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Unabhängigkeit und Agrarsozialismus im Tunesien Habib Bourguibas

Hausarbeit 2004 21 Seiten

Geschichte - Afrika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Unabhängigkeit Tunesiens

3. Zur Person Habib Bourguibas

4. Die Jahre nach der Unabhängigkeit 1956 bis 1962

5. Der Agrarsozialismus von 1962 bis 1969
5.1. Die Durchsetzung des Agrarsozialismus
5.2. Landwirtschaftliche Kooperativen
5.3. Das Ende des Agrarsozialismus und Ben Salahs

6. Tunesiens Außenpolitik von 1956 bis 1969
6.1. Die tunesische Außenpolitik im Allgemeinen
6.2. Beziehungen zu Frankreich
6.3. Beziehungen zu den USA

7. Resümee

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Entlang des Verlaufs der tunesischen Geschichte in den Jahren 1956 bis 1969 möchte ich die Entwicklung einer Unabhängigkeitsbewegung bis zu ihrer spezifischen postkolonialen Entwicklung, die ich konsequent „agrarsozialistisch“ bezeichnen werde, analysieren. Da bei der Bildung von Kooperativen, was der Hauptbestandteil des tunesischen Sozialismus war, vor allem der Agrarsektor betroffen wurde, werde ich in dieser Arbeit den Begriff „Agrarsozialismus“ nutzen. So ist die Arbeit gegliedert in die tunesische Unabhängigkeit, die Person Habib Bourguibas im Speziellen, die Zeit nach der Unabhängigkeit, den Agrarsozialismus der 60er Jahre und die Außenpolitik Tunesiens. Den Unabhängigkeitsprozess selbst darzustellen, ist nicht Ziel dieser Arbeit und erfolgt daher nur skizzenhaft. Auf die Person Habib Bourguibas möchte ich eingehen, weil seine Person häufig mit der Politik der Unabhängigkeitsbewegung und des unabhängigen Tunesiens gleichgesetzt wird, daher möchte ich Fragen wer war Bourguiba und woher kam er? Danach möchte ich andeuten wie eine antikoloniale Bewegung, nach der Dekolonisation zu einer konservativen Institution, zum Träger des Status quo wurde. Den Agrarsozialismus möchte ich Aufzeigen als spezifischen, tunesischen Weg der Dekolonisation, mit seinen Widersprüchen, vor allem um den Begriff „sozialistisch“. Dabei möchte ich Andeuten, welche Rolle die nationalistische, kleinbürgerliche Schicht bei der Dekolonisation spielt. In der Außenpolitik liegt der Schwerpunkt meiner Arbeit daher auf dem Verhältnis zu Frankreich und den USA. Die außenpolitischen Beziehungen zu den afrikanischen und arabischen Staaten, insbesondere zu den Maghreb-Staaten vernachlässige ich somit. Vernachlässigen werde ich auch, die Herrschaftsstrukturen darzustellen, also die Entwicklung des bürokratischen Aufbaus des tunesischen Staates und die Rolle und Aufbau der Einheitspartei und des Gewerkschaftsbundes - auch eine dezidierte Schichtenanalyse Tunesiens werde ich nicht vornehmen. Als vorwiegende Literatur diente mir dabei, Sigrid Faaths „Tunesien Die politische Entwicklung seit der Unabhängigkeit 1956- 1986“, was umfangreiche Quellen und Übersichten beinhaltet und Bassam Tibis eher soziologischer Aufsatz „Die tunesische Unabhängigkeitsbewegung und ihr Werdegang im Dekolonisationsprozess. Vom Antikolonialismus zum ,konstitutionellen` Sozialismus.“ In der vorliegenden Arbeit wird die neue Rechtschreibung verwendet.

