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Platon-Rezeption im Dritten Reich am Beispiel ausgewählter Texte

Studienarbeit 2010 17 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A: Vorwort

B: Zusammenfassende Darstellung ausgewählter Texte
1. H. F. K. Günther: Platon als Hüter des Lebens
2. D. Roser: Erziehung und Führung - Versuch über Sokrates und Platon
3. W. Haedi>

C: Fazit

D: Literaturverzeichnis

A: Vorwort

Für bedeutende literarische Werke ist es bezeichnend, dass sie zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich interpretiert werden. Entsprechend dem jeweils vorherrschenden Zeitgeist werden bestimmte Elemente der Schriften besonders hervorgehoben, andere hingegen vernachlässigt, wodurch sich deren Deutung im Laufe der Geschichte signifikant wandeln kann. Und auch innerhalb einer Epoche können die In­terpretationen solcher Werke variieren, v. a. wenn sich unterschiedliche Ideologien, Denkschulen o. Ä. mit ihren jeweils spezifischen Deutungsmustern gegenüberstehen. So auch bei Platons Politeia: Bis in das 19. Jahrhundert hinein wurde die Politeia ausschließlich als politische Schrift gelesen. Im Mittel­punkt nahezu aller Interpretationen dieser Zeit stand Platons Entwurf eines idealen Staates sowie des­sen Staatsformenlehre; andere Inhalte bzw. Themen des Werkes wurden kaum oder überhaupt nicht beachtet. Dies änderte sich erst um 1800 mit der Entstehung der modernen historischen Wissenschaf­ten sowie F. D. E. Schleiermachers Platon-Deutung. Neben der Staatsthematik wird die Politeia seit­her auch auf ihre ethischen, ontologischen und erkenntnistheoretischen Aspekte hin untersucht; damit beginnt die Diversifikation und Multiplikation der Fragestellungen und Auslegungen, die - abgesehen von einer kurzen Phase des Deutungsmonopolismus zur Zeit des Dritten Reichs - bis heute kenn­zeichnend für Platons Hauptwerk ist.1

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahre 1933 hatte zur Folge, dass sich die Platon­Rezeption in Deutschland gravierend veränderte bzw. sich eine Entwicklung in der Platon-Rezeption, welche bereits während der Zeit der Weimarer Republik einsetzte, immens verstärkte und schließlich ihren Höhepunkt fand: In den Fokus des Interesses rückten fortan v. a. zwei Elemente der platonischen Philosophie, namentlich das der „Auslese“ (Eugenik, Rassenhygiene) und das des Führerprinzips in der Erziehung.2 Im Gegensatz zu den vergangenen 130 Jahren, die sich durch eine Fülle verschiedener Auslegungen der Politeia auszeichneten, postulierten die Nazis den alleinigen Wahrheitsanspruch ihres Deutungsmusters und schlossen damit alternative Interpretationen kategorisch aus. Freilich gab es in der Anfangsphase des Nationalsozialismus noch einige Interpreten, hauptsächlich Philosophen, die sich dagegen zur Wehr setzten; im Zuge der „Säuberungsaktionen“ an den deutschen Universitäten hatten diese jedoch bis Ende des Jahres 1935 allesamt ihre Stellung verloren und mussten teilweise sogar aus Deutschland fliehen. Die verbliebenen Philosophen waren entweder selbst überzeugte An­hänger des Nationalsozialismus gewesen oder fügten sich zumindest stillschweigend dessen Totali­tätsanspruch.3 Für die nächsten zehn Jahre konnten also nur noch solche Interpretationen platonischer Schriften veröffentlicht werden, die mit der nationalsozialistischen Ideologie vereinbar waren. Man kann demnach von einer „Faschisierung“ der Platon-Deutung im Dritten Reich sprechen, die - was häufig vergessen oder ignoriert wird - jedoch bereits in der Weimarer Republik durch die Transforma­tion des humanistischen Platon-Bildes grundgelegt wurde.4

