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Der Black Atlantic in den Romanen von Caryl Phillips. Geschichte und Geschichten der Afrikanischen Diaspora

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 34 Seiten

Afrikawissenschaften

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Caryl Phillips – zur Person

II. Geschichte und Geschichten in Phillips Romanen

III. Diaspora trifft Afrika

IV. Black Atlantic – References & Routes

Zusammenfassung

Literatur- und Quellenangaben

Anhang
1- Gedicht
2- Auszüge aus dem Buch „The Atlantic Sound“ und Interviews

Einleitung

Je länger ich mich mit dem Konzept von „Black Atlantic“ beschäftige, desto unklarer wird mir, was genau darunter zu verstehen sei, denn meine eigene Vorstellung davon hat sich im Laufe des Hauptseminars gewandelt. Ausgehend von Thesen, die Paul Gilroy zur Debatte um das Verhältnis von Afrika und Afrikanischer Diaspora beigetragen hat, schien der Black Atlantic eine imaginäre Verbindung zwischen dem Kontinent und den Menschen zu sein, die zwar außerhalb Afrikas leben, aber dennoch dort ihre familiären und kulturellen Wurzeln vermuten oder mit Sicherheit zurückverfolgen können. Oft wurde die gemeinsame Hautfarbe als Anhaltspunkt, als offensichtlicher Beweis für diese Verbindung herangezogen, ungeachtet dessen, daß eine dunkle Hautfarbe auch Bewohnern anderer Kontinente zueigen ist, die auf keine historische Verbindung zu Afrika, auf keine Emigrationsgeschichte aus Afrika verwei-sen können.

Als Beginn dieser imaginären Verbindung zwischen Afrika und seiner Diaspora gilt ein historischer Punkt, genauer eine historische Phase – die Periode des Transatlantischen Sklavenhandels von den 1520ern bis 1860. Auf dieser kollektiven Erfahrung der gewaltsamen Trennung von der ursprünglichen Heimat bauen die Diskurse und Argumentationen derjenigen auf, die sich des Konzeptes des „Black Atlantic“ bedienen. Ist der Black Atlantic also ein Konzept, das besagt, es besteht eine Kategorie von Menschen dunkler Hautfarbe, die auf der ganzen Welt verstreut leben und die trotzdem untereinander und miteinander in familiärer und kultureller Verbindung stehen, weil ihre Vorfahren vor der gewaltsamen Trennung vor einigen hundert Jahren in Afrika zusammengehörten ? Sind diese Menschen tatsächlich, wie es Gilroys Konzept vermuten läßt, Träger einer gemeinsamen Kultur, die nationale Grenzen ignoriert und als Hauptreferenzpunkt Afrika benutzt ? Sind sie Reisende, die ihre Identität aus einem doppelten Bewußtsein ziehen, einerseits als Mitglieder einer nationalen, andererseits als Mitglieder einer Diaspora-Gemeinschaft ? Oder kann ein Konzept Black Atlantic möglicherweise noch etwas anderes beinhalten ?

Ich glaube, es muß noch etwas anderes beinhalten, weil die oben genannte Aussage sich zwar mit wissenschaftlichen Untersuchungen und den Vorstellungen von vielen Diaspora-Afrikanern deckt, aber in den Momenten des Zusammentreffens derjenigen, die dieses Konzept verbindet, nämlich den Afrikanern und den Leuten aus der Diaspora offensichtlich wenige von diesen kulturellen und familiären Verbindungen zum Tragen kommen, sondern im Gegenteil dazu kulturelle und familiäre Brüche[1] entstehen oder den Beteiligten bewußt werden. Beispiele dafür lassen sich genug finden – Menschen, die aus der Diaspora nach Afrika reisten, um dort sich selbst zu finden, ihre imaginierte Verbindung zum Kontinent in der Realität nachzuvollziehen oder gar zu beweisen, der Grausamkeiten des Sklavenhandels zu gedenken oder gar nach Hause zurückzukehren.: Henry Louis Gates, Alex Haley, Keith B. Richburg, Ralph J. Bunche, Richard Wright, um nur einige ihrer Namen zu nennen.

