Lade Inhalt...

Richard Sennetts "Der flexible Mensch" - Flexibilität in der Postmoderne

Seminararbeit 2010 12 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Gliederung

1 Moderne Flexibilität als Berufskrankheit

2 Definitionen von Flexibilität

3 Flexibilität als Machtsystem
3.1 Diskontinuierlicher Umbau von Institutionen
3.2 Die flexible Spezialisierung der Produktion
3.3 Die Konzentration der Macht ohne Zentralisierung

4 Folgen der Flexibilität
4.1 Konflikt zwischen den Lebenswelten
4.2 Probleme der Mobilität

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis
6.1 Literaturangaben
6.2 Internetquellen

1. Moderne Flexibilität als Berufskrankheit

Es gibt zwei Meldungen, die seit den letzten Jahren immer wieder durch die Nachrichten und Zeitungen gehen, und die ein Angst machendes Bild für die zukünftige Gesellschaft ergeben. Zum einen sind es Suizidserien von Angestellten in Großkonzernen, zum anderen sind es überforderte Schüler und Studenten, die noch gar nicht in der Arbeitswelt angekommen sind. Beim ersten musste sogar der französische Staat eingreifen, um per Gesetz ein gutes Betriebsklima zu verordnen[1], beim zweiten lässt die Verordnung noch auf sich warten. Der Druck auf Arbeitnehmer wie auf Hochschulabsolventen nimmt zu: Ein möglichst schnelles Studium, mehrere Fremdsprachen und viel Praxiserfahrung sind längst Bedingungen, um auf dem Arbeitsmarkt Erfolg zu haben.[2] Das Zauberwort hierbei ist Flexibilität. Doch was für das Unternehmen notwendig gewordene Voraussetzung ist, kann für viele zur Überforderung, bis hin zum Burn- Out- Syndrom führen; Flexibilität als Grundmerkmal der heutigen Gesellschaft, nicht nur in der Arbeitswelt. Dabei geht es weniger um „bestimmte Berufe, sondern vielmehr [um] Arbeitsformen, unter denen Beschäftigte leiden. Beispiel: Projektarbeit. Routinierte Strukturen, bekannte Aufgaben und dauerhafte Zusammenarbeit mit Kollegen gehen dabei verloren. Stattdessen stehen widersprüchliche Anforderungen, Zeitdruck und Konflikte auf der Tagesordnung.“[3] Man könnte meinen, die heutige Gesellschaft fördere einen „ Teufelskreis aus beruflich geforderter Flexibilität, Arbeitsdruck und befristeten Stellen, die Wochenend­beziehungen, eine Prekarisierung der Lebensverhältnisse und zerbrechende Familienstrukturen nach sich ziehen.“[4] Flexibilität und ihre Folgen für die Gesellschaft sind hierbei der Leitfaden für Richard Sennetts „der flexible Mensch“, indem er die Mechanismen und Symptome unserer Gesellschaft beschreibt, die sich der Flexibilität unterworfen haben. In einer lebenspraktischen Weise skizziert er den Wandel von der alten zur neuen Arbeitswelt, zeigt Folgen und Nachteile für die Individuen auf, und appelliert dazu, wieder eine würdige Arbeitswelt für die Menschen herzustellen, was H.G. im Magazin „Liaisons Sociales“ wie folgt beschreibt:

“Sennett n'oppose pas un présent de souffrance à un passé radieux, il ne remet pas en cause le système. Il plaide simplement contre les illusions de l'individualisme triomphant et pour la préservation du sens de la solidarité.”[5]

In meiner Hausarbeit möchte ich auf den Begriff Flexibilität näher eingehen und ihn von mehreren Perspektiven betrachten. Dabei werde ich zuerst einige Definitionen fur Flexibilität geben. Im Hauptteil werde ich auf den Begriff der Flexibilität in der Postmoderne eingehen, wobei ich an Richards Sennetts „Der flexible Mensch“ anknüpfen werde, und ihn mit postmodernen Theorien von Walzer und Habermas ergänze. Dennoch sollen hierbei nicht nur die Nachteile beleuchtet, sondern auch Vorteile erkannt werden. Die alte Zeit von Stabilität und Dauerhaftigkeit scheint für Richard Sennett vorbeizugehen, dennoch kann eines noch lange nicht behauptet werden:

“Who is to say that the old deal was better than the new one?”[6]