Ziel dieser Arbeit ist es nun, dem/der geneigten Leser/-in einen prägnanten Überblick darüber zu ge­währen, wie sich die nationalsozialistische Interpretation platonischer Schriften gestaltete bzw. auf welche Art und Weise Platons Werke im Dritten Reich ausgelegt wurden. Zu diesem Zweck wurden exemplarisch drei Rezeptionsschriften nationalsozialistisch gesinnter Autoren ausgewählt, deren zen­trale Aussagen und Inhalte im Folgenden zusammenfassend dargestellt werden sollen: Platon als Hü­ter des Lebens von Hans F. K. Günther, Erziehung und Führung - Versuch über Sokrates und Platon von Dieter Roser sowie Die Gedanken der Griechen über Familienherkunft und Vererbung von Wal­ter Haedicke. Dem folgt ein abschließendes Fazit, in welchem die wichtigsten Erkenntnisse dieser Arbeit noch einmal komprimiert dargestellt werden. Außerdem enthält es einige ergänzende Anmer­kungen zur Platon-Rezeption im Dritten Reich und eine persönliche Bewertung des besagten Deu­tungsmusters sowie der platonischen Philosophie allgemein.

B: Zusammenfassende Darstellung ausgewählter Texte

1. H. F. K. Günther: Platon als Hüter des Lebens

Hans Friedrich Karl Günther gilt als einer der bekanntesten und einflussreichsten Eugeniker und Ras­sentheoretiker der deutschen Geschichte. In den 1920er Jahren verfasste Günther zahlreiche Schriften, in denen er u. a. die Weltbevölkerung in verschiedene Rassen einteilte und ihnen eine bestimmte Wer­tigkeit beimaß; die „nordische Rasse“ bildete dabei die Spitze der von Günther entworfenen hierarchi­schen Ordnung. Aufgrund dieser und anderer Theorien genoss Günther bei den Nationalsozialisten großes Ansehen und konnte nach deren Machtergreifung einen deutlichen Karrieresprung verbuchen. Er verfügte zur Zeit des Dritten Reiches über ein erhebliches ideologisches Gewicht und gelangte als „Rassengünther“ zu zweifelhafter Berühmtheit. Unter seinen Schriften, für die er zwischen 1935 und 1941 mehrfach ausgezeichnet wurde,5 findet sich auch eine Interpretation der platonischen Philoso­phie. Diese stammt bereits aus dem Jahr 1928 und trägt den Titel Platon als Hüter des Lebens. Platons Zucht- und Erziehungsgedanken und deren Bedeutung für die Gegenwart. Das Buch erfreute sich im nationalsozialistischen Deutschland erwartungsgemäß großer Beliebtheit und wurde daher 1935 in leicht geänderter Fassung neu aufgelegt; diese zweite Auflage bildet die Rezeptionsgrundlage für die nachfolgenden Ausführungen.

Günthers Intention in seiner rund 80 Seiten starken Schrift ist es, „Platon als den überragenden Denker zu nennen, der die Bedeutung der Erbanlagen für Erziehung und Staat nicht übersehen, sondern viel­mehr gänzlich erkannt und ernstlich gelehrt hat“.6 Zu diesem Zwecke hat sich Günther eingehend mit Platons Werken auseinandergesetzt, insbesondere mit der Politeia, dem Politikos und der Nomoi.7 Ein Inhaltsverzeichnis gibt es in Platon als Hüter des Lebens nicht; eine mögliche Einteilung des Textes könnte jedoch wie folgt aussehen: Die Seiten 9-21 stellten eine Art Einleitung dar, in der Günther ei­nige Worte zu Platons Leben und Wirken sowie zu dessen historischem Kontext verliert. Es folgt die Darstellung der (platonischen) Lehre von der Ungleichheit des Menschen und der Beschaffenheit des Staates, welcher diesem Umstand Rechnung trägt (S. 21-43). Auf den Seiten 43-46 findet sich ein kurzer Einschub, in welchem Günther die Aufgabe des Staates, die Frage nach der Wirtschaft im idea­len Staat und die platonische Staatsformenlehre behandelt. Dem schließen sich einige Ausführungen über die musische (künstlerische) Erziehung, das Zusammenspiel von Leib und Seele sowie über die Verleiblichung des Schönen an (S. 46-62). Es folgt erneut ein kurzer Einschub, in welchem Günther seine Zucht- und Erziehungsgedanken explizit aus dem platonischen Tugendbegriff ableitet sowie eine Transzendierung des Zuchtgedankens vornimmt (S. 62-65). Auf den Seiten 65-80 schließlich prüft Günther die Aussagen Platons auf deren Gültigkeit für die Gegenwart, betont den Primat der Auslese über die Erziehung und fasst seine wichtigsten Erkenntnisse noch einmal resümierend zusammen. Auf jedes dieser „Kapitel“ soll nun im Folgenden kurz eingegangen werden.

