteer vermuten lassen könnten (vgl. Fleischer 2001, S.12).

Sein uns bekanntes Buch soll zu seiner Entstehungszeit keinen Namen gehabt haben und erst später durch einen Standardtitel - „Über Natur" - versehen worden sein (vgl. Quiring 1959, S.9). Ob es eine Aufteilung (im Sinne einer Gliederung) des Werkes von Heraklit selbst gab, ist nicht klar, eine Aufteilung in drei Abschnitte soll jedoch vom Philosophen Kleanthes vorgenommen worden sein, und zwar in Logik, Ethik und Physik (vgl. Hammer 1991, S.24f.). Heraklits äußerst ansprechende, aber doch oft gebrauchte rätselhafte, bildreiche und prophetische Sprache lässt einen genauen Zugriff auf seine Gedanken teilweise schwer fallen. Das philosophische Denken wird aufgrund seines biografischen Hintergrundes als ethisch-politisch beschrieben. Auch galt er im Altertum als dunkel und schwer verständlich, was gerade in seiner Sprache und Schrift Ausdruck fand (vgl. Quiring 1959, S.9; vgl. van Ackeren 2006, S.66). Auch über den Charakter des Buches besteht Uneinigkeit. Hammer (1991) spricht von einem plausiblen „assoziativen Zusammenhang" (S.31), der „not by logical argument but by interlocking ideas, imagery and verbal echoes" (Kahn, 1974, S.7 zit. nach Hammer, 1991, S.31) verknüpft gewesen sein könnte. Kahn (1976) geht ferner davon aus, dass von insgesamt 125 Fragmenten 89 unverfälschte Zitate und bei 36 vermischte Worte Heraklits und des Berichterstatters vorliegen (vgl. ebd. S.25 zit. nach van Ackeren 2006, S.15). Bei dem Wort Fragment weist Rapp (2007) darauf hin, dass es keine beliebigen Satzbruchstücke, sonder vielmehr exzellent durchdachte und aphoristische Sinnsprüche sind. Durch ihre Rätselhaftigkeit und den sich durchziehenden Charakter von in sich geschlossenen Gedanken ist es schwer vorstellbar, dass dies einem Gesamtwerk zuzuordnen sei (vgl. ebd., S.58). Fränkel (1993) stellt heraus, dass eine beliebige Aneinanderreihung der Fragmente problemlos möglich zu sein scheint, da alle miteinander verwandt seien und sich daraus unterschiedlichste sinnvolle Beziehungen ergeben, was die Genialität und Sprachgewalt des Verfassers herausstellt, gleichsam aber eine Rekonstruktion unmöglich erscheinen lässt (vgl. ebd., S.422).

Alle Unklarheiten und Rätselhaftigkeiten Heraklits könnten darauf zurückzuführen sein, dass sein Werk nicht den Menschen, sondern der Göttin Artemis gewidmet worden ist, in dessen Tempel Heraklit sein Werk auch hinterlegt haben soll. Lediglich geeignete bzw. eingeweihte Personen sollen das Buch lesen und den dahinterliegenden Sinn dechiffrieren können. Heraklit ging es hierbei um „Geeignete für die nüchterne Klarheit des Logos" (Buchheim 1994, S.85), was er in Fragment 50 zum Ausdruck bringt: „Haben sie nicht mich, sondern den Sinn vernommen [...]" (vgl. Vorländer 1990, S.208). Philosophieren ist nach Heraklit eine seherisch-göttliche Fähigkeit, die aus dem Beobachten und Deuten der umgebenden Natur und den daraus abzuleitenden universellen Gesetzen aufbaut. Er erkannte hierbei den essenziellen Wert der Empirie. An ihn knüpften auch nachfolgende Philosophen an, die diesen unschätzbaren Wert ebenfalls erkannten: R. Bacon, L. Da Vinci, J. Locke, D. Hume und I. Kant (vgl. Quiring 1959, S.24).

