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"I Did It My Way". Zur De- und Rekonstruktion des Images von Robbie Williams bei seinem Konzert 'Swing When You're Winning'

Magisterarbeit 2002 98 Seiten

Musikwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung
1.1 Problemstellung
1.2 Methodik
1.3 Materialbasis

2 Definitionen
2.1 Image
2.2 Entertainer
2.2.1 Frank Sinatra als idealtypischer Entertainer

3 Biographie Robbie Williams

4 Analysen
4.1 Analyse der Gesamtpräsentation
4.1.1 Stil
4.1.2 Aufbau
4.1.3 „Spotlights“
4.2 Detailanalyse „I Will Talk And Hollywood Will Listen”
4.2.1 Text / Struktur / Bewegung / Beleuchtung
4.2.2 Musikalische Aspekte
4.2.3 Interpretation
4.3 Detailanalyse „My Way“
4.3.1 Williams’ Way
4.3.1.1 Text / Struktur / Bewegung / Beleuchtung
4.3.1.2 Musikalische Aspekte
4.3.2 Sinatras Way
4.3.3 Vergleich beider Wege

5 Schlussbetrachtung

6 Bibliographie

7 Anhang

1 Einführung

Von den Medien wieder und wieder als DER Entertainer gefeiert, gilt Robbie Williams als einer der erfolgreichsten Popkünstler unserer Zeit. So kann er als einziger Musiker 13 Britt – Awards sein Eigen nennen und auf einen beachtlichen Verkaufserfolg von nahezu 20 Millionen Alben weltweit schauen. Eine neulich durchgeführte Umfrage unter VH–1 Zuschauern ergab, dass er zu den wichtigsten Persönlichkeiten der Musikgeschichte zählt. Dabei schlug er sogar Ikonen wie Michael Jackson, Elvis Presley oder Frank Sinatra. Sein bisher größter und aufsehendster Erfolg ist wohl die Unterzeichnung seines neuen Plattenvertrages bei EMI – Records über 80 Millionen Pfund (ca. 127 Millionen Euro) Anfang Oktober 2002[1]. Dieser räumt Williams nicht nur zahlreiche Freiheiten ein sondern ist zudem der zweitgrößte Plattenvertrag der Popmusikgeschichte, der bisher unterzeichnet wurde.

Dennoch scheiden sich an ihm die Geister. Schon als Mitglied der Boygroup „Take That“ galt er als der „Bad Boy“ der Band. Dieses Image schien er auch zu bestätigen, als er 1995 völlig betrunken auf der Bühne des Glastonbury – Festivals auftauchte, was für ihn das Ende seiner Karriere als „Take That“ – Mitglied bedeutete. Auch nach seiner Trennung von der Boygroup standen eher seine „Sauftouren“ und Frauengeschichten im Vordergrund öffentlichen Interesses, als seine musikalischen Leistungen. Die alkoholischen Exzesse sind, so die Aussage Williams, überwunden. Trotzdem ist es immer noch Bestandteil vieler seiner Konzerte, vor dem Publikum die Hosen herunterzulassen und anzügliche Bemerkungen gegenüber dem weiblichen Publikum zu machen.

So passt es scheinbar gar nicht ins Bild, dass Robbie Williams plötzlich in Anzug und Krawatte in der ehrwürdigen Royal Albert Hall Swingstandarts im Stile Sinatras präsentiert. Dennoch hat er mit diesem Konzert ein großes Publikum begeistert.

Bei diesem Konzert handelt es sich um einen einmaligen Auftritt Robbie Williams in der Royal Albert Hall in London am 10.Oktober 2001. An diesem Abend präsentierte Robbie Williams unter Mitwirkung zahlreicher namhafter Gäste, sowie vom London Session Orchester begleitet, Songs von seinem wenige Wochen später erschienenen gleichnamigem Album „Swing When You’re Winning". Bei dem größten Teil der Lieder handelt es sich um Swingstandards, die einst von den Mitgliedern des legendären Rat Packs[2] Frank Sinatra, Sammy Davis Jr. und Dean Martin gesungen wurden. Ein weiteres, eigenes Lied wurde ebenfalls mit in das Programm aufgenommen.

1.1 Problemstellung

Ziel der vorliegenden Arbeit ist die De- und Rekonstruktion des Images Robbie Williams bei seinem Konzert „Swing When You’re Winning“.

Mit Hilfe verschiedener Analysen soll zum einen Williams’ Image bei seinem Auftritt im Allgemeinen aufgezeigt werden. Zum anderen soll die Hypothese untersucht werden, dass Williams bei seinem Auftritt auf verschiedenen Ebenen auf Elemente der Präsentationen des Rat Pack und speziell auf die Frank Sinatras zurückgreift.

