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Jüdisch-christlicher Dialog im England des 11. Jahrhunderts

Gilbert Crispins Schrift <Disputatio iudaei et christiani>

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 21 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die englische Kirche im frühen Hochmittelalter

3. Religionsgespräche im Mittelalter

4. Die Person des Gilbert Crispin

5. Dialog zwischen einem Juden und einem Christen
5.1 Rahmenbedingungen
5.2 Charakter und Tendenz des Dialogs
5.3 Strukturelle Aspekte
5.4 Inhaltliche Schwerpunkte

6. Bezug zu Anselm von Canterbury

7. Bedeutung des Disputs für den interreligiösen Dialog

8. Fazit

9. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Violentiam scripturae infers et ad fidei vestrae assertionem scripturas intorques“[1]. Dieser Vorwurf eines Juden gegenüber seinem christlichen Gesprächspartner im Laufe einer Unterhaltung über ihre jeweilige Religion ist die schärfste Äußerung, die in ihrem sonst von Respekt getragenen Dialog zu finden ist. Ihre Disputatio Iudaei et Christiani reiht sich in eine Anzahl von Religionsgesprächen des 11. Jahrhunderts ein und wurde von Gilbert Crispin niedergeschrieben. Der modernen Forschung ist der Dialog in mehreren Handschriften überliefert. Erstaunlich ist jedoch, wie häufig der Disput allein im 12. Jahrhundert verbreitet wurde. Das zeugt davon, dass die Niederschrift Crispins schon große Aufmerksamkeit und Wirkung unter seinen Zeitzeugen gefunden hatte.

Im Folgenden soll deshalb untersucht werden, welche Faktoren den verschriftlichten Disput zwischen einem Juden und einem Christen so innovativ und populär machten. Dazu wird vorerst die Grundlage gelegt, indem die englische Kirche im frühen Hochmittelalter charakterisiert wird und Religionsgespräche im Mittelalter allgemein beleuchtet werden. Des Weiteren wird dargeboten, was zur Person des Gilbert Crispin wissenswert erscheint, um die Disputatio Iudaei et Christiani in dessen persönliches Umfeld einordnen zu können.

Im Mittelpunkt der vorliegenden Seminararbeit steht die Analyse der Quelle Disputatio Iudaei et Christiani von Gilbert Crispin. Dazu werden zunächst ausführlich die Rahmenbedingungen des Dialogs erörtert, bevor Charakter und Tendenz des Gesprächs untersucht werden. Eine Analyse der strukturellen Aspekte hilft beim Verständnis der inhaltlichen Schwerpunkte, die abschließend nur überblicksartig besprochen werden. Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang ebenso der Bezug von Crispins Schrift zu Anselm von Canterbury, bevor schlussendlich die Bedeutung des Disputs für den interreligiösen Dialog geklärt werden soll.

Alle Untersuchungen wurden mit Hilfe der lateinischen Quelle Disputatio Iudaei et Christiani und ihrer deutschen Übersetzung von Karl Werner Wilhelm vorgenommen. In der Sekundärliteratur bilden vor allem Veröffentlichungen von Anna Sapir Abulafia den Schwerpunkt in der modernen Forschung. Deshalb wurden auch für die vorliegende Arbeit zwei ihrer Schriften zur Vertiefung ausgewählt. Analyseansätze lassen sich ebenso bei Klaus Jacobi, Heinz Schreckenberg, Karl Werner Wilhelm selbst und einigen weiteren Autoren finden. Schlussendlich soll deutlich geworden sein, was die Besonderheit von Gilbert Crispins Dialog Iudaei et Christiani im Kontext des jüdisch-christlichen Dialogs im England des 11. Jahrhunderts gewesen ist.

