Lade Inhalt...

Der Zypernkonflikt im europäischen Kontext

Konfliktanalyse

Bachelorarbeit 2010 43 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Ansätze des Realismus und des Neorealismus
2.1 Realismustheorie
2.2 Grundsätze des politischen Realismus
2.3 Vom Realismus zum Neorealismus
2.4 Grundsätze und Komponenten des Neorealismus

3. Die Geschichte und Hintergründe des Zypernkonfliktes
3.1 Von der Hellenisierung bis zum Osmanischen Reich
3.1.1 Britischer Imperialismus und griechischer Nationalismus in Zypern
3.1.2 Zyperns Unabhängigkeit und die Eskalation des Zypernkonfliktes
3.1.3 Türkische Besetzung
3.1.4 Festigung der Teilung Zyperns
3.2 Positionen und Gegenüberstellung der Konfliktparteien auf Zypern
3.2.1 Türkisch-zyprische Position
3.2.2 Griechisch-zyprische Position
3.2.3 Bewertung der beiden Positionen
3.3 Die Außenpolitik und Interessen Griechenlands und der Türkei im Zypernkonflikt

4. Theoretische Analyse des Zypernkonfliktes

5. EU-Beitritt Zyperns und Konfliktlösungsmechanismen der Europäischen Union und der UN
5.1 Der Weg zum EU-Beitritt
5.2 Das Konfliktlösungspotenzial der EU

6. Fazit und Perspektiven

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Zypernkonflikt bezeichnet heutzutage die Problematik zwischen der griechi- schen und der türkischen Volksgruppe auf der Mittelmeerinsel Zypern, aber auch zwischen der Republik Zypern und der Republik Nordzypern sowie der Türkei.

Ursprünglich handelte es sich beim Zypernkonflikt um die Auseinandersetzung zwischen den griechischen Zyprern und den britischen Kolonialherren. Diese wurde 1960 formell beendet, als die britische Kolonialmacht die Insel in die Unabhängigkeit entließ.

Des Weiteren unterscheidet man bei diesem Konflikt zum einen zwischen den Auseinandersetzungen hinsichtlich der griechischen und türkischen Zyprern als kommunale Antagonisten und zum anderen die Rivalität zwischen Griechenland und der Türkei, in deren schwierigen Beziehungen der Zypernkonflikt aber nur ein Bruchstück darstellt. Kurzum, der Begriff des Zypernkonfliktes beinhaltet zum einen den Konflikt um die Insel und zum anderen den Konflikt auf der Insel Zy- pern und ist einer der lang anhaltendsten Konflikte der internationalen Politik, eingebettet in ein komplexes Zusammenspiel von Akteuren und Faktoren .1

Das zweite Kapitel dieser Arbeit beschäftigt sich mit den theoretischen Ansätzen Hans J. Morgenthaus Realismus und dem Neorealismus von Kenneth N. Waltz. Dabei sollen die wichtigsten Kernaussagen kurz dargestellt werden. In diesem Zusammenhang wird versucht, auch auf Fragen wie zum Beispiel: "Inwieweit können zwischenstaatliche Konflikte friedlich gelöst werden?", "Kommt es zwangsläufig zu einer kriegerischen Auseinandersetzung, wenn Machtverlust- ängste mit im Spiel sind?" einzugehen. Des Weiteren sollen die theoretischen Erkenntnisse im empirischen Teil auf ihre Aussagekraft hin betrachtet und über- prüft werden. Den zentralen Aspekt dieser Arbeit bilden die Hintergründe des Zypernkonfliktes. So wird zu Beginn des dritten Kapitels ein historischer Über- blick gegeben, der die Genese des Konfliktes und die Ereignisse, welche zur Tei- lung der Insel führten, kurz skizziert.

Dabei wird darauf verzichtet, die gesamte Historie wiederzugeben, vielmehr ist beabsichtigt, die historischen Zusammenhänge in ihren für die Gegenwart relevanten Wirkungsweisen darzustellen.

