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Friedrich Nietzsches Gedanke des apollinisch-dionysischen Ursprungs der griechischen Dramenkunst in seinem Frühwerk "Die Geburt der Tragödie"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 26 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Methodologische Vorüberlegung

2. Friedrich Nietzsche und „Die Geburt der Tragödie“
2.1 Der junge Nietzsche – Zum biografischen Hintergrund
2.2 Das geistesgeschichtliche Umfeld und philosophische Einflüsse
2.3 Die Entstehung der Schrift „Die Geburt der Tragödie“
2.4 Der inhaltliche Aufbau der Tragödien-Theorie

3. Der Gedanke des apollinisch-dionysischen Ursprungs der griechischen Tragödie
3.1 Das „Apollinische“
3.1.1 Der Gott Apollon im antiken Mythos
3.1.2 Die Bestimmung des „Apollinischen“ durch Nietzsche
3.2 Das „Dionysische“
3.2.1 Der Gott Dionysos im antiken Mythos
3.2.2 Die Bestimmung des „Dionysischen“ durch Nietzsche
3.3 Die apollinisch-dionysische Doppelstruktur als Ursprung der der griechischen Tragödie

4. Nietzsches Tragödientheorie – Eine abschließende Bemerkung

5. Quellenverzeichnis
5.1 Literaturverzeichnis
5.2 Abbildungsverzeichnis

1. Methodologische Vorüberlegung

Der Entwicklungsgang der griechischen Tragödie lässt sich nicht rundweg aus einer theatergeschichtlichen Betrachtung heraus erschließen, jedoch konnte auf diese Weise im Laufe der geisteswissenschaftlichen Strömungen und Nachforschungen der Ursprung dieser frühen Dramenform ergründet und in vielfacher Weise gedeutet werden.

Die drei diachronischen Parallelwege, wie sie Joachim Latacz bezeichnet, Dionysos und sein Kult, die Festgeschichte und die Baugeschichte der griechischen Antike führen zu den Wurzeln der Tragödie selbst, welche sich durch ihre eigene etymologische Wortbedeutung erklären lässt. Verweist die Analyse des Begriffes Tragödie zunächst auf deren Ursprung in der Musik, „odía“ bedeutet Gesang, so impliziert der in diesem Wort auch enthaltene Teil „trágos“, welcher Bock bedeutet, die kultische Verbindung zu dem griechischen Gott Dionysos. Außerdem kann auch im Bezug auf die früheste theatergeschichtliche Darstellung, die „Poetik“ des Aristoteles, die Entwicklungsgeschichte der Tragödie entelechisch aufgefasst werden, wobei der Anfang der Dramenkunst im Allgemeinen aus dem Stegreifgeschehen, der Improvisation selbst, gebildet wird. Den Improvisierenden innerhalb dieses Aktes nennt der Philosoph hierbei „Anstimmer“, der den sogenannten „Dithyrambos“, den Gesang, welchen man im Kultdienst des Dionysos darbot, initiiert. Die Keimzelle der Tragödie liegt demnach in einem durch den Weinrausch evozierten, von einem Einzelnen angestimmten, improvisierten Dionysoslied, das in einem erregten, nahezu ekstatischen Zustande gesungen wurde, was sich mit der Festgeschichte der griechischen Antike vereinbaren lässt.

Auf diesem bedeutungsreichen Fundament, dem Grundgedanken eines Ursprungs des Dramas, stützt sich auch die im Jahre 1872 verfasste Schrift „Die Geburt der Tragödie“ des Philosophen Friedrich Nietzsche. Hierin entwirft dieser eine Tragödientheorie der griechischen Dramenkunst und entwickelt darüber hinaus Begrifflichkeiten, welche sich noch auf die Ästhetik der Moderne wie auch auf das gesamte 20. und 21. Jahrhundert entscheidend auswirkten.

