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Japans Umweltpolitik

Auf dem Weg zur nachhaltigen Entwicklung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 29 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Japanologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
I.1 Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung
1.2 Zielsetzung

II. Hintergründe der japanischen Umweltproblematik

III. Entwicklungszüge der japanischen Umweltpolitik

IV. Komponenten der nachhaltigen Entwicklung mit Hinblick auf Japan
IV.1 Japans Rolle bei der Erreichung einer nachhaltigen Entwicklung im asiatisch - pazifischen Raum
IV.2 Nachhaltigkeit im innenpolitischen Kontext

V. Zusammenfassung und Ausblick

I. Einleitung

1960 verspricht der damalige Premierminister Japans Ikeda Hayato, das nationale Einkommen innerhalb der nächsten Dekade zu verdoppeln[1]. Die darauf folgende rasante industrielle Entwicklung in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts führt dazu, dass dieses Versprechen vollständig eingehalten wird - die japanische Wirtschaft erlebt einen eindrucksvollen Aufschwung, der eine enorme Steigerung des allgemeinen Wohlstands und Lebensstandards bewirkt und das Land in die Position einer wirtschaftlichen und politischen Großmacht im asiatisch-pazifischen Raum befördert. Der hohe Preis, den die japanische Gesellschaft für diese in der Tat beeindruckenden Leistungen ihrer Wirtschafts­und Industrialisierungspolitik bezahlen muss, macht sich erst mit den ersten schweren Fällen von umweltverschmutzungsbedingten Erkrankungen bemerkbar[2]. Sie sind die ersten spürbaren Folgen der entfesselten Industrialisierung.

Die Probleme des Umweltschutzes und des verantwortungsvollen Umgangs mit den natürlichen Ressourcen werden in den darauf folgenden Jahren zu zentralen Themen in allen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Bereichen. Sie ziehen einen aufwendigen institutionellen Wandelprozess nach sich, der sich in die Schaffung neuer administrativer Institutionen[3] zur Konzipierung, Implementierung und Kontrolle von adäquaten Umweltschutzregelungen, beeinflussen die sozialen Wertkonstellationen und führen sogar neuartige Lebensstils herbei. Das reibungslose Zusammenspiel der politisch - administrativen und der zivilgesellschaftlichen Ebenen ist konstitutiv für die Effizienz solcher Maßnahmen und begünstigt gleichzeitig die Entstehung und Verwirklichung neuartiger Konzepte zur Sicherstellung der ökonomischen Wohlfahrt, aber auch der ökologischen Unversehrtheit als Träger von Lebensqualität für die Mitglieder einer Gesellschaft. Eines dieser Konzepte beschäftigt sich mit den Inhalten, Zielsetzungen und möglichen Vorteile des Konzepts der nachhaltigen Entwicklung.

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I. 1 Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung

Bei dem Konzept der nachhaltigen Entwicklung dreht sich die zentrale Frage um die Art der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung, die angestrebt werden soll, unter Berücksichtigung der zu integrierenden ökonomischen und umweltpolitischen Maßnahmen. Hierbei geht es um die Erreichung einer Balance zwischen wirtschaftlichem Wachstum und Erhaltung oder gar Verbesserung der Umwelt, in der wir leben. Obwohl dieses Konzept schon seit geraumer Zeit im wissenschaftlichen Raum kursiert[4], ist es erst seit dem Erscheinen des Brundtland - Berichts[5] im Jahr 1987 zu einer weiter reichenden Prominenz gelangt. In ihm findet man das, was als eine offizielle Definition vom Konzept der nachhaltigen Entwicklung bezeichnet werden kann, die auch in zahlreichen weiteren Publikationen der UN auftaucht[6]. Die nachhaltige Entwicklung zielt darauf ab, dass die Bedürfnisse der heutigen Generation erfüllt werden müssen, ohne die Fähigkeit zukünftiger Generationen, ihren eigenen Bedürfnisse gerecht zu werden, zu gefährden[7]. Dies bedeutet, dass die wirtschaftlichen Aktivitäten, die heute ausgeführt werden und die Wohlfahrt der jetzigen Generation gewährleisten sollen die Umwelt und die zur Verfügung stehenden natürlichen Ressourcen nicht zu einem solchen Ausmaß aufbrauchen dürfen, dass künftige Generationen nicht in der Lage sind, ihren eigenen Lebensstandard wiederum sicher zu stellen. Ein derartiger Ansatz impliziert die Notwendigkeit der Implementierung von aufeinander abgestimmten umweltbezogenen und ökonomischen Maßnahmen.