Sinatra gilt als Idealtypus eines Entertainers. Noch heute wird er als der größte Entertainer in der Musikgeschichte bezeichnet. Auch Robbie Williams wurde von den Medien, bereits vor diesem Konzert, als der größte Entertainer unserer Zeit dargestellt. Eine weitere zu untersuchende Frage wäre von daher, inwieweit Williams, durch die in Bezugnahme des Images Frank Sinatras, versucht, sich selbst als Entertainer im klassischen Sinne darzustellen und sich als solcher zu etablieren.

Nach eingehender Erläuterung der methodischen Vorgehensweise, sollen zunächst die Begriffe des Images und des Entertainers geklärt werden. Die darauffolgende Darstellung der Biographie Robbie Williams dient dazu, das bisherige Image Williams' näher zu beleuchten und das Konzert in den biographischen Kontext einzuordnen.

Anhand der anschließenden Analyse des Konzertaufbaus sowie der Analysen zweier ausgesuchter Songs soll auf verschiedenen Ebenen untersucht werden, inwieweit tatsächlich Bezüge zu Sinatra vorhanden sind.

1.2 Methodik

Forschungen über die Theorie und Geschichte der populären Musik haben weltweit die Legitimationsphase des Forschungsgegenstandes überwunden. ...[Es] entwickelte sich eine umfangreiche Erforschung vieler Gestaltphänomene der populären Musikkulturen, die über die Betrachtung der klanglichen Gebilde weit hinaus gegangen ist. Soziale Gebrauchsweisen von Musik, Fanverhalten, jugendliche Subkulturen, musikalische Hits, Sendetypen von audio- visuellen Massenmedien und selbstverständlich die historisch, ständig wechselnden Spielweisen und musikalische Materialentwicklungen in verschiedenen Musikstilistiken wurden Untersuchungsgegenstände der populären Musik.[3]

Um so erstaunlicher ist die Tatsache, dass trotz dieser Entwicklung, das Phänomen des Live- Konzertes in der Popmusikforschung bisher kaum Berücksichtigung gefunden hat.[4] Im Mittelpunkt der Analysen von Präsentationsformen der Rock- und Popmusik steht schon seit vielen Jahren das Musikvideo. Ein Grund dafür ist, dass die Entstehung des Musikfernsehens Anfang der 80- er Jahre, dessen Programmgrundlage das Video war und auch immer noch ist, tiefgreifende Auswirkungen auf die Popmusikentwicklung besaß und immer noch nach sich zieht. So nutzen heute fast alle Pop- und Rockmusiker den Videoclip als Erweiterung ihrer künstlerischen Ausdrucks- und Darstellungsmöglichkeit und inzwischen ist das Video das wichtigste Medium zur Promotion der massenkulturellen Popmusik geworden. Durch die optimalen visuellen Möglichkeiten kann besser als nur über Klang ein Image aufgebaut werden, das mittels der Übertragung durch das Musikfernsehen global und mit verhältnismäßig geringen Kosten für die Plattenfirma verbreitet werden[5].

Der Live- Auftritt hingegen stellt eine von Anfang an etablierte Darbietungsweise von Rock- und Popmusik dar. Im Vergleich zum Musikvideo verfügt das Konzert nur über eine geringe Reichweite, da nur eine bestimmte Anzahl von Zuschauern angesprochen werden kann und das (vielleicht ein Mal im Jahr) nicht regelmäßig. Als ungünstig erweist sich das Konzert als Promotionsmittel auch aus ökonomischer Sicht, denn es stellt auf Grund der heutigen hohen Ansprüche an Technik und Equipment meistens ein Verlustgeschäft für die Plattenfirma dar. Dennoch ist das Konzert bzw. der Live- Auftritt auch im Videozeitalter unverzichtbarer Bestandteil der Rock- und Popkultur. Für den Pop- oder Rockkünstler bietet der Auftritt die Möglichkeit, seine (scheinbare) Authentizität unter Beweis zu stellen. Für den Fan, als Käufer der Warenform CD ist die reale Erfahrung eines konkreten Menschen, in diesem Fall des Stars auf der Bühne, wichtig. Gerade bei Megastars ist es bedeutsam zu erleben, dass dieser wirklich existiert. Zudem kann dieses Erleben seiner Präsenz mit anderen Fans, also Gleichgesinnten geteilt werden.