Trotz all dieser differenten Interpretationen muss der Frage nachgegangen werden, welche Philosophie Heraklit überhaupt pflegt. Unter Berücksichtigung einiger bestehenden differenten Strömungen über die Lehre Heraklits werden die nachfolgenden Abschnitte die Grundgedanken erörtern und - der einheitlichen Orientierung halber - die Übersetzungen sowie die Struktur von Karl Vorländer (1990, S. 207-209) zur Grundlage nehmen. Diese Erörterungen gelten jedoch nicht als die einzig möglichen Interpretationen, da, wie die vorangehenden Äußerungen gezeigt haben, die Interpretation von Heraklit in der philosophischen Wissenschaft sehr vielschichtig und kontrovers diskutiert wird (vgl. Quiring 1959, Vorwort).

3. Zur Lehre des Heraklit

Heraklits Lehre beruht auf Verborgenem und stellt die Menschen vor Rätsel. Er wird von Interpreten deshalb auch als Orakel bewertet. Durch seine Rätselhaftigkeit in Antworten und die damit verbundene Interpretationsfülle ähnelt sein Verhalten einem Orakelspruch. Er selbst schreibt in einem Fragment (93): „Der Herr, dem das Orakel in Delphi gehört, sagt nichts und birgt nichts, sondern er bedeutet" (Schupp 2003, S.110). Seine gebrauchten Gleichnisse und paradoxen Fügungen sind nicht von selbst verständlich, sonder bedürfen einer Dechiffrierung durch den Leser (vgl. Rapp 2007, S.59). Es wird ferner deutlich, dass eine Bedeutung (= Sinn) nicht offenkundig an der Oberfläche liegen kann, sondern etwas verborgenes ist. Verborgenheit ist in der Natur selbst begründet: „Die Natur liebt es sich zu verbergen" (Fragment 123, ebd., S.110). Er strebt nach einer Umkehr des Denkens, die jedoch nicht lehrbar sei. Die Natur - als zentraler Bestandteil des Gedankenguts - verwertet Heraklit in dem Maße, als dass er aus ihr Aussagen von universeller Bedeutung ableitet. Er beschreibt keinerlei Einzelheiten oder Ursachen, sondern vermittelt allgemeingültige Gedanken in bildhafter Form und stellt diesbezüglich prägnante Thesen auf (vgl., Quiring 1959, S.9-10). Die damit verbundenen Rätsel können nicht selbstständig aufgelöst werden. Das Fragment 1 - gleichzeitig als Einleitung in seine Gedanken zu verstehen - erläutert seine Gedanken diesbezüglich wie folgt:

„Für den Lehre Sinn aber, wie er hier vorliegt, gewinnen die Menschen nie ein Verständnis, ehe sie ihn vernommen noch sobald sie ihn vernommen. Denn geschieht auch alles nach diesem Sinn, so gleichen sie doch Unerprobten [...] Den anderen Menschen aber bleibt unbewußt, was sie nach dem Erwachen tun, so wie sie das Bewußtsein verlieren für das, was sie im Schlafe tun“ (Vorländer 1990, S.207).

