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Der arendt'sche Mob

Die bürgerliche Unterwelt und ihr Drang zur absoluten Herrschaft

Vordiplomarbeit 2001 43 Seiten

Politik - Politische Systeme - Historisches

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung:
1. Einleitung

Erster Teil: Die Begrifflichkeit des Mob
1.1 W as ist der „Mob“
1.2 Hannah Arendts Begriff des Mob

Zweiter Teil: Der Mob vom Imperialismus bis zur totalen Herrschaft
2.1 Der Mob in Südafrika
2.2 Der Mob und der Pan- Germ anismus
2.3 Der Mob und die Masse

Dritter Teil: Mob und Masse am Beispiel der Dreyfus- Affäre
3.1 Zwei Beispiele der dritten Republik
3.2 Der Prozess um den Hauptmann Dreyfus
3.3 Der Mob anhand Arendts Abschnitt , Kapitel und gesamten Werk

Schluss :
4.1 Schlusswort

Anhang :
5.1 Literaturverzeichnis

Einführung:

„Denn die Vorgeschichte des nationalsozialistischen Deutschland spielt in ganz Europa und ist schwer aufzuspüren unter der breiten Oberfläche offizieller Dokumente und bekannter Autoren. So ist es wichtig, dort zuzugreifen, wo sie einmal aus dem Halbdunkel der Schmutz- und Schundliteratur und den unerforschten unterirdischen Bereichen des Aberglaubens auftaucht und ins volle Licht der erforschten und registrierten Geschichte europäischer Politik tritt (EU, S. 222).

Einleitung

Dass es in Deutschland eine Diktatur mit industriell organisiertem Massenmord, totalitärem Überwachungssystem, völkerrechtswidrigen Angriffskriegen und Ausbeutung vor allem jüdischen Kapitals hat geben können, ist nicht zuletzt einem gesellschaftlichen Milieu zuzuschreiben, welches sich wie ein Leitfaden durch die neuere und ältere Geschichte zurück verfolgen lässt, ohne jedoch in ausreichender Weise genaueren Untersuchung unterworfen worden zu sein, sonst würde sich Geschichte traurigerweise nicht im Negativen und „kleinen“ tagtäglich wiederholen können: ich meine das bürgerliche „Déclassement“, die „Unterwelt“, welche von Hannah Arendt in ihrem Werk „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“ von 1951 als der Mob bezeichnet wird und in dieser Schrift genauer untersucht wird.

Ich bediene mich dabei eines historischen Beispieles: der Dreyfus- Affäre in Frankreich am Ende des 19. Jahrhunderts. Das Thema ist einerseits gut erforscht und andererseits ist diese Erscheinungsform der Herrschaft der bürgerlichen Unterwelt als „Generalprobe“ (Arendt) für das 20. Jahrhundert anzusehen. Was sich auf Frankreichs Strassen von 1897 – 1899 abgespielt hat, hat sich später in ähnlicher Variante auch auf den Strassen der Weimarer Republik abgespielt und könnte die übersehene Warnung an scheinbar „aufgeklärte“ Völker und Nationen gewesen sein, sich in jeder Gegenwart immer wieder davon zu überzeugen, dass Pogrome und Exempel in keiner Gesellschaft ein duldsamer Zustand sein können.

Der Pöbel, hier der lateinisch- klassischen Herleitung entnommen, ist der antidemokratische, antirepublikanische Teil eines souveränen Volkes, der normalerweise im Verborgenen, die Akklamation bestehender Volkssouveränitäten herbeiwünscht. In Russland/ der Sowjetunion und kurz danach auch in Deutschland/ der Weimarer Republik ist es diesem gesellschaftlichen Milieu 1918 bzw. 1933 gelungen, die Führungselite zu stellen- es mag hier zu weit führen, sollte jedoch beim Lesen dieser Untersuchung immer im Kopf behalten werden.