Was macht aber im Detail einen Live- Auftritt aus? Nach welchen Regeln funktioniert er? Welche Kriterien müssen erfüllt sein, damit ein Rock- oder Popkonzert als gut bezeichnet werden kann? Inwieweit gibt es unterschiedliche Ansprüche an Live- Konzerte unterschiedlicher Genre? Wie werden bei Live- Auftritten unterschiedliche Künstler in Szene gesetzt? Welche Rolle spielt das Publikum? Diese und weitere Fragen könnten im Mittelpunkt musikwissenschaftlicher Forschungen zu diesem Thema stehen. Da die weitere Erörterung dieser Gedanken den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen würde, sind diese Fragen eher als Anstoß oder Idee für zukünftige musikwissenschaftliche Arbeiten zu verstehen und sollen an dieser Stelle nicht weiter verfolgt werden.

Die Tatsache, dass bisher kein Modell zur Analyse bzw. Bearbeitung von (Live-) Konzerten existiert, hat mich notwendiger Weise dazu veranlasst, ein eigenes Konzept, unter anderem in Bezugnahme methodischer Elemente der Fernseh-, Film und Videoanalyse, zu entwickeln. Das Kapitel „Performance“ von Simon Frith aus seinem Buch „Performing Rites“ bot mir eine weitere Grundlage. In diesem Text untersucht Frith die Mechanismen, welche bei einer Aufführung bzw. einem Pop- und Rockkonzert wirken, angefangen bei den gegebenen Rahmenbedingungen bis hin zur Sprache und Gestik des Künstlers.

In dieser Arbeit soll mittels einer tabellarischen Übersicht und anschließender Auswertung an erster Stelle das Konzert Williams’ in seiner Gesamtheit untersucht werden. Dabei sollen folgende Fragen als eine Art Leitfaden dienen: Welchem Ablauf bzw. welcher Struktur folgt das Programm? In welchem Stil wird das Konzert präsentiert? Gibt es dabei Überschneidungen zu Konzertpräsentationen Sinatras?

Es schließen sich die Analysen zweier ausgewählter Songs, „I Will Talk And Hollywood Will Listen“ und „My Way“, an. An diesen konkreten Beispielen sollen u.a. Elemente wie Mimik und Gestik Williams’, Interaktion mit dem Publikum und seine Songinterpretationen dargelegt und auf ihre Wirkung untersucht werden. Zur Beantwortung der Frage, inwieweit Williams im Detail Elemente von Sinatras Präsentation übernimmt, soll zum Vergleich eine Darbietung des Songs „My way“ von Frank Sinatra in der Royal Festival Hall, Anfang der 70-er Jahre herangezogen werden. Zu allen drei Songinterpretationen wurden tabellarische Übersichten erstellt, welche dazu dienen, einen Überblick über die linearen Abläufe zu vermitteln. Diese sind dem Anhang beigefügt. Die in der Arbeit selbst enthaltenen verschriftlichten Darstellungen der Songpräsentationen dienen dem Aufzeigen von Zusammenhängen z.B. zwischen Aktion des Künstlers und Reaktion des Publikums. An diese faktischen Darstellungen schließt sich jeweils eine Interpretation der Ergebnisse an. Dabei erwies sich eine kurze Abhandlung Helmut Rösings über „Musikalische Ausdrucksmodelle“ als sehr hilfreich. Darin erstellt Rösing eine Übersicht zu vier Grundtypen menschlicher Verhaltensweisen: Imponiergehabe, Zärtlichkeitsbekundung, Passivität und Aktivität, welche ihren Ausdruck in Aktion, Gestus, Äußerung und Funktion finden. Auf Grund bestimmter melodischer, rhythmischer und harmonischer Gestaltung sowie Tempo, Klangfarbe und Harmonik lassen sich diese Grundtypen auch musikalisch verorten[6]. Rösings Schema bot mir damit die Gelegenheit meine eigenen Ergebnisse zu untermauern und zu belegen.

Da der Untersuchung nicht die Live-Auftritte, sondern Mitschnitte auf DVD zu Grunde liegen, erweist es sich als sinnvoll, die jeweiligen Kameraführungen mit in die Betrachtung einzubeziehen. Wie aus der Filmanalyse bekannt, übernimmt die Kamera nicht die Position eines neutralen Betrachters, sondern gestaltet durch Einstellungen und Blickwinkel das Bild mit und bestimmt somit auch den Eindruck des wahrgenommenen Geschehens. So wird man z.B. von einem Künstler, der aus der Froschperspektive, also von unten, gefilmt wurde einen anderen Einruck bekommen, als von einem, der aus einer Normalsicht, das heißt in Augenhöhe der handelnden Person, gezeigt wird. Die Bewegung der Kamera, wie Schwenks oder Kamerafahrten prägen ebenso den Eindruck des Geschehens, wie die Größe der Einstellungen. Diese können zwischen Weit- bis Detailaufnahmen variieren und erzeugen je nach dem die Fiktion von Nähe oder Distanz[7].

