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Koordinierende Kinderschutzstelle (KOKI)

Konsequenzen für die Netzwerkarbeit zwischen Kinder- und Jugendhilfe und Gesundheitswesen

Bachelorarbeit 2010 52 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. KOORDINIERENDE KINDERSCHUTZSTELLE (KOKI)
2.1. Hintergrund der KoKi
2.2. Gesetzliche Grundlagen der KoKi
2.3. Konzeptionelle Grundlagen der KoKi
2.4. Aufgaben der KoKi
2.4.1. Netzwerkbezogene Aufgaben
2.4.2. Familienbezogene Aufgaben

3. ZUR NETZWERKARBEIT
3.1. Begriffsbestimmung zur Netzwerkarbeit
3.2. Theorien zur Netzwerkarbeit
3.3. Systemtheoretischer Ansatz nach Kämper und Schmidt

4. PRÄVENTIVER KINDERSCHUTZ IN DER KINDER- UND JUGENDHILFE
4.1. Leistungserbringer der Kinder- und Jugendhilfe
4.2. Präventive Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe

5. PRÄVENTIVER KINDERSCHUTZ IM GESUNDHEITSWESEN
5.1. Leistungserbringer des Gesundheitswesens
5.2. Aufgabenbereiche präventiver Maßnahmen im SGB V
5.3. Aufgabenbereiche präventiver Maßnahmen im SGB IX
5.4. Aufgabenbereiche präventiver Maßnahmen im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD)
5.5. Schwangerschafts(konflikt)beratung

6. KONSEQUENZEN FÜR DIE NETZWERKARBEIT

7. FAZIT

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

„Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen.“

(Afrikanisches Sprichwort).

Kinderschutz1 ist eine gesamtstaatliche Aufgabe und geht alle an (Meysen/Schönecker, 2009, 25). Meistens zeichnen sich schon Jahre vor einer Kindeswohlgefährdung in der Fürsorge Lücken ab (vgl. Ziegen- hain/Fegert, 2009b, 11).

In den vergangenen Jahren wurde, ausgelöst von in den Medien berichteten, teils tödlich verlaufenden Misshandlungsfällen von Säuglingen und Klein- kindern, ein dynamischer Prozess zur Verbesserung des Kinderschutzes in Gang gesetzt, der bis heute anhält. Gesetze, wie der § 8a SGB VIII wurden novelliert und Konzepte zum Kinderschutz wurden neu überdacht. Durch das zur Verfügung stellen von öffentlichen Mittel konnten vielerorts Mo- dellprojekte ins Leben gerufen werden. Aus einem Modellprojekt entwickel- te sich die Koordinierende Kinderschutzstelle (KoKi), die momentan bay- ernweit implementiert wird.

Am 13. Juli 2009 fand die Auftaktveranstaltung zur regelhaften Etablierung Früher Hilfen in Bayern „KoKi – Netzwerk frühe Kindheit“ statt. Im Jahr 2006 nahm Bayern im Vorfeld zusammen mit Baden-Württemberg, Rhein- land-Pfalz und Thüringen länderübergreifend an dem inzwischen abge- schlossenen Modellprojekt „Guter Start ins Kinderleben“2 teil. Die bayeri- sche Familienministerin Christine Haderthauer betonte dort, dass mit dem Modellprojekt in Bayern an den Standorten Erlangen und Traunstein beste Erfahrungen gemacht worden seien, sodass sich die bayerische Staatsregie- rung dazu entschlossen habe, die Kommunen ab 2009 bei der Installierung von KoKis zu fördern (Haderthauer, 2009, 9 f.). Dies wurde in der Koaliti- onsvereinbarung für die 16. Wahlperiode des Bayerischen Landtags zwi- schen der CSU und der FDP wie folgt festgehalten:

„Wir werden den Kinder- und Jugendschutz weiter optimieren. Dazu wer- den wir zusammen mit den Kommunen zusätzliche Stellen im Bereich Kin- der- und Jugendschutz einrichten. Wir werden die Kommunen bereits ab 2009 beim Aufbau sozialer Frühwarn- und Fördersysteme3 in Form von Koordinierenden Kinderschutzstellen finanziell unterstützen.“ (Koaliti- onsvereinbarung, 2008, 53).