Am Beginn des 21. Jahrhunderts stellt sich der Mob in der Bundesrepublik Deutschland primär als Akteur im Sinne von Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, antidemokratischer Propaganda und terrorfreundlichem Bekunden dar. Er kann von politischen über religiösen bis hin zu selbst- zerstörerischen sowie totalitären Motiven geleitet sein: treibt fremdländisch aussehende Mitbürger durch Städte und Gemeinden, zündet Asylantenheime an, plant terroristische Aktionen oder schüchtert die demokratisch gesinnte Bevölkerung ein. Der Mob ist tagespolitisch präsent, es obliegt den republikanischen Bürgern ihn zu erkennen und gegen ihn gemeinsam zu handeln.

Ich habe im Weiteren folgende Vorgehensweise gewählt:

Im ersten Kapitel analysiere ich den Begriff des Mobs anhand eines gängigen Grundwerkes, der beachtlichen Schrift „Elemente und ursprünge totaler Herrschaft“ von Hannah Arendt. Der Unterschied zu Hannah Arendts Perspektive wird im Folgenden kontrastiert: die Besonderheiten sollen durch Gegenüberstellung deutlich werden. Ich bemühe mich dabei um eine zeitlose Definition des Begriffes „Mop“. Der in dieser Weise definierte „Mop“ ist ein Phänomen aller Zeiten mit unterschiedlichen Ausprägungen- es kommt auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umstände an, in welcher Masse (Quantität) und Intensität (Qualität) er auftritt. Es gibt ihn letztlich zu jeder Zeit, da bis dato zu jeder Zeit Menschen aus gesellschaftlichen Klassen deplaziert wurden und werden bzw. sich selbst deklassieren oder in der Hoffnung auswandern, ihre klassenspezifische Situation in irgendeiner Weise aufzuwerten, mit dem Ziel, außerhalb demokratischer Konsense in totalitären Ideologien aufsteigen zu können.

Im zweiten Kapitel untersuche ich, wie der Mob durch Agitation und Entwicklung eines unmenschlichen Weltbildes versucht hat die „Hintertreppe“ der Politik zu verlassen und sich zu Machthabern und Staatsführern zu entfalten. Vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn der Etablierung einer totalen Herrschaft in Europa im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts taucht er in verschiedenen Erscheinungsformen immer wieder auf- in Südafrika, in den Panbewegungen und am deutlichsten in der nationalsozialistischen Organisation. Es hat mehrere Versuche des Mobs in den letzten 130 Jahren gegeben, die politische Führung im Staat zu übernehmen. Die hier aufgeführten Formen sind als Verkettung zu sehen- eine temporäre Historie ist im Weitesten Sinne für die darauf folgende aufbauend- sonst wären mindestens zwei dieser Versuche nicht mit solch einem „Erfolg“ in die Schande menschlicher Geschichte eingegangen.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich im Einzelfall eingehend mit dem Aufkommen des Mobs zur Zeit der Dreyfus- Affäre. Hierbei geht es um die Beschreibung der geschichtlichen Abläufe des Spionagefalles Dreyfus und seinen fatalen Folgen.

Darüber hinaus erhellen zwei Beispiele den Rahmen der Katastrophe, die für sich eine Reflektion der zersetzenden gesellschaftspolitischen Verhältnisse der dritten Republik Frankreichs darstellen (das eine Beispiel behandelt die Schuldzuweisung der Niederlage im deutsch- französischen Krieg 1870/71 auf die Juden; das andere Beispiel behandelt den Spekulations- und Finanzskandal um den Bau des Panama- Kanals 1880/88).

Im dritten und literaturspezifischen Teil dieses Abschnittes gehe ich explizit auf das vierte Kapitel Hannah Arendts ein (zuerst nur auf den Abschnitt Dreyfus, dann auf das ganze Kapitel). Da Arendts Werk ineinander aufbauend ist, würde eine isolierte Betrachtung als wenig sinnvoll erscheinen. Daher erweitere ich die literarische Untersuchung auf ihr gesamtes Buch. Der vierte und letzte Teil des Abschnittes stellt die Dreyfus- Affäre in Verbindung mit dem Mob und Arendts elementarer Totalitätsansicht.