Auch der schwarze, britische Schriftsteller Caryl Phillips reist nach Afrika, den Ort, mit dem er laut o.g. Konzeptes in einer kulturellen oder familiären Verbindung stehen sollte, denn er ist Kind karibischer Einwanderer und steht damit in der Reihe der Nachkommen von versklavten Afrikanern, die mit Gewalt aus ihrer Heimat verschleppt wurden. Sein persönlicher Umgang mit dem Konzept des Black Atlantic und der Afrikanischen Diaspora ist dennoch ein anderer, vielleicht ist sein Konzept des Black Atlantic auch ein etwas anderes als das oben genannte.

Seine Arbeiten sind aus drei Gründen interessant und aufschlußreich: erstens der Frage wegen, was für ihn den Black Atlantic ausmacht, zweitens , weil er kritische Beobachtungen vom Zusammentreffen der Diaspora-Afrikaner und Afrikanern liefert, ohne direkt beteiligt zu sein und drittens, deshalb, weil er in seinen Romanen, historische und aktuelle Perspektiven des Themas Black Atlantic beleuchtet.

In folgender Arbeit möchte ich dem Leser Caryl Phillips und seine Arbeit vorstellen. Zunächst werde ich auf Lebensdaten und Phillips Suche nach seiner Identität eingehen, um dann im Kapitel „Geschichte und Geschichten“ über seine Romane „Crossing the River“, „Cambridge“ und „The Atlantic Sound“ zu schreiben. Eine zentrale Frage dabei wird sein, wie er mit historischen Fakten umgeht, sie literarisch verarbeitet und worin er seine Aufgabe als Schriftsteller hinsichtlich der Vermittlung von Geschichte sieht. An dieser Stelle bieten sich kurze Vergleiche zu anderen Autorinnen, wie Alice Walker und Tony Morrison an, die teilweise das gleiche Thema (Middle Passage, Sklaverei) in ihren Büchern behandelt haben. Im zweiten Teil der Arbeit, „Diaspora trifft Afrika“ soll es um das Verhältnis von Afrika und der Diaspora gehen, wie Phillips es auf seiner Ghana Reise beobachten konnte. Abschließend werde ich darlegen, wie Phillips das Konzept des Black Atlantic aufgreift und meine eigenen Überlegungen dazu präsentieren. Beide Ansichten werden sich in einem Punkt treffen, den ich in der Überschrift vorwegnehme: „Black Atlantic- References & Routes“.

I. Caryl Phillips – zur Person

Der Schriftsteller Caryl Phillips wurde 1958 auf St. Kitts, einer kleinen Insel der West Indies, geboren, wuchs allerdings in Leeds, Yorkshire auf, da seine Eltern im Rahmen von Arbeitsanwerbungen per Schiff nach Großbritannien emigrierten, als er selbst noch ein Baby war. Dort brach die Familie Anfang der 60er Jahre auseinander. Phillips beschreibt seine Kindheit und Jugend als eine Phase kultureller Verwirrung und Unsicherheit hinsichtlich der eigenen Identität und Geschichte. Mithilfe einer Anekdote aus seinem Werk The European Tribe stellt er dies besonders anschaulich dar. Als in der Schule die Herkunft der Familiennamen der einzelnen Schüler hergeleitet wird, verkündet seine Lehrerin, der Name Phillips sei eindeutig walisischen Ursprungs. Die Mitschüler lachen, denn Caryl sieht nicht wirklich walisisch aus – mit seinem krausen Haar, seiner dunklen Haut. Phillips erzählt, er habe sich ausgeschlossen und verunsichert gefühlt. Er habe natürlich gewußt, daß er und seine Eltern Immigranten waren, aber den großen historischen Zusammenhang zwischen dem walisischen Namen und seiner Hautfarbe hätte er noch nicht gekannt. Ihm sei noch nicht klar gewesen, zu welcher Gruppe er wirklich gehöre. Er habe sich als Brite verstanden, wie seine Mitschüler, aber für diese war er in diesem Moment irgend etwas, irgend jemand anderes.[2]