2. Die englische Kirche im frühen Hochmittelalter

Schon im Frühmittelalter, einer ruhigen Phase in der Judenmission, wurde die abweichende Religion der Juden zum Kennzeichen ihrer Abgrenzung, und christliche Theologen brachten früheste antisemitische Äußerungen an die Öffentlichkeit.[2] Durch den Erfolg der Gregorianischen Reform, durch die die Konzentration auf die geistlichen Aufgaben der Kirche betont werden und die Vermengung der religiösen und weltlichen Sphäre aufbrechen sollte, zerbrach schließlich die Einheit zwischen Religion und Politik in England. Die Abgrenzung der Kirche nach außen nahm zu. Weil Juden jedoch ihre Beziehungen nach außen, beispielsweise zu spanischen Moslems, weiterhin pflegten, sahen Christen in ihnen teilweise die Anführer des Teufels. Durch die ablehnende Haltung der Christen gegenüber Simonie und Wuchergeschäften, wurde schließlich hinzukommend zu den verbalen Angriffen auch die Berufstätigkeit der Juden eingeschränkt. Mit dem Zeitalter der Kreuzzüge erfolgten weitere einschneidende Veränderungen bei den Juden. Durch Gewalt wurde der religiöse Kern im Zusammenleben der zwei Religionen im 12. Jahrhundert schließlich stark zertrümmert.[3] Der Erste Kreuzzug wurde ein Meilenstein in der Geschichte der Juden.[4] Ihre Situation verschlechterte sich ab 1096 in ganz Europa. Prediger wie Bernhard von Clairvaux, die sich gegen eine Judenverfolgung aussprachen, traten nur vereinzelt auf.[5] Stattdessen wurden die Juden immer häufiger beschuldigt, dämonische Kräfte zu benutzen, um den Christen zu schaden. Historiker sind sich daher einig, dass die Ausformung von Antisemitismus im 12. und 13. Jahrhundert entscheidend voranschritt.[6]

Des Weiteren belastete der englische Investiturstreit die Kirche. Der Konflikt um die Führung der englischen Kirche und die Stellung der englischen Kirche zum Papst hatten zu einem angespannten Verhältnis zu Rom geführt.[7] Nichtsdestotrotz stieg der Einfluss der Kirche in England und die Juden wurden automatisch dazu gedrängt, ihre Identität stärker als zuvor zu behaupten.[8] Damit hatte eine rechtliche und soziale Isolierung der Juden von der christlichen Umwelt begonnen, die in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten zu einer völligen Entfremdung führte, in der der Antisemitismus nicht mehr ausschließlich religiöse Gründe haben sollte. Während die Juden im 12. Jahrhundert nunmehr zunehmend zum Außenseiter degradiert wurden, wuchs die Christengemeinde ab dem 11. Jahrhundert enger zusammen. Des Weiteren stellte sich in der Kirche eine ambivalente Haltung gegenüber den Juden ein; zum einen dominierte die Zwangsbekehrung den Kontakt zu der Mutterreligion, zum anderen predigte die Kirche Gewaltlosigkeit und wollte den Juden friedlich begegnen.[9] Durch diese sich verändernden Prozesse sahen auch die Voraussetzungen für die Judenmission in den einzelnen Jahrhunderten sehr unterschiedlich aus und machten unterschiedliche Mittel und Strategien für Mission und Dialog notwendig.

3. Religionsgespräche im Mittelalter

Godehard Ruppert beschreibt das europäische Mittelalter als einen „lebendige[n] Organismus“, in dem der Geist der Gesellschaft in der überragenden Macht der Religion verankert ist. Die Religion wiederum durchdringe alles, beseele alles, sei das verbindende Element in der Organisation und die unbestrittene Richtschnur.[10] Wenn man das Christentum des Hochmittelalters in diesem Kontext betrachtet, formte die Kirche die Wirklichkeit des alltäglichen Lebens und vermittelte einzig und allein das Heil. Während das Heidentum und der Islam in diesem Zusammenhang jedoch eine Gefahr für die christliche Religion, als auch für die Innen- beziehungsweise Außenpolitik darstellten, wurden die Juden von den Christen als religiöse und völkische Sondergruppe betrachtet, die den Christen näher standen.[11] Nichtsdestotrotz nahmen Religionsgespräche zwischen Juden und Christen stets eine Sonderstellung ein.

Die bedeutenden Faktoren in der Beziehung zwischen Juden und Christen im Mittelalter waren ihre Einstellung zueinander und ihre Haltung gegenüber dem religiösen Glauben und den Sitten der jeweils anderen.[12] Dadurch stand in keiner Weise die Demütigung oder Vorführung des Christen oder Juden im Vordergrund.[13] Stattdessen waren die jüdisch-christlichen Verständigungsversuche im späten 11. Jahrhundert von einem Geist der Toleranz geprägt.[14]