Vergleiche. für den zweiten und dritten Teil der Schrift die Graphik auf der folgenden Seite 5.

Politische Aktivitäten des „arendtschen“ Mob:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Erster Teil: Die Begrifflichkeit des Mob

1.1 Was ist der Mob? :

Der Mob, dem englischen „the mob“ entnommen, bedeutet in der sprachlichen Herleitung eigentlich die „aufgebrachte Volksmenge“ (SD, S.321).

Die „aufgebrachte Volksmenge“ hat es in der Geschichte immer gegeben und dieser „Mob“ kann sich unter Bestimmten gesellschaftlichen und politischen Krisen von großer Tragweite immer wieder bilden.

Eine aufgebrachte Volksmenge unterscheidet sich, gegenüber Arendts Definition von Mob, von der aufgebrachten Mehrheit eines Volkes dadurch, dass sie sich nicht wie die Mehrheit eines Volkes organisiert. Ihr ist das dauerhafte, ideologische und politisch definierte Gemeinschaftsinteresse nicht impliziert, obwohl auch diese Menge noch im Interesse eines gewissen Teils des Volkes ad hoc agiert. Das homogene Interesse dieses Mobs ist getragen von einem zeitlich- begrenzten Unmut gegen bestimmte Zustände des politisch Bestehenden.

Hat sich die aufgebrachte Volksmenge in der situativen Entladung ihres Grolls gegen das Bestehende „Luft verschafft“ verfällt sie wieder in ihrer heterogenen Strukturlosigkeit und kehrt zurück in die bestehenden politischen Verhältnisse, Milieus und Klassen (meist als Minderheit). Dieser Mob, verfolgt weder auf längere Sicht bezogene, gemeinschaftliche Ideen noch gemeinsame Ideologien und steht sogar im Widerspruch zu den Bildungen des „arendtschen“ Mob.

Der Mob (im Sinne des englischen „mob“) fand sich zusammen um eigentlich nur ein gemeinsames spontanes Anliegen von ganz unterschiedlichen Interessenherleitungen zu verfolgen, bevor die Ursachen, die diese Volksmenge erst aufbrachte, soweit wieder zur Nichtigkeit wurden, als dass die pluralistischen und differenzierten Motivationen der Aufgebrachten sowie die Notwendigkeit ihrer Lebensbewältigung und Lebensführung sie wieder einlenken ließ in die Alltäglichkeiten.

Die Unterscheidung zwischen dem Mob als aufgebrachte Volksmenge, der situativ seinen Hass auf (als wirklich empfundene) Missstände entlädt, z. B. auf Juden durch einzelne „in der Geschichte immer wiederkehrende Pogrome“ (Arendt) und dem Begriff des „arendtschen“ Mob, der ohne anarchischen und menschenverachtenden Inhalt gar nicht gedacht werden darf mag hier hilfreich sein.

Diese Art der „Mobbildung“, als aufgebrachte Volksmenge, findet sich in der Tat überall in der Geschichte wieder, hat aber für die Betrachtung des „arendtschen“ Mob- und Massebegriffes kaum Gewicht und wird hier (wenn gebraucht) mit der Begrifflichkeit der „aufgebrachten Volksmenge“ fortgeführt.

1.2 Der „arendtsche“ Begriff des Mob:

Der Mob, den Arendt spezifisch in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ anführt und der für ihre Theorie eine Schlüsselfunktion beinhaltet, lässt sich eher aus dem lateinischen „mobile vulgus“ herleiten - gleichbedeutend mit „der Pöbel“ (SD, S.321).