2. Die Unabhängigkeit Tunesiens

Nach langer Entwicklung wurde im Jahre 1881 Tunesien durch französische Kolonialtruppen besetzt. In den Verträgen von Bardo (1881) und La Marsa (1883) wurde der koloniale Status als Protektorat festgeschrieben. Die Okkupation stieß auf keinen nennenswerten Widerstand innerhalb der tunesischen Eliten.1 Warum ist es zur Kolonialisierung gekommen? Der tunesische Staat hatte bereits eine hohe internationale Verschuldung und die Sicherung des Kapitaldienstes war nicht mehr gesichert.2 Daher hatten französische Kapitalgesellschaften ein Interesse eine direktere Kontrolle auszuüben und es gab das Verlangen der Algerienfranzosen zu mehr Grundbesitz und Wohlstand zukommen - auch die reichen Phosphatvorkommen spielten wohl keine untergeordnete Rolle.3 Die Monarchie des husseinitischen Beys Lamin blieb offiziell bestehen. Die Verwaltung wurde gemischt tunesisch-französisch aufgebaut, in der die französischen Behörden dominierten.4 „Bewusst verkehrte die Protektoratsverwaltung nur mit einheimischen ,Notabeln` oder Respektpersonen, zog sie zur Mitarbeit heran und versuchte so zu ihrem eignen Vorteil das traditionelle Sozialgefüge zu verewigen.“5

1920 wurde die Parti Destourian („Destour“, arabisch: Verfassung) gegründet. Sie forderte die politische Gleichstellung mit den Franzosen, Ministerverantwortlichkeit vor dem Parlament und vor allem eine Verfassung. Ab 1932 spitzte sich der Streit zwischen der großbürgerlichen Parteiführung und den hinzukommenden kleinbürgerlichen, europäischer geprägten Parteimitgliedern innerhalb der Parti Destourian durch die Weltwirtschaftskrise zu. Und führte 1934 zur Abspaltung der kleinbürgerlichen Schichten unter Habib Bourguiba zur Parti Néo-Destourian (PND), deren erster Generalsekretär er selbst wurde. In der Folge verlor die Parti Destourian schnell an Bedeutung. Die PND, die sich als Massenpartei verstand, griff das Kolonialsystem nicht als solches an, sondern ihre Ziele waren Gleichberechtigung mit den französischen „Colons“ und innere Autonomie. Die Unabhängigkeit blieb Fernziel und sollte nur im Dialog und in Zusammenarbeit mit Frankreich erreicht werden.6

Nachdem Bourguiba während des 2. Weltkrieges von den Faschisten aus französischer Gefangenschaft befreit wurde, wurde die PND nach der Vertreibung der Rommel-Armee aus Tunesien verboten. 1945, auf Initiative der USA, „reist“ Bourguiba nach Ägypten aus, um einer erneuten französischen Inhaftierung zu entfliehen. Nach dem 2. Weltkrieg erstarkt Salah Ben Youssef innerhalb der PND, mit seiner Forderung nach einem härteren Kurs gegenüber Frankreich. Im Dezember 1951 brach Frankreich erneut die Zusammenarbeit mit der PND ab, die sie erst 1949 begonnen hatte, und Bourguiba wurde erneut verhaftet.7 1952 ruft Bourguiba zum Aufstand auf, nachdem Frankreich ein „schlechtes“ Verhandlungsangebot gemacht hatte, dass keine Überwindung des Kolonialsystems darstellt. Als Gegenleistung für die Einstellung des Aufstandes bat der französische Ministerpräsident Mendès-France8 während einer demonstrativen Reise nach Tunesien am 31. Juli 1954 innere Autonomie an, die 1955 unterzeichnet wurde. Die Protektoratsverträge von Bardo und La Marsa wurden nicht aufgehoben. Der radikale Flügel der PND um Ben Youssef setzte den bewaffneten Kampf „gegen Frankreich an der Seite der […] Maghrebvölker“9 fort. Ben Youssef wurde dafür aus der PND ausgeschlossen und floh nach Ägypten, während der Aufstand von den Anhängern Bourguibas, die von französischen Truppen unterstützt wurden, erstickt wurde. Im Februar 1956 kam es zu neuen Verhandlungen über den Status Tunesiens, da Marokko die Aufhebung der Protektoratsverträge erreicht hatte. So entließ der französische Ministerpräsident Edgar Faure am 20. März 1956 Tunesien in die Unabhängigkeit und die Protektoratsverträge wurden aufgehoben. Frankreich übergab Tunesien an Habib Bourguiba, der bei den Wahlen siegte und am 25. Juli 1957 die Monarchie beendete, indem er den Bey Lamin absetzt.10