Die Implementierung einer solchen Art von Entwicklung setzt die konzeptuelle Erweiterung des Entwicklungsbegriffs an sich. Einerseits ist es notwendig, wirtschaftspolitische Entscheidungen und Maßnahmen auf ihre umwelttechnischen Auswirkungen hin zu überprüfen. Die Effizienz und der Erfolg von nachhaltigen Entwicklungskonzepten hängen von der adäquaten Integration und Verschmelzung zwischen Umwelt- und Wirtschaftspolitik. Im Falle Japans soll z. B. das so genannte Environmental Impact Assessment Law solche Prozesse begünstigen und fördern. Auf die Frage, inwiefern dies auch gelingt, wird später eingegangen.

Zweitens, bewegt sich das Entwicklungsverständnis weg von der einseitigen Vorstellung, dass Entwicklung und Fortschritt schlichtweg mit Wachstum gleichzusetzen sind. Es umfasst dann eine Wohlfahrt im allgemeineren Sinne, die sich nicht nur durch ökonomische und finanzielle Komponenten definieren lässt. Im Jahresbericht des Umweltministeriums für 2006 heißt es diesbezüglich:

„Environmental-oriented reforms will have impacts on people's lifestyles, environment-related markets, and the financial markets, that provide funds to these markets. People are becoming increasingly aware of environmental conservation. For this reason, in addition to financial indicators such as corporate profit or profitability, people are paying more attention to the socially responsible investment (SRI) indicator which evaluates corporate environmental conservation and other social activities in financial terms."[8]

Folglich bedeutet nachhaltige Entwicklung im ökonomischen Kontext eine Verbesserung und Vervollständigung der wirtschaftlichen Bedingungen durch höhere Umweltqualität, die sich dann z. B. auf die Arbeitskräfte positiv auswirkt (Gesundheit, allgemeines Wohlbefinden) und neue Arbeitsplätze innerhalb einer Volkswirtschaft (im Rahmen „grüner" Industriezweige wie Solar-, Wind-, oder Wasserenergie) schafft.

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I. 2 Der japanische Kontext/Überleitung zum nächsten Kapitel/Zielsetzung

Japan gilt heute in diesem Zusammenhang als eines der fortschrittlichsten Länder, das moderne Technologien zur Sicherstellung eines adäquaten und effizienten Naturschutzes konsequent einsetzt und dessen Gesellschaft sich aktiv an Umweltschutzmaßnahmen beteiligt. Zudem gilt es als wichtiger Partner vieler Entwicklungsländer im asiatisch - pazifischen Raum bei der Planung und Implementierung solcher Maßnahmen. Diese Arbeit setzt sich zum Ziel, den Weg, den die japanischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft durchlaufen haben, um diese Erfolge zu erzielen, etwas näher zu betrachten und erklären. Dabei soll der Schwerpunkt auf die umweltpolitischen Maßnahmen der japanischen Regierung und ihre Wechselwirkungen mit ökonomischen und sozialen Akteuren liegen.

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II. Hintergründe der japanischen Umweltproblematik

Einer der wichtigsten Faktoren für die Industrialisierung Japans ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts nach der erzwungenen Eröffnung des Landes durch die westlichen Mächte, ist die damalige politische Lage in Südost - Asien. Der technische Vorsprung und die damit verbundene militärische Stärke der Westmächte, die zu dieser Zeit eine expansionistische Politik im asiatisch - pazifischen Raum verfolgen, sensibilisieren die politische Führung und die Gesellschaft in Japan für die davon ausgehenden Kolonisierungsgefahr. Der Bedrohung einer Fremdherrschaft soll mittels einer raschen und zielgerichteten Industrialisierung entgegengewirkt werden. Wie die damalige Devise „reiches Land - starke Armee" (fukoku - kyöhei) das zum Ausdruck bringt[9], soll diese Industrialisierung den Aufbau einer modernen und schlagkräftigen Armee ermöglichen und aus dem bedrohten Land eine Großmacht machen. Die ersten Industriezweige, die eine intensive Förderung und Zuwendung seitens des Staates erfahren, sind die chemische, die Stahlindustrie und der Maschinenbau[10]. Die räumliche Verteilung der Industriestandorte ist mit der Bevölkerungsverteilung weitestgehend identisch - der „Industriegürtel fängt im Norden der Insel Kyushu (Fukuoka/Kitakyushu) an, erstreckt sich über Hiroshima, Kobe und Osaka entlang des Seto - Binnenmeeres, und verläuft weiter über Nagoya und Shizuoka bis nach Tokyo. Hinzu kommt eine sehr stark unausgewogene Bevölkerungsverteilung.

