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Mobbing - ein System-Problem?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 38 Seiten

BWL - Personal und Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Systemtheoretische Betrachtungen
2.1 Entwicklung des systemtheoretischen Denkens im 20. Jahrhundert
2.2 Grundlagen systemtheoretischen Denkens
2.2.1 Was ist ein System? – Begriffserklärung und Definitionen
2.2.2 Merkmale und Funktionsweisen sozialer Systeme
2.2.2.1 Merkmale der Systemzugehörigkeit
2.2.2.2 Merkmale der Systemfunktionalität
2.2.2.3 Prinzip der Zirkularität
2.2.3 Konstruktivismus
2.3 Zwischenfazit

3. Das Phänomen Mobbing im Betrieb
3.1 Definition des Begriffes Betrieb
3.2 Bedeutung der Arbeit
3.3 Mobbing – Begriffserklärung und Definitionen
3.4. Zwischenfazit

4. Mobbing aus systemtheoretischer Sicht
4.1 Mobbing als System-Problem
4.2 Mobbing als systemische Interaktion.
4.3 Mobbing – eine komplexe Wirklichkeitskonstruktion

5. Fazit und Ausblick

6. Literatur

Anhang

1. Einleitung

In den letzten Jahren hat sich im Zusammenhang mit eskalierenden Konflikten am Arbeitsplatz der Begriff Mobbing etabliert. Mobbing steht für systematische Feindseligkeiten am Arbeitsplatz, für unterschwellig existierende und nicht offen zu Tage tretende Konflikte sowie für schikanöses Verhalten von Vorgesetzten, Kollegen und Mitarbeitern.

Mobbingkonflikte, die über einen längeren Zeitraum unbewältigt bleiben, wirken sich stark auf die physische und psychische Gesundheit aus und können zu chronischen psychosomatischen Beschwerden führen. Weitere Folgewirkungen reichen von einer längeren Arbeitsunfähigkeit über Suchtverhalten und Invalidität bis hin zur Frühverrentung oder gar zum Suizid. Hinzu kommt eine Vielzahl von Arbeitnehmern, die zwar noch am Arbeitsplatz verbleiben, jedoch in die innere Kündigung flüchten. Die medizinische Behandlung der Mobbingopfer verursacht jährlich enorme Kosten. Zudem entstehen Aufwendungen für Betriebe durch Verschlechterung der Betriebsergebnisse, durch erhöhte Krankenstände, durch Motivations- und Leistungsabbau sowie durch Fluktuation. Krankheit, Arbeitslosigkeit und Erwerbsunfähigkeit, ausgelöst durch Mobbing, stellen auch für die Gesellschaft eine hohe finanzielle Belastung dar.

Vor dem Hintergrund einschneidender Sparmaßnahmen der Bundesregierung und eines mit der Globalisierung verbundenen gesellschaftlichen Wandels beherrschen Angst vor Arbeitslosigkeit, Verunsicherung und Konkurrenzdruck das soziale Klima und verstärken das Entstehen von Mobbingsituationen. Angesichts dieser Entwicklung kommen Unternehmen nicht umhin, sich mit der Problematik des Phänomens Mobbing auseinander zu setzen.

Intrigen und Feindseligkeiten hat es in der Arbeitswelt schon immer gegeben. Überall dort, wo Menschen sich begegnen und zusammenarbeiten, treten Unterschiede in ihren Meinungen, Interessen, Verhaltensweisen, Werten und Zielen auf. Hierin liegt der Zündstoff für alltägliche kleinere oder auch größere Auseinandersetzungen. Dort wo Konflikte unentdeckt bzw. unbewältigt bleiben und langsam vor sich hin schwelen, besteht die Gefahr einer zunehmenden Personifizierung und Umleitung sachlicher Streitpunkte auf Projektionsobjekte (Sündenböcke). Solche, sich zu Mobbing entwickelnde, Konfliktprozesse treten im Betriebsgeschehen nicht wahllos oder zufällig auf, sondern sind auf bestimmte Arbeitsplatzbelastungen zurückzuführen, die sich aus strukturellen, sozialen und persönlichen Bedingungen ergeben. Bereits diese kurzen Ausführungen lassen erahnen, dass es sich bei Mobbing um ein komplexes Phänomen handelt, das nur schwerlich aus einer einzigen Perspektive heraus betrachtet werden kann. Komplexität erfordert eine ganzheitliche Betrachtungsweise des zu diskutierenden Gegenstandes. Vor allem mit dem Blick auf das Wechselspiel von Individuen, Organisationsstrukturen und -dynamiken stellt der systemtheoretische Ansatz für die Untersuchung des Phänomens Mobbing eine nützliche Sichtweise dar.

