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Zwischen Widerstand und Zustimmung - Die Zerrissenheit der evangelischen Christen im Naziregime am Beispiel des Völkermordes an den Juden

Hausarbeit 1997 25 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Deutschen Christen
2.1 Die Anfänge
2.2 Die Godesberger Erklärung 1939 und die Folgen

3. Die Bekennende Kirche
3.1 Auseinandersetzungen um den Arierparagraphen
3.2 Hilfe für verfolgte Juden

4. Dietrich Bonhoeffer
4.1 ,,Die Kirche vor der Judenfrage"
4.2 Bonhoeffers Weg in die Konspiration

5. Zusammenfassung

6. Literatur
Primärliteratur:
Sekundärliteratur:

1. Einleitung

Die Verbrechen des Nazi-Regimes markieren einen grausamen Höhepunkt in der deutschen Geschichte. Viele waren daran beteiligt - auch und nicht gerade selten evangelische Christen. Andererseits hat der Protestantismus auch Persönlichkeiten hervorgebracht, die sich ungeachtet der Risiken, die für ihr eigenes Leben bestanden, für die Verfolgten einsetzten, sie versteckten oder ihnen die Ausreise ermöglichten. Die Besatzer gingen gleich nach dem Krieg davon aus, daß die Deutsche Evangelische Kirche (DEK) als ganzes zum deutschen Widerstand zu zählen sei. Dabei variierten die Auffassungen zwischen Zustimmung, radikaler Ablehnung und Schweigen. Die unterschiedlichen Rollen der DEK während der Nazi-Schreckensherrschaft bestimmt auch heute noch das Verhalten der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) zur Politik. Sie versucht durch die Veröffentlichung von Stellungnahmen z.B. zur Asyl- oder Sozialpolitik aus den Versäumnissen und Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Also scheint es Versäumnisse und Fehler gegeben zu haben. Um das Ausmaß der Extreme zwischen 1933 und 1945 in der evangelischen Kirche zu untersuchen, habe ich zwei Institutionen und eine Person für diese Arbeit ausgewählt. Ihr Verhalten gegenüber dem Völkermord an den Juden ist hierfür relevant.

Im ersten Teil steht die nationalkirchliche Bewegung ,,Deutsche Christen" im Mittelpunkt. Interessiert hat mich hier die Frage, ob die Deutschen Christen ,,nur" zu den Verbrechen an den Juden geschwiegen oder aber sie aktiv unterstützt haben. Der zweite Teil der Arbeit befaßt sich mit der Bekennenden Kirche (BK). Hier ist die Frage, ob die BK Widerstand gegen die Judenverfolgung geleistet oder aber sich einzig um sich selbst gekümmert hat, Ausgangspunkt der Untersuchung. Im Wesen des Protestantismus liegt es, daß in den Institutionen unterschiedliche Strömungen zu finden sind, wenn auch ein Konsens herrscht über gemeinsame Ziele und Aufgaben. Dies werde ich in der Untersuchung berücksichtigen. Im dritten Teil widme ich mich der Person Dietrich Bonhoeffers. Der Berliner Privatdozent für evangelische Theologie war zwar Mitglied der Bekennenden Kirche, hat sich aber schon früh mit für seine Zeit ungewöhnlichen Auffassungen zu den Themen Rassenideologie der Nazis und Judenverfolgung hervorgetan und von der BK isoliert. Auch sein Schritt in die Konspiration, in der er als bekennender Pazifist auch Gewalt zur Stürzung Hitlers befürwortete, hebt sich von der allgemeinen Auffassung der BK ab.

2. Die Deutschen Christen

2.1 Die Anfänge

Als 1925/26 Adolf Hitlers ,,Mein Kampf" erstmals erschien, machte der zukünftige Diktator bereits seine weltanschaulichen Ansätze und politischen Ziele - auch im bezug auf die deutschen Juden - deutlich. ,,Er forderte den ,rassisch gereinigten', antisemitischen, antiliberalen und antimarxistischen Führerstaat ..." 1 Juden sind dabei für ihn nichts weiter als ,,schwarze Völkerparasiten", wenn er schreibt:

,,Man halte sich die Verwüstung vor Augen, welche die jüdische Bastardierung jeden Tag an unserem Volke anrichtet, und man bedenke, daß diese Blutvergiftung nur nach Jahrhunderten oder überhaupt nicht mher aus unserem Volkskörper entfernt werden kann."2

Diese Ansichten - auch besonders mit der Forderung nach Antisemitismus - waren keineswegs neu. ,,Wenn Albert Speer im Rückblick feststellte, daß der Judenhaß ,damals so selbstverständlich schien, daß er mich nicht beeindruckte', so ist dies mehr als eine bloße Selbstrechtfertigung. Seine Beschreibung trifft zu einem großen Teil die gesellschaftliche Wirklichkeit."3 ,,Grundsätzlich gilt, daß die Stellungnahmen von Kirchenführern und Pfarrern nicht viel anders aussahen als die von anderen Gruppen des bürgerlich-konservativen Deutschland, ..."4