Nicht nur für die Aufnahme, sondern auch für den Live - Auftritt selbst, spielt auch die Beleuchtung eine wesentliche Rolle: „Rhythmisch und farblich variierende Beleuchtung bzw. das Hell- und Dunkelausleuchten der Bühne sorgen für Stimmung, während mit Spotlight u.ä. die auf der Bühne Agierenden herausgehoben werden können .[8] Aus diesem Grund soll auch dieser Aspekt bei der Analyse berücksichtigt werden.

1.3 Materialbasis

Das Konzert wurde von der BBC mitgeschnitten und unter anderem vom ZDF in Deutschland ausgestrahlt.[9] Außerdem ist ein Konzertmitschnitt mit dem Titel „Robbie Williams Live At The Albert“ auf DVD[10] erschienen. Ursprünglich diente mir ein Videomitschnitt der Konzertausstrahlung des ZDF’s als Materialbasis. Jedoch musste ich nach ersten Recherchen feststellen, dass es sich dabei um eine gekürzte Version des Auftritts handelt. Drei Songs „Straighten up and fly right“, „Well did you Evah“ sowie „Beyond the Sea“ fehlen bei diesem Konzertmitschnitt des ZDF vollständig. Ein etwas später erfolgter Vergleich zwischen diesem Mitschnitt und der eigens für das Konzert produzierten DVD hatte zum Ergebnis, dass der ZDF – Version nicht nur besagte drei Songs sondern auch zahlreiche Zwischentexte und humoristische Einlagen fehlen. Da die Kürzungen zu einem verfremdeten Eindruck dieses Konzertes führen und wesentliche, interessante Aspekte der Präsentation Robbie Williams verloren gehen, beziehe ich mich in meinen Analyse auf die vollständige Version des DVD – Mitschnittes.

Um eventuelle Bezüge Robbie Williams zu Sinatra konkret zu belegen, ziehe ich zum Vergleich ausgewählte Sequenzen verschiedener Mitschnitte von Konzerten Sinatras heran. Es handelt sich hierbei zum einen um einen Video- Mitschnitt eines Konzerts Frank Sinatras in der Royal Festival Hall aus dem Jahre 1971. Zum anderen werden verschiedene Konzertaufführungen und eine Fernsehshow Sinatras, welche auf einer Videokassette mit dem Titel: „Sinatra – My way – Sinatra’s Greatest Ever Performances“ zusammengestellt wurden, berücksichtigt werden.

2 Definitionen

Die folgenden Abschnitte dienen der Erläuterung und Definition einiger für die Arbeit bedeutender Begriffe. An erster Stelle soll dabei auf den des Images eingegangen werden. Neben der Definition des Begriffes dient dieses Kapitel des weiteren dazu, die Bedeutung des Images eines Künstlers für die Popmusik darzustellen.

Als zweiter Punkt folgt die Definition des Entertainerbegriffes. Die Auslegungsmöglichkeiten und Assoziationen, die diesem immanent sind, sind inzwischen sehr facettenreich. Aus diesem Grund dient dieser Abschnitt der Arbeit in erster Linie der Eingrenzung der Bedeutungsmöglichkeiten sowie der speziellen Definition dieses Begriffes für die vorliegende Arbeit.

2.1 Image

Laut Duden bedeutet „Image“ soviel wie: „Vorstellung oder Bild von jemandem oder etwas in der öffentlichen Meinung[11]. Übernommen ist das Wort aus dem Englischen, wo er in der wörtlichen Übersetzung soviel wie „Bild“ bedeutet.

Ursprünglich wurde dieser Begriff im Bereich der Produktwerbung verwendet, wo er das für die Reklame inszenierte Erscheinungsbild bezeichnet. In den Jahren zwischen 1910 und 1920 wurde die Bezeichnung von kleineren, ums Überleben kämpfenden Hollywoodstudios aufgegriffen. Diese hatten entdeckt, “dass ein einmal erfolgreich gewesener Filmschauspieler auch Nachfolgeproduktionen kommerziell mitziehen kann, sofern ein attraktives und einprägsames öffentliches Erscheinungsbild von ihm aufgebaut wird. Es entstand die „Image Promoted Publicity“ ( in der Übersetzung: auf das Image orientierte Öffentlichkeitsarbeit), die die Schauspieler mit Exklusiv – Verträgen nicht nur auf die Darstellung einer bestimmten Filmrolle, sondern auch auf ein bestimmtes öffentliches Erscheinungsbild festlegte.[12] Inzwischen spielt die Verkörperung eines bestimmten Images schon längst nicht mehr nur für Schauspieler oder die Werbebranche eine bedeutende Rolle. Heute wird das öffentliche Erscheinungsbild z.B. eines Politikers ebenso als Image bezeichnet, wie das eines Popkünstlers oder Musikers.