In der Periode nach dem Zweiten Weltkrieg wird diese Struktur größtenteils beibehlten, mit nur wenigen anderen nennenswerten Industriestandorten, wie z. B. Toyama oder Niigata[11]. Allerhöchste Priorität genießen weiterhin die Schwerindustrie, der Maschinen - und Schiffsbau und die chemische Industrie. Ihr rasches Entwicklungstempo wird nicht nur durch die Wiederaufbaubesterbungen der japanischen Regierung aufrecht erhalten, sondern auch durch ihre Rolle, bzw. Ansehen als Indikatoren für technologischen Fortschritt und „industrielle Modernität[12] ". Das folgende Schaubild gibt einen kurzen Überblick über die Produktionsentwicklung wichtiger Rohstoffe und Erzeugnisse, die im Prozess der Reindustrialisierung Japans eine wesentliche Rolle spielen. In den 60 er Jahren erfährt die Stahlproduktion eine nahezu vierfache Steigerung, die die immense Nachfrage auf dem

Binnenmarkt (Schiffs-, Maschinen- und teilweise Autobau) befriedigen soll. Beim Eisen und den Eisenlegierungen kann ein ähnliches Muster beobachtet werden. Zusammen mit diesem

Quelle: Eigene Darstellung. Datensätze nach www.stat.go.jp.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Industriewachstum werden verstärkt Energieträger verbraucht, zum damaligen Punkt hauptsächlich Kohle. Die negativen Implikationen für Mensch und Natur werden nur kurze Zeit später unverkennbar deutlich.

Diese Wachstumsstrategie verhilft der japanischen Bevölkerung zu einem stetig ansteigenden Einkommensniveau, das sogar die im ehrgeizigen „Ikeda - Plan" festgehaltenen Versprechen und Prognosen für dessen Entwicklung bei weitem übertrifft. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf steigt zwischen 1960 und 1970 von 2.759 US$ auf 6.703 US$[13]. Gleichzeitig setzt sich der Trend fort, dass die Ballungsgebieten und die Industriezentren nahezu deckungsgleich sind. Wenn man die Bevölkerungsverteilung zwischen 1960 und 2000 betrachtet, kann man relativ schnell feststellen, dass sich dieser Trend während der zur Beobachtung herangezogenen Zeitspanne kontinuierlich und stabil gehalten hat[14]. Diese zwei Faktoren haben maßgeblich zu der sehr hohen „Verschmutzungsdichte" in Japan in der Nachkriegszeit beigetragen. Auch wenn andere Industrienationen ein ähnlich hohes Umweltbelastungsniveau aufweisen[15], so ist die „soziale Intensität" der Umweltverschmutzung in Japan aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte deutlich stärker[16]. Toxische Industrieabwässer führen schon in den 50er Jahren zu bis dato völlig unbekannten Krankheiten. Die prominentesten Beispiele dafür sind die Minamata - Krankheit, eine chronische Quecksilbervergiftung, und die Itai - itai - Krankheit, bei der es zu einer Aufweichung der Knochen durch Kadmium - Ablagerungen kommt[17]. Die daraus resultierende Umweltkrise entwickelt sich schnell zu einer „Legitimationskrise"[18], nachdem erste Bürgerinitiativen in den Ballungszentren aktiv werden und die Liberaldemokratische Partei unter Druck setzen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Japans ökonomischer Wiederaufstieg nach 1945 auf eine ressourcenintensive und industrielastige Wirtschaftsstruktur zurückzuführen ist, die politisch gefördert und geschützt wird Der hohen Industriekonzentration und Bevölkerungsdichte steht das gänzliches Fehlen an einem Gesetzesrahmen zum Schutz der Umwelt und der Menschen die in ihr leben.

Nach der Ölkrise von 1973 erlebt Japans Industriestruktur einen Wandel in Richtung High­Tech-Branchen. Bis zu diesem Zeitpunkt ist es schwer von einer konsistenten und koordinierten Strukturpolitik in Japan zu sprechen.[19] Mit der durch die Ölkrise eingeleiteten drastischen Veränderung der Produktionsbedingungen sehen sich immer mehr „traditionelle" Industriezweige, überwiegend in der Grundstoffindustrie, dem Wettbewerbsdruck aus Ländern mit niedrigeren Energiepreisen ausgesetzt. Gleichzeitig wird die Situation japanischer Unternehmen zusätzlich von einer rückläufigen Nachfrage auf den internationalen Märkten erschwert. Aufgrund dieser Entwicklungen wird ein sogenanntes „Schrumpfungskonzept" zum Abbau von Überkapazitäten in der Produktion von Wirtschaft und MITI erarbeitet.[20]

Zudem wird eine starke Reduzierung der industriellen Emissionen beobachtet. Dafür ist zum einen die Abschwächung rohstoff- und energieintensiver Branchen wie Aluminiumproduktion oder Schiffsbau verantwortlich.

