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Kafkas Kolonialismuskritik am Beispiel der Erzählung „Ein Bericht für eine Akademie“

Bachelorarbeit 2010 44 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 »Die Verwandlung der Welt«
2.1 Vorboten des Fortschritts
2.2 Die Erleuchtung der Gottlosen
2.3 »Die Vermessung der Welt«
2.3.1 Eine Klasse für sich
2.3.2 Farben und Formen
2.3.3 »Exterminate all the brutes!«
2.3.4 Lebende ‚Exponate’

3 Ein Bericht für eine Akademie
3.1 Identitäten
3.1.1 Affen in Prag
3.1.2 Der rote Peter
3.1.3 Der Affe in uns
3.1.4 »Vernichtung der eigenen Natur«
3.2 Gefangen in Freiheit
3.2.1 »Eine Jagdexpedition der Firma Hagenbeck«
3.2.2 »Menschenfreiheit«

4 Schluss

5 Bibliographie

6 Abbildungen

Hinweise:

Aus Gründen der Übersichtlichkeit erfolgt der bibliographische Nachweis von Zitaten aus dem Primärtext direkt hinter dem jeweiligen Zitat in runden Klammern.

Quellennachweise aus der Sekundärliteratur erfolgen in den Fußnoten am Ende der jeweiligen Seite.

Internetquellen werden in der Bibliographie gesondert aufgeführt.

Sie stritten sich beim Wein herum, Was das nun wieder wäre;

Das mit dem Darwin wär gar zu dumm Und wider die menschliche Ehre.

Sie tranken manchen Humpen aus, Sie stolperten aus den Türen, Sie grunzten vernehmlich und kamen zu Haus Gekrochen auf allen vieren.

Wilhelm Busch

„Kritik des Herzens“ ( 1874)1

1 Einleitung

„Was ist der Affe für den Menschen?“2 fragt Zarathustra. „Ein Gelächter oder eine schmerzliche Scham.“3 Im Falle des Schimpansen Rotpeter ist er beides. Normalerweise erfreut er sein Publikum auf der Bühne des Varietés, doch plötzlich gibt man ihm die Möglichkeit sein wahres Können zu beweisen. Er soll berichten. Wie wurde der Affe zum Menschen? Darauf weiß er keine Antwort, doch er kann erklären, wie der Mensch zum Affen wurde.

Als Franz Kafka im April 1917 seine Erzählung Ein Bericht für eine Akademie schreibt, tobt gerade der Erste Weltkrieg. Der ‚Übermensch’ war dabei sich selbst zu vernichten. Jahrzehnte zuvor feierte man noch den Sieg der Wissenschaft über die Religion und den eigenen Aufstieg zum Gott. Alles war jetzt möglich – auch das Schlimmste. Mit Hilfe ‚wissenschaftlicher’ Theorien legitimierte man die ‚Verdrängung’ fremder Völker. Die Barmherzigkeit hatte man abgelegt, denn für den Übermenschen ist „Mitleid die letzte Sünde“4. Ein Opfer dieser Ausbreitung ist Rotpeter, ein Affe aus Afrika. Er ist die Personifizierung des ‚Schwarzen Mannes’, der die scheinbar zivilisierte Menschheit anklagt und ihr das eigene „Affentum“ (322) vor Augen hält.

Es soll im Folgenden geklärt werden, wie es von dem Ideal der Aufklärung – der Freiheit und Gleichheit der Menschen – zur Ausrottung ganzer Völker kommen konnte. Dazu bedarf es eines knappen historischen Überblickes, der diesen Sinneswandel versucht zu ergründen. Diesem folgt der Bericht Rotpeters, der den Eurozentrismus jener Zeit umkehrt und eine vergessene Perspektive auf den Kolonialismus eröffnet: den Blick der Anderen.

2 »Die Verwandlung der Welt«

2.1 Vorboten des Fortschritts

Als der Schiffsarzt Lemuel Gulliver nach dem Untergang seines Schiffes auf der Insel Liliput erwacht, ist er fest am Boden angebunden; nicht in der Lage sich loszureißen. Den riesigen Europäer so festzuzurren, schafften ausgerechnet kleine Zwerge, die Liliputaner.5 Leider fiel der reale ‚First Contact’ nicht derart lehrreich für den selbstbewussten Abendländer aus, wie es Swift in seinem 1726 erschienenen Roman beschreibt.