3. Zur Person Habib Bourguibas

„Bourguiba war kaum ein typischer Tunesier, umso mehr ein typisches Produkt der `kolonialen Situation` mit ihrer Ambivalenz und Zwiespältigkeit.“11

Habib Bourguiba wurde am 3. August 1903 in Monastir, als jüngster Sohn einer kleinbürgerlichen Familie mit acht Kindern geboren. Sein Vater war ein tunesischer Beamte. Seine Mutter starb sehr früh. Mit fünf Jahren zog er zu seinem Bruder nach Tunis und besuchte das Collège Sadiki.12 Diese Schule besuchte Bourguiba bis zum sechzehnten Lebensjahr. Dann musste er die Schule ein Jahr wegen einer Lungeninfektion unterbrechen, um 1921 seine Ausbildung am Lycée Carnot fortzusetzen, einer Schule mit französischem Lehrplan. Er besteht 1924 als bester seiner Klasse das Baccalauréat. „Bourguiba war einer der wenigen Tunesier der damaligen Zeit, die eine westliche Bildung genossen. Von den vornehmen tunesischen Familien wurde er als Emporkömmling betrachtet,…“13 Finanziert durch ein Stipendium des Collège Sadiki und unterstützt von seiner Familie, begann er im gleichen Jahr in Paris Rechtswissenschaft und Politik zu studieren. Hier heiratete er eine französische Offizierswitwe, mit der er einen Sohn bekam. 1927 kehrte er nach Tunis zurück und arbeitete als Anwalt.14

Bereits 1922, mit neunzehn Jahren, war er der Parti Destourian beigetreten. In Frankreich hatte er sich mit Vertretern der Linksparteien getroffen. 1930 bis 32 arbeitete er bei der nationalistischen Zeitung „La Voix du Tunesien“, später gründete er selbst die Zeitung „L`Action Tunésienne“. Bourguiba war eine zeitlang Mitglied im Exekutivkomitee der Parti Destourian.15

In den Jahren 1934/35, 1938 bis 1942 und 1952 bis 1955 saß er in französischer Haft.16

Bourguiba war weniger der Sozialrevolutionär des 20. Jahrhunderts als der aufgeklärte Radikale des 19. Jahrhunderts.17 Er managte eine politische, keine soziale Revolution. Er glaubte „an die Vernunft, an die Beeinflussbarkeit des Menschen durch Zureden und Überzeugen, durch Appelle an die Ratio.“18 „Habib Bourguiba führte den Befreiungskampf […] mit dem traditionell emanzipatorischen Frankreich gegen das kolonialistische Frankreich.“19

Bourguibas zeigte eine Zurückhaltung gegenüber panarabischen und panislamischen Schlagworten und Träumereien, nicht die „Umma“, die Gemeinschaft der Rechtgläubigen war für ihn letzte politische Einheit, sondern die Nation. Die erste Phase nach der Unabhängigkeit zeugt von der Aufklärung: Säkularisierung der Ehe, Abschaffung der Polygamie, Abschaffung des religiösen Großgrundbesitzes, Modernisierung des Bildungswesens, Angriffe gegen das Fasten im Monat Ramadan und das Schleiertragen der Frauen20 - so Bourguiba in einer Rede am 11. April 1960:

„Gott ist mit uns. Als Beweis nenne ich nur den Regen, der jetzt endlich über dieser Landschaft gefallen ist. Wenn es nicht geregnet hätte, hätte man die Dürre Bourguiba zur Last gelegt, weil ich empfohlen habe, das Fasten im Ramadan nicht einzuhalten, und damit Gottes Zorn auf mich geladen hätte. In Wahrheit berücksichtigen wir nur die besonderen Bedingungen, in denen unser Land lebt, und interpretieren entsprechend großzügiger die Fälle, in denen der Koran und die Überlieferung des Propheten vom Fasten dispensieren. Nun, ihr seht selbst, dass Gott nicht aufhört, uns zu helfen. Wir sind auf dem rechten Weg!“21

Die stärke Bourguibas war nicht die Ideologie, sondern die Methodik und Technik des politischen Kampfes.22 So beruhte seine Innenpolitik, „auf einem integrativen und bonapartistischen Nationalismus.“23 Auch scheute er nicht davor zurück, zur Erhaltung seiner Macht für die Beruhigung des Großbürgertums zu sorgen, in dem er eine zweite Ehe schloss mit Wassila Ben Ammar, einer Frau aus einer der reichsten tunesischen Familien.24

[...]