Religionsgespräche des Mittelalters wollten vorrangig belehren. Das Christentum versuchte sich durch die Dialoge nach außen hin eine Form zu geben, die eigene Doktrin zu verteidigen und sich des christlichen Glaubens zu vergewissern, um einen universalen Anspruch darauf geltend zu machen. Die Glaubensfundamente der Christen waren durch die zeitgenössischen Juden ins Wanken gebracht worden[15], sodass die Christen den jüdischen Glauben fortan ernster nahmen[16] und sich eine Tradition interreligiöser Dialoge einstellte.[17] Diese Auseinandersetzungen fanden jedoch nicht nur zwischen Juden und Christen statt, sondern bezogen auch den Islam mit ein, der in missionarischer Konkurrenz zu den Christen ebenso weltweite Geltung anstrebte. Ohne auf die dritte monotheistische Religion näher eingehen zu wollen bleibt festzuhalten, dass es für die Christen eine beunruhigende Tatsache darstellte, dass der eigene Gott auch das Zentrum einer fremden Religion war. Aus diesem Grund trugen die Gesprächspartner die Religionskontroversen im Allgemeinen mit einem hohen Wahrheitsanspruch und einem hohen Risiko für die eigenen Überzeugungen aus.[18]

Überdies stellten sich Theologen des späten 11. Jahrhunderts die Frage, ob man die Lehren der freien Künste ebenso auf den Glauben und die Religion anwenden könne. Der Lehrmeister Lanfranc in der französischen Klosterschule Le Bec war davon ein starker Vertreter. Als führender Logiker seiner Zeit stellte er den innovativen Versuch an, die Dialektik in seine Diskussionen mit einzubeziehen.[19] Ansätze seiner Lehre lassen sich später beispielsweise bei seinem Schüler Gilbert Crispin wieder finden.

4. Die Person des Gilbert Crispin

Bis heute wird Gilbert Crispin nachgesagt, dass er sowohl im weltlichen, als auch im geistlichen Bereich begabt war und über großes Wissen verfügte.[20] Er hatte eine außerordentliche Befähigung zum wissenschaftlichen Denken, beherrschte alle freien Künste und zeigte überdies Talent in der Leitung und Verwaltung.[21] Nichtsdestotrotz spiegelt sein Nachname nichts von seinem Charakter wider, sondern geht auf das kurze, krause Haar seines Großvaters zurück.[22]

Gilbert Crispin war 1045 als Kind einer wohlhabenden normannischen Hochadelsfamilie auf die Welt gekommen, die sehr stark mit der Benediktinerabtei Le Bec verbunden war. Aus diesem Grund wurde Gilbert schon als Kind dem Kloster als „puer oblatus“ anvertraut und legte dort als 59. Mönch das Klostergelübde ab.[23] Die Einrichtung war für ihre Ausbildung in Logik und Rhetorik bekannt und maßgeblich vom europaweit bekannten Lehrer Lanfranc geprägt.[24] Von Anfang an suchte der begabte Crispin den wissenschaftlichen Austausch mit seinen Lehrern und wurde durch seine Fortschritte in der theologischen und philosophischen Unterweisung schließlich selbst Lehrer an der Klosterschule.[25] In dieser Zeit entstand höchstwahrscheinlich auch schon die Freundschaft zu seinem Mitschüler Anselm von Aosta, dem späteren Erzbischof von Canterbury.[26]

Als Crispins Lehrer Lanfranc schließlich 1070 auf Geheiß von Wilhelm dem Eroberer Erzbischof von Canterbury wurde, verließ Gilbert 1079 ebenso auf Lanfrancs Bitten hin Frankreich und ging nach England. Auf dessen Empfehlung hin wurde Gilbert Crispin dort 1085 als 4. Abt von Westminster eingesetzt und behielt diese Position bis zu seinem Tod 1117. Seinen Aufgaben und Pflichten wurde er hervorragend gerecht. Unter seiner 32-jährigen Leitung stieg die Zahl der Mönche an, die Besitzungen der Abtei vermehrten sich, die Klosteranlage wurde erweitert und Töchterklöster gegründet.[27] Des Weiteren mied Crispin konsequent Streit mit den Mächtigen in einer Periode, in der die kirchliche Infrastruktur als Stütze für ein funktionierendes Staatswesen dienen sollte. Sein politisch-religiöses Wirken spielte sich vor allem während der cluniazenisch-gregorianischen Reform ab, einer Zeit, in der das Mönchstum und Christentum erneuert werden sollte. Es war eine Reform, die die Pflege der eigenen Tradition forderte und trotzdem politische Wirkung erreichen wollte. Ihre Nachfolger sollten zum Licht der Welt werden.[28] Dieses Ziel setzte sich Crispin vielleicht auch, als er am Ende des 11. Jahrhunderts seinen jüdisch-christlichen Dialog Disputatio Iudaei et Christiani niederschrieb.

