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Transaktionalistische Lebenslage

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 25 Seiten

Sozialwissenschaften allgemein

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

TABELLENVERZEICHNIS

1. EINFÜHRUNG

2. HISTORIE DES LEBENSLAGENANSATZES
2.1. FRÜHE SOZIALSTRUKTURMODELLE: KLASSEN- UND SCHICHTMODELLE
2.2. ENTWICKLUNGSSTRÄNGE DES LEBENSLAGENANSATZES
2.3. VERWANDTE ANSÄTZE

3. KONZEPTIONELLE MERKMALE DES TRANSAKTIONALISTISCHEN LEBENSLAGENANSATZES
3.1. TRANSAKTIONALISTISCHES VERSTÄNDNIS
3.2. MEHREBENENMODELLIERUNG
3.3. MULTIDIMENSIONALITÄT
3.4. LEBENSLAGEN ALS EXPLANANDUM UND EXPLANANS

4. OPERATIONALISIERUNG DES L EBENSLAGENANSATZES
4.1. THEORIE UND EMPIRIE
4.2. LEBENSLAGEN-DIMENSIONEN UND RESSOURCEN
4.3. LEBENSLAGEN-INDEX
4.4. ANWENDUNG IN DER ARMUTS- UND REICHTUMSMESSUNG

5. LEBENSLAGENANSATZ UND S OZIALPOLITIK
5.1. WISSENSCHAFTLICHE UND PRAKTISCHE SOZIALPOLITIK
5.2. INDIVIDUELLE PERSPEKTIVE
5.3. GESELLSCHAFTLICHE PERSPEKTIVE
5.4. GEGENWARTSPROBLEME UND INTERVENTIONSMEDIEN

6. FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1: Zusammenfassung des Verwirklichungschancenansatzes

Abbildung 2: Lebenslage als Output- und Inputfaktor

TABELLENVERZEICHNIS

Tabelle 1: Mögliche Wohlfahrtsparadoxien einer Lebenslage

Tabelle 2: Dimensionen, Indikatoren und Schwellenwerte im Lebenslagenkonzept

1. EINFÜHRUNG

Armut und Reichtum sind relative Begriffe. Sie nehmen unterschiedliche Bedeutungen an, je nachdem ob sie im alltäglichen oder wissenschaftlichen Sprachgebrauch, in Entwicklungsländern oder Industrienationen, in geschäftlichen Meetings oder beim Kaffeekränzchen, heute oder morgen verwendet werden.

Die Zielsetzung der wissenschaftlichen Forschung Armut und Reichtum oder allgemeiner die Sozialstruktur einer Gesellschaft möglichst objektiv und realitätsnah abzubilden ist somit problematisch. Um diesem Ziel dennoch so nah wie möglich zu kommen, wurden in der Historie der Gesellschaftsforschung einige sich teils ergänzende, teils widersprechende theoretisch-konzeptuelle Ansätze entwickelt, welche versuchen Armut und Reichtum zu erfassen, darzustellen und zu erklären.1

Ein für Deutschland möglichst umfassendes und aussagekräftiges Konzept ist das der Lebenslagen. Dieses soll im Folgenden zum einen entstehungsgeschichtlich betrachtet und von anderen Ansätzen abgegrenzt werden und zum anderen sollen seine methodische Konzeption vorgestellt sowie seine tatsächliche Anwendung und Relevanz für die Sozialpolitik erläutert werden.

2. HISTORIE DES LEBENSLAGENANSATZES

2.1. FRÜHE SOZIALSTRUKTURMODELLE: KLASSEN- UND SCHICHTMODELLE

In den Anfangszeiten der Analyse von sozialen Strukturen und Lebensverhältnissen wurden unter anderem Klassen- und Schichtmodelle für die Betrachtung herangezogen, die jedoch nur den damaligen Lebensumständen gerecht werden konnten. Heute, aufgrund von gesellschaftlichem Wandel, gelten sie als nicht mehr ausreichend zur Darstellung der entstandenen Komplexität.2

Dennoch ist es wichtig ihr Verständnis und ihre Funktionen kurz zu beschreiben, um auf dieser Basis die Entwicklung des Lebenslagenansatzes zu verstehen.