Im darauf folgenden Punkt geht es um die Analyse der Konfliktdeterminanten und Interessenkonstellationen der griechisch-zyprischen und türkisch-zyprischen Volksgruppen sowie ihrer Mutterländer Griechenland und Türkei. Im vorletzten Abschnitt steht der EU-Beitritt Zyperns im Mittelpunkt. Hier wird kurz der ge- schichtliche Verlauf vom Antrag auf Mitgliedschaft bis hin zum eigentlichen Bei- tritt nachgezeichnet. Eine weitaus wichtigere Rolle spielen hierbei die Gründe, die zu diesem Beitrittsantrag führten, so wie die zu erwartenden Folgen für die bei- den zyprischen Volksgruppen, ihre Mutterländer und die Europäische Union. Ab- schließend wird die Haupterkenntnis klar formuliert und ein kurzer Ausblick über die seit dem 1. Mai 2004 stattgefundenen Ereignisse gegeben.

2. Theoretische Ansätze des Realismus und des Neorealismus

Dieses Kapitel befasst sich zum einen mit dem politischen Realismus, welcher als Urtheorie der Internationalen Beziehungen gilt. Zum anderen gilt, es den Theo- rieansatz des Neorealismus zu betrachten, wobei es sich um eine Überarbeitung bzw. Weiterentwicklung des Realismus handelt. Viele seiner Grundannahmen gelten heute noch "[…]als eine der einflussreichsten Interpretationsfolien sowohl für die Praxis internationaler Politik als auch für die wissenschaftliche Analyse internationaler Beziehungen."2

Im ersten Abschnitt dieses Kapitels soll der Inhalt des politischen Realismus erläutert werden, insbesondere die Grundannahmen und Erkenntnisse, die Hans J. Morgenthau erforschte, werden dabei im Vordergrund stehen.

Mitte der 60er Jahre entwickelte sich aus dem Realismus der Neorealismus.

Die Gedanken, die dieser Theorie zugrunde liegen, wurden vom amerikanischen Politologen Kenneth N. Waltz in seinem Werk "Theory of international politics" ausgearbeitet und sind Gegenstand des folgenden Abschnittes.3

2.1 Realismustheorie

Einer der wohl bekanntesten und zugleich bedeutendsten Vertreter des politi- schen Realismus ist Hans J. Morgenthau und sein Werk "Politics among nations", welches erstmals 1948 erschien.4 In diesem Buch entwickelte er ein geschlos- senes Gedankengebäude, "[…] das als eine Übertragung des politischen Realis- mus auf die internationalen Beziehungen angesehen werden kann."5 Auch wenn vielleicht in jüngerer Zeit andere Theoriebeiträge Morgenthaus Klassi- ker weiterentwickelt und verbessert , so hat er dennoch nichts von seiner Be- deutung als zentrales theoretisches Fundament eines Theoriegebäudes verloren und gilt weiterhin als Grundstein des klassischen Realismus. 1963 erschien "Poli- tics among nations" in deutscher Übersetzung unter dem Titel "Macht und Frie- den: Grundlegung einer Theorie der internationalen Politik", welches diesem Ab- schnitt zugrunde liegt.6

Zu Beginn erläutert Morgenthau den Sinn und Zweck seines Werkes "Macht und Frieden". Inhalt ist die Darstellung einer Theorie der Internationalen Beziehun- gen, wobei ihr Maßstab ausschließlich empirisch und pragmatisch ist. Zweck die- ser Theorie ist es, in eine Fülle von Phänomenen Ordnung und Sinn hineinzu- bringen, denn ohne eine solche blieben diese zusammenhanglos und unverständ- lich.7

Dabei wird sich zeigen, dass er die Ambition verfolgte, Gesetzmäßigkeiten zu finden, denen das äußere Verhalten der Staaten folgte.

2.2 Grundsätze des politischen Realismus

Im Zentrum seines Buches "Macht und Frieden" stehen "Sechs Grundsätze des politischen Realismus", die es hier kurz wiederzugeben gilt.