Als Christoph Kolumbus mit seinen drei Schiffen die ‚Neue Welt’ entdeckte, war man hellwach. Finanziert durch die spanische Krone galt es neben der Inbesitznahme der Länder, vor allem auch den christlichen Glauben zu verbreiten. So trägt er am 16. Oktober 1492 in sein Bordbuch Folgendes ein:

Was nun die Religion anbelangt, so dünkt es mich, dass sie [die Indianer] gar keine eigene Religion besitzen, und da es wohlmeinende Leute sind, so dürfte es nicht zu schwierig sein aus ihnen Christen zu machen.6

Natürlich ging es vorderrangig um die Ausbeutung der Länder. Gold war die erste Sache, auf die man sich nach der Landung auf die Suche machte.7 Eine Ausrottung der Eingeborenen gehörte nicht zu den Zielen. Dies wäre auch nicht mit dem christlichen Glauben vereinbar gewesen. Schließlich sind, laut Bibel, vor Gott alle Menschen gleich.8 Kolumbus findet sogar außerordentlich positive Beschreibungen für die Fremden. Sie seien „sehr gut gewachsen“, hätten einen „schön geformten Körper und gewinnende Gesichtszüge“, schreibt er im Bordbuch.9 Von einem rassischen Überlegenheitsgefühl kann also noch keine Rede sein; zumal es den Rassebegriff zu jener Zeit auch noch nicht gab. „Das Konzept des dominanten, weißen Mannes ist bis dahin nicht existent, denn nicht die Hautfarbe, sondern das Christentum galt als differentia specifica bei der Begegnung mit Fremden.“10 Allerdings finden sich in Kolumbus’ Aufzeichnungen durchaus die Vorboten für eine zukünftige Rassenideologie. „Keiner von ihnen [den Indianern] hat eine dunkle Hautfarbe, vielmehr gleicht sie jener der Bewohner der Kanarischen Inseln [...]“, attestiert der Genueser. War es demnach das Glück der Eingeborenen nicht schwarz gewesen zu sein? Es scheint so, denn ein Viertel Jahrhundert später ereignete sich etwas Merkwürdiges.

Im Jahre 1517 bewies der Padre Bartolomé de las Casas großes Erbarmen mit den Indios, die sich in den Marterhöllen der Goldgruben auf den Antillen abquälten; er schlug dem Kaiser Karl V. vor, Neger einzuführen, die sich in den Marterhöllen der Goldgruben auf den Antillen abquälen sollten.11

Tatsächlich beruft Karl V. „1550 eine Kommission nach Valladolid ein, die sich mit der Frage nach dem Menschsein der Indianer beschäftigen soll.“12 Das Gericht kam aber zu keinem übereinstimmenden Urteil.13 Doch bereits vorher war ein Verschleppen schwarzer Sklaven in die zwei Amerikas mehr als notwendig geworden, denn die indigene Bevölkerung war bereits beträchtlich dezimiert worden. Nicht etwa durch Kriege, sondern durch die Krankheiten, die die Europäer eingeschleppt hatten.14 Dieses Manko besaßen die afrikanischen Sklaven nicht. Aufgrund des „Jahrtausende langen Kontaktes [hatten sie] eine Abwehr entwickelt.“15 Hinzukam ein weiterer Zufall: Die nautischen Bedingungen des Atlantiks begünstigten, dass die Schwarzafrikaner in den Fokus gerieten:

Die Kreisbewegung der Passatwinde und Meeresströmungen im Atlantik nördlich des Äquators folgt dem Uhrzeigersinn und zwang die Segelschiffe geradezu, sich auf dem Weg nach Amerika zunächst dem afrikanischen Kontinent anzunähern (siehe Abb. 1).16

Neben diesen Zufälligkeiten wurde allerdings auch ganz bewusst die Fremdheit der Afrikaner als Argument genutzt.17 Dieses Unterscheidungsmerkmal war ein wichtiger Eckpfeiler für spätere Unterteilungen der Menschen.18 Doch bis dahin ‚genossen‘ noch alle Menschen den Schutz Gottes. So wurden beispielsweise 1559 „klassifizierende Werke, die die Menschheit nach äußeren Gesichtspunkten unterschieden, von Papst Paul IV. auf den Index gesetzt.“19 Gut zwei Jahrhunderte später machte das British Empire den vielleicht entscheidenden Vorstoß. 1772 erklärte der Mansfield-Entscheid alle afrikanischen Sklaven auf britischem Boden für frei.20 Sicherlich war damit die Sklaverei noch nicht beendet, doch es überrascht wie es trotz der zahlreichen Kämpfe gegen die Leibeigenschaft, dennoch im 19./20. Jahrhundert zu einer Legitimation der Ausrottung der vermeintlich Minderwertigen kam.