Diese Begrifflichkeit stellt historisch und politisch eher die Verbindung zu der Unterwelt im alten Rom dar, welche sich schon in antiken Zeiten des republikanisch- römischen Gemeinwesens zu entledigen suchte, um seinen außerhalb dieses Wesens gelegenen Interessen Geltung zu verschaffen.

Arendts Definition von Mob stellt die „Unterwelt der Bourgeoisie“ (Arendt) dar, deren Sphäre sich definitiv in als am Rande der bestehenden Illegalität befindet - von Teilen der Gesellschaft jedoch nicht als solche wahrgenommen wird1.

„Älter als überflüssiger Reichtum war ein anderes Nebenprodukt kapitalistischer Entwicklung: Die menschlichen Abfallprodukte, die nach jeder Krise, wie sie unweigerlich auf jede Periode industrieller Ausdehnung folgte, aus der Reihe der Produzenten ausgeschieden und in permanente Arbeitslosigkeit gestoßen wurde“ (EU, S. 338f).

Dieser Mob setzt sich aus allen Klassen der Gesellschaft zusammen- spezifisch: aus all den deklassierten Menschen der Gesellschaft, weshalb er in der Öffentlichkeit zu Zeiten stabiler gesellschaftlicher Strukturen nicht offensichtlich auszumachen ist und daher leicht mit dem Volk zu verwechseln ist (als dessen „Karikatur“). Eher ist der Mob die kontraproduktive, normalerweise im Verborgenen der Gesellschaft verbleibende destruktive Substanz des Volkes in Bezug auf dessen passive Verhaltensweisen.

„Kämpft das Volk in allen großen Revolutionen um die Führung der Nation, so schreit der Mob in allen Aufständen nach dem starken Mann, der ihn führen kann. Der Mob kann nicht wählen, er kann nur akklamieren oder steinigen“ (EU, S. 247).

Der Mob ist augenscheinliches Symptom für die Bereiche in der Gesellschaft, in denen soziale Unsicherheit, politische Unzufriedenheit und ökonomische Perspektivlosigkeit das Ressentiment gegen die bestehenden Verhältnisse beherrschen, nur dass diese Ansammlung von antidemokratischen Elementen keine Ambitionen hegt, der Volksherrschaft dienlich zu sein und den aktiven Beitrag eines „Citoyens“, eines politisch- verantwortungsbewussten Menschen im Gesellschaftswesen, zu leisten.

Der Mob demonstriert nicht für den Erhalt eines demokratischen und republikanischen Gemeinwesens; im Gegenteil ist der Mob jener Teil der Gesellschaft, der sowohl dem Nationalstaat als auch der interessenspezifischen Volksvertretung, das Recht auf Selbstbestimmung und homogene Souveränität abspricht und sich für eine Führung in einer monopolisierten Personifikation einsetzt: den Führer verlangt, dem sich diese inhomogene Anhängerschaft ergeben kann.

Eine der Ursachen für dieses Charakteristikum liegt in der Zusammensetzung der Anhängerschaft. Der Mob setzt sich zusammen aus:

„Sexualverbrechern, Rauschsüchtigen oder Pervertierten“ (EU, S. 704), aus „menschlichen Abfallprodukte[n], die nach jeder Krise“ industrieller Ausdehnung entstehen (EU, S. 338f), aus „Studenten, Royalisten, Abenteurer[n] und Gangster[n]“ (EU, S. 255), aus „Abenteurer[n] und Händler[n], Verbrecher[n] und Spieler[n], ruinierte[n] Existenzen aller Art“ (EU, S. 429), aus „berufsmäßigen Goldgräber[n] und Spekulanten, Schankwirte[n] und ehemalige[n] Offiziere[n], (..) jüngsten Söhne[n] aus guter Familie, kurz alle die, (...) die sich aus den verschiedensten Gründen in ein geordnetes Leben nicht mehr fügen mochten“ (EU, S. 429).