2. Definitionen von Flexibilität

In der soziologischen Persönlichkeitstheorie bedeutet Flexibilität „die aufgrund spezifischer Sozialisationseinflüsse gewonnene Eigenschaft einer Person, mit ihren sozialen Rollen in einer dynamischen, an wechselnde soziale Umgebungsverhältnisse sich anpassenden, dabei aber sozial produktiven (und nicht nur rezeptiven) Art und Weise umgehen zu können.“[7] Flexibilität bedeutet hier also die Fähigkeit,sich auf die Weiterentwicklung und Veränderung der äußeren Einflüsse einzustellen und reagieren zu können, ohne dass die Individualität dabei Schaden nimmt oder es eine resignierende Wirkung auf die betroffene Person hat. Flexibilität im Arbeitsleben seitens der Arbeitgeber bezeichnet „die mentale Fähigkeit, sich auf geänderte Anforderungen und Bedingungen einer Situation schnell einstellen zu können. Damit setzt sie eine Person voraus, die Veränderungen aufgeschlossen gegenüber steht, umstellungsfähig und veränderungsbereit ist.“[8] Richard Sennett stellt in seinem Buch „der flexible Mensch“ eine Art Begriffsetymologie von Flexibilität dar.. Die ursprüngliche Definition von Flexibilität komme von der Ableitung, „daß sich ein Baum im Wind biegen kann, dann aber zu seiner ursprünglichen Gestalt zurückkehrt.“[9] Es wird daher bei Sennett eher mit dem Begriff Dehnfestigkeit gleichgesetzt. Über die frühe Moderne, die Flexibilität mit Empfindungsfähigkeit gleichsetzte, kommt Sennett in die politische Ökonomie des 19. Jahrhunderts, die den Begriff Biegsamkeit mit dem Begriff Starrheit in Opposition setzte. Ausgeweitet wurde der Begriff dann auf die „Starrheit der Routine“[10]. Dieses Gegensatzpaar von Starrheit und Flexibilität habe sich bis heute gehalten. Hierbei verweist er auf Adam Smith, der Flexibilität sogar eins sah mit Freiheit. Demnach war Starrheit im Sinne von Leblosigkeit definitiv zu bekämpfen, zum Beispiel, indem man bürokratische Routine ablehne.[11] In der Arbeitswelt angekommen wird dieses Wort Flexibilität in den Berufsalltag umgesetzt; was dabei heraus kommt wird von Christian Rittershofer kurz und präzise formuliert: Flexibilität im Sinne von flexibler Arbeitszeit sei „die Ablösung starrer Arbeitszeiten durch Anpassung der Arbeitszeiten der Arbeitnehmer an die jeweiligen betrieblichen Erfordernisse.“[12] Flexibilität wird so zu einem Machtwort, das mit Arbeitsplatzabbau, häufigen Standortwechsel und Überforderung verbunden wird. Der Begriff Flexibilität wird zu einem Druckmittel. Ähnlich sieht dies Richard Sennett, wenn er von seiner Begriffsetymologie direkt in die Theorie eines Machtsystems einleitet, welches in der heutigen Gesellschaft aus drei Elementen bestehe: dem diskontinuierlichen Umbau von Institutionen, der flexiblen Spezialisierung der Produktion und der Konzentration der Macht ohne Zentralisierung oder wie es im Originaltext lautet, “concentration of power without centralization of power,” for exercising control behind the scenes without taking responsibility for it.”[13]

3. Flexibilität als Machtsystem

3.1. Diskontinuierlicher Umbau von Institutionen

Sennett beschreibt den Umbau von Institutionen mit einer unwiderruflichen Veränderung in der Arbeitswelt, “so daß keine Verbindung mehr zwischen Gegenwart und Vergangenheit besteht.”[14] Ausdünnung, lockere Netzwerke Down-sizing und Re­engineering sind hier die Schlüsselwörter, die für Sennett übersetzt vor allem mit Personaleinsparungen zu tun haben. Sennett deckt hierbei aber auf, dass „wiederholte Entlassungswellen zu niedrigeren Gewinnen und sinkender Produktivität der Arbeitskräfte“ führten,[15] da die verbliebenen Arbeitnehmer eher auf die nächste Entlassungswelle warten, als „ihren Sieg im Konkurrenzkampf über die Gefeuerten zu genießen.“[16] Auch wenn es mehr einer Beschwichtigung nahekommt, so ist es doch von

Sennett richtig aufgefasst, dass diese Angst vor dem Arbeitsplatzverlust zwar stets mitschwingt, aber eigentlich unnötig ist, da Personalabbau nie alle betrifft:

“People need not fear for their jobs at every turn. Nonetheless, the old certainties are indeed gone; no one can count on a “job for life” anymore.”[17]