2.2 Die Erleuchtung der Gottlosen

Der vermeintliche Schutz der Kirche wurde im Zuge der Aufklärung und des Humanismus langsam aufgelöst. Durch die Säkularisierung verschwand der gesamte Plan für die Menschheit. Die Schöpfung als Anfang und das Jüngste Gericht als Ende entfielen fortan.21 Der Mensch hatte plötzlich die Geschicke der Welt in seinen Händen. Er bediente sich ab sofort seines eigenen Verstandes und befreite sich aus der Jahrhunderte währenden Unmündigkeit, wie Kant es formulierte.22 Damit war jeder Mensch frei, wie es auch Artikel eins der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die 1789 in Frankreich verkündet wurden, garantierte: „Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es.“23 Darüber hinaus konnte jeder Mensch durch Erziehung die Zivilisationsleiter emporklettern. Die Formung des ,ganzen Menschen’ wurde zur ‚Kulturmission’.24

Doch war dem Afrikaner ein Erklimmen der Kulturleiter überhaupt möglich? Die meisten Aufklärer waren Verfechter der Monogenese, d.h. sie vertraten die Auffassung, dass sämtliche Menschen von einem einzigen Paar abstammen.25 Überraschenderweise war es dann ausgerechnet Kant, der den Rassebegriff 1785 in den deutschen Sprachraum einführte. In seiner Schrift Von den verschiedenen Racen der Menschen legt er ein viergliedriges anthropologisches Modell vor.26 Einige Jahrzehnte später schrieb Hegel im Zusatz zu § 393 in Die Philosophie des Geistes, dass aus der „Abstammung [...] kein Grund für die Berechtigung oder Nichtberechtigung der Menschen zur Freiheit und zur Herrschaft geschöpft werden [kann].“27 Anhänger der Polygenese, die sich aus ihrer separaten Abstammung eine geistige Überlegenheit ableiteten, verurteilt er.28 Doch bereits wenige Absätze später heißt es plötzlich:

Nachdem wir so die Unterschiede der Weltteile als nicht zufällige, sondern notwendige zu erweisen versucht haben, wollen wir die mit jenen Unterschieden zusammenhängenden Rassenverschiedenheiten des Menschengeschlechts in physischer und geistiger Beziehung bestimmen.29

Darauf folgt ein seitenlanger Vergleich der Rassen, der die Kaukasische30, zu der der Europäer zählt, an die Spitze setzt.31 Dem ‚Negervolk’ als ‚Kindernation’ fehle es dagegen an jeglicher Kultur.32 Damit ist für Hegel auch die Leibeigenschaft gerechtfertigt, denn die „Grundlage der Sklaverei überhaupt [ist], daß der Mensch das Bewußtsein seiner Freiheit noch nicht hat und somit zu einer Sache, zu einem Wertlosen herabsinkt.“33 „Dieser Zustand ist keiner Entwicklung und Bildung fähig, und wie wir sie [die Afrikaner] heute sehen, so sind sie immer gewesen.“34

2.3 »Die Vermessung der Welt«

2.3.1 Eine Klasse für sich

Nachdem durch die Aufklärung die christlichen Ordnung langsam auseinanderbrach, bedurfte es einer neuen Gliederung der Welt. Diese braucht der ‚Kulturmensch’, da sie ihm einen Schutz gegen die chaotische Natur bietet.35 Das 19. Jahrhundert, als Jahrhundert der Naturwissenschaft, schafft diese Ordnung. Es ist die große Epoche der Nationalstaaten, der Neueinteilung der Welt. Der gesamte Erdball wurde vermessen36, Volkszählungen wurden durchgeführt, 1875 führte man das metrische System ein, neun Jahre später einigte man sich auf die Weltzeit und unterteilte den Planeten in 24 Zeitzonen.37 „Überall wurde die Uhr zur Waffe der Modernisierung.“38 Während in den Zeitaltern vorher die Arbeit unregelmäßig und ungleichmäßig ablief, führte die ‚Chronometrisierung‘ zu einem erhöhten Gehorsam und einer gesteigerten Disziplinierung der Menschen.39