Des Weiteren gibt es bereits Modellprojekte in ganz Deutschland. Unter Einbeziehung der bereits vorliegenden Erkenntnisse dieser Modellprojekte und unter Berücksichtigung der Vorgaben des Bayerischen Familienministe- riums werden in der vorliegenden Arbeit Konsequenzen für die Netzwerk- arbeit zwischen der Kinder- und Jugendhilfe und dem Gesundheitswesen dargestellt. Hierzu werden einleitend die KoKis betrachtet (Kapitel 2) und ein kurzer Einblick in die Erkenntnisse der Netzwerkarbeit gegeben (Kapitel 3). Im Anschluss daran werden die bereits vorhandenen Angebote des prä- ventiven Kinderschutzes sowohl in der Kinder- und Jugendhilfe (Kapitel 4) als auch im Gesundheitswesen (Kapitel 5) erläutert. Basierend auf diesen Erkenntnissen werden daraus Konsequenzen für die Netzwerkarbeit gezo- gen (Kapitel 6).

2. Koordinierende Kinderschutzstelle (KoKi)

KoKis werden vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Sozial- ordnung, Familie und Frauen gefördert. Seit 01.07.2009 werden die öffentli- chen Träger der Jugendhilfe bayernweit mit einem Festzuschuss von 16.500,-- € jährlich pro Vollzeitstelle unterstützt. Bis 2010 kann ein Ausbau auf bis zu 250 Stellen erfolgen (Ziegenhain, u.a., 2010, 259). Ende Mai 2010 gab es in Bayern 73 aktive KoKi-Stellen, weitere befinden sich in Pla- nung (Schrimpf, 2010, 1).

Nachstehend werden zunächst der Hintergrund der KoKis (Kapitel 2.1.). und die gesetzlichen Grundlagen (Kapitel 2.2.) erläutert. Da sich die KoKis auf den bayerischen Raum beschränken, wird bei landesgesetzlichen Rege- lungen nur auf die in Bayern gültigen Gesetze eingegangen. Im Folgenden werden dann die konzeptionellen Grundlagen beschrieben (Kapitel 2.3.) und die Aufgaben der KoKis aufgeführt (Kapitel 2.4.).

2.1. Hintergrund der KoKi

Auf der 44. Vollversammlung der Vereinten Nationen wurde am 20. No- vember 1989 die UN-Kinderrechtskonvention (UN-KRK)4 beschlossen, in der Kinderrechte erstmals verbindlich festgelegt wurden. Dieses Überein- kommen regelt unter anderem die vorrangige Berücksichtigung des Wohles des Kindes (Artikel 3), die Verantwortung für das Kindeswohl (Artikel 18), den Schutz vor Gewaltanwendung, Misshandlung und Verwahrlosung (Ar- tikel 19) und das Recht aller Kinder und Jugendlichen auf bestmögliche Förderung der Gesundheit (Artikel 24) (BMFSFJ, 2007, 10 ff.; Eichholz, Reinald, 2009, 12). Die Konvention wurde inzwischen von 193 Staaten5 ratifiziert. Im Jahr 1990 folgte dann die erste Sondergeneralversammlung zum Thema „Kinder“ der Vereinten Nationen in New York (Maywald, 2009, 5).

Nationaler Aktionsplan (NAP)

Für den Kinderschutz in Deutschland war neben der UN-KRK der zweite Weltkindergipfel der UN im Jahr 2002 von Bedeutung, bei dem sich alle Unterzeichnerstaaten zur Erstellung eines Nationalen Aktionsplans ver- pflichteten. Ziel ist eine weltweite Verbesserung der Lebenssituation von Kindern. In Deutschland wurde der NAP "Für ein kindergerechtes Deutsch- land 2005-2010" am 16. Februar 2005 vom Bundeskabinett beschlossen. In seiner Präambel werden die UN-KRK von 1989 und der 2. Weltkindergipfel von 2002 als Vorläufer bezeichnet (BMFSFJ, 2006a, 8). Der NAP ist fol- genden sechs Handlungsfelder für ein kindgerechtes Deutschland unterteilt:

1. Chancengerechtigkeit durch Bildung.
2. Aufwachsen ohne Gewalt.
3. Förderung eines gesunden Lebens und gesunder Umweltbedingun- gen.
4. Beteiligung von Kindern und Jugendlichen.
5. Entwicklung eines angemessenen Lebensstandards für alle Kinder.
6. Internationale Verpflichtungen (BMFSFJ, 2009b, 1).