Ein wesentlicher Aspekt des besagten öffentlichen Erscheinungsbildes ist die äußere Erscheinung einer Person. Dabei spielen Kleidungsstil, Frisur und Schmuck eine ebenso bedeutende Rolle wie Statur und Körpersprache. Einen weiteren Bestandteil eines Images bilden die Charaktereigenschaften des Popkünstlers. In dieser Hinsicht kommt vor allem der Presse eine wichtige Rolle bei der Imagebildung zu, da diese erst bestimmte persönliche Eigenschaften des Künstlers ins öffentliche Bewusstsein hebt oder eben nicht. Wortsprachliche Äußerungen, Themen der Äußerungen und natürlich die Repertoire– Gestaltung sind ebenfalls prägende Elemente des Images eines Musikers.

Aufgebaut wird das Image in der Regel vom Management des Popkünstlers. „Entscheidend für das Image ist dabei nicht, inwieweit es tatsächlich der Persönlichkeit seines Trägers entspricht, sondern nur, dass es glaubwürdig wirkt, einprägsam, in sich widerspruchsfrei und dauerhaft ist ... ."[13]Künstlernamen wie „Madonna“, „Sting“, „Seal“ etc. weisen auf ihre selbständige Existenz ... neben der Identität des Trägers dieses Markennamens hin.“[14] [15] Jedoch ist das Image oft so nah an der tatsächlichen Biographie und den wahren Eigenschaften eines Künstlers entlang produziert, dass die Grenzen zwischen Image und wirklicher Identität kaum mehr erkennbar sind.

Das Image eines Musikers bzw. Popkünstlers wird in einer solchen Weise angelegt, dass es der als Käufer anvisierten Zielgruppe Möglichkeiten zu Identifikation bietet. Neben dieser Vermittlung scheinbarer Gemeinsamkeiten zwischen Zielgruppe und Musiker ist ein weiteres Ziel des aufgebauten Images, den Künstler so darzustellen, dass sein Erscheinungsbild und sein Charakter sich deutlich von dem anderer Musiker unterscheidet und so, durch die Herausarbeitung seiner Eigenarten als etwas Besonderes und Einmaliges präsentiert werden kann. Dies ist nach Konstanze Kriese eine der wesentlichsten Grundvoraussetzungen, die nötig sind, um aus einem Popmusiker einen Star werden zu lassen.: "Deutlichste Komponente der Struktur der Stargestalt ist seine Einmaligkeit, Echtheit, Originalität, Autorität und (inszenierte) Authentizität. Wichtigstes strukturbildendes Element ist die Abhebung aus dem Umraum, die abstrakteste Bestimmung einer jeden Gestalt, ihre Begrenzung und Besonderung, die Gestaltwerdung an sich. Die Dominanz bei der Gestaltwerdung liegt beim Star gerade auf der Besonderung, der Exklusivität, Ausschließlichkeit, Unverwechselbarkeit, Unaustauschbarkeit und Unvergleichlichkeit.[16] Warum ist das Image eines Popkünstlers derart relevant für die Musik? Warum sind Identifikationsmöglichkeiten mit der Zielgruppe nötig? Was hat das Image eines Musikers mit dem Verkauf seiner Platten zu tun, wenn es doch einfach nur um Musik geht? – mag sich vielleicht der ein oder andere fragen. Nun, eine einfache Antwort darauf gibt zum Beispiel die Arbeit Silke Riemanns, welche herausarbeitet, dass wir nicht nur die Musik als solche hören, sondern gleichzeitig die Musik in Verbindung mit dem Image des bestimmten Künstlers wahrnehmen und uns dies ermöglicht die Musik in einen speziellen Kontext einzuordnen.