Phillips studierte am Queens College in Oxford Literatur und unternahm im Alter von 22 Jahren eine self-defining-journey in die Karibik, die sein Leben stark veränderte. Inwiefern läßt sich nur aus seinen späteren Arbeiten ablesen. Ich vermute, er fand heraus, daß die Karibik ihm fremd war, weil er nicht dort , sondern in Großbritannien aufgewachsen war. Vielleicht wurde ihm erst in der Karibik bewußt, wie britisch er tatsächlich war, wie britisch er sich tatsächlich fühlte.

Doch diesem Britisch-Sein stand sein Schwarz-Sein in scheinbarem Widerspruch gegenüber. Phillips Identitätssuche ging weiter. Er schildert[3], wie er versuchte, sich literarisch an verschiedenen Gruppen von Schriftstellern zu orientieren und daß dies gleichzeitig ein Versuch war, seine eigene Identität und Zugehörigkeit zu finden. Zuerst wendete er sich African American Autoren, wie Leroi Jones, Amiri Baraka, Ralph Ellisson, Richard Wright oder James Baldwin zu und reiste selbst mehrere Male in die USA. Phillips fühlte sich dort wohl, hegte eine Zeitlang sogar die Hoffnung, er könne sich eines Tages in ihre Reihe einordnen, denn die gleiche Hautfarbe und die urbanen Themen ihrer Literatur schienen sie alle zu verbinden. Einige Jahre später erkannte Phillips, daß ihm etwas fehlte und die Welt der African Americans nicht die seine war. Ebenso wenig verstanden und zugehörig fühlte er sich bei den britischen Schriftstellern der späteren 70er Jahre, wie Doris Lessing. Das von ihnen beschriebene Großbritannien schien nicht das zu sein, welches er kannte. Die karibischen Autoren, mit denen er sich beschäftigte, gaben ihm Rätsel auf, denn die Dinge, die sie beschrieben, die Pflanzen, der ganze Lebensraum waren ihm unbekannt. Letztendlich stieß er auf Samuel Selvon und George Lamming, zwei Schriftsteller, die literarisch zur Windrush-Generation gerechnet werden, der ersten Immigranten - Generation von den West Indies. (Das Schiff SS Windrush brachte 1948 die ersten karibischen Gastarbeiter nach Großbritannien.) Ihre Werke sprachen ihm aus der Seele, sie wirkten als Vorbilder und Inspiration für seine literarische Arbeit. In dieser Zeit lernte Caryl Phillips, daß er Brite einer nicht-britischen Herkunft ist, eine Zugehörigkeit, mit der er sich arrangierte. Seitdem beschäftigt er sich mit der Frage, was Britisch-Sein überhaupt bedeutet und kommt zu dem Schluß:

„Britain has been forged in the crusible of fusion – of hybridity. Over the centuries, British life at all levels [...] has been invigorated and to some extent defined by the heterogenous nature that is the national condition.“[4]

Als Mitglied der britischen Gemeinschaft und Schriftsteller bemüht er sich, eben diese kulturelle Hybridität der Öffentlichkeit näher zu bringen und in ihr Bewußtsein zu rufen. Ein von Phillips 1997 herausgegebenes Buch Extravagant Strangers versammelt z.B. Aufsätze, Werkauszüge und Briefe von 39 Autoren, die in Großbritannien gewirkt haben, wie Phillips außerhalb des Landes geboren wurden und deren Leben in Kurzbiographien vorgestellt wird. Unter den Autoren finden sich Namen von Olaudah Equiano, Joseph Conrad, T.S. Elliot, George Orwell, Doris Lessing, Samuel Selvon, George Lamming bis hin zu Salman Rushdie oder Ben Okri. Verschiedene kulturelle Wurzeln britischer Literatur seit den 1770ern sind hier überzeugend und in unkonven-tioneller Form von Phillips dargelegt worden. Natürlich behandeln die Artikel der einzelnen Autoren oft die Frage nach der eigenen Identität und Zugehörigkeit.