So geht der politische Realismus als erstes davon aus, "dass die Politik, so wie die Gesellschaft im Allgemeinen, von objektiven Gesetzen beherrscht werden, deren Ursprung in der menschlichen Natur liegt."8 Das Verständnis darüber und das sich daraus ergebene Handeln können die Gesellschaft im Allgemeinen und die internationale Politik im Besonderen verbessern.9

Im zweiten Grundsatz sieht Morgenthau gleichzeitig das markanteste Weg- zeichen, an dem sich der politische Realismus im großen Bereich der internatio- nalen Politik orientieren kann. Es ist der im Sinne von Macht verstandene Begriff des Interesses. "Dieser Begriff ist das Bindeglied zwischen der Vernunft, die sich bemüht, internationale Politik zu verstehen, und den zu bewältigenden Tat- sachen."10 Unter diesem Aspekt führt er weiter an, dass Außenpolitik erst dann verständlich wird, wenn man nicht nur das Interesse des ausführenden "Staats- mannes" kennt, sondern seine intellektuelle Fähigkeit, Elemente zu erfassen und seine politische Fähigkeit, dieses Erkannte in erfolgreiches politisches Handeln umzusetzen.11 Letztendlich fasst er unter diesem zweiten Grundsatz zusammen: dass gute Außenpolitik, (Morgenthau bezeichnet sie als rationale), immer im Widerspruch zur tatsächlichen stehen wird. Der Realismus fordert deshalb, dass nicht nur die rationalen Elemente der Politik im Theoriemittelpunkt stehen sollen, sondern dass diese Außenpolitik auch in ihrer moralischen und praktischen Ziel- setzung vernünftig sein möge.12

Im dritten Grundsatz geht es Morgenthau um die Erweiterung seiner Kategorie Macht. Er greift auf Max Weber zurück, der davon ausgeht, dass materielle und ideelle Interessen (Morgenthau versteht Macht als Interesse und umgekehrt) unmittelbar das Handeln der Mens]chen beherrschen.

In diesem Sinne würde Macht eine soziale Beziehung darstellen und genauso versteht es Morgenthau auch. Er kommt zu der Erkenntnis, dass Macht Herr- schaft von Menschen über Menschen ist.13 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das menschliche Interesse an Macht die Sphäre des Politischen kennzeich- net und daher den Schlüsselbegriff dieser politischen Theorie bildet.14

Als vierter Grundsatz wird das Bewusstsein des politischen Realismus zur sitt- lichen Bedeutung politischen Handelns aufgegriffen. Morgenthau schreibt hierzu in seinem Buch: "Es gibt keine politische Moral ohne Klugheit - d. h. ohne Be- rücksichtigung der politischen Folgen eines anscheinend moralisch vertretbaren Vorgehens. Der Realismus betrachtet diese Klugheit - das Abwägen der Folgen alternativer politischer Handlungen - daher als die höchste Tugend der Politik."15

Dieses Handeln wird in der Literatur auch als konsequentialistische Ethik be- zeichnet, aus der sich der Leitsatz des fünften Grundsatzes ableiten lässt, "[…] dass eine gute, am Nationalinteresse eines Staates orientierte Außenpolitik auf Machterweiterung oder zumindest Machterhaltung zu zielen hat."16 Kommt es zur Missachtung dieses nationalen Interesses, rächt sich dieses Ver- säumnis mit dem Machtgewinn anderer Staaten, welche ihre Eigeninteressen konsequenter verfolgen. Die Macht stellt somit das Element der Staaten dar, ih- ren Interessen Nachdruck zu verleihen und ihren Status in der Staatenwelt aus- zudrücken. Trotz allem bleibt das Sicherheitsbedürfnis der Staaten bestehen.17

Der sechste und letzte Grundsatz des politischen Realismus ist die Erkenntnis, dass die Politik die gleiche Eigengesetzlichkeit beanspruchen darf wie dieöko- nomie, das Recht oder die Moral. Wenn also derökonom in einem als Wohlstand verstandenen Interesses denkt, so denkt der politische Realist in den Begriffen eines als Macht verstandenen Interesses. Derökonom würde also, wenn man diesen Bezug auf die Politik anwendet, fragen: "Wie wirkt diese Politik auf den Wohlstand?"

Der politische Realist hingegen aber fragt: "Welche Wirkungen hat die Politik auf die Macht des Staates?"18 Diese Frage erfasst die Quintessenz von Morgenthaus realistischen Grundsätzen. Diese zu beantworten wird Ziel des empirischen Teils dieser Arbeit sein.