In dieser Arbeit soll die Bedeutung des systemtheoretischen Denkens für das Phänomen Mobbing am Arbeitsplatz herausgearbeitet werden. Im ersten Teil wird zunächst die Entwicklung des systemischen Denkens im 20. Jahrhundert skizziert. Anschließend wird der Systembegriff näher beschrieben. Dabei werden soziale Systeme als Systeme handelnder Personen betrachtet. Dementsprechend werden Merkmale und Funktionsweisen von sozialen Systemen dargestellt. Neben dem Merkmal der Systemzugehörigkeit und der Systemfunktionalität stellt das Prinzip der Zirkularität ein entscheidendes Charakteristikum von sozialen Systemen dar. Mit der Darstellung des Konstruktivismus, der eng mit dem systemtheoretischen Denken verbunden ist und einem kurzen Zwischenfazit endet der erste Teil dieser Arbeit.

Im zweiten Teil geht es um die Erklärung des Phänomens Mobbing. Dabei wird nach einer Definition des Begriffes Betrieb zunächst auf die Bedeutung der Arbeit in unserem Kulturkreis hingewiesen. Anschließend wird der Mobbingbegriff für die vorliegende Arbeit festgelegt. Am Ende wird ebenfalls ein kurzes Zwischenfazit gezogen.

Im dritten Teil erfolgt die Zusammenführung der beiden vorangegangenen Teile. Hier wird das Phänomen Mobbing aus der systemtheoretischen Perspektive als System-Problem, als systemische Interaktion und darüber hinaus als komplexe Wirklichkeitskonstruktion verstanden.

Im abschließenden Fazit wird das Arbeitsergebnis reflektiert und die Methode einer systemischen Organisationsentwicklung vorgestellt, die auf allen betrieblichen Ebenen ansetzt, um Mobbing gar nicht erst entstehen zu lassen.

2. Systemtheoretische Betrachtungen

Die Entwicklung der Systemtheorie könnte man bis zur Ganzheitsidee der Antike zum mechanistischen Weltbild zurückverfolgen. Für die vorliegende Arbeit reicht es aber aus, einen kurzen Abriss über die Entwicklung des systemtheoretischen Denkens im 20. Jahrhundert zu geben.

2.1 Entwicklung des systemtheoretischen Denkens im 20. Jahrhundert

Die Entwicklung des systemischen Paradigmas nimmt seinen Anfang um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in der Physik und in den mathematisch-logischen Wissenschaften. Es folgen von Biologen entwickelte systemische Theorien in der Genetik und der Evolutionsforschung. Danach entstehen die Kybernetik und die Kommunikationstheorie, welche wiederum großen Einfluss auf die Entwicklung der Computertechnologie haben. In den 50er Jahren erreicht das systemische Denken auch den Bereich der Psychologie und der Psychiatrie und findet dort in der Familientherapie seine unmittelbare Anwendung (vgl. Walkemeyer & Bäumer, 1990, S. 12).

Die Relativitätstheorie und die Quantenphysik sind Beiträge, die das Denken im 20. Jahrhundert grundlegend verändern und nachweisen, dass das Universum nicht aus einer Vielzahl separater Teile besteht, sondern als ein harmonisches, unteilbares Ganzes – als ein Netz dynamischer Beziehungen – verstanden werden muss (vgl. Walkemeyer & Bäumer, 1990, S. 12). Heutzutage wird das Universum als ein Organismus begriffen, als eine Welt der Beziehungen, als ein organisiertes Gewebe und nicht mehr als eine Welt isolierter Teile und Ereignisse. Capra (1990, S.98) beschreibt diese Welt mit folgenden Worten:

„Keine der Eigenschaften irgendeines Teiles ist fundamental; alle ergeben sich aus den Eigenschaften der anderen Teile; und die folgerichtige Gesamtübereinstimmung ihrer Wechselbeziehungen determiniert die Struktur des gesamten Gewebes“.