1 Vgl. Tibi, Bassam, Die tunesische Unabhängigkeit und ihr Werdegang im Dekolonisationsprozeß. Vom Antikolonialismus zum „konstitutionellen Sozialismus“, in: Soziologie und Dekolonisation in Afrika. hrsg. von Grohs, Gerhard /Tibi, Bassam, Frankfurt am Main 1973, S. 88.

2 Vgl. Ruf, Werner, Der Maghreb im Überblick, in: Handbuch der Dritten Welt. Nordafrika und Naher Osten, Bd. 6, hrsg. von Nohlen, Dieter /Nuscheler, Franz, Bonn, 1993, S. 89.

3 Vgl. Tibi, Bassam, S. 83.

4 Vgl. Germann, Raimund E., Verwaltung und Einheitspartei in Tunesien. Unter besonderer Berücksichtigung des Kooperativeswesen, Zürich 1968, S. 32.

5 Ebd., S. 34.

6 Vgl. Ruf, Werner, Der Burgibismus und die Außenpolitik des unabhängigen Tunesien, Bielefeld 1969, S. 29 ff.

7 Vgl. Albertini, Rudolf von, Dekolonisation. Die Diskussion über Verwaltung und Zukunft der Kolonien 1919-1960. Köln 1966, S. 458 f.

8 Ansprenger nennt Mendès-France einen Innenpolitiker der die Wirtschaft und Sozialstruktur des europäischen Frankreich verjüngen wollte und die nordafrikanische Situation nach traditionellen Formeln und Fiktionen eher verwaltete; in: Ansprenger, Franz, Auflösung der Kolonialreiche, in: dtvWeltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Bd. 13, München 1977, S. 238

9 Boushini, Sabah, Die Rolle Nordafrikas (Marokko, Algerien, Tunesien) in den deutsch-französischen Beziehungen von 1950-1962, Aachen 2000, S. 38.

10 Vgl. Gosser, Alfred, Frankreich und seine Außenpolitik 1944 bis heute, München 1989, S. 113 ff.

11 Germann, Raimund E., S. 86.

12 Das Collège Sadiki wurde 1875 vom damaligen tunesischen Premierminister Khéreddine gegründet, aus ihm „ging die europäisch, gebildete bürgerliche Intelligenz hervor, die [...] auf ideologischer Ebene eine Synthese aus einem bürgerlich-liberal interpretierten Islam und modernem europäischen Denken zu erreichen versuchte.“; Tibi, Bassam, S. 88.

13 Germann, Raimund E., S. 86.

14 Vgl. Ebd., S. 85.

15 Vgl. Ebd.

16 Vgl. Ansprenger, Franz, Zur Politik und Zeitgeschichte Heft 8/9. Afrika. Eine politische Länderkunde, Berlin 1961, S.74.

17 Vgl. Germann, Raimund E., S. 86.

18 Ebd.

19 Dridi, Mohamed, Tunesien, in: Handbuch der Dritten Welt. Nordafrika und Naher Osten, Bd. 6, hrsg. von Nohlen, Dieter /Nuscheler, Franz, Bonn, 1993, S. 277.

20 Vgl. Germann, Raimund E., S. 86.

21 Aus: Ansprenger, Franz, Zur Politik…, S.74 f.

22 Vgl. Germann, Raimund E., S. 86 f.

23 Tibi, Bassam, S. 94.

24 Vgl. Faath, Sigrid, Tunesien. Die politische Entwicklung seit der Unabhängigkeit 1956-1986. Kommentar und Dokumentation, Hamburg 1986, S. 146 f.

Details

Seiten
21
Jahr
2004
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162278
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Historisches Institut
Note
3,0
Schlagworte
Tunesien Dekolonisation Agrarsozialismus Unabhängigkeit Habib Bourguiba Kooperative Außenpolitik

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