Platons Biographie, wie sie von Günther dargestellt wird, ist keine Reihung historischer Daten; auf Jahreszahlen u. Ä. wird nur rudimentär eingegangen. Für Günther ist es wichtiger, die Herkunft Pla­tons hervorzuheben: Er stamme aus dem Adel Attikas und habe damit das nordische Blut des frühen Hellenentums in sich getragen. Diese Behauptung einer direkten Verwandtschaftsbeziehung zwischen der germanischen Rasse und den edlen Hellenen, den „wahren“ Griechen, findet sich häufiger in Gün­thers Werk; in seinen Augen war Platon ein „im wesentlichen nordischer Mensch“,8 und zwar sowohl was sein äußeres Erscheinungsbild als auch sein Wesen betrifft. Platon sei jedoch nicht allein ein nor­discher, sondern vielmehr ein „voller Mensch“ gewesen; er habe sich nicht auf das bloße Philosophie­ren beschränkt, sondern sei zudem ein begabter Dichter und Sportler gewesen und habe sogar ver­sucht, seine Vorstellungen einer guten Ordnung in Sizilien praktisch umzusetzen. Platons Zeit sei v. a. durch den Verfall Athens gekennzeichnet] gewesen, der sich durch das „Übel der Volksherrschaft“ und das Aufkommen eines ,,auflösende[n] Individualismus“ ergeben habe.9 Für letzteren seien die antiken Sophisten verantwortlich gewesen, welche ein zentrales Feindbild in Platon als Hüter des Lebens dar­stellen. Dementsprechend werden von Günther auch andere unliebsame Denker und Zeitgenossen, darunter bspw. der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau, mit dem Adjektiv „sophistisch“ belegt bzw. in die Tradition der antiken Sophisten eingereiht. Das Wissen um den Gegensatz zwischen der individualistischen Philosophie der Sophisten und den mehr kollektivistischen Ansichten Platons ist für Günther eine wichtige Voraussetzung dafür, Platons Werke zu begreifen. Auch müsse man ver­stehen, dass Platon deshalb keine praktische Politik in Athen betrieb, da er die Stadt bereits als verlo­ren ansah; vielmehr habe er darauf gehofft, mit seiner Philosophie den Grundstein für die Entstehung von etwas völlig neuem gelegt zu haben, bspw. indem ein späterer, sich an die Macht putschender und philosophisch belehrter Tyrann auf die Vorstellungen Platons vom gerechten Staat und von der richti­gen Erziehung zurückgreife.10

