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Quelleninterpretation über das dritte Kapitel des fünften Buches der „Zehn Bücher Geschichten“ von Gregor von Tours

Seminararbeit 2006 12 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gregor von Tours

3. Der Quellenwert der „Zehn Bücher Geschichten“

4. Quelleninterpretation über das dritte Kapitel des fünften Buches

5. Schluss

6. Quellenverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Hausarbeit ist im Rahmen des Proseminars „Hörige und Sklaven im Frühmittelalter“ entstanden. Zu diesem Thema soll eine Quelleninterpretation erfolgen, in der das dritte Kapitel des fünften Buches der „Zehn Bücher Geschichten“ von Gregor von Tours, „Bellum contra Chilpericum, et de malitia Rauchingi“, genauer untersucht werden soll.

Gregor von Tours, einer der bedeutendsten Geschichtsschreiber des frühen Mittelalters, bietet der Forschung mit seinem historiografischen Hauptwerk „Zehn Bücher Geschichten“ eine umfang- und detailreiche Chronologie. Sein Werk umfasst den Zeitraum von den biblischen Ursprüngen der Menschheit in der Schöpfungsgeschichte bis zur Geschichte des gallischen Raumes im sechsten nachchristlichen Jahrhundert. Dementsprechend vielschichtig offenbart sich auch der Themenkomplex seiner Historiografie. Als Bischof von Tours und Geschichtsmaler seiner Zeit skizziert er in einfachem Stil verschiedene große und kleine Ereignisse, neben der politischen Geschichte Galliens auch u. a. Schicksale einzelner Menschen in ihrem täglichen Zusammenleben.

Gregor hat das Werk, das in umgangsprachlichem Latein verfasst ist, 573, im Jahr seiner Bischofsweihe, begonnen und kurz vor seinem Tod 593/594 beendet[1]. Entnahm Gregor seine Informationen zu Beginn seiner Reihe noch aus verschiedenen schriftlichen Quellen, so verwendete er im weiteren Verlauf immer häufiger mündliche Berichte und Überlieferungen für seine Bücher[2]. Ein konsequenter Forschungsstreit über die Zuverlässigkeit seiner Quellen ist somit nachvollziehbar.

Bei der vorzunehmenden Quelleninterpretation wird zu fragen sein, welche allgemeinen Informationen die Quelle bietet und was genau Gregor in ihr schildert. Welche Aussagen lassen sich über das Leben der Unfreien, die Beziehung zwischen Unfreien und Freien, über das Zusammen- und Entgegenwirken von weltlicher und geistlicher Herrschaft treffen? Um diese Fragen genauer erörtern zu können, soll zunächst Gregors Leben umrissen werden, um auch seine möglichen Motivationen und Tendenzen in dieser Quelle zu erkennen und abzuwägen und nicht zuletzt auch die Frage der Glaubwürdigkeit seiner Quellen beurteilen zu können.

2. Gregor von Tours

Georgius Florentius Gregorius, nach seinem Großvater, Vater und Urgroßvater benannt, wurde am 30. November 538 oder 539 in der Civitas Clermont (heute Clermont-Ferrand) geboren. Er gehörte dem Senatorenadel an, der in der Spätantike bedeutenden Einfluss in Reichs- und Kirchenführung erlangt hatte. So waren sein Vater Florentius und sein Großvater Georgius Senatoren in der Auvergne gewesen, sein Onkel Gallus war von 525 bis 551 Bischof von Clermont und sein Großonkel Nicetius von 552 bis 573 Bischof von Lyon. Schon sein Stammbaum prognostizierte Gregor also eine führende Position in Kirche oder Staat[3].

Nach dem frühen Tod seines Vaters wurde er zunächst in Clermont von dem Archediakon Avitus in die kirchliche Literatur eingeführt und später von seinem Onkel, Bischof Gallus von Clermont, weiter erzogen. An dessen Krankenbett legte Gregor das Gelübde ab, Geistlicher zu werden. Nach 552 setzte er seine Ausbildung als Diakon bei seinem Großonkel, Bischof Nicetius von Lyon, fort. Im Jahr 573 wurde er von Bischof Ägidius von Reims zum Bischof von Tours geweiht. Gregor von Tours ist wahrscheinlich am 17. November 594 gestorben[4].

In einer Zeit der Verschmelzung von Germanen und Romanen und während der Ausbreitung des Christentums, trug Gregor als Bischof von Tours große Verantwortung für die Unterschichten der Bevölkerung. Er hatte sowohl für die Bürger in der Stadt als auch für die Unfreien auf dem Land zu sorgen, denn „die geistlichen Hirten waren die berufenen Fürsprecher ihrer Herde“[5].