Weiterhin konnte schon vor längerer Zeit durch die Popmusikforschung belegt werden, dass Hörer von Pop- und Rockmusik, sich nicht nur diese aneignen, sondern auch den Pop- und Rockkünstler in Besitz nehmen. Ein schönes, praktisches Beispiel dazu gibt Simon Frith, welcher eine Zeit lang als Rockkritiker tätig war. Als dieser kritisch über Phil Collins schrieb erhielt er, wie er selbst darstellt, säckeweise Post von Fans, die durch seine Kritik an besagtem Popkünstler ihre eigene Identität unterminiert sahen.[17]

Wir hören also weit mehr als nur die Musik. Und weit mehr als die Musik spielt auch das Image des Popkünstlers bei der Wahl der Musik, welche wir hören, das Image des Popkünstlers eine Rolle. Oder wer würde sich die Rap- Songs von P. Diddy anhören, wenn er den Künstler nicht mag, auch wenn die Musik noch so gut ist?

2.2 Entertainer

Der aus dem Englischen kommende Begriff des Entertainers wird heutzutage sehr weitläufig gebraucht. So wird diese Bezeichnung ebenso für Unterhaltungskünstler wie Frank Elstner und Thomas Gottschalk verwendet, wie auch für Sänger wie Frank Sinatra oder Sammy Davis Jr.. Aus diesem Grund soll dieses Kapitel der Eingrenzung des Entertainerbegriffes dienen und die in der Arbeit verwendete Definition dargestellt werden. Eine erste automatische Eingrenzung ergibt sich aus der Thematik der vorliegenden Arbeit. Da hier eine musikalische Darbietung die Grundlage der Untersuchung ist, beschränke ich mich auf die Verwendung des Entertainerbegriffes im musikalischen Bereich.

In diesem Zusammenhang werden als Entertainer Sänger bezeichnet, „deren Auftritte neben ihren Liedern die Conference ihres Programms, humoristische Zwischentexte, schauspielerische und tänzerische Einlagen, manchmal auch die Leitung von Spielen und dergleichen umfassen. Sie bauen so ihren Gesangsvortrag zur kompletten Show aus“.[18] Die Person des Sängers, des Entertainers, steht also selbst im Mittelpunkt der Bühnenpräsentation und bestreitet somit das gesamte Programm ganz oder hauptsächlich allein. Weitere Mitwirkende treten (lediglich) als Gäste des Interpreten bzw. Special Guests auf. Ein weiteres konstituives Element der Präsentation ist die Publikumsnähe. Aus dieser speziellen Form der Präsentation hatte sich Anfang der 50-er Jahre ein neues, eigenes Format der Show entwickelt: die Personality Show. „Personality meint dabei die Ausstrahlungskraft des Interpreten, die ihm eigene Art und Weise der Darbietung, seinen Habitus, alle zum Bestandteil seines Image gemachten Seiten der Persönlichkeit.[19]

Die ersten Interpreten, die sich in dieser Form präsentierten und für welche überhaupt erst der Begriff des Entertainers aufkam, waren Bing Crosby, Frank Sinatra und Sammy Davis Jr..

2.2.1 Frank Sinatra als idealtypischer Entertainer

Von den genannten Musikern kann Sinatra als idealtypischer Vertreter des musikalischen Entertainments bezeichnet werden. Noch heute, Jahre nach seinem Tod, wird er von der Presse und in der Literatur als der größte Entertainer aller Zeiten dargestellt. Dies ist nicht nur seiner ausgesprochenen Fähigkeit zu verdanken, die Songs mittels seiner gesanglichen Technik so gefühlvoll und ergreifend zu interpretieren, wie kaum ein anderer. Als einer der wenigen Künstler konnte Sinatra auf eine ca. 50 Jahre währende Karriere als Sänger und Musiker zurückblicken. Auch wenn diese zeitweilig durch herbe Krisen und Tiefschläge geprägt war, war Sinatra von seinen ersten öffentlichen Auftritten 1935 bis hin zu seinem letzten Konzertauftritt im Februar 1995 eine der wesentlichen und bestimmenden Figuren des Showbusiness.

Mit seinen Auftritten begeisterte Sinatra ein Millionenpublikum. Zu Beginn seiner Karriere in den 30- er, 40- er Jahren waren das vor allem Scharen weiblicher Teenager. Seit dem Ende der 50-er Jahre sprach er dann ein älteres, reiferes Publikum aus der bürgerlichen Mittelschicht mit seinen Songs an.

Nahezu unverändert blieb über all die Jahre sein Kleidungsstil. Wann immer Sinatra in der Öffentlichkeit erschien, trug er elegante Anzüge. Vor allem zu seinen Konzerten in späteren Jahren, präsentierte sich Sinatra ausschließlich in Anzug und Krawatte. Diese von Stil und Eleganz geprägte Kleidung sowie sein Hut wurden schon früh zum Markenzeichen Sinatras.