Laut Günther bekennt sich Platon in seinen Werken implizit zur Lehre von der Ungleichheit der Men­sehen: „Platon schlägt eine Ständeschichtung vor, welche einer Schichtung nach erblicher Begabung und Tüchtigkeit gleichkommt. [...] Uns erstaunt [...], wie deutlich er erkennt, daß [sic] nicht Umwelt des Elternhauses und Schulung, sondern Veranlagung den Ausschlag gibt.“11 Als Beweis für diese These führt Günther zahlreiche Zitate aus Platons Werken an, darunter bspw. den sog. „Metallmythos“ (Politela 415). Der platonische Staat sei also ein geschichteter, in dem es analog zur menschlichen Seele drei hierarchisch geordnete Teile/Stände gebe; die Zugehörigkeit der Bürger zu einem dieser Stände erfolge entsprechend ihrer jeweiligen Begabung, welche bereits mit der Geburt feststehe. Als die drei Seelenteile und die ihnen jeweils entsprechenden Stände nennt Günther 1. den Herrscher- und Lehrstand, die Philosophen, welche die Vernunft darstellen, 2. den Wehrstand, die Wächter oder Beihelfer, die für die Tatkraft stehen und 3. den Nährstand, die Bauern und Handwerker, welche die Begierde repräsentieren.12 Ausgehend von der platonischen Überlegung, einem jeden Menschen sei sein Platz im Staate aufgrund seiner natürlichen, angeborenen Talente und Fähigkeiten angewiesen, wobei einige wenige unter ihnen, die Philosophenherrscher, die Begabtesten seien, da nur sie die Fä­higkeit zu wahrer Erkenntnis besäßen, stellt sich Günther sodann die Frage, wie eine staatliche Ge­setzgebung beschaffen sein müsse, die diesem Umstand Rechnung trage: „So durchdringt der Gedanke der erblichen Ungleichheit der Menschen Platons ganzes Werk. Er durchdringt folgerichtig vor allem seine Staatsentwürfe, denn die Erkenntnis von der Ungleichheit der Menschen muß [sic] für den Ge­setzgeber folglich zu der brennenden Frage leiten: wie erreicht der Staat eine stärkere Fortpflanzung der Menschen mit höherwertigen Erbanlagen?“13 Denn nur der Staat, welcher sich nicht allein die Förderung des einzelnen Hochwertigen, sondern v. a. die Mehrung höherwertiger Erbanlagen zum Ziel setze, sei letztlich auch ein „guter Staat“ im Sinne Platons. Die Herrschenden in einem solchen Staat müssten demnach Sorge dafür tragen, dass alle „missgestalteten“ und kränklichen Kinder ausgesetzt, alles Untüchtige „ausgemerzt“ würde, dass die Vereinigung der Edlen untereinander spezielle Förde­rung erfahre und dass es Gesetze gegen Ehelosigkeit, für Scheidung unfruchtbarer Ehen sowie für die Besteuerung der Ledigen gebe. Außerdem - so interpretiert Günther die platonischen Schriften weiter - dürfe der Gesetzgeber keine übertriebene Betreuung der Kranken zulassen.14

In dem darauffolgenden dreiseitigen Einschub erläutert Günther, dass die Wirtschaft kein würdiges Ziel des platonischen Staates sei, wobei er mit „Wirtschaft“ die Schaffung des größtmöglichen materi- ellen Wohlstandes für alle Bürger meint.

[...]


1 Vgl. Zimbrich, Ulrike: Bibliographie zu Platons Staat. Die Rezeption der Politeia im deutschsprachigen Raum von 1800 bis 1970. Frankfurt am Main 1994. S. IX ff.

2 Vgl. Orozco, Teresa: Die Platon-Rezeption in Deutschland um 1933. In: Korotin, Ilse (Hg.): Die besten Geister der Nation: Philosophie und Nationalsozialismus. Wien 1994. S. 141-185. S. 150.

3 Vgl. Sandkühler, Hans Jörg: Vergessen? Verdrängt? Erinnert? Philosophie im Nationalsozialismus zur Einfüh­rung. In: Ders. (Hg.): Philosophie im Nationalsozialismus. Hamburg 2009. S. 9-29. S. 12 f.

4 Vgl. Orozco 1994, a. a. O., S. 146.

5 Vgl. Weingart, Peter et al.: Rasse, Blut und Gene: Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland. Frankfurt am Main 1992. S. 359, 455.

6 Günther, Hans F. K.: Platon als Hüter des Lebens. Platons Zucht- und Erziehungsgedanken und deren Bedeu­tung für die Gegenwart. München 1935. S. 7.

7 Vgl. ebd., S. 10.

8 Ebd., S. 9.

9 Ebd., S. 14.

10 Vgl. Günther 1935, a. a. O., S. 18.

11 Ebd., S. 23.

12 Vgl. ebd., S. 25 f.

13 Ebd., S. 30.

14 Vgl. ebd., S. 33-39.

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640760411
ISBN (Buch)
9783640760572
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162377
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,3
Schlagworte
Rezeption Drittes Reich Nazis Eugenik Nationalsozialismus Politeia Nomoi

Autor

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