Klassen- und Schichtkonzepte im Allgemeinen dienen der Analyse der Struktur sozialer Ähnlichkeiten sowie Unterschiede in ihrem gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang und sollen die Menge an Gesellschaftsmitgliedern innerhalb dieser Struktur ausmachen, legen ihren Fokus im Detail jedoch auf unterschiedliche Aspekte und stellen jeweils eigene Typen von Sozialstrukturanalysen dar.3

Klassenkonzepte unterscheiden gesellschaftliche Gruppen hauptsächlich nach wirtschaftlichen Merkmalen, wie z.B. ihrer beruflichen Stellung, Einkommen und Qualifikation, und erklären diese anhand ihrer Interessen und Verfügungsgewalt über Ressourcen.4 Neben ihrer ökonomischen Begründung sind Klassenkonzepte auf soziale Konflikte, die sich aus diesen strukturell bedingten Unterschieden ergeben, ausgerichtet.5

Ebendiese Eigenschaften machen Klassenkonzepte für die Anwendung zur Analyse heutiger sozialer Ungleichheit kritikwürdig, weil sie zum Beispiel durch ihre eindimensionale, auf ökonomische Faktoren ausgerichtete, Definition des Klassenbegriffs unter anderem soziokulturelle oder soziopolitische Einflüsse auf die Klassenbildung vernachlässigen. Ebenfalls kann ihre fehlende deskriptive Funktion des vollständigen Spektrums an gegebenen Lebensbedingungen und Entwicklungsprozessen bemängelt werden.6

Verglichen mit der Klassendefinition kann eine Schicht als gesellschaftliche Gruppierung verstanden werden, die sich bezüglich sozialrelevanter Kriterien, wie Alter, Geschlecht, Region oder Ethnie, gleich oder ähnlich sind. Schichtmodelle umschreiben somit definierte Mengen sozialer Akteure, die bestimmte Lebensbedingungen teilen und bestimmte sozio- kulturelle Eigenheiten besitzen, die sie von anderen Schichten unterscheidet. Im Gegensatz zu Klassenmodellen werden hier neben ökonomischen auch nicht-ökonomische Aspekte berücksichtigt. Außerdem beziehen sich Schichtmodelle mehr auf individuelle Merkmale als auf soziale Beziehungen und betrachten vorrangig vor der Analyse von Konflikten und Abhängigkeiten zwischen den gesellschaftlichen Gruppen die vertikale Ordnung innerhalb einer Schicht.7

Aufgrund sowohl der Mängel als auch der Fähigkeiten von Klassen- und Schichtmodellen können Anforderungen an zeitgemäße Modelle zur Sozialstrukturanalyse formuliert werden. Ein solches Modell sollte möglichst alle Dimensionen sozialer Ungleichheit, bzw. der Lebensumstände, erfassen, dabei sowohl positive wie auch negative Einflussfaktoren berücksichtigen, alle Gesellschaftsmitglieder in die Sozialstruktur einordnen können, nach den Auswirkungen ungleicher Lebensbedingungen forschen sowie fähig zur Verallgemeinerung der unterschiedlichen Effekte und Interpretationen sozialer Lagen sein können.8

2.2. ENTWICKLUNGSSTRÄNGE DES LEBENSLAGENANSATZES

Bereits in Zeiten des Marxismus9 spielte die Analyse objektiv gegebener Lebensumstände eine große Rolle und viele der heute relevanten konzeptionellen Eigenschaften von Lebenslagenansätzen wurden geprägt.10 Jedoch diente ihre Anwendung noch mehr der Erschütterung überkommener Anschauungen und der Vorbereitung neuer, als einer strukturierten und analytischen Erfassung der Gesellschaft.11

Auf den zu dieser Zeit entstandenen Ideen aufbauend12, widmete sich der österreichische Nationalökonom und Philosoph Otto Neurath der theoretischen Entwicklung und methodischen Anwendbarkeit der Lebenslagenanalyse. Seine Motivation erhielt er aus der bestehenden Kritik über die Arbeiten des „Vereins für Socialpolitik“, die zu einseitig an der Einkommenshöhe der Bevölkerung orientiert seien. In seinem Verständnis der Lebenslagenbetrachtung galt es die Gesamtheit der Bevölkerung mit den komplexen und unterschiedlichen Lebenslagen gesellschaftlicher Untergruppen zu berücksichtigen und ihre Ausstattung an Ressourcen erfassbar zu machen.13 Zu diesem Zweck definierte Neurath ein Begriffssystem zur Operationalisierung des Lebenslagenkonzeptes bestehend aus dem Lebensboden, der Lebensordnung und der Lebenslage.