In jenem Frühwerk geht Friedrich Nietzsche von den Bildern zweier Götter aus. Zum einen von Apollon, dem reinen, heiligen, aus Delphi Kommenden und zum anderen von Dionysos, dem rauschhaften, gestaltenreichen, Fremden aus Thrakien. Über die an diese Göttergestalten gebundenen Begriffsbildungen des „Apollinischen“ und des „Dionysischen“ entwirft er seine Lehre vom Aufstieg und Verfall der griechischen Tragödie auf dem Hintergrund einer Gesamtdeutung des Griechentums.

Diese von ihm entworfene gegensätzliche Bezogenheit und notwendige Wechselseitigkeit der beiden göttlichen Sphären wird nun im Folgenden einer genaueren Analyse unterzogen werden, wobei der Frage nachgegangen werden soll, wie sich die apollinisch-dionysische Doppelstruktur als Ursprung der griechischen Tragödie offenbart.

Demnach soll in einem ersten Teilabschnitt auf den Schöpfer selbst, also auf Friedrich Nietzsche und dessen geistesgeschichtliches Umfeld eingegangen werden, sowie auch der Entstehungsprozeß der Abhandlung kurz skizziert und eine inhaltliche Beschreibung des Werkes gegeben werden, um in einem darauf folgenden Untersuchungsteil auf die Begrifflichkeiten des „Apollinischen“ und „Dionysischen“ genauer einzugehen. Dabei wird vorerst die göttliche Gestallt in ihrem mythologischen Zusammenhang beschrieben und anschließend die durch Friedrich Nietzsche geprägte Begrifflichkeit analysiert werden, so dass diese im Bezug auf deren Bedeutung zum Ursprung der griechischen Tragödie anschließend untersucht werden kann. Eine Betrachtung im Hinblick auf die Bedeutung dieser Schrift für die gegenwärtige theaterwissenschaftliche Forschung soll diese wissenschaftliche Arbeit abschließen.

Die wissenschaftliche Analyse stützt sich hierbei im Wesentlichen auf die Analyse des Primärtextes. Im Besonderen basiert diese Darstellung, bezogen auf die gesamte Betrachtung der antiken Kulturgeschichte, auf Beiträgen von Manfred Fuhrmann, Fritz Graf und Joachim Latacz und im Kontext der Gedankenwelt Friedrich Nietzsches auf den Arbeiten der Philologin Barbara von Reibnitz und des Philosophen Wiebrecht Ries zu Friedrich Nietzsches Abhandlung sowie, um einem neuzeitlichen Deutungsansatz gerecht zu werden, auf Bernd Stegemanns 2007 veröffentlichten Aufsatz „Tragödie der Kontingenz“.

2. Friedrich Nietzsche und „Die Geburt der Tragödie“

Friedrich Nietzsches gesamtes Schrifttum vermag durch seine leichte Lesbarkeit nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein inhaltliches Verständnis derselben eine textnahe Analyse sowie im Besonderen eine Auseinandersetzung mit den geisteswissenschaftlichen Strömungen des 19. Jahrhunderts, welche den jungen Philosophen geprägt haben, voraussetzt. Demzufolge soll nun auf den zeitgeschichtlichen Hintergrund der Schrift und die literarischen Einflüsse auf dieselbe eingegangen wie auch das Werk selbst einer übergreifenden Betrachtung unterzogen werden, um so zum Verständnis der später näher zu untersuchenden Aspekte des „Apollinischen“ und „Dionysischen“ beizutragen.

2.1 Der junge Nietzsche – Zum biografischen Hintergrund

Der am 15. Oktober des Jahres 1844 in der sächsischen Provinz Lützen geborene Friedrich Nietzsche verliert seinen Vater, den Pfarrer Karl Ludwig Nietzsche, bereits im Alter von vier Jahren. Diese seelische Erschütterung, welche niemals überwunden wurde, formt schon früh das vom Pessimismus geprägte Menschenbild Friedrich Nietzsches.

Nach seiner schulischen Ausbildung in Naumburg studiert er zunächst Theologie und klassische Philosophie an der Universität in Bonn, wechselt schließlich, 1865 nach Leipzig und stößt dort erstmals auf Schriften Arthur Schopenhauers, die ihn und sein Werk bedeutend prägen sollten.