Unter dem Handlungsfeld „Aufwachsen ohne Gewalt“ wird im Unterpunkt

„Gewalt und Kindesvernachlässigung in der Erziehung“ die Grundlage für die Entwicklung von Frühen Hilfen in Deutschland geschaffen. Ziel der Bundesregierung ist eine gewaltfreie Erziehung. Hierzu sollen wissenschaft- liche Erkenntnisse genutzt werden, die belegen, dass gewalttätige Erfah- rungsmuster häufig an die eigenen Kinder weitergegeben werden. Um diese Gewaltspirale zu durchbrechen, muss eine wirksame Gewaltprävention be- reits in der Familie beginnen. Als weiterer wichtiger Ansatz wurde die Re- levanz der Verknüpfung von Kinder- und Jugendhilfe mit dem Gesund- heitswesen gesehen.

„Besonders wichtig ist eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Gesund- heitssektor und der Kinder- und Jugendhilfe. An dieser Schnittstelle lassen sich hoch gewaltbelastete Familien identifizieren, die sich eher von ihrer Umgebung abkapseln.“ (BMFSFJ, 2006a, 28).

Hier zeigen sich eindeutige Parallelen zu den Zielen der KoKi, deren Hauptaufgabe auch in der interdisziplinären Vernetzung liegt und den Zie- len des Projekts „Frühe Förderung für gefährdete Kinder – Prävention durch Frühförderung“. Für die Umsetzung des letztgenannten Projekts wurden im Koalitionsvertrag der Bundesregierung im November 2005 für die darauf- folgenden fünf Jahre 10 Mio. Euro6 zur Verfügung gestellt. Das Projekt hat als Zielsetzung,

- den Kinderschutz durch Aufbau von Frühwarnsystemen und frühen Hilfen zu verbessern,
- gesundheitsbezogene Leistungen und Jugendhilfeleistungen zu ver- zahnen,
- den Schutzauftrag des Staates deutlicher zu gewichten und
- die Erziehungsverantwortung zu stärken.

Zu diesem Zweck wurde beschlossen, Modellprojekte zum Ausbau Früher Hilfen7 zu initiieren, zu fördern, wissenschaftlich zu begleiten und zu evalu- ieren (Koalitionsvertrag, 2005, 48).

Die Jugendministerkonferenz begrüßte diesen Schritt ausdrücklich und for- derte zusätzlich in ihrem Beschluss „Familien stärken – Kinder schützen“ vom 18./19.05.06 die Bundesministerin dazu auf, das Bundesmodellpro- gramm, mit der Zielvorgabe der Stärkung einzelner Projekte und einer Eva- luation, nach gemeinsamen Erfolgskriterien auszustatten. Als Endprodukt sollen übertragbare Modelle und umsetzbare Arbeitshilfen entstehen, die effektiv zur Förderung der Erziehungsfähigkeit beitragen können (Jugend- ministerkonferenz, 2006, 3).

Aktionsprogramm „Frühe Hilfen für Eltern und Kinder und soziale Frühwarnsysteme“

Am 16. August 2006 hat das Bundesfamilienministerium für Familie, Senio- ren, Frauen und Jugend das Aktionsprogramm „Frühe Hilfen für Eltern und Kinder und soziale Frühwarnsysteme“ auf den Weg gebracht, in dem u.a. folgende Ziele für die Anforderungen an ein soziales Frühwarnsystem ent- halten sind:

1. Einen systematischen und umfassenden Zugang zur Zielgruppe zu finden.
2. Risikofaktoren möglichst frühzeitig zu erkennen.
3. Familien zu motivieren, Hilfe in Anspruch zu nehmen und aktiv im Hilfegeschehen mitzuwirken.
4. Bedarfsgerechte, auf die Familie zugeschnittene Hilfen zu entwi- ckeln.
5. Monitoring und bei Bedarf auch Modifizierung des Hilfeprozesses.
6. Implementierung der Modellkriterien in das Regelsystem durch die Entwicklung geeigneter Kooperations- und Finanzierungsmodelle (BMFSFJ, 2006c, 1).

