Lade Inhalt...

Rollenverteilung und Machtgefüge in der bürgerlichen Familie um 1900

Hausarbeit 2009 8 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Rollenverteilung und Machtgefüge der bürgerlichen[1] Familie

im Wilhelminischen Kaiserreich

Eine Beschäftigung mit dem System der Wilhelminischen Gesellschaft impliziert automatisch auch eine Untersuchung des Systems der bürgerlichen Familie, denn jene galt und gilt als kleines Abbild der Gesellschaft. Als Teil des gesellschaftlichen Zusammenhangs war und ist sie abhängig von den die gesamte Gesellschaft prägenden Zwängen und Strukturprinzipien. Diese wirkten im 19. Jahrhundert nicht direkt, sondern mittelbar als gesellschaftliche Normen und Leitbilder in die Familie hinein.

Die als Produktionsstätte seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wirtschaftlich an Bedeutung verlierende Familie, wurde zunehmend emotionalisiert, es konstituierte sich ein verstärktes Interesse am innerfamiliären und privat- menschlichen Bereich, welches wiederum ihre ideelle und moralische Bedeutung steigen ließ.[2]

Der (männliche) Bürger betrachtete sie als Erholungs- und Freizeitraum, als Gegenpol zum täglichen Arbeits- und Existenzkampf.[3]

„Die Familie wurde als Ort gesehen, wo […] die seelische Mütterlichkeit, noch am ehesten verwirklicht wurde oder zumindest werden könnte; als eine Insel, die als einzige dem Ansturm der Industrialisierung standgehalten hatte, und es galt als besondere Aufgabe der Frau, sie zu schützen gegen ‚die seelenlosen Gewalten der technischen Entwicklung‘, gegen die ‚schauerlich unpersönliche Wirtschaft‘ da draußen.“[4] Während Heim und Familie von den Männern als Ruhepunkt des Daseins empfunden wurden, war das Leben außerhalb des Hauses ihr Kampfgebiet, in dem sie sich stets zu bewähren hatten.[5] Das Organisationsprinzip der neuen Kleinfamilie, welche die Existenz der einzelnen Familienmitglieder sicherte, lässt sich besonders deutlich an einer Passage aus Friedrich Schillers (1759- 1805) „Lied von der Glocke“ (1799) (freilich in vereinfachter Form) exemplifizieren:

„ […] Der Mann muss hinaus Ins feindliche Leben, Muss wirken und streben Und pflanzen und schaffen, Erlisten, erraffen, Muss wetten und wagen, Das Glück zu erjagen. […] Und drinnen waltet
Die züchtige Hausfrau, Die Mutter der Kinder, Und herrschet weise Im häuslichen Kreise, Und lehret die Mädchen Und wehret den Knaben […]“[6]

Geradezu programmatisch wurde hier bereits 1799 die patriarchalisch geprägte Organisationsstruktur der bürgerlichen Familie und ihre Geschlechterrollenverteilung innerhalb der Ehe thematisiert. So begriff sich der Hausvater im Wesentlichen als Familienoberhaupt, der die familiäre Harmonie um jeden Preis sichern wollte. Dort, wo er in Erscheinung trat, genoss er absolute Autorität, was bedeutete, dass sich vor allem die weiblichen Familienmitglieder seiner Entscheidungsgewalt[7] unterzuordnen zu hatten. Die väterliche Entscheidungs- und somit auch Erziehungsgewalt über die Kinder war durchaus legitim, lag ihr doch die rechtliche Grundlage des Preußischen Allgemeinen Landrechts und des Code Napoleon zugrunde.[8] Die Vormundschaft äußerte sich vornehmlich in Erziehungsfragen (z.B. im Züchtigungsrecht[9] oder in der Gehorsams- und Ehrfurchtspflicht der Kinder[10] ), gestattete dem Vater jedoch beispielsweise auch, das Kind ohne Zustimmung der Mutter zur Adoption freizugeben.[11] Ähnlich einem Landesvater, der sein restauratives Status-quo-Idyll nur durch Maßnahmen wie der Entmündigung seiner Untertanen gewährleisten konnte, war die Sicherung der häuslichen Eintracht nur mittels einschneidende Restriktionen wie beispielsweise der längst möglichen Unmündigkeit von Frau und Kindern möglich.[12] Ein Zitat der Schriftstellerin Fanny Lewald verdeutlicht dies: „Überhaupt fand ich mich bald vor lauter Repressivregeln umgeben, denn mein Fortschreiten war den Eltern zu schnell, und ich sollte durchaus noch ein Kind bleiben […]“[13], so Lewald in ihren Kindheitserinnerungen. Eine derartige künstlich herbeigeführte Verlängerung der Kindheit gehörte zu den Hauptmaximen des pater familias, dessen Vaterfunktion nur solange motiviert war, wie seine Kinder unmündig waren. Jede Verselbständigung bedeutet unweigerlich die Entbehrlichkeit der väterlichen Führungsposition und damit eine verstärkte Demokratisierung innerhalb der Familie.[14] Das Leben aller Familienmitglieder unterlag einer rationalen, durch ihre Existenzerfordernisse bedingten Ordnung, die sich durch ein bestimmtes sittliches Wertesystem ausdrückte. Dieses sittliche Wertesystem ließ sich in zwei Bereiche disponieren: Auf der einen Seite in die Werte der bürgerlichen Moral, die den Einzelnen an die existenzwichtigen Interessen wie beispielsweise die ökonomische Sicherheit der Familie banden und für jedes Familienmitglied galten. Auf der anderen Seite in diejenigen Tugenden, die sich aus der Stellung der Familienmitglieder zueinander und aus ihrer besonderen Funktion im häuslichen Gefüge ableiteten. Dementsprechend ergaben sich für jedes Familienmitglied andere Pflichten, die jedoch alle auf das Gleiche fokussierten: Die Unterordnung des Einzelnen unter die gesamt familialen Interessen.[15] Besonders Mädchen und Frauen mussten sich innerhalb der Familie strengen Rollenzwängen unterwerfen. Folgendes Zitat exemplifiziert dies:

