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Die therapeutische Wirkung von Musik in der Schwangerschaft und bei zu früh geborenen Kindern

Hausarbeit 2009 14 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Entwicklung Ohres und wie es lernt zu hören

2 Das fetale Hören und seine Bedeutung
2.1 Der kompetente Säugling – das Hören nach der Geburt

3 Musiktherapie
3.1 Die Wirkung der Musik in der pränatalen Phase
3.2 Musiktherapeutische Arbeit mit Frühgeborenen und ihren Familien

4 Fazit

Quellen

Einleitung

Klänge, Melodien und Rhythmen begleiten uns vom Beginn unseres Lebens an, bis zu unserem letzten Atemzug. Unser Ohr ist jenes Organ das als erstes, bereits im Mutterleib funktioniert und deren Funktion vermutlich bis kurz bevor wir sterben, besteht und somit nicht nur unsere erste sondern auch letzte Verbindung zur Außenwelt ist. Musik begegnet uns im Alltag und übernimmt dabei verschiedene Funktionen. Sie dient der Unterhaltung, dem Stressabbau, der Beruhigung, aber auch als Kommunikationsmittel. Die frühste Musik die wir vernehmen, ist jene im Mutterleib. Sie setzt sich aus Körpergeräuschen und der Stimme der Mutter zusammen und wird von Geräuschen der unbekannten Außenwelt untermalt. Klänge und Melodien der Sprache sind ebenfalls eine Form von Musik und können wie jede Form von Musik, therapeutisch genutzt werden um den Menschen zu stärken und zu begleiten. Musiktherapie kann dazu dienen sich im Leben besser zurecht zu finden, Rhythmen zu finden und zu entwickeln, in Kommunikation zu treten, Ängste zu nehmen, Geborgenheit zu finden und das Leben zu spüren und wahrzunehmen. Die Wahrnehmung ist das, womit Musiktherapie arbeitet und insbesondere unsere auditive Wahrnehmungsmöglichkeit dient dabei als Schlüsselkompetenz und Ressource um oder um wieder mit unsere Umwelt in Kontakt zu treten, wenn dabei eine Störung vorliegt. Es gibt Weisheiten wie „man soll in sich selbst hinein horchen“, „man soll seinen Rhythmus finden“ oder „in der Stille oder Ruhe liegt die Kraft“ – all diese Sprüche beinhalten den Ursprung unseres Seins und unserer Wahrnehmung. Denn am Anfang unserer Entstehung ist jeder mit sich allein. Der Fetus nimmt als erstes sich selbst war. Er hört im Schutze des Mutterleibs zuerst nur sich und aus der absoluten Ruhe die ihn umgibt, schöpft er die Kraft, zu wachsen. Er beginnt symbiotisch mit seiner Mutter, in deren Herzrhythmus zu leben. Musik kann uns zu diesen Ursprüngen, zu diesem Urgefühl der Sicherheit zurückführen, doch inwieweit kann sie pränatal und bei zu früh geborenen Kindern genutzt werden, um sie besser ins Leben zu begleiten? Ich will mich in dieser Arbeit mit der therapeutischen Kraft auseinandersetzen, die in der Musik liegt und herausfinden ob es nützlich sein kann, Musik in der heilpädagogischen Arbeit auf der Frühchenstation als therapeutisches Mittel zu nutzen.

Ich denke eine wichtige Grundlage bildet bei diesen Überlegungen, das Wissen um die Funktion und Entwicklung des Ohres um ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie wir hören und hören lernen. Den ersten Abschnitt dieser Arbeit habe ich daher unserem Ohr gewidmet. Im zweiten Teil setzte ich mich mit dem fetalen Hören auseinander und dem Hören als Bindungsmedium zwischen Mutter und Kind. Der Fokus dieser Arbeit liegt jedoch auf dem letzten Teil, in dem ich mich mit Musiktherapie aus pränataler und Frühgeborenen Sicht auseinandersetze.