Wie zu ersehen ist, führt Arendt ein breites Spektrum an Beispielen auf, aus welchem deutlich wird, dass es sich hier um all jene gescheiterten Existenzen handelt, deren zukünftiger „Werdegang“ sich außerhalb der gesetzlichen Spielregeln und gemeinschaftlichen Lebensweisen abspielen wird. Der Mob besteht aus Menschen, denen es verwehrt scheint, ihre Interessengrundlagen im Nationalstaat/ in der Republik auf legalem Wege zu verwirklichen.

Entscheidend ist, dass sich der Mob nicht mehr von den parlamentarischen Interessenvertretungen repräsentiert fühlt und sich nicht mehr bereit erklärt, ein Leben in dieser Interessengemeinschaft zu leben, aus der er sich letztlich rekrutiert hat, aus dessen Klassen er herausgeschleudert worden ist. Die Handlungssphäre des Mob liegt durchweg im außerparlamentarischen Raum- weshalb gerade die Existenzlosigkeit parlamentarischer Interessenvertretungen ein Element des Mob zur Zeit der Nationalstaaten ist.

Das gefährliche Potential besteht in der Mobilisation des Mob, dessen selbstorganisatorische Fähigkeiten durch mangelnde Homogenität und mangelndes Organisationstalent beschränkt sind. Dazu bedarf es Führungspersönlichkeiten und interpersoneller Interessenvertretungen2, welche versuchen, ein Ziel außerhalb des unmittelbar erreichbaren zu setzen, damit der Mob nicht wieder in die „launenhafte“ (Arendt) Erstarrung verfällt.

Vollzieht sich zur selben Zeit innerhalb der Gesellschaft ein passives Ressentiment an bestehenden, gemeinschaftlichen, politischen Verhältnissen seitens der Öffentlichkeit, besteht, wie aufgezeigt wird, die Gefahr einer demokratischen Verfremdung der öffentlichen Sphäre durch die Ausbreitung und Unterwanderung der anarchischen Beweggründe des Mob und ihrer Führer.

Verschieden Zeitalter haben den Mob in verschiedenen Erdteilen und Staatsformen anders in Erscheinung treten lassen und ihm genug Zeit gegeben sich zu „entwickeln“:

der Mob findet sich während der Dreyfus- Affäre als Pöbel in den Strassen Frankreichs wieder, als weiße „Kleindespoten“ über die profitreichen Lokalitäten Südafrikas während des Zeitalters des Imperialismus, als Führer und Akklamateure der Pan- Bewegungen im kontinentalen Imperialismus und sowie schließlich als Transformationsgestalten in Form moderner Massenführer und Führer der Frontbewegungen mit totalitären Absichten nach dem ersten Weltkrieg. Diese Zeitspanne umfasst knapp siebzig Jahre und soll in den folgenden Abschnitten einer genaueren Betrachtung unterzogen werden

Zweiter Teil: Der Mob - vom Imperialismus bis zur totalen Herrschaft

2.1 Der Mob in Südafrika:

Entwickelte sich die Bourgeoises im Verlauf des 19. Jahrhunderts mit und innerhalb des Nationalstaates, dessen Prinzip es war, jenseits von Klassen und Parteien zu stehen und diese als gesamtes Repräsentationsobjekt zu regieren, veränderte sich die bourgeoise, politische Haltung innerhalb des imperialistischen Zeitalters beträchtlich. Zuvor, in der Entstehungsphase der Nationalstaaten seit 1789, war die Haltung der Bourgeoisie darauf beschränkt, die ökonomische und nicht die politische Vormachtstellung innerhalb des nationalen Staatsterritoriums zu erreichen und auszubauen, ohne sich mehrheitlich an der Ausübung des Regierens zu beteiligen oder auch nur beteiligen zu wollen - die „politische Emanzipation“ (EU, S. 284) als Bourgeoisie zu vollziehen.