Hauptsächlich schreibt Caryl Phillips Romane, aber auch seine zahlreichen Theater-, Fernseh- und Radiostücke fanden unter Kritikern große Beachtung und ihm wurden Ehrungen wie verschiedene Literaturpreise zuteil. Phillips unterrichtete an Universitäten in Schweden, Singapur, Indien, Ghana, Barbados und den USA, wo er in New York, neben London, eine zweite Heimat gefunden hat.

Heute wird Phillips manchmal als britischer Autor, manchmal als karibischer Autor klassifiziert. Ihm selbst scheint dies inzwischen egal zu sein: „If people say I´m British, I say fine, if they say I´m Carribean, I say fine – because I am both.“[5], denn seine Identitätssuche, seine Unsicherheit und kulturelle Verwirrung haben ein vorläufiges Ende gefunden.

In seinem neuesten Buch „The New World Order“ greift er die Identitätsfrage ein weiteres Mal auf. Darin beschreibt er vier autobiographische Situationen: seine erste Ankunft in Ghana mit 32 Jahren, die erste Ankunft in New York, die erste Ankunft in St. Kitts mit 22 Jahren und eine Kindheitserinnerung mit sieben Jahren in Yorkshire. Jede endet mit den Worten:

„I recognise the place, I feel at home here, but I don´t belong. I am of, and not of, this place.“. Jeder dieser Orte ist anders, hat aber dennoch die gleiche Wirkung auf Phillips, die er so zusammenfaßt: „History dealt me four cards; an ambigious hand.“[6] Ihn interessieren besonders die Autoren, denen es ebenso geht bzw. ging und in deren Arbeiten die Fragen aufgegriffen wurden: Wer bin ich ? Wie erkläre ich, wer ich bin ? Wie kommt es, daß ich an diesem Ort bin ?

Die neue Weltordnung, die er zu skizzieren sucht, bildet seiner Meinung nach die Nachfolge des kolonialen bzw. post-kolonialen Modells. Charakteristisch dafür sei, daß sich niemand mehr komplett Zuhause fühlen wird. Keiner sei mehr verwurzelt. Identitäten werden flexibel und fließend. „Home is a place riddled with vexing questions.[...] ambiguity embraces us.“[7] Phillips schreibt, er habe gelernt seine „transgressive nature“ zu akzeptieren. Seine Leidenschaft für Literatur und das Reisen („furiously travelling“) über Grenzen, kategorische wie staatliche, helfen ihm dabei.

II. Geschichte und Geschichten in Phillips Romanen

Betrachtet man die Sekundärliteratur, die über die Romane von Caryl Phillips erschienen ist, dann fällt auf, daß oft versucht wurde, das Verhältnis von historischen Fakten und Fiktion in ihnen zu beleuchten oder zu klären, wie in Überschriften wie „Historical Fiction and Fictional History“ [8] deutlich wird.

Im Hauptseminar kamen wir in unseren Diskussionen auf die wesentliche Unterscheidung von zwei Arten der Wahrnehmung, Interpretation von historischen Daten und dem Umgang mit ihnen innerhalb der aktuellen Debatten um den transatlantischen Sklavenhandel, nämlich erstens Geschichte als History und zweites Geschichte als Heritage.