Diese Disziplinierung der Menschen zu „gelehrigen Körper[n]“40 ist eine Entwicklung, die bereits im 17. Jahrhundert einsetzte, doch im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte.41 Man beachte Foucaults Wortwahl: „Die Disziplin fabriziert [...] unterworfene und geübte Körper [...].“42 Wichtig für die Einhaltung der Disziplin ist die räumliche Abtrennung innerhalb der Einrichtungen (z.B. in Internaten, Kasernen und Fabriken).43 Derartige Manufakturen entstanden zuhauf in den Städten, in die die Menschen vermehrt zogen.

Innerhalb dieser Gebäude wurde der Produktionsprozess fein säuberlich zergliedert. „Jedem Individuum seinen Platz und jeden Platz ein Individuum.“44 „Parzellierung“45 nennt Foucault das. Die Leistungsgesellschaft war geboren und mit ihr die Entfremdung der Menschen von ihrer Arbeit. Dies führte unweigerlich zu einem Identitätsverlust, den die Gründung von Nationalstaaten, aber auch das Aufkommen von Rassetheorien, entgegenwirkten.46

Das Entfallen der Schöpfungslehre und die damit sich eröffnende Frage nach der Herkunft des Homo sapiens war eines der ersten ‚Welträtsel’, die es zu lösen galt.

1735 veröffentlichte der schwedische Naturforscher [Carl von] Linné sein Systema Naturae, eine grundlegende Arbeit für die moderne Biologie. Darin ordnete er alle Bestandteile der Natur zu einer einzigen kontinuierlichen Daseinskette, an deren Spitze der Mensch, genauer gesagt der Europäer, stand.47

Am Ende der menschlichen ‚Daseinskette’ stand aus Sicht der Europäer natürlich der Schwarzafrikaner. Linné gliederte die Menschen in vier verschiedene Spezies. Der ‚Neger’ zeichnete sich dabei durch seine Faulheit48, Nachlässigkeit und Bösartigkeit aus.49 Er stellt, wie Hegel sagte, den „natürlichen Menschen in seiner ganzen Wildheit und Unbändigkeit dar.“50

Dies galt es nun genauer zu untersuchen. Bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden erste Vorreiter dessen, was man später ‚Anthropologie’ bzw. in Deutschland ‚Völkerkunde’ nennen sollte.51 Man vermaß Schädel und Knochen, untersuchte Haut und Haare.52

2.3.2 Farben und Formen

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, die ganze Welt. Auf der Erde war es noch wüst und unheimlich; es war finster, [...]. Da befahl Gott: „Licht soll aufstrahlen!“, und es wurde hell. Gott hatte Freude an dem Licht; denn es war gut.53

So steht es am Anfang des Alten Testamentes. Erst durch das Licht konnte Leben entstehen.54 Schwarz dagegen ist das Fehlen von Licht. Schwarz ist der Tod, das Nichts. In der schwarzen Finsternis wartet das Unheimliche und das ‚Herz der Finsternis’ ist für die Europäer das Innere Afrikas.55 Diese der europäischen Kultur eigenen Traditionen waren es, die die Herabstufung des ‚Schwarzen Mannes’ geradezu zwingend hervorriefen. Neben der negativ konnotierten Farbe der Haut, löste die generelle Andersartigkeit schon Abscheu aus. Das Fremde galt Vielen als hässlich.56 Die eigene Schönheit dagegen war ein weiteres Indiz für die eigene Überlegenheit.57 Von diesen Äußerlichkeiten58 zog man anschließend eine direkte Verbindung zu den inneren Werten der fremden ‚Rasse’.59 Houston Stewart Chamberlain (1855-1927) prägte dazu später den Begriff der ‚Rassenseele’.60