Um einen Überblick über die derzeitigen Qualitätsstandards von Projekten im Bereich Frühe Hilfen zu erlangen, beauftragte das Bundesfamilienminis- Frühe Hilfen sind zwischen der frühen Förderung und dem Kinderschutz angesiedelt und beabsichtigen, Eltern „zu einer gelingenden Versorgung und Förderung ihrer Kinder zu befähigen ..., sollen aber auf der anderen Seite auch negative Entwicklungen frühzeitig erkennen und nach Möglichkeit verhindern.“ (Thyen, 2009, 31). terium, in Absprache mit den Ländern und kommunalen Spitzenverbänden, das Deutsche Jugendinstitut, eine Kurzevaluation durchzuführen.

In der Zeit vom 01.08.2006 bis 31.12.2006 wurden verschiedene Methoden und Arbeitsansätze einzelner Projekte in Hinblick auf die vorgegebenen Ziele miteinander verglichen und evaluiert. Insbesondere wurde erörtert, welche Stärken und Schwächen sie aufweisen und welche Lücken im Sys- tem der Frühen Hilfen vorhanden sind (Helming, 2006, 10).

Als zentrales Resultat wurden die sechs Zielsetzungen für die Anforderun- gen an Frühe Hilfe durch eine Siebte ergänzt: Diese bezieht sich auf die Vernetzung und verbindliche Kooperation der Akteure (Renner, 2008, 13). Ausschlaggebend für diese Ergänzung waren die Empfehlungen des Pro- jektteams des Deutschen Jugendinstituts. Ergebnisse ihrer Untersuchung zeigten, dass zum einen kein Projekt für sich genommen in der Lage war, alle Zielvorgaben des Aktionsprogramms abzudecken und zum anderen teilweise erfolgsversprechende Projekte an mangelnder Kooperationsbereit- schaft vor Ort scheiterten. In der zentralen Schlussfolgerung der Evaluation wurde betont, dass für die Gewährleistung einer adäquaten Versorgung unterstützungsbedürftiger Familien und die Verbesserung des Kinderschut- zes ein umfassendes und differenziertes Netzwerk eine unabdingbare Vo- raussetzung darstellt (Helming, 2006, 79).

Das Nationale Zentrum Frühe Hilfen (NZFH)

Schon im Koalitionsvertrag der Bundesregierung vom 18.11.05 wurde dem Kinderschutz und Frühen Hilfen eine besondere Bedeutung eingeräumt. Es wurde festgehalten, dass „mit dem Nationalen Zentrum Frühe Hilfen ... der Aus- und Aufbau Früher Hilfen und die Initiativen für einen aktiven Kinder- schutz in Deutschland intensiviert werden [sollen].“ (Koalitionsvertrag, 2005, 69). Im Rahmen des Aktionsprogramms wurde dann das NZFH, das im April 2007 seine Arbeit aufnahm, eingerichtet. Als Träger fungieren die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und das Deutsche Jugendin- stitut. Die drei Hauptaufgaben umfassen

1. den Aufbau einer Wissensplattform zur Bündelung, Aufbereitung und zum Austausch von Informationen, Erfahrungen und Erkennt- nissen aus den Modellprojekten,
2. das zur Verfügung stellen nutzbringender Informationen zum flä- chendeckenden Aufbau von bedarfsgerechten Frühwarnsystemen in Kooperation mit der Kinder- und Jugendhilfe und dem Gesund- heitswesen und
3. die Öffentlichkeitsarbeit zum einen zur Aufklärung über die hohe Relevanz der ersten drei Lebensjahre für die weitere Entwicklung eines Kindes und zum anderen zur Senkung der Hemmschwelle bei der Inanspruchnahme von Unterstützungsmöglichkeiten (BMFSFJ, 2009a, 1).

Des Weiteren war das NZFH mit der Auswahl der Modellprojekte betraut. Hierbei wurden die Erkenntnisse aus der Kurzevaluation des Deutschen Jugendinstituts miteinbezogen. Die Projekte wurden dann auf der Home- page des NZFH vorgestellt und in Printmaterialien veröffentlicht. Zudem wird zwischen den Projektbeteiligten durch eine interne Plattform und re- gelmäßige Treffen ein Erfahrungsaustausch ermöglicht. Es nehmen alle 16 Bundesländer an den Projekten teil. Insgesamt wurden 10 Modellprojekte ausgewählt, die wissenschaftlich begleitet und evaluiert werden. Deshalb wurde im November 2007 vom Bundesfamilienministerium ein wissen- schaftlicher Beirat berufen, der inzwischen aus 21 renommierten Mitglie- dern besteht (Renner, 2008, 14 ff.).