[...]


[1] Wenn ich im Folgenden von der bürgerlichen Familie spreche, schließe ich auch die Familien des niederen Adels mit ein, denn „[d]er Adel kapitalisierte sich, und die Bourgeoisie feudalisierte sich. Der Adel, dessen Macht und Einfluß ungebrochen war, brauchte Geld und hatte zu wenig, um der Tradition, seinem Titel und Rang wie den kostspieligen Kodex der Etikette genügen zu können; die Bourgeoisie, die sich ökonomisch hat durchsetzen können, hatte zwar Geld, aber es fehlte ihr das inbrünstig ersehnte soziale Prestige.“

Mende, Dirk: Frauenleben. Bemerkungen zu Fontanes „L’Adultera“ nebst Exkursen zu „Cécile“ und „Effi Briest“, in: Fontane aus heutiger Sicht. Analysen und Interpretationen seines Werks, hg. von Hugo Aust, Nymphenburger Verlagsbuchhandlung, München 1980, S. 187.

Besonders Fontane thematisierte in seinem Werken vorwiegend den Adel und nur partiell das Bürgertum, nicht weil sie die herrschenden Klassen waren, „[…] wohl aber, weil sie die Kultur- und Zivilisationsatmosphäre der zeit bestimm[t]en, weil sie- bei aller Fragwürdigkeit- Träger der konkreten geschichtlichen und kulturgeschichtlichen Kontinuität [waren; Einfügung E.Tr.].“

Brinkmann, Richard: Theodor Fontane. Über die Verbindlichkeit des Unverbindlichken, Piper Verlag, München 1967, S. 19ff.

[2] Diese Entwicklung begann bereits mit den im zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts verfassten bürgerlichen Trauer- und Lustspielen von Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), Friedrich Schiller (1759-1805) und Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769), in denen verstärkt ein Rückzug in den privaten Bereich der (empfindsamen) Familie thematisiert wurde.

(Vgl. „Miß Sara Sampson“ [1755], „Emilia Galotti“ [1772], „Kabale und Liebe“ [1784] und „Die zärtlichen Schwestern“ [1747])

[3] Frauen, die aufgrund ihrer Exterritorialisierung bzw. Ausgrenzung aus dem gesellschaftlichen Produktionsprozess zu Teilpopulationen des entstehenden Subsystems ,Familie‘ wurden, mussten sich fortan über die Pflege der Familie definieren und dies als ihren Beruf bzw. ihre Bestimmung ansehen.

Vgl. Brueckner, Peter: Zur Sozialpsychologie des Kapitalismus, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main u.a. 1972, S. 14. (Aus der Reihe: Veröffentlichungen des Psychologischen Seminars der TU Hannover).

[4] Schenk, Herrad: Die feministische Herausforderung, 150 Jahre Frauenbewegung in Deutschland, Becksche Verlagsbuchhandlung, München 1990, S. 154. (Aus der Reihe: Beck’sche Reihe, Bd. 213).

[5] Auf die dabei verwendeten Metaphern hat Eric John Hobsbawm in seiner aufschlussreichen Studie „Die Blütezeit des Kapitals“ (1977) verwiesen: „Bilder des Krieges drängten sich diesen Menschen, sobald sie von ihrem ‚Kampf ums Dasein‘ oder vom ‚Überleben des Tauglichsten‘ sprachen, mit der gleichen Selbstverständlichkeit auf die Lippen wie die Bilder des Friedens bei der Schilderung des Familienlebens: ihr Heim nannten sie einen ‚Hort der Freude‘, einen Ort, wo ‚das Herz sich seines gestillten Verlangens erfreut‘, so wie es sich draußen niemals würde freuen können, weil dort entweder das Verlangen nie so recht gestillt war, oder man andernfalls dergleichen nicht eingestehen konnte.“

Hobsbawn, Eric John: Die Blütezeit des Kapitals. Eine Kulturgeschichte der Jahre 1848- 1875, Kindler Verlag, München 1977, S. 296.