Erst als das national gebundene Kapital nach jahrzehntelanger Expansion an die territorialen Grenzen des Nationalstaates geriet, und Sicherungen der horrenden Profitrate, in bezug auf den Mehrwert3 gefährdet waren, entwickelte sich eine bourgeoise Interessengemeinschaft, die den Staat und seine Institutionen zum Schutz ihres nun interkontinental angelegten Kapitals nutzen wollte.

„ Die Wirtschaft selbst zwang die Bourgeoises, politisch zu werden; das kapitalistische System, das auf einem ständigen Anwachsen der industriellen Produktion beruht, konnte nur gerettet werden, wenn es gelang, die Außenpolitik der Nationalstaaten im Sinne der (...) Expansion zu bestimmen“ (EU, S. 291).

Der Kapitalexport ins Ausland bzw. Kapitalanlagen im Ausland waren noch keine spezifischen, imperialistischen Faktoren. Erst als die Bourgeoisie4 erreichte, dass das im eigenen Territorium überflüssig gewordenen Großkapital (zum ersten) in vorher politisch anders organisierten Territorien auf rassischer Grundlage geschützt, (zum zweiten) durch die Verwaltung überflüssig gewordener europäischer Arbeitskraft administriert und (zum dritten) durch den Schutz nationalstaatlicher Institutionen5 legitimiert wurde, begannen sich die imperialistischen Faktoren de jure herauszukristallisieren: die Ausbeutung der einheimischen, „minderwertigen“ Arbeitskraft auf der Grundlage nationalstaatlichen, institutionellen Schutzes zur Sicherung der unnatürlichen Profitraten, ohne dabei die unterdrückten, homogenen Völker durch nationalstaatliche Assimilation in das Staatsgefüge zu integrieren.

Es entwickelte sich in den ehemaligen Kolonien, deren Funktionsweise zuvor in der Eroberung und Ausplünderung bestanden hatte, sprichwörtlich als „Mittel zum Zweck“, das Prinzip der bürokratischen Herrschaftsform: das Prinzip der öffentlich- rechtlichen Entscheidung wurde zugunsten des anonymen Büros verworfen, an die Stelle des Gesetzes trat die anonyme Verfügung und anstelle einer Regierung wurde die Verwaltung eingeführt.

[...]


1 Als vorweg greifendes Charakteristikum sei hier Arendts sich häufig wiederholender Gedanke angeführt, dass, was der Gesellschaft im Allgemeinen als Verbrechen, der bürgerlichen Gesellschaft unter bestimmten Umständen nur als Laster gilt. „Solche Katastrophalen Veränderungen können sich im Nu vollziehen, wenn die politischen Institutionen des Staates von der Gesellschaft nicht mehr isoliert sind, so dass gesellschaftliche Wertungen in die Gesetzgebung eindringen und zu politischen Maßnahmen sich verfestigen können. Die scheinbare Vorurteilslosigkeit, die im Verbrechen ‚nur’ ein Laster sieht, wird überall da, wo man ihr erlaubt, die Gesetze zu diktieren, sich als grausamer und unmenschlicher als noch so drakonische Gesetze erweisen, die immer noch die Verantwortlichkeit des Individuums für seine eigenen Handlungen anerkennen und respektieren“ (EU, S. 204).

2 In der dritten Republik Frankreichs fand solch Symbiose während der Zeit von 1897 bis 1899 statt, als Jesuiten die Führung des Straßenpöbels übernahmen einhergehend mit der Deckung durch die Armee, die ihrerseits die Verwirklichung ihrer Interessen innerhalb der Staatssphäre verfolgte; siehe auch EU, S.250f.