Guter Start ins Kinderleben

„Guter Start ins Kinderleben“ war das erste durch das NZFH geförderte Modellprojekt8 (Leyen, 2006, 1). Die Förderung begann im November 2006 mit einer Pilotphase von sechs Monaten (BMFSFJ, 2006b, 1) und endete im April 2010. Das Gemeinschaftsprojekt der Länder Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Bayern und Thüringen wurde durch die Universität Ulm von Prof. Dr. Jörg M. Fegert und PD Dr. Ute Ziegenhain wissenschaftlich begleitet. Jedes der vier Bundesländer beteiligte sich mit zwei Standorten am Projekt. In Bayern waren dies Erlangen und Traunstein.

Die Erfahrungen des Modellprojekts wurden im „Werkbuch Vernetzung“ im April 2010 veröffentlicht. Es soll interessierten Kommunen beim Aufbau und der Pflege von Netzwerken rund um den Bereich des Kinderschutzes behilflich sein und liefert dazu sehr viel praktisches Anschauungsmaterial. Im Rahmen des Projekts sollten elterliche Beziehungs- und Erziehungs- kompetenzen möglichst früh gefördert werden, um so Vernachlässigung und Kindeswohlgefährdung vorzubeugen. Zu diesem Zweck wurde eine be- darfsgerechte durchgängige Bereitstellung von Hilfeangeboten für die frühe Kindheit angestrebt. Zur Effektivitätssteigerung der Maßnahmen wurden interdisziplinäre Kooperationsformen in Form von Netzwerken entwickelt und getestet (Ziegenhain u.a., 2010, 59). Gesteigerten Wert wurde auf die Einbeziehung bereits vorhandener Regelstrukturen gelegt. Der Schwerpunkt der Vernetzung lag hierbei auf dem Aufbau eines Netzwerks zwischen der Kinder- und Jugendhilfe und dem Gesundheitswesen (Ziegenhain/Fegert, 2009a, 75).

Als zentrales Instrument der Vernetzung wurden an den jeweiligen Modell- standorten Runde Tische etabliert, an denen möglichst alle Professionen, die Berührungspunkte mit dem Thema Kinderschutz haben, teilnehmen sollten. Die einzelnen Vertreter der jeweiligen Berufsgruppen fungierten als Multi- plikatoren, indem sie einerseits Informationen und Erkenntnisse der Runden Tische in ihre Profession zurückreflektierten und andererseits Fachwissen aber auch Anliegen aus den einzelnen Berufsgruppen mit einbrachten (Zie- genhain u.a., 2010, 63). Zielsetzung dieser gemeinsamen Treffen war die Erschaffung einer gemeinsamen Kommunikationsplattform, die Zuständig- keitsklärung sowie die Etablierung von verbindlichen Verfahrenswegen in den Kommunen. Um den interdisziplinären Vernetzungsanforderungen ge- recht zu werden, ist die Erstellung einer Analyse über die Grundlagen der Zusammenarbeit aus sozial- und datenschutzrechtlicher Sicht sowie die Entwicklung professionsübergreifender fachlicher Standards von zentraler Bedeutung (Ziegenhain/Fegert, 2009a, 76). Zu diesem Zweck wurden im Rahmen des Projekts zwei Expertisen verfasst:

Die Expertise des Deutschen Instituts für Jugendhilfe und Familienrecht vom 26.07.07 „Kooperation für einen guten Start ins Kinderleben – der rechtliche Rahmen“ analysiert den sozial- und datenschutzrechtlichen Rah- men9 bei der Vernetzung von Kinder- und Jugendhilfe mit dem Gesund- heitswesen (Meysen, Ohlemann, 2007; Meysen/Schönecker, 2009). Ein be- sonderes Augenmerk wird auf die Schnittstelle zwischen dem Gesundheits- wesen (SGB V) und dem Kinder- und Jugendhilferecht (SGB VIII) gesetzt, da es in diesem Bereich noch an systematischer Kooperation mit klaren Ab- sprachen und Regelungen von Zuständigkeiten sowie verbindlichen Verfah- renswegen mangelt (Ziegenhain/Fegert, 2009b, 16).