Hierbei stellt sich natürlich die Frage, ob in den heutigen Generationen ein Job auf Lebenszeit überhaupt noch erwünscht wäre. Letztlich dienen diese Schlüsselwörter laut Sennett nur den Aktienwerten der Unternehmen, denn ein Unternehmen, welches Bereitschaft zur Veränderung zeigt, auch wenn sich die Qualität und Produktivität verringert, sei wohl immer noch besser als ein Unternehmen, das seine alte Struktur, Produktivität und Qualität beibehält:

“Perfectly viable businesses are gutted or abandoned, capable employees are set adrift rather than rewarded, simply because the organization must prove to the market that it is capable of change.”[18]

3.2. Die flexible Spezialisierung der Produktion

Umstrukturierungen der Institutionen sind einerseits, wie oben genannt, wichtig, um zu beweisen, dass ein Unternehmen veränderungsfähig ist, andererseits auch nötig; Sennett nennt dies Volatilität der Märkte, also die Unbeständigkeit der Nachfrage, die eine Spezialisierung der Produktion verlangt.[19] Bei der flexiblen Spezialisierung geht es darum, „eine breitere Produktpalette schneller auf den Markt zu bringen,“[20] auch eine teilweise statt beständige Nischenbesetzung ist hierbei sinnvoll, damit man sich der Schnelligkeit der Märkte anpassen kann. Nehmen wir das Beispiel Mode, so sehen wir, dass sich pro Jahr die Produktpalette mindestens zu jeder Jahreszeit einmal ändert.

Flexible Spezialisierung ist mit der Schnelligkeit moderner Kommunikationsmittel verbunden und versteht sich als Gegenmodell des Fließbandsystems im Fordismus. Das System der flexiblen Spezialisierung verlangt schnelle Entscheidungen und löst daher die pyramidale Hierarchie zugunsten kleiner Arbeitsgruppen ab.[21] Hier zieht Sennett auch Parallelen zur Hierarchiestruktur im Militär:

[...]


[1] Brüning, Franziska, Lieber tot als gemobbt, auf: http://www.sueddeutsche.de/karriere/selbstmord- serie-in-frankreich-lieber-tot-als-gemobbt-1.64405

[2] Burn-Out und Depressionen- Studenten im Stress, auf: http://www.sueddeutsche.de/karriere/burn-out- und-depressionen-studenten-im-stress-1.198511

[3] Brüning, Franziska, Berufskrankheit Burn-out, auf: http://www.sueddeutsche.de/karriere/berufskrankheit-burn-out-habe-fertig-1.978500-2

[4] Brüning, Franziska, Berufskrankheit Burn-out, auf: http://www.sueddeutsche.de/karriere/berufskrankheit-burn-out-habe-fertig-1.978500-3

[5] H.G., Richard Sennett, Le travail sans qualités. Les conséquences humaines de la flexibilité, in: Liaison Sociales Magazine, 2000, Band 11, S. 12.

[6] Hammer,Michael, Is work bad for you? In: The Atlantic Monthly, August, 1999, S. 92.

[7] Hillmann, Karl-Heinz, Wörterbuch der Soziologie, Kröner, Stuttgart, 2007, S. 229.

[8] Begriffsdefinition Flexibilität auf: http://www.arbeitsratgeber.com/flexibilitaet_0086.html

[9] Sennett, Richard, der flexible Mensch, BvT, Berlin, 2006, S. 57.

[10] Ebenda, S. 58.

[11] Ebenda S.58.

[12] Rittershofer, Christian, Lexikon Politik, Staat, Gesellschaft, dtv, München, 2007, S. 246.

[13] Hammer,Michael, Is work bad for you? In: The Atlantic Monthly, August, 1999, S. 88.

[14] Sennett, Richard, der flexible Mensch, BvT, Berlin, 2006, S. 60.

[15] Ebenda, S. 62.

[16] Ebenda, S. 63.

[17] Hammer,Michael, Is work bad for you? In: The Atlantic Monthly, August, 1999, S. 92.

[18] Hammer,Michael, Is work bad for you? In: The Atlantic Monthly, August, 1999, S. 88.

[19] Sennett, Richard, der flexible Mensch, BvT, Berlin, 2006, S. 64.

[20] Ebenda, S. 64.

[21] Ebenda, S. 64.

Details

Seiten
12
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640758906
ISBN (Buch)
9783640759248
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162331
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,3
Schlagworte
Sennett Flexibilität Postmoderne Arbeitswelt Mobilität Folgen des Kapitalismus Wandel

Autor

Zurück

Titel: Richard Sennetts "Der flexible Mensch" - Flexibilität in der Postmoderne