3 Die aufschlussreichste Schilderung bezüglich des Exploitationsgrades der kapitalistischen Produktion findet sich immer noch in Karl Marx: „Das Kapital“, Band 1, Kapitel 5 bis 8. Zu Veranschaulichung, sei hier nur ein kurzes, „blumiges“ Zitat von Marx angeführt: „Als Kapitalist ist er [der Kapitalist, T.E.] personifiziertes Kapital. Seine Seele ist die Kapitalseele. Das Kapital hat aber einen einzigen Lebenstrieb, den Trieb sich zu vermehren, Mehrwert zu schaffen, (...) die größtmögliche Masse Mehrarbeit einzusaugen. Das Kapital ist verstorbne Arbeit, die sich nur vampyrmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit, und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt“ (MEW 23, S. 247).

4 Zur politischen Rolle der Bourgeoisie in vorimperialistischer Zeit ziehe ich einen aufschlussreichen Zeitungsartikel von Karl Marx hinzu, der zugleich aufzeigt, nach welchen gleichen Maßstäben der aus der Bourgeoisie resultierende Mob sich seine Leitbilder zusammenfügte: „Die tiefe Heuchelei der bürgerlichen Zivilisation und die von ihr nicht zu trennende Barbarei liegen unverschleiert vor unseren Augen, sobald wir den Blick von ihrer Heimat (...) nach den Kolonien wenden, wo sie sich in ihrer ganzen Nacktheit zeigen. Die Bourgeoisie ist die Verfechterin des Eigentums, hat aber je eine revolutionäre Partei solche Agrarrevolutionen hervorgerufen wie die in Bengalen, in Madras und in Bombay? Hat nicht die Bourgeoisie in Indien (...) zu grausamer Erpressung gegriffen, wenn einfache Korrumption nicht mehr genügte, um ihre Raubgier zu befriedigen? (...) Hat sie nicht zur gleichen Zeit, wo sie unter dem Vorwand der Verteidigung ‚unserer heiligen Religion die französische Revolution bekämpfte, die Verbreitung des Christentums in Indien verboten, und hat sie nicht, um aus den Tempeln Orissas und Bengalens strömenden Pilgern Geld herauszuschlagen, den gewerbsmäßigen Betrieb von Mord und Prostitution im Tempel von Tschaganat fortgesetzt? So sehen die Männer des Eigentums, der Ordnung, der Familie, der Religion aus’“ (AS, S. 328).

5 Eine gesellschaftliche Ordnung nach nationalstaatlichem Muster konnte nicht funktionieren. Arendt schreibt folgerichtig: „Nicht Nationalstaaten, sondern Staatsformen, die wie die Römische Republik wesentlich auf dem Gesetz beruhten, konnten Weltreiche gründen, die Bestand hatten, weil in ihnen der Prozess der Eroberung eine wirkliche Integration der verschiedenartigen Volksgruppen durch die Autorität einer für alle gültigen Gesetzgebung folgte, in der sich die tragende politische Institution des Gesamtreiches verkörperte. Der Nationalstaat besaß kein derartiges Prinzip, weil er von vornherein mit einer homogenen Bevölkerung rechnete und eine aktive Zustimmung zur Regierung (...) zur Vorraussetzung hat. Die Nation kann keine Reiche gründen, weil ihre politische Konzeption auf einer historischen Zusammengehörigkeit von Territorium, Volk und Staat beruht. Im Falle der Eroberung bleibt dem Nationalstaat nichts übrig, als fremde Völker zu assimilieren und ihre ‚Zustimmung’ zu erzwingen; er kann sie nicht integrieren, und er kann ihnen nicht seinen eigenen Maßstab für Gesetze auferlegen. Daher besteht, wenn er Eroberungen macht, stets die Gefahr der Tyrannis“ (EU, S. 290).

Details

Seiten
43
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783640763979
ISBN (Buch)
9783640764303
Dateigröße
660 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162223
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Institut für Politische Wissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Totalitarismus Hannah Arendt totale Herrschaft bürgerliche Unterwelt Masse Nationalsozialismus Dreyfus-Affäre Imperialismus

Autor

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Titel: Der arendt'sche Mob