Quelle: Eigene Darstellung. Datensätze nach www.stat.go.jp.

Schaubild 2: Forschung und Entwicklung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Jahresproduktion von Aluminium bewegt sich Mitte der 80er Jahre bei etwa 21% des Produktionsniveaus vom Beginn des vorigen Jahrzehnts.[21] Bei anderen Rohstoffen wie Eisen oder Stahl können ähnliche Entwicklungen beobachtet werden, auch wenn die Unterschiede nicht so extrem ausfallen. Der Kohleverbrauch für die Energieversorgung geht zurück auf das Niveau der 50er und bleibt zwischen 1973 und 1981 konstant niedrig.[22] Zum anderen greifen zwischen 1973 und 1986 die Luftreinhaltemaßnahmen der Regierung, die relativ strenge Auflagen für Großemittenten beinhalten[23] und zur erheblichen Verbesserung der Luftqualität in den Ballungsgebieten beitragen. Die wichtigsten Komponenten dieser Maßnahmen sind die Änderungen des Air Pollution Controii Law von 1972 (Haftungsübernahme bei Gesundheitsgefährdung), 1974 (Emissionsgrenzwerte für Schwefeldioxid) und 1977 (Abgasgrenzwerte; werden 1977 eingeführt) und die Umweltqualitätsstandards für Stickstoffoxide.

Daher kann davon ausgegangen werden, dass der teilweise Wandel in Richtung High - Tech - Industrie, dessen Beginn eng mit den wirtschaftspolitischen Folgen der ersten Ölkrise zusammenhängt, nur eine Nebenrolle bei der Reduzierung der Umweltbelastung spielt. Die allgemeine Branchenkrise, die die Grundstoffindustrie erfasst und bis zur zweiten Ölkrise von 1983 andauert, zusammen mit diversen gesellschaftlichen und innenpolitischen Tendenzen , tragen maßgeblich zur Implementierung und Verbesserung umweltbezogener Politiken.

[...]


[1] Vgl. dazu Rosenbluth u. Thies, S. 8.

[2] Minamata - Krankheit und Itai-Itai Asthma.

[3] Z. B. The Environmental Agensy 1971 oder

[4] Vgl. dazu Gibbs/Longhurst, S. 197.

[5] Vgl. dazu http://documents.un.org/mother.asp. Dokumentennummer A/42/427 und Gibbs/Longhurst, S. 197. Der offizielle Name des Berichts lautet: Our Common Future und wurde 1987 veröffentlicht.

[6] Z.B. “Why Official Statistics should drive the Elaboration of Sustainable Development Statistics”, Statistical Commission and Economic Commission for Europe, Economic and Social Council of the UN., 2005.

[7] Eigene Übersetzung der offiziellen Definition.

[8] Vgl. dazu Annual Report on the Environment in Japan 2006, S. 15.

[9] Vgl. dazu Foljant - Jost (1995), S. 43.

[10] Ibid.

[11] Vgl. dazu Weidner, S. 102 - 103.

[12] Vgl. dazu Foljanty - Jost (1995), S. 46.

[13] Vgl. dazu Weidner, S. 103.

[14] Population Census, Statistical Maps of Japan I960 - 2000.

[15] Z.B. in Großbritannien.

[16] Vgl. dazu Rosenbluth/Thies, S. 8.

[17] Ministry of the Environment, Annual Report on the Environment in Japan 2006.

[18] Vgl. dazu Foljanty - Jost (1995), S. 25.

[19] Vgl. dazu Laumer/Ochel, S. 26.

[20] Z.B. das “Law on Temporary Measures for Small and Medium Scale Industries in Specified Depressed Regions;Vgl. dazu Laumer/Ochel, S. 30 - 32.

[21] Errechnet nach Daten von www.stat.go.ip.

[22] www.stat.go.ip.

[23] Vgl. dazu Foljanty - Jost, S. 54

Details

Seiten
29
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640759583
ISBN (Buch)
9783640759972
Dateigröße
641 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162358
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,3
Schlagworte
Japan Umwelt Politik Umweltpolitik Nachhaltigkeit Umweltverschmutzung

Autor

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Titel: Japans Umweltpolitik