Julius Leutheuser und Siegfried Leffler - der letzte wurde später für die Thüringer DC wichtig- traten schon vor der offiziellen Gründung der Deutschen Christen (DC) mit nationalsozialistischen Ideen in Erscheinung. ,,Im Vordergrund dieser Arbeit steht die ,Befreiung des Nationalbewußtseins' und das ,Anwachsen eines Gefühls für Deutschland und Volksheit, für Echtheit im Glauben und für Sauberkeit im politischen Denken'." 5 Leutheuser und Leffler fühlen sich der ideologischen Richtung des Nationalsozialismus verbunden - ihre kirchliche Arbeit ist deshalb immer unweigerlich mit der nationalsozialistischen Weltanschauung verbunden.

Die Kirchenbewegung Deutsche Christen (KDC) veröffentlichte am 11. Dezember 1933 ihre offiziellen Richtlinien. ,,These 1 erläutert den für die Bewegung zentralen Zusammenhang von Glaubensbekenntnis und Bekenntnis zu Deutschland. Im Glauben an Jesus Christus, dessen Leidensweg als ,Weg des Kampfes' rezipiert wird, ist der deutsche Mensch durch göttliches Schöpfungswirken in die ,Bluts- und Schicksalsgemeinschaft' des deutschen Volkes hineingestellt und erhält von hier seine Bestimmung." 6 In Punkt 2 wird dem Alten Testament eine Sonderstellung zugewiesen, eine strikte Ablehnung oder gar die Notwendigkeit der Bekämpfung alttestamentlicher Aussagen wegen des Zusammenhangs mit dem Judentum wird aber noch nicht gefordert.7 In diesen Äußerungen ist zwar noch kein eindeutiger Antisemitismus, wohl aber die Ablehnung von allem Andersartigen - und dazu gehört nicht zuletzt das Judentum - und die Anlehnung an die nationalsozialistische Ideologie zu spüren. Das wird auch deutlich in der unreflektierten Übernahme der nationalsozialistischen Terminologie.

Die Glaubensbewegung ,,Deutsche Christen" hatte in ihren Richtlinien vom 6. März 1933 schon schärfere Töne angeschlagen. Sie forderte den ,,Kampf für eine wahrhaft deutsche Kirche. In ihre Gemeinschaft hinein gehören nur wahrhaft deutsche Christen. (...) Nicht aber gehört dazu der getaufte Jude..."8 In Richtlinie 7 heißt es dann:

,,Wir sehen in Rasse, Volkstum und Nation von Gott geschenkte und anvertraute Lebensordnungen, für deren Erhaltung zu sorgen uns Gottes Gesetz ist. Daher ist der Rassenmischung entgegenzutreten."9

Auch die Sonderbehandlung von Juden wird bereits indirekt gefordert, wenn es in Richtlinie 9 heiß:

,,In der Judenmission sehen wir eine schwere Gefahr für unser Volkstum. Sie ist das Eingangstor fremden Blutes in unseren Volkskörper. (...) Wir lehnen die Judenmission ab, solange die Juden das Staatsbürgerrecht besitzen und damit die Gefahr der Rassenvermischung und -bastardierung besteht. (...) Insbesondere ist die Eheschließung zwischen Deutschen und Juden zu verbieten."10

Mit dem Streit zwischen Bekennender Kirche und Deutschen Christen um die Einführung des staatlichen Arierparagraphen auch in die einzelnen Landeskirchen ab 1933 wird noch einmal klar, daß die Deutschen Christen das Judentum in erster Linie als Rasse ansahen und nicht als Konfession. Christlich getaufte, aber ,,jüdischstämmige" Pfarrer und Bedienstete der Kirche sollten in der Deutschen Evangelischen Kirche keinen Platz mehr haben. Nicht viel bessere Aussichten hatten die ,,nichtarischen" Gemeindeglieder, wenn es in allen Landeskirchen ausschließlich nach dem Willen der Deutschen Christen gegangen wäre.

Einer der Wortführer im Kampf um den Arierparagraphen war Gerhard Kittel. Er setzte sich für die Übernahme ein und forderte auch gleich die Einrichtung von judenchristlichen Gemeinden, ,,um den Judenchristen eine ihrer spezifischen Herrschaft und Tradition gemäße ,,wurzelhafte" Verkündigung und Gottesdienstgestaltung zu garantieren".11 ,,Doch implizit hatte Kittel sich schon dafür entschieden, die deutschen Juden als ein fremdes Volkstum, einer fremden Rasse zugehörig, anzusehen."12