Resümierend lässt sich festhalten, dass für Morgenthau internationale Politik darauf ausgerichtet ist, Macht zu erhalten, zu vermehren oder zu demonstrieren. Folglich stellt der Krieg die schärfste Form des internationalen Interessenkonfliktes dar. Um diesen zu verhindern, müssen die Instrumente der klassischen Diplomatie und einer "balance of power"-Politik sachgerecht eingesetzt werden. Denn nicht die Vision einer Welt, die den Krieg ächtet und diesen mit der weltpolizeilichen Vergeltung zu ersticken versuchte, sondern die Grenzsituation des Krieges leitete Morgenthaus Gedanken.19

2.3 Vom Realismus zum Neorealismus

Als Begründer und bis heute bekanntester Vertreter des Neorealismus gilt Kenneth N. Waltz. In seinem Buch "Man, the state and war" unterscheidet er drei Analyseebenen bzw. Bilder, so genannte "images", der Internationalen Beziehungen: erstens die Ebene des Individuums, gemeint ist hier die Beschaffenheit der menschlichen Natur, zweitens das Bild der innerstaatlichen Interessen, d.h. die Idee von der Außenpolitik als Reflex der Innenpolitik und drittens das Bild der zwischenstaatlichen Interaktionen bzw. die Ebene des internationalen Systems, d.h. die Verhaltensmuster im zwischenstaatlichen Umgang.

In seinem Hauptwerk "Theory of international politics", erschienen 1979, kon- struiert er aus diesem dritten "image" das internationale System als Schlüssel- konzept der internationalen Beziehungen.20 Aufgrund seines prägenden Einflus- ses werden er und sein Buch im Mittelpunkt dieses Abschnittes stehen.

Die Entstehung einer neuen Theorie baut häufig auf der Kritik einer vorange- gangenen auf. So ist vom Neorealismus oder strukturellen Realismus die Rede, wenn das verwendete Theoriegebäude mit seinen Prämissen und Aussagen auf dem klassischen Realismus fußt und andererseits erkennbare Innovationen mit aufgenommen wurden.21 So erhoben die Neorealisten den Vorwurf, darunter auch Kenneth N. Waltz, dass Morgenthau allenfalls eine Theorie der Außenpolitik, nicht aber eine Theorie der internationalen Politik, erarbeitet habe. Dies führen sie darauf zurück, dass die Realisten bei ihrer Betrachtung der internationalen Politik in der Regel von der Ebene des Individuums ausgingen. So konnten die klassischen Realisten nur Annahmen über das Außenverhalten von Staaten, nicht aber über die Funktionsbedingungen von Politik zwischen den Staaten ableiten.22 Da Waltz in seinen Erklärungen grundlegend von der Struktur des internationalen Systems auf das Verhalten der Staaten schließt, spricht man auch vom struktu- rellen Realismus. Des Weiteren verzichtet er auf jeglichen Empiriebezug und er- klärt die Realität aus dem Charakter des internationalen Systems.23

2.4 Grundsätze und Komponenten des Neorealismus

Im Zentrum seiner Erkenntnisse steht das internationale System, bestehend aus zwei Elementen, wie Waltz sie allen Systemen zuschreibt.

Zum einen ist das eine separate Struktur und zum anderen handelt es sich um die Akteure bzw. die Einheiten des Systems "units" (gemeint sind die Staaten). Beide interagieren, d.h. sie treten miteinander in Beziehung. Dabei bildet das System eine Struktur, welche das Handeln der Akteure beeinflusst.24

Zur Bestimmung der politischen Strukturen des internationalen Systems führt Waltz drei Komponenten an: das Ordnungsprinzip "ordering principle", die Eigenschaften der Akteure bzw. Funktionsspezifizierung "qualities" und ihre Stärkeverhältnisse zueinander bzw. Machtverteilung "capabilities".25

Beim Ordnungsprinzip unterscheidet Waltz zwischen zwei Möglichkeiten, wie Systeme organisiert sein können: anarchisch oder hierarchisch.

Ein hierarchisches System besitzt immer eine übergeordnete Instanz, welche mit Sanktionsgewalt ausgestattet ist (Gewaltmonopol).