Im 20. Jahrhundert vollzieht sich ein Umbruch im physikalischen Denken. Es bricht mit dem traditionellen Mechanismus und repräsentiert sich heute tendenziell in einer ganzheitlichen Auffassung. Im Zentrum systemtheoretischer Ansätze steht nicht die Natur der beobachteten Phänomene, sondern die Beziehungen zwischen diesen Phänomenen. Die traditionelle Denkweise, dass Menschen und Dinge bestimmte Qualitäten und Merkmale in und von sich selbst haben, wird zugunsten der systemischen (zirkulären) Annahme aufgegeben, dass sich solche Merkmale nur in Beziehungen zu kontrastierenden Merkmalen anderer Menschen oder Dinge zeigen (vgl. Böse & Schiepek, 2000, S. 219).

Den grundlegenden Erklärungsanspruch der allgemeinen Systemtheorie beschreibt von Schlippe (1995, S. 21) folgendermaßen:

„Die grundlegende Idee der Theorie ist, das Gesetzmäßigkeiten in unterschiedlichen Wissenschaftsgebieten zu finden seien, die sich glichen, wenn man ihre Strukturen beobachtete. Mittels einer solchen Sichtweise ist es möglich, atomare, molekulare, zelluläre, organismische, persönliche, soziale und gesellschaftliche Phänomene als System zu betrachten, deren Charakteristika sich auf jeder Organisationsstufe herausarbeiten lassen“.

Die allgemeine Systemtheorie wird als Meta- und Rahmentheorie betrachtet, mit dem Ziel, die Integration verschiedener Wissensgebiete voranzutreiben, um auch diese wiederum zu beeinflussen. Nach Rapoport (1988, S. 223) ist

„die Allgemeine Systemtheorie eher eine Anschauungsweise, eine Weltsicht als eine wissenschaftliche Theorie. Sie ist eine Weltansicht, welche die weitreichenden Verkettungen gegenseitiger Interdependenzen unterstreicht. Wendet man sie auf die gegenwärtigen Probleme der Menschheit an, zeigt die Idee der Interdependenz das unteilbare Schicksal der Menschheit auf“.

Die Systemtheorie ist jedoch noch weit davon entfernt, das Bild einer einheitlichen Wissenschaft mit einer klar abgegrenzten Begrifflichkeit abzugeben. Ein Grund scheint darin zu liegen, dass sich systemisches Denken relativ unabhängig voneinander aus unterschiedlichen Disziplinen wie der Physik, der Biologie, der Chemie, der Soziologie, der Philosophie, der Wirtschaftswissenschaften etc. heraus entwickelt (vgl. Böse & Schiepek, 2000, S. 218). Angesichts der bestehenden begrifflichen Unklarheiten plädieren König & Vollmer (1999, S. 25) dafür, nicht pauschal von dem Systembegriff oder der Systemtheorie zu sprechen, sondern je nach Gegenstandsbereich zwischen Arten von Systemen zu unterscheiden.

2.2 Grundlagen systemtheoretischen Denkens

2.2.1 Was ist ein System? – Begriffserklärung und Definitionen

Der Begriff System entstammt dem Griechisch-Lateinischen und bedeutet „aus mehreren Teilen zusammengesetztes und gegliedertes Ganzes“, „zusammenstellen, -fügen, verknüpfen“ (vgl. Duden, 2000, S. 1305). Für Pfeifer-Schaupp (1997, S. 69) gibt es auf die Frage, was eigentlich ein System ist mindestens ein Dutzend Antworten. Eine allgemeine Definition findet sich bei von Bertalanffy (in Kurzrock, 1972, S.18):

„Ein System ist eine Menge (im mathematischen Sinn) von Elementen, zwischen denen Wechselbeziehungen bestehen“.