1 Entwicklung des Ohres und wie es lernt zu hören

Unser Ohr ist in der Lebensgeschichte jedes einzelnen von uns, das älteste Organ. Unser sinnliches Leben beginnt mit dem Hören. Vor etwa 80Jahren glaubte man noch, dass das Ungeborene taub sei, weil das menschliche Ohr für Luft und nicht für ein flüssiges Medium wie das Fruchtwasser gebaut sei. Heute weiß man, dass der ungeborene Mensch im Mutterleib sehr wohl hören kann. Bereits am 22. Tag nach der Verschmelzung von Eizelle und Sperma beginnt der Embryo mit der Entwicklung seiner Ohren, der so genannten Ohrplakode. In dieser Zeit entstehen auch die ersten nerven und Sinneszellen. Der so genannte Hörnerv mit seiner Verbindung ins Gehirn wird bereits angelegt, allerdings fehlt ihm noch die Myelinschicht, eine Art Isolierung, die ihn leitfähig macht. Die Myelinisierung der zentralen Hörbahnen, die für die Vorverarbeitung von Hörinformationen verantwortlich sind, findet erst nach der Geburt statt. Der bekannte französische Neurologe und Hals- Nasen- Ohren- Arzt Alfredo A. Tomatis sieht die frühe Entwicklung des Ohres, insbesondere die erste Stufe der Entwicklung des Innenohres inklusive der Anlage des Gleichgewichtssinnes als eine Art der Entstehung eines Ohrgehirns oder auch Urgehirns, wodurch der Embryo bereits wahrnimmt obwohl die Entwicklung der Großhirnrinde erst sehr viel später einsetzt. Somit ist er der Meinung, dass der Embryo nicht nur einfach ein wachsender Zellhaufen ist, sondern ein Lebewesen, das sein eigenes Wachstum in ganz spezieller Weise wahrnehmen und erleben kann. Nach Tomatis „hört sich der Embryo selbst leben und wachsen“. Die Ohren entstehen aus dem so genannten Ektoderm, das ist ein Zellgewebe, aus dem später das gesamte Nervensystem und die Haut gebildet wird. Nach 4 viereinhalb Monaten ist das Ohr fertig ausgebildet. Nun kann der Fötus nicht nur hören, sondern richtig zuhören (Tomatis 1989). Er hört die Stimme der Mutter und reagiert darauf und durch Boxen und Treten macht er auf sich aufmerksam. Der Fötus erlebt seine Welt im Austausch mit Gehörtem und Gefühltem. Doch wie funktioniert das Gehör?

Über das Gehör können wir herausfinden, aus welcher Richtung ein Geräusch kommt und wie weit es von uns entfernt ist und wir können Stimmen unterscheiden. Wir hören durch so genannte Schallwellen. Diese Schallwellen passieren dabei drei verschiedene Abschnitte unseres Ohres: das Außen-; Mittel- und Innenohr. Das mit Flüssigkeit gefüllt Innenohr enthält die Schnecke (lat. Cochlea), das eigentliche Gehörorgan, und das Vorhofsäckchen sowie die Bogengänge im Innenohr, die die Lageveränderung des Körpers registrieren und somit das Gleichgewichtsorgan bilden. Das äußere Ohr bestehend aus Ohrmuschel, Gehörgang und Trommelfell fängt den Schall auf. Der aufgefangene Schall wird über den Gehörgang bis zum Trommelfell weitergeleitet, einem sehr feinem Häutchen, das den Gehörgang abschließt. An das Trommelfell schließen die Gehörknöchel an, die, aufgrund ihrer Form, Hammer, Amboss und Steigbügel genannt werden. Sie verbinden das äußere Ohr mit dem Innenohr und bilden das Mittelohr. Wenn der Schall ertönt, versetzt die Luftbewegung der Schallwelle, das Trommelfell in Schwingungen. Diese Schwingungen werden über die Gehörknöchelchen an das Innenohr weitergeleitet. Im Innenohr ist das Zentrum des Hörogans, die Schnecke. Auf der Schnecke sind Sinneszellen, so genannte Haarzellen, die alle akustischen Reize über den Hörnerv an die zuständigen Zentren im Gehirn weiterleiten um sie dort zu Informationen zu verarbeiten (Singerhoff 2001). Die Ohren sind, sofern sie funktionstüchtig sind, ein Leben lang in Betrieb. Man kann sie nicht wie die Augen schließen, wir hören sogar in der Nacht, wenn wir schlafen.

Der Mensch lernt im frühen Kindesalter, nicht nur Geräusche zu unterscheiden und zu erkennen aus welcher Richtung sie kommen. Eine besondere Fähigkeit ist die Entwicklung des Kontrasthörens. Wir können dadurch Geräusche in Beziehung zu Tonqualität, Tondistanz und -differenz unterscheiden. Das Kind lernt durch das Gehör, seine eigenen Wortäußerungen zu kontrollieren, deswegen fällt es gehörlosen Kindern sehr schwer zu sprechen.

2 Das fetale Hören und seine Bedeutung

Im letzten Trimester der Schwangerschaft ist das Gehör des menschlichen Fetus komplett ausgebildet und funktionsfähig. Die Welt die den Fetus umgibt, der Mutterleib, ist sehr reich an akustischen Reizen, wobei die mütterliche Stimme vorherrschend ist. Sie steht über allen anderen Geräuschen; übertönt die gefäßbedingten Laute sowie das Glucksen des Magens oder die Geräusche der Außenwelt. Im Mutterleib ist der Fetus aber auch vor der Intensität lauter Außengeräusche geschützt. Dennoch hat man beobachtet, dass der Fetus bereits in der 27.Schwangerschaftswoche auf ungewohnte Außengeräusche reagiert. Sein Herz schlägt schneller, er zuckt zusammen oder blinkt mit den Augenliedern. Dies hat die französische Psychologin Carolyn Garnier- Deferre heraus gefunden, indem sie werdenden Müttern und deren Föten zwischen der 34. und 39. Schwangerschaftswoche eine kurze Klaviermelodie vorspielte und dabei die Herzfrequenz des Fetus maß. Bei bekannten Melodien blieb die Herzfrequenz ruhig, bei Unbekannten stieg sie deutlich an. Granier- Deferre folgerte daraus, dass die Föten die bekannten Melodien gelernt hatten und von den neuen unterscheiden konnten (Kremer 2008).