Es ist der Eingang in eine rätselhafte Lehre des Heraklit, die durch einen zentralen Ausdruck geprägt ist. Heraklits „Lehre Sinn" ist gleichzusetzen mit dem Wort „Logos" (λόγος). Ein Begriff, der zum Symbol seines gesamten Denkens geworden ist. Unter diesem Aspekt des Logos sind alle Fragmente zu interpretieren - er spiegelt die verborgene Weisheit bzw. Wahrheit wider und erklärt einfach alles (vgl. Schupp 2003, S. 111). Eine wohl durchdachte, jedoch fremdartige und gar geheimnisvolle Sprachform, mit der er etwas erklären will. Woher wollen wir modernen Menschen aber eigentlich wissen, was genau das Wort Logos zu bedeuten hat? Heidegger (1979) beschreibt den Begriff als dunkel. Der ursprünglichen Wortbedeutung hat der Begriff nichts mit Aussagen zu tun, da er weder mit „Rede" oder „Sprache" übersetzt werden kann. Dennoch wird unter Berücksichtigung des zugehörigen Zeitwortes der subjektive Bedeutungsgehalt doch auf Sprache und Rede gelenkt. Zweifellos dunkel und mysteriös. Heidegger (1979) kommt zu dem Schluss, dass sowohl die Semantik des Logos als auch die dahinter verborgenen Lehren von zwei Standpunkten aus betrachtet werden können. Der Erste ist der, dass sich jeder Philosoph in den eigentlichen Wesensbereich des Wortes hineindenkt und darauf aufbauend philosophiert oder ob zweitens eine bloße Stellensammlung vorgenommen wird, an denen das Wort Logos vorkommt und danach beurteilt wird, welche Bedeutung es habe (vgl. ebd., S.241f.). Diese Arbeit wird durchaus eine Stellensammlung anhand der vorliegenden Fragmente vornehmen, hierbei jedoch versuchen, sich nicht durch die Häufigkeit des Wortes, sondern an deren Sinneszusammenhängen dem Wesen des Logos anzunähern.

Heraklit strebt nach dem Gemeinsamen, was jedoch durch eine Seinsvergessenheit - die er im Fragment 1 beschreibt - der Menschen gestört wird, da sie das zu vergessen neigen, was sie im wachen Zustand erlebt haben (vgl. Pleines 2002, S.63f.). Doch was vergessen die Menschen im Schlaf? Dies wird das nachstehende Kapitel analysieren. Durch den erklärenden Charakter des Logos werden jedoch zwei Perspektiven erkennbar: erstens die rationale Natur, weil etwas logisch ist und zweitens die Suche in und hinter den Erscheinungen. Ist die Suche erfolgreich und findet man den Logos, werden alle Verwirrungen geordnet und „das scheinbar Disparate einsichtig verknüpft" (Fränkel 1993, S.424). Logos bedeutet für Heraklit - in objektivem Bedeutungsgehalt - das Weltgesetz, weil alles darauf aufbaut und er der Gegenstand des Handelns - als Art der Erkenntnis - darstellt. Der Logos wirkt als aktives und ursächliches Prinzip.

3.1. Von der Täuschung zur Wahrheit

Mit den einleitenden Worten des Kapitels ist der grundlegende Aspekt zur Wahrheit - der Logos - eingeführt, jedoch lediglich einleitend und oberflächlich erörtert worden. Es bleibt noch zu explorieren, was die Voraussetzungen dafür sind, den Logos zu erkennen und zu ihm zu gelangen.[3] Heraklit unterscheidet die Vielen, denen er Erfahrungen zuspricht und diejenigen Wenigen, die zur Erkenntnis - dem Logos - gelangen.

[...]


[1] Dabei können aus Gründen des Umfangs nicht sämtliche Aspekte einbezogen werden, die seine Lehre offerieren. Auch können nicht alle Sinneszusammenhänge eingehend erörtert werden.

[2] Aus Gründen der Platzermangelung können nicht sämtliche Quellen detailliert auf Glaubwürdigkeit hin untersucht werden. Weiterführende Literatur dazu u.a. Pfleger, W. H. (1987): Der Logos der Dinge. Frankfurt a.M. u.a. S.19-25.; Marcovich, Miroslav (1965): Herakleithos. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Supplementband X, Stuttgart. S.312-320.

[3] Die folgenden Ausführungen beruhen einerseits auf bestehender Literatur, jedoch andererseits auch aus Interpretationsversuchen meinerseits.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640770809
ISBN (Buch)
9783640771226
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v163093
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Schlagworte
Heraklit Ephesos Pantha rei Fragmente Fluss Werden Gegensätze Vorsokratiker Philosophie Logos

Autor

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