Eine weitere Expertise, „Wie könnte ein Risikoinventar für Frühe Hilfen aussehen“, befasste sich mit Formen der Risikoerfassung. Um unterstüt- zungsbedürftige Eltern zu erkennen ist es hilfreich, sich die Risikofaktoren von Eltern in Bezug auf die Vernachlässigung kindlicher Bedürfnisse anzu- schauen. Um diese Risikofaktoren empirisch belegen zu können, wurden 15 Längsschnittstudien zugrunde gelegt, die zuvor Indikatoren für eine frühe Vernachlässigung und Misshandlung ermitteltet hatten. Für die weiteren Auswertungen wurden dann nur diejenigen Risikofaktoren verwendet, die in wenigstens zwei Längsschnittstudien die Vorhersagefaktoren erfüllt hatten. Insgesamt waren dies 22 Risikoindikatoren aus unterschiedlichen Berei- chen. Die nachstehende Tabelle stellt die Risikofaktoren in der jeweiligen Kategorie dar10 (Kindler, 2009, 206).

Risikoindikatoren für eine frühe Vernachlässigung und Misshandlung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten11

(In Anlehnung an Kindler, 2009, 206 f.)

Eine andere Herangehensweise zum Erkennen von risikobehafteten Eltern besteht darin, den Fokus auf die Gedanken und Gefühle hinsichtlich der Fürsorge und Erziehung zu setzen. Hierzu wurden Merkmale12 aus über 25 Vergleichsstudien zusammengetragen, wobei festzustellen ist, dass nicht jedes Merkmal auf alle Elternteile zutrifft. Jedoch zeigen betroffene Eltern- Schone richtet seinen Fokus bei der Erforschung der Ursachen von Kindes- wohlgefährdung, neben den Beziehungsstörungen, auch auf gesellschaftli- che Faktoren und die psychische Belastbarkeit der Elternteile. Auch er sieht Familien dann als Risikofamilien, wenn mehrere der Faktoren aufeinander treffen. Merkmale können

- psychische Krise durch anhaltende belastende Konflikte zwischen den Elternteilen,
- wirtschaftliche Krise, wie z.B. Schulden oder Arbeitslosigkeit,
- soziale Isolierung,
- unzureichende Wohnverhältnisse,
- gehäufte Aggressionen im Umfeld der Familie oder
- problembelastete Lebensgeschichte der Eltern sein (Schone, 2008, 54).

Im Rahmen des Modellprojekts „Guter Start ins Kinderleben“ wurde als Qualifizierungsmaßnahme ein Workshop zum Kinderschutz angeboten, der sich an Fachkräfte richtete, die im Rahmen ihrer Tätigkeit schon sehr früh Kontakt auch zu potentiell hochbelasteten Familien und ihren Säuglingen haben. Inhalte waren

- die Sensibilisierung hinsichtlich dem Erkennen von Anzeichen der (drohenden) Kindeswohlgefährdung,
- die Aufklärung über datenschutzrechtliche Aspekte,
- die Schulung in der ressourcenorientierten Gesprächsführung und
- das Aufzeigen von konkreten Wegen der Weitervermittlung betrof- fener Eltern (Ziegenhain u.a., 2010, 65).

Darüber hinaus wurden Fachkräfte in einer berufsbegleitenden Weiterbil- dung zur Entwicklungspsychologischen Beratung mit fundiertem Wissen, das in ihrem beruflichen Kontext mit Säuglingen und Kleinkindern Anwen- dung finden kann, ausgestattet (Ziegenhain, 2008b, 165). Der Beratungsan- satz, der auf Erkenntnissen der interdisziplinären Säuglingsforschung und entwicklungspsychologischen Bindungsforschung aufbaut, kann sehr flexi- bel in diversen Praxisfeldern eingesetzt und mit bestehenden Angeboten der Kinder- und Jugendhilfe vereinbart werden (Ziegenhain u.a., 2006, 11).

[...]


1 Reinhold Stutz äußert Bedenken hinsichtlich der Verwendung des Wortes „Kinderschutz“, da dieser Begriff auch nach sehr intensiver Aufklärungsarbeit immer noch negativ behaftet sei und oftmals mit einer Inobhut- oder Wegnahme von Kindern durch das Jugendamt in Verbindung gebracht werde. Anstelle von „Kinderschutz“ schlägt er den Begriff „Netzwerk frühe Kindheit“ vor. Er weist darauf hin, dass „neuerdings einige Psychologen bereits Bedenken gegen den Begriff ,Kinderschutz’ [haben], weil damit zuviel Nähe zum vermeint- lich eingriffsorientierten Jugendamt hergestellt ... werden könnte.“ (Stutz, 2009, 3).