Drei Jahre später trifft er im Hause eines Leipziger Professors auf Richard Wagner, der ihn zutiefst fasziniert. Seiner Berufung zum außerordentlichen Professor an der Universität in Basel folgend wird Nietzsche zum regelmäßigen Gast bei Richard Wagner und Cosima von Bülow in Tribschen, einer Landzunge im Vierwaldstätter See, in der Nähe Luzerns. In Richard Wagner, welcher auch ein Anhänger der Schopenhauerschen Philosophie war, findet Friedrich Nietzsche einen gleich Gesinnten. Die Tage bei ihm gehören zu den herrlichsten Erinnerungen des Gelehrten und so schreibt dieser noch in seinem autobiografischen Werk „Ecce Homo“, lange nach dem Bruch mit dem großen Komponisten, von den gemeinschaftlichen, inspirierenden Stunden im Landhaus Richard Wagners.

Hier, wo ich von der Erholung meines Lebens rede, habe ich ein Wort nöthig, um meine Dankbarkeit für das auszudrücken, was mich in ihm bei weitem am Tiefsten und Herzlichsten erholt hat. Dies ist ohne allen Zweifel der intimere Verkehr mit Richard Wagner gewesen. [...] ich möchte um keinen Preis die Tage von Tribschen aus meinem Leben weggeben, Tage des Vertrauens, der Heiterkeit, der sublimen Zufälle – der tiefen Augenblicke.[1]

In dieser Zeit des „intimen Verkehrs“ reift schließlich auch Nietzsches Plan einer Schrift über das Griechentum bis hin zur Konzeption von „Die Geburt der Tragödie“, welche in den darauf folgenden Jahren zwischen 1969 und 1971 entsteht.

2.2 Das geisteswissenschaftliche Umfeld

und philosophische Einflüsse

Für Friedrich Nietzsche bilden im Hinblick auf das soeben beschriebene Verhältnis zur Philosophie Arthur Schopenhauers und der Gedankenwelt Richard Wagners – diese beiden Geistesgrößen – mit dem Griechentum eine Trias, die seine Einstellung zum Leben und zur Entwicklung seiner Kunstauffassung grundlegend prägte.

Die Lektüre von Arthur Schopenhauers philosophischem Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ aus dem Jahre 1819 beeinflusste Friedrich Nietzsche wie keine andere. Er schreibt über diese in seinen Aufzeichnungen: „[...] hier sah ich einen Spiegel, in dem ich Welt und Leben und eigen Gemüth in entsetzlicher Großartigkeit erblickte. Hier sah mich das volle interesselose Sonnenauge der Kunst an [...]“[2]. War diese

philosophische Schrift ein „Spiegel“ für Friedrich Nietzsche, so mag „Die Geburt der Tragödie“ eine Sinnübertragung der Schopenhauerschen Willensmetaphysik in die Sprache der griechischen Mythologie sein. Das geistige Bild des Apollon und Dionysos wird zum Symbol der Welt als Erscheinung und des alle Erscheinungen nicht endenen Grundes der Welt, des Willens.

Schon bei Arthur Schopenhauer ist der Begriff des Willens mit der Musik verbunden, die als Abbild dessen erscheint. Jenem Ansatz schließt sich Nietzsche nun an, indem er die Musik mit dem Dionysischen verknüpft. Diese Form einer dionysischen Musik, welche den ureigenen, menschlichen Willen in sich birgt, glaubt er in den Kompositionen Richard Wagners wiederzufinden. Friedrich Nietzsche teilt dies seinem Vertrauten Erwin Rhode in einem Brief vom 22. Dezember 1871 mit: „[...] genau das meine ich mit dem Wort ‚Musik’, wenn ich das Dionysische schildere und nichts sonst!“[3].

Hatte Richard Wagner bereits im Jahre 1849, mehr als zwanzig Jahre vor Erscheinen der Schrift „Die Geburt der Tragödie“ , in Entwürfen zu seinem geplanten Aufsatz über das zukünftige Künstlertum die Worte „Geburt aus der Musik: Äschylos“[4] aufgezeichnet, so verfasst nun der jüngere Freund und Bewunderer ein diese Idee beinhaltendes Werk, welches das Bild vom Entwicklungsgang dieser frühesten Kunstform des Theaters maßgeblich prägen sollte.[5]

2.3 Die Entstehung der Schrift „Die Geburt der Tragödie“

Die Tragödienschrift Friedrich Nietzsches wurde zu großen Teilen aus früheren Arbeiten des noch jungen Professors entwickelt.