Demnach besitzt das internationale System ein anarchisches Ordnungsprinzip, da es keine übergeordnete Autorität kennt.26 "National politics is the realm of authority, of administration, and of law. International politics is the realm of power, of struggle and of accommodation. […] Formally, each is the equal of all the others. None is entitled to command; none is required to obey."27

Das Hauptproblem der Anarchie stellt dabei das Risiko der Gewalt dar, da alle Staaten zur Gewaltanwendung bereit sind, um ihr Überleben zu gewährleisten. Eine weitere Konkretisierung ergibt sich bei der Frage nach den "qualities" der "units". Um diese Konkretisierung treffen zu können, muss der Inhalt einer funktionalen Differenzierung erst einmal geklärt werden. Diese liegt immer dann vor, wenn eine Arbeitsteilung zwischen den Staaten existiert, d.h. einzelne Staaten unterschiedliche Aufgaben erfüllen.

Nach Waltz gibt es keine funktionalen Differenzierungen im internationalen System, da sich diese mit der vorherrschenden Anarchie widersprechen würden. Denn die Anarchie zwingt die Staaten sich um ihre jeweiligen Eigeninteressen selbst zu kümmern und so ihr Überleben zu gewährleisten.28

Dabei handelt es sich beim internationalen System, wie es der Neorealismus versteht, um ein Selbsthilfesystem, in dem die Staaten allein das Überleben zu garantieren haben. Das Überleben besitzt oberste Priorität und bestimmt dahin- gehend ihr gesamtes Verhalten. "The international imperative is: take care of yourself."29 Dabei wird die Kooperation der Staaten untereinander von der vorherrschenden anarchischen Struktur behindert und das Selbsthilfesystem degradiert zu einem Konfliktsystem.30

Waltz formuliert es so: "The structure of international politics limits the coope- ration of states in two ways. In a self-help system each of the units spends a portion of its effort, not in forwarding its own good, but in providing the means of protecting itself against other. […] Instead, the condition of insecurity - at he least, the uncertainty of each about the other’s future intentions and action - works against their cooperation."31

Im internationalen System müssen sich demnach die Staaten selbst helfen, wenn sie überleben wollen. Dies tun sie durch Verteidigungsvorsorge, durch Abschre- ckung oder durch die Bildung von Bündnissen. Staaten, die sich nicht an diesen Grundsatz halten, werden entweder erobert oder verschwinden ganz von der Landkarte. In diesem Punkt liegt zudem eine Gemeinsamkeit mit der Realismus- theorie von Morgenthau vor, denn auch er betonte bereits, dass allein die vor- sorgliche Demonstration von Stärke bzw. als äußerste Maßnahme der Krieg gegen drohende oder bereits erlittene Verletzungen der äußeren Souveränität hilft.32

Folglich ergeben sich für Waltz zwei weitere Erkenntnisse, die das Verhalten der Staaten kennzeichnen. Zum einen zwingt sie das Selbsthilfesystem, ihre Autonomie zu bewahren und nicht in eine Abhängigkeit einem anderen Staat gegenüber zu geraten. Zum anderen achten sie im Falle einer unumgänglichen Kooperation darauf, dass ihr Gegenüber keine höheren Gewinne daraus erwirtschaftet bzw. sie keine Verluste hinnehmen müssen.33

Das dritte Element "distribution of capabilities“ charakterisiert die Machtvertei- lung im internationalen System. Dabei kann diese nach Waltz unipolar, bipolar oder multipolar strukturiert sein. Er kommt zu der Erkenntnis, dass ein multi- polares internationales System instabiler und kriegsträchtiger ist als ein bipo- lares. Dies begründet er damit, dass durch die höhere Anzahl vertretener Staaten in einem multipolaren System eine ebenso hohe Anzahl unbekannter Variablen, was das Verhalten dieser Partner angeht, besteht. Die Balance wird somit schwieriger.34

[...]


1 Vgl. Gromes, Thorsten & Timon Gremmels, A brief analysis of the Cyprus conflict, in: Ein Modell zur Vermittlung konfliktärer Interessen. Die griechisch-türkischen Beziehungen und der Zypernkonflikt, Ralf Zoll (Hrsg.), Münster 2000, S. 148.