Als Beispiele werden genannt: Ein Atom als System physikalischer Elementarpartikel, eine lebende Zelle als System unzählbarer organischer Verbindungen und eine menschliche Gesellschaft als System vieler Individuen, die in wechselseitigen Beziehungen zueinander stehen.

Eine ähnlich weit gefasste Definition liefern Hall & Fagen (in v. Schlippe & Schweitzer, 1996, S. 54). Sie bezeichnen ein System

„(...) als Satz von Elementen oder Objekten zusammen mit den Beziehungen zwischen diesen Objekten und deren Merkmalen“.

Die angeführten Definitionen sind sehr allgemein und unverbindlich. Es besteht sicherlich ein gravierender Unterschied, was für ein System betrachtet wird. Folglich wird ein System nicht nur durch seine Innenwelt definiert. Ein System als solches ist erkennbar, wenn es sich von seiner Umwelt unterscheidet. Demnach kommt es offenbar auf den Beobachter an, der eine Entscheidung darüber trifft, was er als ein System ansieht und was als seine Umwelt (vgl. v. Schlippe & Schweitzer, 1996, S. 54ff). Infolgedessen definiert Willke (1993, S. 282) Systeme als

„einen ganzheitlichen Zusammenhang von Teilen, deren Beziehungen untereinander quantitativ intensiver und qualitativ produktiver sind, als ihre Beziehungen zu anderen Elementen. Diese Unterschiedlichkeit der Beziehungen konstruiert eine Systemgrenze, die System und Umwelt des Systems trennt“,

wobei die Grenzen von psychischen und sozialen Systemen nicht physikalisch-räumlich bestimmt sind, sondern symbolisch-sinnhaft.

Neben der Abgrenzung zwischen System und Umwelt gibt es noch weitere Unterscheidungsmöglichkeiten, denn es ist eine unzulässige Verallgemeinerung, die Merkmale verschiedener Systeme aufeinander zu übertragen. So haben Maschinen als technische Systeme, Pflanzen als biologische Systeme und Arbeitsteams wie auch Familien als soziale Systeme zwar durchaus Gemeinsamkeiten, aber zweifellos auch wesentliche Unterschiede. Der technische Systembegriff ist im Rahmen der Kybernetik eingeführt worden und wird im Zusammenhang mit der Regelungstechnik und der Automatentheorie als Grundlage komplizierter Steuerungstechniken weiterentwickelt. Biologische Systeme sind insofern vergleichbar mit technischen Systemen, als sie ebenso durch Rückkopplungsprozesse gekennzeichnet sind. Beispielsweise besteht eine Rückkopplung zwischen der Bluttemperatur und bestimmten Hirnzentren, die –analog zum Thermostaten – für eine gleichbleibende Körpertemperatur sorgen. Im Unterschied zu technischen Systemen zeichnen sich biologische Systeme jedoch durch das Merkmal der Entwicklung aus. Während sich z.B. der Regelkreis einer Heizung nicht entwickelt, kann das biologische System eines Organismus sich entsprechend den Umweltbedingungen weiterentwickeln. Hingegen unterscheiden sich Mitglieder innerhalb eines sozialen Systems, wie Familienmitglieder oder Mitarbeiter in einem Unternehmen in einem entscheidenden Merkmal von Elementen technischer und biologischer Systeme. Sie reagieren nicht ausschließlich, ihr Verhalten ist von Gedanken, persönlichen Zielen und Absichten wie auch von ihren Empfindungen geprägt. So reagiert ein Arbeitnehmer nicht einfach als gleichsam willenloser Teil des größeren Systems Betrieb, sondern ist ein aktiv Handelnder aufgrund der Gedanken und Annahmen, die er sich von seiner Welt macht (vgl. König & Vollmer, 1999, S. 27ff).