Was der Fetus tatsächlich wahrnimmt, hängt davon ab, wie sehr die Geräusche innerhalb der verschiedenen Frequenzbereiche abgeschwächt werden. Abhängig von der Dämpfung durch die mütterliche Bauchwand kann der Fetus Sprache und Musik in den Frequenzbereichen unter 500Hz nur hören, wenn diese den Geräuschpegel in der Luft um 60dB überschreiten (Nöcker- Ribaupierre 2004). Man geht davon aus, dass die Schallwellen von den Knochenleitungen der Mutter auf den Hörnerv übertragen werden und das Becken dabei wie ein Resonanzkörper fungiert. Die Stimme der Mutter wird zwar gedämpft, aber dennoch in all ihren Feinheiten wie Intonation, Betonung und Rhythmus wahrgenommen und prägt sich frühzeitig in das Gedächtnis des heranwachsenden Menschen- und ist eine der frühsten Bindungserfahrungen. Ein Neugeborenes kann die Mutterstimme daher bereits kurz nach der Geburt heraus filtern und sogar wenige Tage nach der Geburt sogar seine „Muttersprache“ von anderen Sprachen unterscheiden.

Für das Ungeborene ist alles Hörbare, auch die niedrigfrequenten Hintergrundgeräusche, sind neben der Mutterstimme als eine Art „Musik“ zu verstehen. Die Gebärmutter dient dabei als perfekter Lernort unserer Klangwelt. Laute, Worte, Klänge, Töne und Geräusche bestehen dabei immer aus denselben Bausteinen und zwar aus: Rhythmus, Dynamik, Klang, Melodie und Form. Die hörbare Welt wird somit bereits für den Fetus zu einer komplexen, verflochtenen Erscheinung, in der er immer mehr lernt sich zu orientieren und auf das Leben außerhalb des Mutterleibs vorzubereiten. Da diese Elemente des Hörens bereits für den Fetus von so großer Bedeutung sind, möchte ich sie an dieser Stelle aus medizinisch- psychologischer Sicht näher erläutern. Der Rhythmus ist der vordergründliche Höreindruck, den ein Fetus im Mutterleib wahrnimmt. Der Rhythmus ist die Gliederung von Zeit. Er dient auch als eine Art Aufteilungshilfe und verhilft dem Menschen zur Ordnung. Jeder Mensch lebt in seinem eigenem Rhythmus, wobei das ungeborene Kind durch die Symbiose mit seiner Mutter natürlich noch im Rhythmus der Mutter steht. Während der Schwangerschaft bereitet der Herzrhythmus der Mutter das ungeborene auf das Leben mit seinen vielen Rhythmen wie dem Tag- Nachtrhythmus, dem Rhythmus von Nähe- Distanz, Freizeit- und Arbeit, Liebe- und Streit, vor. Die richtige Ausgewogenheit der Rhythmen bildet dabei die Grundlage für ein späteres gesundes Leben, denn sie geben unserem Leben Struktur. Menschen denen diese Struktur fehlt, leben oft mit inneren und äußeren falschen Rhythmen, wodurch Krankheiten am Herzen oder in der Psyche entstehen können. Das Kind in der Gebärmutter ist noch von dem schützenden klaren und regelmäßigen Herzrhythmus der Mutter umhüllt. Viele Menschen sehnen sich unbewußt nach diesem Rhythmus zurück und bevorzugen daher Musik mit klaren Rhythmen- und versetzen sich somit in Erinnerung an diese frühste Zeit (Decker- Voigt 1999). Die Dynamik (griech. Dynamos: Kraft) ist untrennbar mit Rhythmus verbunden. Ein Kind lebt nicht nur in dem variablen Herzrhythmus der Mutter und wächst mit ihm, sondern erlebt ein ganzes Spektrum zwischen leise und laut, zwischen hoch und tief. Im mütterlichen Herzrhythmus ist nicht etwa nur Rhythmus enthalten, sondern alle Bauelement, aus denen jede Musik aller Zeiten schon bestand, die jemals gehört oder gespielt wurde. Jedes Laufen, Rennen der Mutter und ihr Zur- Ruhe und in den Schlaf- Gelangen beinhaltet für das Kind die Schnell- Langsam -Erfahrung von Tempo und Zeit und zugleich wechselnde Lautstärken, die entweder Ruhe signalisieren oder das rasant rasende Gegenteil. Zur Lautstärke kommen die Hoch- Tief- Erfahrungen hinzu, die später in das Melodieverständnis münden (Decker- Voigt 1999). Somit beinhaltet die Welt des Fetus bereits die Gegensätze und Extreme unserer Welt, die immer zusammengehören und auch zusammen erfahren werden müssen.

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Details

Seiten
14
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640772513
ISBN (Buch)
9783640772940
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162366
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Musiktherapie Bindungstheorie Säuglinge Schwangerschaft

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Titel: Die therapeutische Wirkung von Musik in der Schwangerschaft und bei zu früh geborenen Kindern