5. Dialog zwischen einem Juden und einem Christen

5.1 Rahmenbedingungen

Um Gilbert Crispins Schrift Disputatio iudaei et christiani eine Rahmenhandlung zu geben und dazu diverse Fachliteratur konsultiert, stellt der Suchende schnell fest, dass große Uneinigkeit nicht nur über den genauen Zeitpunkt der Entstehung, sondern ebenso über den Wahrheitsgehalt der im Prolog von Crispin selbst geschilderten Umstände herrscht.

Der Autor Karl Werner Wilhelm lässt sich in der Einleitung zu seiner Übersetzung des Werkes beispielsweise großen Spielraum und ordnet das Treffen zwischen dem Christen und dem Juden in die späten achtziger oder frühen neunziger Jahre des 11. Jahrhunderts ein.[29] Im Gegensatz dazu bietet der Autor Heinz Schreckenberg für den Zeitpunkt der Niederschrift das Jahr 1095[30], während Samuel Krauss in seiner Monographie schon in die Zeit des Ersten Kreuzzuges hineingeht und das Jahr 1098[31] vorschlägt. Am wahrscheinlichsten für die Entstehung des Streitgesprächs halte ich den Zeitraum zwischen 1090 und 1095, den auch Bernd Goebel[32] nennt. Gründe dafür werden im weiteren Verlauf der Seminararbeit erläutert.

Festzuhalten bleibt, dass die Zeit des späten 11. Jahrhunderts für die Juden in England eine ruhige Periode darstellte. In London hatte sich nach der normannischen Eroberung durch Wilhelm I. eine jüdische Gemeinde gegründet, die zwar eine Minderheit darstellte und abhängig vom König war, der ihnen ihre Rechte verlieh, aber die nichtsdestotrotz sehr reich war.[33] Nachdem es bis 1066 keine Juden in England gegeben hatte, bewegte sich ihre Zahl etwa 100 Jahre später zwischen 3000 und 5000.[34] Durch ihren Immigrantenstatus und mit Französisch als ihrer Muttersprache blieben die Juden jedoch linguistisch und soziokulturell ausgegrenzt. Im Allgemeinen traten jedoch keine grundsätzlichen Probleme im Zusammenleben mit den Juden auf. Trotz ihrer üblichen Sesshaftigkeit waren sie mobil und ihnen stand der Fernhandel offen.[35]

Dies ist der Ansatzpunkt für Gilbert Crispins Schilderung von seiner Beziehung zu einem Mainzer Juden. Es ist historisch belegt, dass es rege Geschäftsverbindungen zwischen Londoner Einwohnern und Juden aus Mainz gab. Aus diesem Grund heraus begann Gilbert Crispin die „Arbeit an einem interreligiösen Dialogwerk, basierend auf seinen Unterredungen mit einem offenbar in der angesehenen, im frühen 11. Jahrhundert von Gerschom ben Jehudah gegründeten Mainzer Talmudschule ausgebildeten jüdischen Freund“[36]. Bernd Goebel hält es somit nicht für unwahrscheinlich, dass die Abtei in Westminster Geschäftsbeziehungen zu einem Mainzer Juden unterhielt und sich daraus jüdisch-christliche Religionsgespräche ergaben.

Des Weiteren zeigte sich der englische König Wilhelm II. Rufus[37] sehr liberal gegenüber dem Austausch zwischen Christen und Juden und stellte deren Dispute zum Teil sogar unter seine Schirmherrschaft, wie bei Wilhelm von Malmesbury berichtet wird.[38] Somit erhielt der christlich-jüdische Austausch in London die Unterstützung des Königs beziehungsweise geschah sogar auf dessen Initiative.