Der Systembegriff als soziales System handelnder Personen findet sich erstmals bei Bateson und später bei Watzlawick, der Batesons Überlegungen zu einer systemischen Kommunikationstheorie ausweitet. Darüber hinaus findet sich der Systembegriff in verschiedenen Ansätzen der systemischen Familientherapie. Neben der Kommunikationstheorie und der Familientherapie existieren auch in der Soziologie Ansätze, die sich mit sozialen Systemen befassen. Maßgebend ist hier zum einen der Ansatz des amerikanischen Soziologen Parsons, der als Begründer der strukturell-funktionalen Theorie sozialer Systeme gilt. Im Bereich der deutschen Soziologie ist der Systemtheoretiker Luhmann (1993, S. 33) zu nennen, der die gesamte soziologische Erkenntnis mit dem Systembegriff verknüpft:

„Jeder soziale Kontakt wird als System begriffen bis hin zur Gesellschaft als Gesamtheit der Berücksichtigung aller möglichen Kontakte. Die allgemeine Theorie sozialer Systeme erhebt, mit anderen Worten, den Anspruch, den gesamten Gegenstandsbereich der Soziologie zu erfassen und in diesem Sinne universell soziologische Theorie zu sein“.

Soziale Systeme weisen darüber hinaus bestimmte Merkmale und Verhaltensweisen auf, die im Folgenden beschrieben werden. Hierbei werden jedoch nur solche dargestellt, die den Rahmen der vorliegenden Arbeit entsprechen.

2.2.2 Merkmale und Funktionsweisen sozialer Systeme

Es werden nun die Merkmale der Systemzugehörigkeit, die Merkmale der Systemfunktionalität sowie das Prinzip der Zirkularität beschrieben.

2.2.2.1 Merkmale der Systemzugehörigkeit

Der Mensch als soziales Wesen gehört zahlreichen Sozialsystemen an, so z.B. seiner Familie, einem Unternehmen oder seinem Sportverein. Bei einer theoretisch präzisen Analyse umfasst das gesamte menschliche Handeln neben der Kategorie des Sozialsystems drei weitere Systemkategorien: Den Organismus als ein biochemisch gesteuertes System, die Persönlichkeit als das psychische System und die Kultur als ein System, das durch Ideen und Werte bestimmt wird. Demzufolge ist der Mensch nicht nur Angehöriger eines oder mehrerer Sozialsysteme, sondern ist zugleich ein Organismus, eine Persönlichkeit und ein Kulturteilnehmer. Sein Handeln wird von den unterschiedlichen Wirklichkeitsbereichen beeinflusst, die in der Realität wechselseitig aufeinander bezogen und mit Begriffen wie psychosozial, psychosomatisch, soziokulturell etc. umschrieben werden. (vgl. Lüssi, 1998, S. 65ff).

Soziale Systeme sind auf menschliche Interaktion basierende Funktionskomplexe. Diese können klein, wie z.B. die Familie oder das Arbeitsteam, oder auch groß sein, wie z.B. eine als Staat organisierte Gesellschaft oder ein multinationaler Konzern. Entsprechend unterscheidet Bronfenbrenner (1989, S. 38ff) zwischen verschiedenen Systemebenen – den Mikro-, Meso-, Exo- und Makrosystemen. Die Unterteilung in verschiedene Systembereiche zeigt, dass größere Systeme kleinere enthalten. Das größere, umfassende System liegt auf der höheren Systemebene und wird in Bezug auf das kleinere System Suprasystem genannt. Das kleinere System, welches als Teil des größeren auf einer tieferen Systemebene liegt, wird als Subsystem bezeichnet. Richtet sich nun der Blick auf ein bestimmtes System, so stellt dieses das jeweilige Referenzsystem dar, das sowohl ein Sub- als auch ein Suprasystem sein kann (vgl. Huschke-Rhein, 1998, S. 160).