Natürlich versuchte man diese Annahmen auch ‚wissenschaftlich’ zu begründen. Den Anfang machte die Physiognomik (Gesichtsdeutung). Einer ihrer Vertreter war der holländische Anatom und Maler Peter Camper (1722-1789), der beim europäischen Gesicht einen ‚Gesichtswinkel’ von achtzig Grad diagnostizierte. Der Kopf eines Afrikaners wies dagegen nur siebzig Grad auf. Der Europäer kam damit dem antiken griechischen Ideal von einhundert Grad näher und galt somit als schöner.61 Rückschlüsse von der Schädelform auf den Charakter unternahm dann Franz Joseph Gall (1758-1828). Das Gehirn mit seinen einzelnen Arealen, so Gall, nimmt je nach Charakter eine bestimmte Form an.62 Gemäß seiner Schädellehre (Phrenologie) hätten „Kriminelle [...] gewöhnlich ein Hirn, das unten und an den Seiten ausladend war, wo, nach Gall, die niederen Impulse und Neigungen placiert waren.“63 Gall wehrte sich allerdings gegen eine Übertragung bestimmter Schädelformen auf einzelne Nationen. Dennoch wurden seine Erkenntnisse für eben jene rassistischen Klassifizierungen missbraucht.64 Cesare Lombroso (1836-1909), der Begründer der Kriminalanthropologie, schreibt beispielsweise in Die Ursachen und Bekämpfung des Verbrechens: „Viele der Eigenschaften, welche die Wilden und die Farbigen darbieten, finden sich sehr oft bei den geborenen Verbrechern [...].“65

„Von da ist es nur ein kleiner Schritt zu dem Vorurteil ‚Wer häßlich ist, ist von Natur aus schlecht’“66, wie Eco konstatiert. Dadurch ergab sich eine unmittelbare Bedrohung für den ‚weißen’ Europäer, der sich der „fortwährende[n] Bedrohung der eigenen Errungenschaften bewusst [war].“67 Es machte sich ein Unbehagen unter den Zivilisierten breit. Jederzeit musste mit einem Einfall der Barbaren gerechnet werden. Vereinzelt konnte man bereits frühzeitig erste Anzeichen der drohenden ‚Katastrophe’ ausmachen: „Während des 18. Jahrhunderts stieg die Zahl der Schwarzen in London. In Angst vor Mischehen und Gewalt spiegelte sich die Phantasie über die Schwarzen in Afrika oder in Westindien wider."68 Noch fehlte es allerdings an einer Legitimation das ‚Schlechte’ zu vernichten, doch diese sollte sich bald ergeben.

[...]


1 Busch, Wilhelm: Sämtliche Werke. Hrsg. von Otto Nöldeke. Bd. 6: Hernach. München: Braun & Schneider 1943. S. 259.

2 Nietzsche, Friedrich: Ausgewählte Werke. Menschliches – Allzumenschliches. Also sprach Zarathustra. Jenseits von Gut und Böse. Köln: Parkland 1999. S. 427.

3 Ebd.

4 Borges, Jorge Luis: Das Aleph. FaM: Büchergilde Gutenberg 2007. S. 91.

5 Vgl. Swift, Jonathan: Gulliver’s Travels and Other Writings. New York: Bantam 2005 (= Bantam Classic). S. 45.

6 Kolumbus, Christoph: Bordbuch. Aufzeichnungen seiner ersten Entdeckungsfahrt nach Amerika 1492-93. München: Diederichs 2006. S. 53.

7 Vgl. ebd. S. 52.

8 Vgl. Römer 2,11.

9 Kolumbus 2006: 39.

10 Dittrich, Eckhard Joachim: Das Weltbild des Rassismus. FaM: Cooperative 1991 (= Migration und Kultur). S. 92.

11 Borges, Jorge Luis: Werke in 20 Bänden. Hrsg. von Gisbert Haefs und Fritz Arnold. Bd. 3: Niedertracht und Ewigkeit. Erzählungen und Essays 1935-1936. FaM: Fischer 1991. S. 17.

12 Dittrich 1991: 90f.

13 Vgl. Lindqvist, Sven: Durch das Herz der Finsternis. Ein Afrika-Reisender auf den Spuren des europäischen Völkermords. Zürich: Unionsverlag 2002 (= Unionsverlag Taschenbuch 227). S. 166.

14 Vgl. Meissner, Jochen, Ulrich Mücke u. Klaus Weber: Schwarzes Amerika. Eine Geschichte der Sklaverei. Bonn: bpb 2008 (= bpb Schriftenreihe 756). S. 17.