2 Jacobs, Andreas, Realismus, in: Theorien der Internationalen Beziehungen, Siegfried Schieder & Manuela Spindler (Hrsg.), Opladen 2003, S. 35

3 Jacobs, Andreas, Realismus, in: Theorien der Internationalen Beziehungen, Siegfried Schieder & Manuela Spindler (Hrsg.), Opladen 2003, S. 35

4 Vgl. Krell, Gert, Weltbilder und

Weltordnung. Einführung in die Theorie der internationalen Beziehungen, Baden-Baden 2000, S. 103

5 Zürn, Michael, Neorealistische und Realistische Schule, in: Lexikon der Politik, Band 6: Internationale Beziehungen, Andreas Boeckh (Hrsg.), München 1994, S. 309

6 Vgl. Krell, Weltbilder, S. 103 und Jacobs, Realismus, S. 41

7 Vgl. Morgenthau, Hans J., Macht und Frieden. Grundlegung einer Theorie der internationalen Politik, Gütersloh 1963, S. 48

8 Vgl. Morgenthau, Hans J., Macht und Frieden. Grundlegung einer Theorie der internationalen Politik, Gütersloh 1963, S. 49

9 Vgl. Zürn, Neorealistische, S. 309f

10 Morgenthau, Macht und Frieden, S. 50

11 Vgl. Morgenthau, Macht und Frieden, S. 52

12 Vgl. Morgenthau, Macht und Frieden, S. 53

13 Vgl. Hartmann, Internationale Beziehungen, Opladen 2001, S. 28 sowie Morgenthau, Macht und Frieden, S. 54f.

14 Vgl. Zürn, Neorealistische, S. 310

15 Morgenthau, Macht und Frieden, S. 56

16 Zürn, Neorealistische, S. 310

17 Vgl. Hartmann, Internationale, S. 25 u. 29

18 Morgenthau, Macht und Frieden, S. 57

19 Vgl. Jacobs, Realismus, S. 45; Morgenthau, Macht und Frieden, S. 71 und Hartmann, Internationale, S. 30.

20 Vgl. Hartmann, Internationale, S. 34; vgl. Schörnig, Niklas, Neorealismus, in: Theorien der Internationalen Beziehungen; Siegfried Schieder & Manuela Spindler (Hrsg.), Opladen 2003, S. 64f

21 Vgl. Zürn, Neorealistische, S. 313

22 Vgl. Jacobs, Realismus, S. 54 und vgl. Siedschlag, Neorealismus, S. 89

23 In der Literatur findet sich der Begriff des strukturellen Realismus als Synonym des Neorealismus. So unter anderem Czempiel, Ernst-Otto, Neue Sicherheit in Europa. Eine Kritik an Neorealismus und Realpolitik, Frankfurt am Main 2002, S. 16, sowie Schörnig, Neorealismus, S. 62 und Siedschlag, Neorealismus, S. 85

24 Vgl. Krell, Weltbilder, S. 111, sowie Schörnig, Neorealismus, S. 66

25 Vgl. Siedschlag, Neorealismus, S. 95, sowie Schörnig, Neorealismus, S. 68f und im Original dazu insgesamt: Waltz, Kenneth N., Theory of international politics, New York 1979, S. 88-99

26 Vgl. Schörnig, Neorealismus, S. 69, vgl. Krell, Gert, Weltbilder, S. 112 und vgl. Hartmann, Internationale, S. 36

27 Waltz, Theory, S. 88 und 113

28 Vgl. Schörnig, Neorealismus, S. 69

29 Waltz, Theory, S. 107.

30 Vgl. Czempiel, Neue Sicherheit, S. 21

31 Waltz, Theory, S. 105

32 Vgl. Hartmann, Internationale, S. 36

33 Vgl. Krell, Weltbilder, S. 114 und im Original siehe Waltz, Theory, S. 105

34 Vgl. Zürn, Neorealistische, S. 314, sowie Schörnig, Neorealismus, S. 70

Details

Seiten
43
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640776290
ISBN (Buch)
9783640778461
Dateigröße
620 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162802
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,7
Schlagworte
EU Türkei Zypern Zypernkonflikt Konfliktanalyse Realismus Neorealismus Realismustheorie

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der Zypernkonflikt im europäischen Kontext