[6] Schiller, Friedrich: Das Lied von der Glocke, in: ders.: Gedichte, Dramen I (Bd. 1), erw. Neuausgabe hg. von Albert Meier u.a., Carl Hanser Verlag, München u.a. 2004, S. 432f. (Aus der Reihe: Friedrich Schiller: Sämtliche Werke in 5 Bänden).

[7] Was heute mit elterlicher Sorge umschrieben wird, war im 19. Jahrhundert die ‚elterliche‘ bzw. väterliche Gewalt‘. Der aus dem römischen Recht stammende Begriff der väterlichen Gewalt (patria potestas) beschreibt die Gewalt des pater familias u.a. über Kinder und Enkel. Im Zuge der Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) von 1900 wurde der Begriff der ‚väterlichen Gewalt‘ sukzessiv durch ‚elterliche Gewalt‘ ersetzt.

Vgl. Rabe, Christine Susanne: Gleichwertigkeit von Mann und Frau. Die Krause-Schule und die bürgerliche Frauenbewegung im 19. Jahrhundert, Böhlau Verlag, Köln u.a. 2006, S. 151. (Aus der Reihe: Rechtsgeschichte und Geschlechterforschung, hg. von Stephan Meder u.a., Bd. 5).

[8] Vgl. II 2 § 62 PrALR und Artikel 373 Code Napoleon zitiert nach: Rabe, Christine Susanne: Gleichwertigkeit von Mann und Frau, a.a.O., S. 151 und S. 153.

[9] Vgl. II 2 §§ 86- 91 PrALR und Artikel 375 Code Napoleon, zitiert nach: Ebd., a.a.O., S. 152 und S. 154.

[10] Vgl. II 2 § 61 PrALR und Artikel 374 Code Napoleon, zitiert nach: Ebd., a.a.O, S. 152 und S. 153.

[11] Vgl. II 2 § 679 PrALR, zitiert nach: Ebd., a.a.O., S. 152.

[12] Vgl. Möhrmann, Renate: Die andere Frau. Emanzipationsansätze deutscher Schriftstellerinnen im Vorfeld der Achtundvierziger-Revolution, Metzlerische Verlagsbuchhandlung, Stuttgart, 1977, S. 120.

[13] Lewald, Fanny: Meine Lebensgeschichte: Im Vaterhause, a.a.O., S. 111.

[14] Der Verlust des väterlichen Führungsanspruchs war häufig mit dem Bewusstsein von Wertlosigkeit korreliert, an dem einige Familienväter sogar zugrundegingen. Hier wird einmal mehr die Starrheit eines familiären Systems evident, das kein Miteinander innerhalb der Familie zuließ.

[15] Es sei hier nur andeutungsweise darauf verwiesen, dass aus dem Widerspruch zwischen den neuen gesellschaftlichen und sozialen Entwicklungen und dem bis dato obligaten Wertesystem zuweilen durchaus Konfliktsituationen entstanden. So zum Beispiel, wenn Kinder - im schlimmsten Fall Töchter- unerwartet ihr Mitbestimmungsrecht einforderten und sich damit gegen das tradierte Familienmodell wendeten. Kompensiert wurde diese unerwünschte Auflehnung durch eine Verfestigung der patriarchalischen Strukturen und eine verhärtete Erziehung der Kinder, um die Internalisierung der vermittelten Erziehungsinhalte zu gewährleisten.

Vgl. Weber-Kellermann, Ingeborg: Die Familie: Geschichte, Geschichten und Bilder, 1. Auflage, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1976, S. 146ff.

Der Philosoph Max Stirner thematisierte in seinem Werk „Der Einzige und sein Eigentum“ bereits 1844 die problematische Verinnerlichung von rigiden Familien-Strukturen, aufgrund derer Vater und Mutter als drohende Schatten stets präsent blieben und dadurch möglichen Autonomiebestrebungen im Weg standen. Fällt es Menschen „[…] nicht schwer, von den Geboten der Eltern sich zu emanzipieren, […] fährt […] der aufgekündigte Gehorsam […] einem leicht ins Gewissen [und; Einfügung E.Tr.] man vergibt sich umso schwerer eine Versündigung gegen die Vorstellung, welche man von der Familienliebe und der Pietätspflicht gefaßt hat.“

Stirner, Max: Der Einzige und sein Eigentum, mit einem Nachwort hg. von Ahlrich Meyer, Nachdruck der Ausgabe von 1981, Verlag Philipp Reclam junior, Stuttgart 1991, S. 95.

Details

Seiten
8
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640763894
ISBN (Buch)
9783640870219
Dateigröße
357 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162524
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,7
Schlagworte
Rollenverteilung Machtgefüge Familie

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Rollenverteilung und Machtgefüge in der bürgerlichen Familie um 1900