In musikalischer Hinsicht war es der Swing, welcher Sinatra sein Leben lang begleitete. In der Zeit, in der Sinatra seine ersten musikalischen Schritte unternahm, galt der Swing als die populärste Musikform Amerikas. Zahlreiche Big- Bands waren entstanden und bei einer von ihnen, der "Tommy Dorsey Band", bekam Sinatra eines der bedeutendsten Arrangements für seine Gesangskarriere. Tommy Dorsey war einer der "Dorsey Brothers", welche Ende der 30-er Jahre zu den Hauptrepräsentanten des Swing zählten. Nach zwei Jahren musikalischer Zusammenarbeit wurde es für Frank Sinatra 1942 Zeit, eine eigene Solokarriere zu starten. Im Laufe dieser Karriere nahm Sinatra zahlreiche verschiedene Songs, verschiedener Stile in sein Repertoire auf. Dieses reichte von Big- Band- Swing, über Saloonsongs, wegweisende Interpretationen aus dem "Golden American Songbook" bis hin zu lateinamerikanischen Bossanova mit Antonio Carlos Jobim. Doch seine Albentitel zeigen, dass immer wieder der Swing den Hauptbestandteil seines Schaffens ausmachte („Swing Easy“ (1954), „Songs For Swingin' Lovers“ (1956), „Sinatra's Swingin' Session!!!“ (1961)). Auch sein Konzertrepertoire der letzten Jahrzehnte basierte fast ausschließlich auf bekannten und erfolgreichen Swing- Schlagern.

Über Frank Sinatra und seine Musik gäbe es noch vieles mehr zu sagen. Inzwischen sind zahlreiche Bücher über ihn erschienen, sogar einige musikwissenschaftliche Abhandlungen. Dennoch soll die Darstellung seiner Person auf die oben gemachten Aussagen beschränkt werden.[20]

An letzter Stelle sei erwähnt, dass vor allem auch Sinatras Auftritte mit dem "Rat Pack" in den 50- er, 60- er Jahren im Sands Hotel (s.o.) wegweisend waren "Die unvergesslichen Las Vegas-Performances des „Rat Packs“ mit seinen Kumpanen Dean Martin, Sammy Davis Jr., Peter Lawford und Joey Bishop gingen in die amerikanische Entertainment - Geschichte ein."[21]

[...]


[1] Die Angaben sind der Fanpage http://www.robbiewilliams.de entnommen.

[2] Das Rat Pack (dt. Rattenpack) war ursprünglich eine Clique, die sich um Humphrey Bogart formierte. Ihre Mitglieder waren Freunde Bogarts und Entertainer wie zum Beispiel Jimmy van Heussen oder Lauren Bacall. Zu dieser Zeit wird die Clique noch als gebildet, geistreich und antibürgerlich charakterisiert. Dies änderte sich, als 1957, nach Bogarts Tod, Frank Sinatra die Rolle des „Leaders“ übernahm. Zum engsten Kreis des Rat Packs zählten jetzt Freunde Sinatras, Sänger und Schauspieler; unter ihnen: Sammy Davis Jr., Dean Martin, Peter Lawford und Joey Bishop. Weiterhin gehörten unter anderem Shirley MacLaine, Angie Dickinson und Ehrenmitglied John F. Kennedy zu ihnen. Treffpunkt wurde das Sands Hotel in Las Vegas, wo die Entertainer des Rat Packs regelmäßige Shows veranstalteten. Bis zum Tode Kennedys waren sie der Inbegriff eines lockeren Lebens und endloser Partys. (siehe: Holder, Deborah: Frank Sinatra – I did it my way. Wilhelm Heyne Verlag. München. 1995. S. 121 f..)

[3] Kriese, Konstanze: Rock ’n’ Ritual – Der Starkult als Kommunikationsstereotyp moderner Musikkulturen. In: PopScriptum 2. Zyankrise. Berlin. 1994. S. 94 – 120. Und im Internet: http://www2.hu-berlin.de/fpm/popscrip/themen/pst02/pst02060.htm

[4] Zwar existieren durchaus Analysen zu Live- Auftritten, doch beschränken sich diese Arbeiten auf die Untersuchung der Ästhetik von Rockmusik und gehen nicht über den Kontext der Jugendkultur und Rebellion hinaus.