Der Begriff History bezeichnet Geschichte, wie sie in der Regel von Historikern verstanden wird. Diese versuchen anhand von verschiedenen Quellen herauszufinden, was in einer vergangenen Zeit geschehen ist. Die Objektivität ist als nie erreichbares Ziel gesteckt, denn jede Interpretation von Quellen schließt einen subjektiven Beitrag des Interpretierenden mit ein. Trotzdem gibt es gemeinsame wissenschaftliche Konventionen, um sicherzustellen, daß die historiographische Arbeit der Wirklichkeit so nah wie möglich kommt. Der zweite Begriff Heritage faßt einen Umgang mit historischen Daten zusammen, bei dem es nicht in erster Linie auf die wissenschaftliche Genauigkeit der Daten ankommt, sondern vielmehr darauf, welche Wirkungen die vergangenen Geschehnisse auf das aktuelle Zeitgeschehen haben, d.h. struktuerelle und ideologische Kontinuitäten der Geschichte werden bei Heritage aufgezeigt. Die Schlagworte hier lauten „Kollektives Gedächtnis“ und „Erinnerung“. Heritage ist noch viel konstruierter als History und dient einer exklusiven Gruppe als gemeinsames Identifikationsobjekt. Das gesamte Konzept von Afrikanischer Diaspora als Folge des Sklavenhandels baut auf dem Heritage -Prinzip auf, die Verschleppung aus dem Kontinent dient als Herkunftsmythos.

In der Debatte um den Erinnerungsort Gorée in Senegal, an dem sich Touristen über den Transatlantischen Sklavenhandel informieren und seiner Opfer gedenken können, werden beide Ansätze sehr deutlich. Die Anhänger von History argumentierten, Gorée sei nachweislich weniger als Ausgangsort von Sklavenverschiffungen genutzt worden, als den Touristen dort weisgemacht würde. Die maison des ésclaves wäre z.B. nie als solches verwendet worden, sondern ein bürgerliches Wohnhaus gewesen. Die Anhänger von Heritage ignorieren diese Argumentation in der Regel, teilweise verärgerte diese sie sogar, denn ihrer Meinung nach kommt es vor allem darauf an, einen Erinnerungsort zu haben, der symbolisch für alle Grausamkeiten des Transatlantischen Sklavenhandels steht. Der penible Umgang mit historischen Daten, Fakten und Zahlen, führte zu Unterstellungen und Vorwürfen, die Anhänger von History würden das Verbrechen Sklavenhandel versachlichen, verharmlosen oder gar leugnen wollen.[9] Zu welcher Fraktion nun kann man Caryl Phillips zählen? Genaugenommen führt er beide Ansätze zusammen.

Geschichtsschreibung, History, verfolgt allgemein Fragen, indem eine Sequenz von Ereignissen beleuchtet wird.: Was passierte dann? Wie geschah etwas? Wie endete alles?

In seinen Romanen wirft Phillips ein Licht auf verschiedene historische Ereignisse, die auf den ersten Blick unzusammenhängend scheinen, um dann zu fragen: Was hat das alles miteinander zu tun? Worum geht es? Nur die Betrachtung des ganzen Romans, des Gesamtwerkes kann diese beantworten, wie das für Chroniken charakteristisch ist. Anthony Ilona argumentiert, daß Phillips eine Chronik der Erfahrung in der Schwarzen Diaspora schreibt, die sich maßgeblich vom Genre des historischen Romans unterscheidet, denn in diesem nehmen die Protagonisten den wichtigsten Platz ein, was bei Caryl Phillips Büchern nicht der Fall sei, denn dort stünden die Fragen nach dem generellen Zusammenhang historischer Ereignisse im Mittelpunkt des Interesses.[10]