2 Das Modellprojekt wird in Punkt 2.1. erläutert.

3 Paul und Backes vergegenwärtigen eine kritische Betrachtung des Begriffs „Frühwarnsys- teme“, der dem Bereich der Katastrophenwarnungen entstammt. Sie stellen anheim zu überdenken, ob im Rahmen der Arbeit mit belasteten Familien der Begriff „Netzwerk Frü- her Hilfen“ angemessener sei (Paul/Backes, 2009, 145).

4 Die UN-KRK ist ein internationales Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte der Kinder, das am 02.09.1990 in Kraft getreten ist.

5 Am 26. Januar 1990 wurde die UN-KRK von Deutschland unterzeichnet und durch Ge- setz vom 17.02.1992 im BGBl. II S. 121 veröffentlicht. Am 05.04.1992 ist das Überein- kommen über die Rechte des Kindes für Deutschland in Kraft getreten.

6 Inzwischen ist der Betrag auf 11 Millionen Euro erhöht worden (BMFSFJ, 2009a, 1).

7 Frühe Hilfen bilden „lokale und regionale Unterstützungssysteme mit koordinierten aufei- nander bezogenen und sich ergänzenden Hilfsangeboten für Eltern und Kinder ab Beginn der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren, schwerpunktmäßig in den ersten drei Lebensjahren.“ (Ziegenhain u.a., 2010, 240).

8 Das Projekt „Pro Kind“ begann bereits vor der Einrichtung des NZFH und wird deshalb nicht über das NZFH sondern direkt durch das BMFSFJ gefördert (Renner, 2008, 14 f.).

9 Ausführliche Informationen zu datenschutzrechtlichen Bestimmungen liefern die Experti- se „Kooperation für einen guten Start ins Kinderleben – der rechtliche Rahmen“ (Meysen, Ohlemann, 2007; Meysen/Schönecker, 2009) und das Werk „Frühe Hilfen und Datenschutz (Münder/Smessaert, 2009).

10 In Ermangelung an empirischen Studien aus Deutschland wurden 13 der 15 Längs- schnittstudien in Amerika durchgeführt. Dies gilt es, im Hinblick auf die Aussagekraft der Resultate, zu beachten. Die Liste ist daher keineswegs vollständig, sondern soll nur als Anhaltspunkt dienen (Kindler, 2009, 208).

11 Der Indikator „Medicaid“ wurde nicht weiter verwendet, da es sich hierbei um ein Finan- zierungsprogramm von medizinischen Behandlungskosten für unversicherte Amerikaner handelt und daher auf europäische Pflichtversicherungssysteme nicht zu übertragen ist (Kindler, 2009, 207).

12 Merkmale bei Elternteilen, die das Kindeswohl gefährdet haben: - altersunangemessene Erwartungen bezüglich der Fähigkeiten des Kindes
- eingeschränktes Einfühlungsvermögen in die Bedürfnisse des Kindes
- sehr hohe Belastungswahrnehmung durch das Kind
- überdurchschnittlich ausgeprägte Gefühle der Hilflosigkeit in der Erziehung
- Kontrollverlust durch das Verhalten des Kindes; Hang zu harschen Bestrafungsformen
- Unterschätzung negativer Auswirkungen kindeswohlgefährdender Verhaltensweisen
- eingeschränkte Fähigkeit oder Bereitschaft, eigene Bedürfnisse zugunsten kindlicher Bedürfnisse zurückzustellen (Reinhold/Kindler, 2007, 3f).
teile durchgängig an einen oder mehreren Punkten Übereinstimmung (Rein- hold/Kindler, 2007, 3f).

Details

Seiten
52
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640774210
ISBN (Buch)
9783640774371
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162697
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,0
Schlagworte
KOKI Kinderschutz Koordinierende Kinderschutzstelle Frühe Hilfen Netzwerk frühe Kindheit Guter Start ins Kinderleben Netzwerkarbeit präventiver Kinderschutz

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