Hervorzuheben seien an dieser Stelle vor allem zwei im Januar und Februar 1870 in einem Basler Museum gehaltenen Vorträge, „Das griechische Musikdrama“ und „Socrates und die griechische Tragödie“. In ihnen ist bereits das Gesamtkonzept der Entstehungstheorie und Verfallshypothese der antiken Tragödie im Rahmen des Verhältnisses von Kunst und Kultur enthalten. Von noch entscheidenderer Bedeutung mag die im August desselben Jahres verfasste Arbeit „Die dionysische Weltanschauung“ sein. Hierin formuliert Friedrich Nietzsche schon grundlegende Gedankengänge, wie die Doppelquelle der griechischen Kunst, Apollon und Dionysos. An seinen Bekannten Erwin Rohde, dem er eine Teilabschrift zukommen lies, schreibt er hierauf: „Ich bin sehr glücklich, daß Du einen guten Eindruck von meinem ‚Socrates’ bekommen hast [...] In der That glaube ich viel aus dem Gegensatz des Dionysischen und Apollinischen ableiten zu können.“[6]

Sein Erstlingswerk „Die Geburt der Tragödie“ selbst, welche, so wird vermutet, zwischen den Jahren 1870 und 1871 niedergeschrieben wurde, erscheint darauf am 2. Januar 1872 bei Ernst Wilhelm Fritsch in Leipzig unter dem Titel „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“, welcher vierzehn Jahre später in „Die Geburt der Tragödie. Oder: Griechenthum und Pessimismus“ abgeändert wurde.

2.4 Der inhaltliche Aufbau der Tragödien-Theorie

„Die Geburt der Tragödie“ lässt sich von ihrem inhaltlichen Aufbau her in zwei große abstrakte Teile gliedern, deren erster das Wesen der griechischen Tragödie, deren Ursprung und Untergang beschreibt und in deren zweitem ein idealer Gedanke einer Wiedergeburt der Tragödie entworfen wird.

Fünfzehn Abschnitte bilden den ersten Teil dieser Tragödienschrift.

Hiervon werden in den ersten beiden die grundlegenden Kategorien des „Apollinischen“ und des „Dionysischen“ bestimmt, um diese in den folgenden sechs Kapiteln im Bezug auf deren Entstehung, Wesen und die kulturellen Bedingtheiten, welche sie mit sich bringen, zu beschreiben. In diesem Zusammenhang entfaltet Friedrich Nietzsche den Duplizitätsgedanken, aus welchem er den Ursprung des Tragischen und damit die Wurzeln der griechischen Tragödie herleitet. Den neunten Abschnitt widmet er hingegen dem Mythos und dessen Wirkkraft in den Werken des Aischylos und des Sophokles. Hieran schließt sich eine Betrachtung der Mysterienlehre, welche von Friedrich Nietzsche auf die Tragödie selbst bezogen wird. Die letzten vier Absätze beinhalten abschließend den Entwurf des Verfalls und des Untergangs der griechische Tragödie durch den Sokratismus.

[...]


[1] Nietzsche 1999, Bd.6, 288.

[2] Zitiert nach Ries 1999, 17.

[3] Zitiert nach Ries 1999, 20.

[4] Zitiert nach Ries 1999, 21.

[5] Zu weiteren literarisch einflussreichen Werken und deren Wirkkraft auf die Philosophie Friedrich Nietzsches siehe: Ries, 1999, 21ff.

[6] Zitiert nach Ries 1999, 32.

Details

Seiten
26
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640772377
ISBN (Buch)
9783640772797
Dateigröße
962 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162407
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Theaterwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Friedrich Nietzsches Gedanke Ursprungs Dramenkunst Frühwerk Geburt Tragödie

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