15 Ebd. S. 32. Bereits die „Griechen kannten Schwarzafrikaner, welche sie ,Äthiopier’ nannten; doch diese galten in keiner Beziehung als minderwertig, im Gegenteil. Homer rühmt die ,edlen Äthiopier’ [...].“ (Flaig, Egon: Weltgeschichte der Sklaverei. München: Beck 2009 (= beck'sche reihe). S. 125)

16 Meissner 2008: 32.

17 Vgl. ebd. S 31.

18 Vgl. Schubert, Michael: Der schwarze Fremde. Das Bild des Schwarzafrikaners in der parlamentarischen und publizistischen Kolonialdiskussion in Deutschland von den 1870er bis in die 1930er Jahre. Stuttgart: Franz Steiner 2003 (= Beiträge zur Kolonial- und Überseegeschichte 86). S. 46.

19 Schubert 2003: 50.

20 Vgl. Bitterli, Urs: Die ‚Wilden’ und die ‚Zivilisierten’. Grundzüge einer Geistes- und Kulturgeschichte der europäisch-überseeischen Begegnung. 2. Aufl. München: Beck 1991. S. 183.

21 Vgl. Arendt, Hannah: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. 3. Aufl. München: Piper 1993 (= Serie Piper 1032). S. 337.

22 Vgl. Kant, Immanuel: Zum ewigen Frieden und andere Schriften. FaM: Fischer 2008. S. 25.

23 Der Brockhaus multimedial 2007: „Alle Menschen sind von Geburt aus gleich“. Mannheim: Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG 2007.

24 Vgl. Schubert 2003: 50.

25 Vgl. Geulen, Christian: Geschichte des Rassismus. München: Beck (= C.H. Beck Wissen). S. 52.

26 Vgl. Husmann-Kastein, Jana: Schwarz-Weiß. Farb- und Geschlechtssymbolik in den Anfängen der Rassenkonstruktionen. In: Weiß–Weißsein–Whiteness. Kritische Studien zu Gender und Rassismus. 2. Aufl. Hrsg. von Martina Tißberger, Gabriele Dietze u.a. FaM: Lang 2009. S. 54.

27 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Werke. Bd. 10: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse. 1830. Dritter Teil: Die Philosophie des Geistes. Mit den mündlichen Zusätzen. 2. Aufl. FaM: Suhrkamp 1992 (= Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 610). S. 57.

28 Vgl. ebd.

29 Ebd. S. 58.

30 Der Begriff ‚Kaukasier’ geht auf den Naturwissenschaftler Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840) zurück. Er unterteilte die Menschheit in fünf Rassen, ohne jedoch eine Hierarchie festzulegen. Noch heute

wird ‚Caucasian’ in den USA gleichbedeutend für ‚Weißer’ benutzt. Der Legende nach sollen aus dem Gebiet des Kaukasus die schönsten Menschen kommen. (Vgl. Schubert 2003: 52f. bzw. Osterhammel, Jürgen: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. Bonn: bpb 2010 (= bpb Schriftenreihe 1044). S. 1218.)

31 Vgl. Hegel 1992: 58-63.

32 Vgl. ebd. S. 60.

33 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Werke. Bd. 12: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte. 2. Aufl. FaM: Suhrkamp 1989 (= Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 612). S. 125.

34 Ebd. S. 128.

35 Vgl. Freud, Sigmund: Das Unbehagen in der Kultur. Und andere kulturtheoretische Schriften. 8. Aufl. FaM: Fischer 2003. S. 55f.

36 Ein Rätsel bleibt, warum gerade der Europäer eine solche Neugier, die Welt zu entdecken und zu erforschen, aufwies. Andere Kulturen hatten diesen Drang nicht. Ein Beispiel: „Der japanische Staat schreckte die

Bewohner des Archipels mit strengen Strafandrohungen davon ab, das Inselreich zu verlassen.“ (Osterhammel 2010: 1159f.)

37 Vgl. Osterhammel 2010: 53, 57, 119.

38 Ebd. S. 123.

39 Vgl. Ebd. 123, 121.

40 Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. FaM: Suhrkamp 2008 (= Suhrkamp Taschenbuch 2271). S. 173.

41 Vgl. ebd.

42 Ebd. S. 177.

43 Vgl. ebd. S. 181.

44 Ebd. S. 183.

45 Foucault 2008: 183.

46 Dass sich im 19. Jahrhundert eine Leistungsgesellschaft entwickelte, war kein Zufall. Durch die Säkularisierung verschwand das mütterliche Prinzip der bedingungslosen Liebe der Kirche. An seine Stelle trat im Jahrhundert der Wissenschaft das väterliche Prinzip, welches seine Liebe von der Arbeitsleistung abhängig machte. (Vgl. Fromm, Erich: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. 13. Aufl. München: dtv 1983. S. 139-141.)