Phillips ist ein Schriftsteller und Chronist, der bewußt historische Fakten in seine Bücher einzubauen versucht. Ziel seiner Bemühungen ist es, zu vermitteln, daß viele sehr unterschiedliche Erfahrungen, an ganz entfernten Orten und zu weit auseinander liegenden Zeiten, etwas miteinander zu tun haben. Der Leser soll nachvollziehen können, worum es bei dem Transatlantischen Sklavenhandel und der aktuellen Situation der Afrikanische Diaspora als Folge dessen geht. Damit wirken seine Werke aber auch als Heritage für diese Diaspora, denn sie zeigen auf, welche historischen Zusammenhänge zwischen den Schwarzen weltweit bestehen. Indem Phillips History und Fiktion verbindet und damit neuen Stoff für Erinnerungen und das kollektive Gedächtnis der Diaspora schafft, bietet er etwas, was als gemeinsame Geschichte der Diaspora-Afrikaner gelesen werden kann. Auch wenn diese nicht unbedingt als historisch korrekt zu verstehen ist.

In seinem Artikel schreibt Anthony Ilona, daß in jedem fiktiven Werk auch immer eine bestimmte Menge an Geschichtsschreibung stecke, so wie in jeder historisch wissenschaftlichen Arbeit auch immer ein Teil Fiktion zu finden sei.

Aus den literarischen Werken lassen sich oft Daten herausziehen, die einen Eindruck der Zeit vermitteln, die darin beschrieben wird. Diese kann eine historische Zeit umfassen, eine Zeit also, die vor der aktuellen Zeit des Schreibens liegt, vielleicht sogar vor Lebzeiten des Autoren oder aber auch die zeitliche Gegenwart des Autoren. Im letzteren Fall greift der Autor die Charakteristika seiner Gegenwart unbewußt auf. Will er etwas schreiben, was vor seiner Zeit spielt, dann muß er sich bewußt oder unbewußt über diese Zeit kundig machen. Über viele historische Epochen besteht schon eine gewisse Vorstellung, die vor allem durch Bücher und Filme, die wir gesehen und gelesen haben, geprägt ist. Die Daten über diese historische Zeit, die in diese literarischen Werke einfließen sind vielfältig: Beschreibung von Alltag, Technik, historische Ereignisse, Moden, bestimmte Denkmuster. Ich glaube allerdings, daß vieles, was sich in historischen Romanen an Daten wiederfindet, eher unseren Vorstellungen, als den historischen Tatsachen entspricht, auch weil die wenigsten Autoren ernsthaft die Geschichte studieren oder Quellen als Ausgangsmaterial benutzen. Sie ziehen ihr historisches Wissen aus anderen fiktiven Werken, so daß ihnen am Ende nicht mehr klar sein dürfte, welche der Daten, ihre Vorbilder historisch möglicherweise korrekt oder mit Sicherheit historisch falsch dargestellt haben. Aber Ilona hat recht, wenn er behauptet, daß ein Teil der Daten historische Fakten dokumentieren.

[...]


[1] „Familiär“ beziehe ich hier nicht nur auf tatsächliche genetische Verwandtschaft, sondern auch auf die Vorstellungen von Zugehörigkeit und menschlicher Nähe.

[2] Ilona , Crossing the River: A Chronicle of the Black Diaspora, S. 5

[3] Phillips 1999:34f.

[4] Phillips (Hg.), Extravagant Strangers: A Literature of Belonging, S. x (Vorwort)

[5] Jaggi, Crossing the River: Caryl Phillips talks to Maya Jaggi, S.29.

[6] Phillips, The New World Order – Extract, S.39f.

[7] ders., S. 41.

[8] O´Callaghan 1995.

[9] Siehe dazu die Diskussion im Historiker – Internet -Forum über Gorée und den Transatlantischen Sklavenhandel von 1995
unter http://www.h-net.msu.edu

[10] Ilona, Crossing the River: A Chronicle of the Black Diaspora.

Details

Seiten
34
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638211987
Dateigröße
673 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v16307
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Afrikawissenschaften
Note
sehr gut
Schlagworte
Black Atlantic Romanen Caryl Phillips Geschichte Geschichten Afrikanischen Diaspora Hauptseminar Afrika

Autor

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