Der Autor Gilbert Crispin lässt in seinem Prolog zu der Kontroversdisputation, wie das Gespräch in seinem Widmungsschreiben charakterisiert wird, keine Zweifel daran, dass das Niedergeschriebene auf etwas zurückgeht, was er selbst mit einem Juden besprochen hat. Die vermeintlichen Gegner werden als Freunde vorgestellt, deren geschäftliche Verbindung sich zu einer freundschaftlichen Beziehung ausgeweitet hat. Gilbert erwähnt konkret, dass der Jude seine „Bildung in Mainz erhalten“ hatte und deshalb gute Kenntnisse im Gesetz und den christlichen Schriften vorweisen konnte. Weiterhin lobt der Autor die „geistige Beweglichkeit“ des Juden und betont die enge Freundschaft und Geschäftsbeziehung der beiden.[39] Offen bleibt jedoch, ob dieser versierte Jude noch in Mainz lebte und geschäftlich nach London kam, oder aber nur in Mainz geboren und dort seine Bildung erhalten hatte und zum Zeitpunkt des Gesprächs in London lebte. Die Biographin Evans ist des Weiteren der Überzeugung, dass die Unterhaltung in London stattgefunden haben muss, weil in einer Handschrift von einem Londoner Juden berichtet wird, der sich nach dem Gespräch taufen ließ und Mönch in Westminster wurde.[40] Dass dieser Vorfall erwähnt wird, lässt zwar darauf schließen, dass es eine Verbindung zu Gilberts Gespräch geben könnte, jedoch wird eine solche nicht explizit behauptet.[41]

Nichtsdestotrotz kann die moderne Forschung keine stichhaltigen Belege dafür liefern, ob der Dialog tatsächlich Geschehenes wiedergibt oder doch nur fiktiv ist. Zu erkennen ist jedoch eindeutig, dass Gilberts Niederschrift kein Protokoll einer Unterredung ist, sondern sein Stil sehr typisch für eine schriftliche Form ist. Es werden keine Personennamen genannt, sondern nur die Typenbezeichnungen ‚Christ’ und ‚Jude’ benutzt. Dies nimmt dem Dialog die persönliche Note und lässt die Partner nicht individuell, sondern stellvertretend für andere gebildete Christen und Juden sprechen.[42]

Gilbert Crispin liefert in seinem Prolog außerdem die Erklärung dafür, wie es zur Abhandlung und Niederschrift des Dialogs kam. Er hatte sich schon häufiger mit dem Juden unterhalten, doch eines Tages, so schreibt er, „schenkte uns beiden Gott mehr Muße als gewöhnlich“[43] und sie weiteten ihren Dialog aus. Diese Aussage macht deutlich, dass das Gespräch mit dem Juden für Gilbert aus Gottes Gnade heraus entstand und nicht allein ein Menschenwerk war, was wiederum impliziert, dass der erfolgte Dialog in Gottes Willen geschah und unter seinem Segen stand. Die Motivation für eine Niederschrift kam letztlich von außen, indem ein oder mehrere Zuhörer der beiden Crispin baten, das Gesagte schriftlich festzuhalten, weil es für die Zukunft wichtig sein könnte.[44]

[...]


[1] Wilhelm, Karl Werner: Gilbert Crispin, Disputatio iudaei et christiani. Disputatio christiani cum gentili de fide Christi. Religionsgespräche mit einem Juden und einem Heiden. Lateinisch – deutsch (Herders Bibliothek der Philosophie des Mittelalters 1), Freiburg im Breisgau / Basel / Wien 2005, S. 31-135, hier: S. 80. In der deutschen Übersetzung ist folgender Satz zu finden: „Du tust der Schrift Gewalt an und verdrehst die Schriftstellen so lange, bis sie euren Glauben belegen.“ (Ebd., S. 81).

[2] Vgl. Ruppert, Godehard: „Disputatio judaei cum christiano.“ Zur Judenmission im Mittelalter, in: Antes, Peter: Christen und Juden. Ein notwendiger Dialog, Hannover 1988, S. 27-36, hier: S. 28.

[3] Vgl. Ebd., S. 29.

[4] Vgl. Schweitzer, Frederick M.: Medieval Perceptions of Jews and Judaism, in: Perry, Marvin: Jewish-Christian Encounters over the centuries. Symbiosis, prejudice, holocaust, dialogue, New York 1994, S. 131-168, hier: S. 133.

[5] Vgl. Ebd., S. 135.

[6] Vgl. Ebd., S. 131.

[7] Vgl. Goebel, Bernd: „Gilbert Crispin“, in: Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikons, Band XXX, Nordhausen 2009, Sp. 484 – 493, hier: Sp. 486.

[8] Vgl. Abulafia: Eleventh-century exchange of letters between a Christian and a Jew, in: Journal of Medieval History 7 (1981), S. 153-174, hier: S. 153.