47 Wolter, Stefanie: Die Vermarktung des Fremden. Exotismus und die Anfänge des Massenkonsums. FaM: Campus 2005. S. 15.

48 Die Arbeitsunwilligkeit des ‚Negers’ war sicherlich ein Faktor für die Verachtung desselbigen durch die Europäer. Denn während der zivilisierte Abendländer durch seine Kultur und sein Leistungsprinzip jedes Mitglied der Gemeinschaft notwendigerweise zur Arbeit zwingt, lebt der ‚Neger’ im Einklang mit der Natur

– ganz ohne einen solchen Arbeitszwang. Dieses ‚Kultur-Über-Ich’ der Gemeinschaft findet man heute noch, wenn auch in abgeschwächter Form, im verbalen Umgang mit Arbeitslosen. (Vgl. Freud 2003: 66, 104).

49 Vgl. Dittrich 1991: 98.

Ein weiterer Grund für die Geringschätzung von afrikanischen Kulturen war deren Schriftlosigkeit. Es waren mündliche Kulturen, die dadurch – aus Sicht der Europäer – auch nicht über eine reichhaltige Geschichte verfügten, sondern lediglich über Mythen und Legenden ohne faktischen Wert. (Vgl. Speitkamp, Winfried: Kleine Geschichte Afrikas. Bonn: bpb 2009 (= bpb Schriftenreihe 774). S. 17.)

50 Hegel 1989: 122.

51 Mosse, George L.: Die Geschichte des Rassismus in Europa. FaM: Fischer 1993. S. 29 bzw. Osterhammel 2010: 1162.

52 Vgl. Schwarz, Werner Michael: Anthropologische Spektakel. Zur Schaustellung ‚exotischer’ Menschen. Wien 1870-1910. Wien: Turia + Kant 2001. S. 61.

53 Genesis 1, 1-4.

54 Eine ähnliche Metaphorik findet man auch in der Aufklärung: Mit ‚The Enlightenment’ bezeichnet man jene Epoche im Englischen.

55 „Das Wort ‚Europa’ übrigens geht zurück auf ein Wort im Jüdischen, das nichts anderes meint als ‚Dunkelheit’.“ (Lindqvist 2002: 26) Marlow, der Erzähler in Joseph Conrads Herz der Finsternis, durchleuchtet jene Strahlkraft der angeblich herausragenden europäischen Kultur auf ihre Gültigkeit, indem er mit einem kleinen Schritt zurück in der Weltgeschichte zeigt, wie jung die eigene Erleuchtung doch ist: „I was thinking of very old times, when the Romans first came here [to England], nineteen hundred years ago – the other day. [...] [D]arkness was here yesterday.“ (Conrad, Joseph: Heart of Darkness. 4. Aufl. New York: Norton 2006 (= A Norton Critical Edition). S. 5f.)

56 Unter dem Stichwort ‚Negro’ findet man in der amerikanischen Ausgabe der Encyclopaedia Britannica aus

dem Jahr 1798 u. a. „Häßlichkeit“ als markantes Charakteristikum für die ‚schwarze Rasse’ (Eco, Umberto: Die Geschichte der Hässlichkeit. München: Hanser 2007. S. 196).

57 Wolter 2005: 17.

58 Oswald Spengler schreibt: „Was ein Mensch von Rasse ist, wissen wir alle auf den ersten Blick.“ (Spengler, Oswald: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. 8. Aufl. München: dtv 1986. S. 703.)

59 Einer der Gegner solcher Schlussfolgerungen war Johann Gottfried Herder. Er erkannte früh, dass die Hautfarbe eine Anpassung des Körpers an das Klima war. „Weder das Blut, noch das Gehirn, noch der Same der Neger ist schwarz [...].“ (Herder, Johann Gottfried: Werke. Hrsg. von Wolfgang Pross. Bd. III/1: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. München: Hanser 2002. S. 209.)

60 Vgl. Schubert 2003: 63.

61 Vgl. Schubert 2003: 54.

62 Vgl. Mosse 1993: 51.

63 Ebd. S. 52.

64 Ebd.

65 Eco 2007: 260.

66 Ebd. S. 261.

67 Osterhammel 2010: 1172.

68 Mosse 1993: 39.

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Titel: Kafkas Kolonialismuskritik am Beispiel der Erzählung „Ein Bericht für eine Akademie“