Alle biologischen, psychischen und sozialen Systeme sind offene Systeme. Offene, lebende Systeme stehen in permanenter Wechselwirkung mit ihrer Umwelt. Betrachtet man einen Arbeitnehmer und seinen Vorgesetzten als soziales System, stellt die Abteilung oder auch das gesamte Unternehmen die System-Umwelt dar (vgl. König & Vollmer, 1999, S. 36). Für die Frage der Systemzugehörigkeit hat der Umwelt-Begriff eine wichtige Bedeutung. Ob jemand einem Sozialsystem angehört oder nicht, ist abhängig von den Systemgrenzen, die eine Abgrenzung gegenüber der Umwelt ermöglichen. Wo nun die Systemgrenzen liegen, steht keineswegs von vornherein fest. So gibt es formale Kriterien, nach denen sich ein Sozialsystem eindeutig abgrenzen lässt, als auch vage Grenzen, wo die Systemzugehörigkeit nicht erkennbar ist. Das soziale System ist ein aus weiteren, unabsehbaren sozialen Zusammenhängen abgegrenzter Funktionskomplex.

„Über die Mitgliedschaft definiert ein soziales System stets auch, was den Kern der Identität, seine Sinngebung ausmacht“ (vgl. Schlippe & Schweitzer, 1996, S. 59).

2.2.2.2 Merkmale der Systemfunktionalität

Lebende Systeme haben also einen Sinn; sie sind sinn-bestimmte Funktionskomplexe. Mit Sinn ist hier etwas Grundsätzliches gemeint. Der Sinn sozialer Systeme leitet sich ab aus den kulturellen Werten und sozialen Normen, die wiederum abhängig sind von kulturell- und sozialsystemischen Prozessen. So haben unterschiedliche Typen von Sozialsystemen, wie Familie, Schule oder das Wirtschaftsunternehmen ihren spezifischen sozialen Sinn. Dieser prinzipielle Systemsinn drückt sich im einzelnen Fall im konkreten Zweck des Systems aus, wobei jedes Sozialsystem seinen geeigneten individuellen Zweck erfüllt. Der Zweck von Sozialsystemen kann sowohl auf die Angehörigen des Systems selbst, als auch auf außenstehende Personen bezogen sein (vgl. Lüssi, 1998, S. 64).

Soziale Systeme bestehen aus Interaktionsstrukturen, die in Bezug auf das System selbst oder auf seine Umwelt eine bestimmte Funktion ausüben. Ausgerichtet auf den Systemzweck, wird die Interaktion als systemfunktionell bezeichnet. Ein System funktioniert zweckentsprechend durch funktionelle Handlungen der Systemangehörigen. Handlungen von Systemangehörigen, die den Zweck des Systems nicht erfüllen, werden als dysfunktionelle Handlungen bezeichnet (vgl. Lüssi, 1998, S. 65).

Funktionsausfall

Eine Funktion fällt aus, die notwendig ist, um den Systemzweck zu erfüllen. Ist beispielsweise ein Vorgesetzter erkrankt oder eine Arbeitsstelle unbesetzt, so mangelt es an bestimmten Interaktionen unter den Systemangehörigen, da der Fehlende nicht handeln kann. In solchen Fällen, in denen ein wesentliches Systemmitglied fehlt, handelt es sich um ein unvollständiges System.

Fehlfunktion

Hierbei erfüllt das System nicht den vom Systemsinn vorgegebenen Systemzweck und es kommt zu einer Fehlfunktion. In diesem Fall handeln entscheidende Systemangehörige im Hinblick auf den wesentlichen Systemzweck dysfunktionell. Dies geschieht häufig nicht als Handeln gegeneinander, vielmehr ist das Handeln aufeinander abgestimmt.

Funktionskonflikt

Ein System funktioniert zweckentfremdet, weil entscheidende Systemangehörige gegeneinander handeln. Sie wirken nicht zusammen und verhalten sich demzufolge dysfunktionell. Dieser systeminterne Konflikt blockiert entweder das System oder es kommt zu einer Fehlfunktion. So interagieren beispielsweise zwei Kollegen in einem Machtkampf gegeneinander mit dem Ergebnis, das nur Ausschuss produziert wird (vgl. Lüssi, 1998, S. 70). Dem gemäß kann auch Mobbing als ein Beispiel eines Funktionskonfliktes betrachtet werden.

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Details

Seiten
38
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638211826
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v16287
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg – Fachbereich Wirtschaftspsychologie
Note
1,3
Schlagworte
Mobbing System-Problem Organisationspsychologie

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Titel: Mobbing - ein System-Problem?