Gregors Denken und Handeln waren von verschiedenen Polen geleitet. Er widmete sein Leben als Christ mit voller Inbrunst der Kirche und christlichen Lehre und hatte daher eine wundergläubige und kirchliche Anschauungs- und Denkweise sowie eine sehr providentielle Geschichtsansicht. Zwischen Schöpfung und Jüngstem Gericht sah Gregor die Menschheitsgeschichte eingerahmt. Diese kirchliche Leidenschaft wird auch in seinem häufig offenen Hass auf Kirchenfeinde deutlich. Ferner fühlte er sich in stolzem Gedenken an seine Vorfahren ganz der gallorömischen Adelsschicht, dem senatorischen Aristokratentum, angehörig. Dieses Bewusstsein entfaltete sich in einem intensiven Heimatgefühl zu Gallien, und seine Erzählungen beschränken sich aus diesem Grund territorial hauptsächlich auf dieses eine Land, ohne dass sie genauere volks- oder stammesgeschichtliche Informationen enthalten. Schließlich band ihn eine innere politische Zugehörigkeit an das Fränkische Reich, durch dessen Organisation und Struktur ihm und seiner Adelsschicht großer Machteinfluss eingeräumt wurde[6]. Aus diesen Faktoren erklärt sich auch sein idealisiertes Sozialmodell, nämlich „eine von christlichen Königen, Heiligen und Bischöfen geleitete, ebenso spirituelle wie institutionalisierte Gesellschaft“[7].

Neben den „Decem Libri Historiarum“ verfasste Gregor gemäß seiner christlichen Überzeugung sein hagiografisches Hauptwerk „Libri Miraculorum“, das Wundergeschichten und Heiligenviten umfasst[8].

3. Der Quellenwert der „Zehn Bücher Geschichten“

Welche Quellen standen Gregor zur Verfügung? Inwieweit beeinflusste er seine Zusammenstellungen durch eigene Gedanken und Motive? Verlieren seine Erzählungen durch mögliche Beeinflussungen an Glaubwürdigkeit? Diese Fragen sollen im Verlauf dieses Kapitels genauer beantwortet werden.

Zu Beginn seines Werkes, das zweifellos zur Gattung der erzählenden Quellen gehört, beruft sich Gregor hauptsächlich auf die Chronik des Hieronymus und auf die Kirchengeschichte des Eusebius. Er ergänzt zusätzlich aus dem Geschichtswerk des Orosius und integriert zahlreiche Einflüsse aus der Bibel[9]. Des Weiteren stützt er sich neben Briefen und Werken u. a. der Bischöfe Eugenius von Karthago, Sidonius Apollinaris von Clermont, Avitus von Vienne und Remigius von Reims auf Heiligenviten u. a. von Martin von Tours und die Geschichtswerke des Sulpicius Alexander und des Renatus Profuturus Frigiredus[10]. Einen Großteil seiner Informationen entnimmt er fränkischer Volksüberlieferung und mündlichen Zeitzeugenberichten[11]. Ab dem fünften Buch schreibt Gregor als miterlebender Autor, doch auch für die Zeit nach 573 lässt er sich Ereignisse, deren Zeuge er nicht war, von Beteiligten berichten und schriftliche Quellen mehr und mehr vermissen. Die Erzähler dieser Berichte gibt Gregor selten an. Somit eröffnet sich besonders für diese Epoche die Streitfrage der zeitlichen und inhaltlichen Zuverlässigkeit seiner Aufzeichnungen. Allein die Glaubwürdigkeit, die wir seinen Geschichten zugestehen, bestimmt nach Buchner auch den Wert dieser Quellen[12].

[...]


[1] Vgl. Buchner, Rudolf (Hg.). Einl.: Gregor von Tours. Zehn Bücher Geschichten. Band I-II. Auf Grund der Übersetzung W. Giesebrechts neubearbeitet von Rudolf Buchner, Darmstadt 1955/1956, S. 20 ff.

[2] Vgl. Anton, Hans Hubert. Gregor von Tours, in: LMA 4 (1989), S. 1679-1681, hier: S. 1680.

[3] Vgl. Buchner, Rudolf. Gregor von Tours, S. 8 ff.

[4] Vgl. Ebd., S. 10 ff.

[5] Ebd., S. 12.

[6] Vgl. Buchner, Rudolf. Gregor von Tours, S. 15 ff.

[7] Heinzelmann, Martin, Gregor von Tours (538-594). ‚Zehn Bücher Geschichte’ Historiographie und Gesellschaftskonzept im 6. Jahrhundert, Darmstadt 1994, S. 80.

[8] Vgl. Lutterbach, Hubertus. Gregor von Tours, in: LThK 4 (1995), S. 1026-1027, hier: S. 1027.

[9] Vgl. Buchner, Rudolf. Gregor von Tours, S. 25 ff.

[10] Vgl. Ebd., S. 26 ff.

[11] Vgl. Anton, Hans Hubert, Gregor von Tours, S. 1679 ff.

[12] Vgl. Buchner, Rudolf. Gregor von Tours, S. 25.

Details

Seiten
12
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640763634
ISBN (Buch)
9783640764976
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162692
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen – Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Gregor von Tours Kirchenrecht Unterschichten Grundherrschaft Kirche Mittelalter Feudalherrschaft Frühmittelalter Bauern Streit Unfreie

Autor

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