[5] Dies bezieht sich aber nur auf einen kleinen Teil populärer Musik, nämlich den der Künstler, Interpreten, deren Platten die Investitionen der Plattenfirma einspielen oder sogar Gewinn machen (max 10% der Majorlabels)

[6] siehe auch Kapitel „Vergleich beider Wege“

[7] vgl. Hickethier, Knut: Film- und Fernsehanalyse. Metzler. Stuttgart [u.a.]. 1993. S.56 - 70

[8] Riemann, Silke: Die Inszenierung von Popmusikern als Popstars in Videoclips: eine Untersuchung anhand der Videoclip-Kompilationen "US" - Peter Gabriel (1993), "HIStory" - Michael Jackson (1995) und "Greatest Flix II" - Queen (1991). Pharus-Verlag. Berlin. 1998. Und im Internet: http://www2.hu-berlin.de/fpm/works/Riemann.htm

[9] Eine Übertragung des Konzertes durch die Musikfernsehsender MTV und VIVA hat es meines Wissens nicht gegeben.

[10] An dieser Stelle sei auf die wachsende Bedeutung des Mediums der DVD hingewiesen: Mit ihrer ausgesprochen hohen Qualität hat sich die DVD zum neuen Standard der Videotechnik entwickelt. Von der Musikindustrie ist, nachdem sich Videobänder als nicht sehr erfolgreich erwiesen, diese Entwicklung aufgegriffen worden um Konzertmitschnitte, Künstlerdokumentationen und Clipcompilationen großflächiger zu vermarkten. In der Tat ist eine zunehmende Relevanz zu verzeichnen. Auf der Popkomm 2002 wurden sogar Awards für die besten Musik – DVDs verliehen. (siehe: http://www.popkomm.de/php/output/nbout.php?bname=aktuelles&view=listanddetail&id=763)

Bei dem Konzert von Robbie Williams war es nicht nur die Musik, sondern auch und besonders die Art und Weise seiner Präsentation, die auf breites Interesse gestoßen ist. Es kann von daher angenommen werden, dass durch das einmalige Konzert, sowie durch die, meines Wissens, einmalige Ausstrahlung im Fernsehen nicht nur der Verkauf des Albums, sondern auch der Verkauf der DVD angekurbelt werden soll.

[11] Duden - Die deutsche Rechtschreibung. Dudenverlag. Mannheim, Leipzig, Wien , Zürich. 2000. S:491

[12] Wicke, Peter; Ziegenrücker, Kai- Erik und Wieland: Handbuch der populären Musik – Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe. Atlantis Musikbuch- Verlag. 1997. S.241.

[13] ebenda.

[14] Riemann, Silke: Die Inszenierung von Popmusikern als Popstars in Videoclips : eine Untersuchung anhand der Videoclip-Kompilationen "US" - Peter Gabriel (1993), "HIStory" - Michael Jackson (1995) und "Greatest Flix II" - Queen (1991). Pharus-Verlag. Berlin. 1998. Und im Internet: http://www2.hu-berlin.de/fpm/works/Riemann.htm

[15] Dies ist im Übrigen auch bei Robbie Williams der Fall, auch wenn es hier auf den ersten Blick nicht offensichtlich erscheint. In verschiedenen Interviews strich er heraus, dass die Person, die die Öffentlichkeit kennt Robbie „der Popstar“ ist. Der „ist sehr mutig“. Privat sei er der unsichere Robert (sein bürgerlicher Name).

[16] Kriese, Konstanze: Rock ’n’ Ritual – Der Starkult als Kommunikationsstereotyp moderner Musikkulturen. In: PopScriptum 2. Zyankrise. Berlin. 1994. S. 94 – 120. Und im Internet: http://www2.hu-berlin.de/fpm/popscrip/themen/pst02/pst02060.htm

[17] Frith, Simon: Zur Ästhetik der populären Musik. In: PopScriptum 1. Zyankrise. Berlin. 1992. S.68 – 88. Und im Internet: http://www2.rz.hu-berlin.de/fpm/popscrip/themen/pst01/pst01030.htm

[18] Wicke, Peter; Ziegenrücker, Kai- Erik und Wieland: Handbuch der populären Musik – Überarbeitete und erweiterte Neuausgabe. Atlantis Musikbuch- Verlag. 1997. S. 158 f..

[19] ebenda.

[20] Zum weiteren Verständnis sei die Biographie Sinatras von Debora Holder, in welcher nicht nur Sinatra als Menschen und Schauspieler, sondern auch dessen musikalische Entwicklung sehr detailliert beschrieben wird. Eingängige wissenschaftliche Abhandlungen über Sinatra lassen sich in den Arbeiten von Leonard Mustazza finden wie z. B. in: „Frank Sinatra and popular culture: essays on an American Icon“ (1998).

[21] http://home.arcor.de/franksinatra/franksinatra.htm

Details

Seiten
98
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638211925
ISBN (Buch)
9783668104754
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v16298
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Insitut für Kunst- und Musikwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Rekonstruktion Images Robbie Williams Konzert Swing When Winning

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