[9] Vgl. Wilhelm: Gilbert Crispin, Disputatio iudaei et christiani. Disputatio christiani cum gentili de fide Christi. Religionsgespräche mit einem Juden und einem Heiden. Lateinisch – deutsch (Herders Bibliothek der Philosophie des Mittelalters 1), Freiburg im Breisgau / Basel / Wien 2005, S. 9-30, hier: S. 17.

[10] Vgl. und Zitat bei Ruppert: Disputatio, S. 27.

[11] Vgl. Ebd., S. 27.

[12] Vgl. Abulafia: Eleventh-century, S. 153.

[13] Vgl. Ebd., S. 159.

[14] Vgl. Werner: Gilbert, S. 16.

[15] Vgl. Abulafia, Anna Sapir: „Christians disputing disbelief. St Anselm, Gilbert Crispin and Pseudo-Anselm“, in: Religionsgespräche im Mittelalter (Wolfenbütteler Mittelalter-Studien 4), hg. von Bernard Lewis / Friedrich Niewöhner, Wiesbaden 1992, S. 131-148, hier: S. 132.

[16] Vgl. Wilhelm: Gilbert, S. 10.

[17] Vgl. Ebd., S. 17.

[18] Vgl. Ebd., S. 9.

[19] Vgl. Abulafia: Christian, S. 131.

[20] Vgl. Evans, G.R.: Crispin Gilbert, in: Oxford Dictionary of National Biography, Oxford 2004, S. 100-101, hier: S. 101.

[21] Vgl. Goebel: Gilbert, Sp. 485.

[22] Vgl. Evans: Crispin, S. 100. Das lateinische Wort ‚crispus’ bedeutet ‚gekräuselt’.

[23] Vgl. Goebel: Gilbert, Sp. 484.

[24] Vgl. Wilhelm: Gilbert, S. 10.

[25] Vgl. Goebel: Gilbert, Sp. 484.

[26] Vgl. Wilhelm: Gilbert, S. 10.

[27] Vgl. Goebel: Gilbert, Sp. 485.

[28] Vgl. Wilhelm: Gilbert, S. 11f.

[29] Vgl. Wilhelm: Gilbert, S. 16.

[30] Vgl. Schreckenberg, Heinz: Die christlichen Adversus-Judaeos-Texte (11.–13. Jh.). Mit einer Ikonographie des Judenthemas bis zum 4. Laterankonzil (Europäische Hochschulschriften XXIII. 335), Frankfurt am Main u. a. 1988, S. 58-65, hier: S. 58.

[31] Vgl. Krauss, Samuel: The Jewish-Christian controversy from the earliest times to 1789, Tübingen 1995, S. 72.

[32] Vgl. Goebel: Gilbert, S. 487.

[33] Vgl. Stacey, Robert C.: Jews and Christians in Twelfth-Century England. Some Dynamics of a Changing Relationship, in: Signer, Michael / Van Engen, John (ed.): Jews and Christians in Twelfth-Century Europe, Notre Dame / Indiana 2001, S. 340-354, hier: S. 342.

[34] Vgl. Stacey: Jews, S. 341.

[35] Vgl. Ruppert: Disputatio, S. 28.

[36] Vgl. Goebel: Gilbert, S. 485.

[37] Wilhelm II. Rufus war der Nachfolger von Wilhelm dem Eroberer und regierte von 1087 bis 1100.

[38] Vgl. Goebel: Gilbert, S. 487.

[39] Vgl. und Zitate bei Wilhelm: Gilbert, S. 33.

[40] Vgl. Evans: Crispin, S. 101. Der konvertierte Jude wird ebenso von Samuel Krauss (Jewish-Christian, S. 73) aufgegriffen.

[41] Vgl. Abulafia: Christian, S. 136.

[42] Vgl. Jacobi: Gilbert, S. 128.

[43] Wilhelm: Gilbert, S. 33.

[44] Vgl. Ebd., S. 33.

Details

Seiten
21
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640768424
ISBN (Buch)
9783640768806
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162850
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Geschichte
Note
1,7
Schlagworte
Interreligiöse Räume Gilbert Crispin England 11. Jahrhundert Juden Christen Dialog jüdisch-christlicher Dialog Religionsgespräche Mittelalter Anselm von Canterbury

Autor

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Titel: Jüdisch-christlicher Dialog im England des 11. Jahrhunderts