Auf der sogenannten ,,Braunen Synode", der altpreußischen Generalsynode vom 5. September 1933, wurde der Arierparagraph in diktorischer Manier durchgesetzt: Ausschußarbeit wurde kategorisch abgelehnt und auch Aussprachen waren nicht möglich. ,,Die anwesenden Generalsuperintendenten [stimmten] zwar dagegen, daß schon beschäftigte Nichtarier oder mit Nichtariern Verheiratete aus dem Amt entlassen würden; aber sie stimmten dafür, daß solche in Zukunft nicht mehr eingestellt werden sollten. Der pommersche Generalsuperintendent Kalmus sagte im Namen der anderen Generalsuperintendenten: ,Wir verstehen und würdigen die Maßnahmen des Staates und erkennen an, daß auch die evangelische Kirche Anlaß hat, in der Bewahrung der deutschen Art wachsam zu sein...'" 13

Im Vorfeld der Synode wurde je ein Gutachten an der Universität Erlangen und Marburg14 zum Thema Arierparagraph erstellt. Das Gutachten der beiden Erlanger lutherischen Systematiker Althaus und Elert befand, daß ,,die Kirchen ...ein Auge und ein Wort haben [müssen] für die jüdische Bedrohung unseres Volkstums. (...) Die Kirchen müssen wissen und zeigen, wo die Mächte stehen, die immer wieder unser Volk aufhalten in seiner Selbstbesinnung und Reinigung".15 Althaus und Elert sprachen den Kirchen die Möglichkeit zu, ,,die Zulassung zu ihren Ämtern von der Erfüllung bestimmter Voraussetzungen der Bewerber abhängig" zu machen.16 Zu diesen Voraussetzungen dürfe jetzt auch der Ariernachweis zählen. Die Synodalen folgten mehrheitlich dieser Meinung. Nach und nach schlossen sich weitere Kirchengremien der ,,Braunen Synode" an und übernahmen den Arierparagraphen, so der Landeskirchenausschuß und die Versammlung der Mitglieder der Landesynode Schleswig Holsteins, die Kirchen Braunschweigs, Oldenburgs und Mecklenburgs.

Es gab aber auch bei den Deutschen Christen Stimmen gegen den Arierparagraphen. Dazu gehörten der gemäßigte DC-Geistliche Girkon und der Präsident des Landeskirchenamtes der reformierten Kirche in Aurich, Koopmann. Sie schrieben am 21. September 1933 an den Reichsbischof Ludwig Müller die Bitte, die Einführung des Arierparagraphen zu verhindern. Dabei ging es ihnen allerdings nicht um die betroffenen Brüder, ,,denn dazu bejahen sie ,aus innerster Überzeugung und von ganzem Herzen ... den nationalen Staat Adolf Hitlers und die deutsch-evangelische Kirche und verstehen auch die Einführung des Arierparagraphen im deutschen Beamtentum ... als ... [einen] Akt volkhafter Notwehr' gegen die ,gefahrvolle Überfremdung des deutschen Blutes'"17. Sie sahen vielmehr die Ordination bedroht und erkannten den Arierparagraphen als ,,Eingriff in den Glaubensstand". Eine Verteidigung der judenchristlichen Pfarrer und Bediensteten ist darunter also nicht zu verstehen.

2.2 Die Godesberger Erklärung 1939 und die Folgen

Vertreter der ,,Nationalkirchlichen Einigung Deutsche Christen" und Männer aus verschiedenen Zirkeln evangelischer Pfarrer und Laien trafen sich in den ersten Apriltagen 1939 in Godesberg und verfaßten innerhalb von vier Tagen die Godesberger Erklärung, die für die Deutschen Christen für die nächsten Jahre bestimmend werden sollte. In Punkt 3b dieser Erklärung beschrieben die Teilnehmer ihr Verständnis vom Verhältnis zwischen Judentum und Christentum:

,,Wie ist das Verhältnis von Judentum und Christentum? Ist das Christentum aus dem Judentum hervorgegangen und also seine Weiterführung und Vollendung, oder steht das Christentum im Gegensatz zum Judentum? Auf diese Frage antworten wir: Der christliche Glaube ist der unüberbrückbare religiöse Gegensatz zum Judentum."18

,,Unmittelbar darauf erscheint als erste Blüte des begonnenen Einigungswerkes im Gesetzblatt der DEK vom 6. April 1939 eine von 11 deutschchristlichen Landeskirchenleitern unterzeichnete ,Bekanntmachung' vom 4. April 1939 auf der ausdrücklich bekundeten Grundlage der Godesberger Erklärung."19 Gleichzeitig wird darin auch die Eröffnung des ,,Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben" angekündigt. Es bleibt also nicht bei der Verleugnung der jüdischen Wurzeln des Christentums, es geht vielmehr um eine wirksame ,,Entjudung" der Kirche und der Gesellschaft. Gerechtfertigt wird dieses Bestreben mit der Gefahr, die vom Judentum ausgeht.

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Details

Seiten
25
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783638110082
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v1624
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Fachbereich Politikwissenschaften
Note
1,75
Schlagworte
Zwischen Widerstand Zustimmung Zerrissenheit Christen Naziregime Beispiel Völkermordes Juden Evangelische Kirche Zeit Nationalsozialismus

Autor

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