Unter Lebensboden verstand er die grundlegenden und vorherrschenden Bedingungen in einer Gesellschaft14, die die Lebensstimmung von Personen, im Sinne eines positiven oder negativen Erlebens, determinieren.15 Die Lebensordnung beschrieb er als soziales Beziehungsgefüge, welches durch den Lebensboden geprägt und strukturiert ist.16 Lebenslagen bezeichnet er darauf aufbauend als einen Ausschnitt aus dem Lebensboden des so genannten Lebensstimmungssubjekts und bestimmt diese als reale Situation des einzelnen Menschen.17 Diese Aspekte zeigen, dass Otto Neuraths Lebenslagenkonzept zweiseitig, nämlich an den gegebenen strukturellen Bedingungen und dem individuellen Erleben, orientiert war.18

Eine Wendung erfuhr die Lebenslagenanalyse19 mit dem Verständnis des Gesellschaftswissenschaftlers und Politikers Gerhard Weisser, dessen Erkenntnisgegenstand nicht mehr die Gesamtbevölkerung, sondern diejenigen Bevölkerungsgruppen waren, die als sozial schwach oder gefährdet angesehen werden konnten.20 Er setzt das Individuum in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen und strebt nach der Ausarbeitung so genannter Grundanliegen als unmittelbare Interessen eines Menschen.21 Die Lebenslage definiert sich nach Weisser demnach als Spielraum, den die äußeren Umstände einer Person zur Erfüllung seiner persönlichen Bedürfnisse und Wünsche bieten. Diese Orientierung an Individuen und ihren unterschiedlichen Präferenzen problematisierte jedoch eine Operationalisierung im Sinne einer empirischen Analyse der Grundanliegen und den daraus resultierenden Lebenslagen.22

Die Verlagerung von diesem subjektiven Fokus auf einen objektiveren unternahm die Sozialwissenschaftlerin und Schülerin Weissers Ingeborg Nahnsen, indem sie nicht mehr direkt nach den Grundanliegen Einzelner und ihrer tatsächlichen Verwirklichung, sondern nach den gegebenen strukturellen sowie sozialhistorischen Bedingungen, die zur Entfaltung, Realisierbarkeit oder Verhinderung von individuellen Interessen führten, fragte. Zur Ermöglichung einer empirischen Erfassung der gesellschaftlichen Bedingungen, die das Ausmaß an Handlungsmöglichkeiten determinieren, entwickelte Nahnsen fünf fiktive Einzelspielräume: den Versorgungs- und Einkommensspielraum, den Kontakt- und Kooperationsspielraum, den Lern- und Erfahrungsspielraum, den Muße- und Regenerationsspielraum sowie den Dispositions- und Partipartionsspielraum.23

Es lässt sich feststellen, dass die meisten der heute eingesetzten Modelle dem erweiterten und objektiv ausgerichteten Lebenslagenverständnis und –ansatz von Nahnsen folgen.24

2.3. VERWANDTE ANSÄTZE

Ein nennenswerter Alternativ-Ansatz zur Sozialstrukturanalyse ist der der Verwirklichungschancen25 von Amartya Sen.

Sen setzt ähnlich wie Ingeborg Nahnsen bei der grundlegenden Feststellung an, dass zwischen den Chancen auf Wohlergehen und dem tatsächlich aus diesen Möglichkeiten resultierenden Zustand unterschieden werden muss.26

Seinem Verständnis nach ist die Lage einer Person als eine bestimmte Menge an Funktionen, im Sinne basaler Tätigkeiten, Zustände und Fähigkeiten27 auf die er zurückgreifen kann, zu verstehen. Diese Funktionen werden von einer Person aus einer Fülle an Möglichkeiten auf realisierbare Funktionen, der so genannten Verwirklichungschancen, anhand persönlicher Präferenzen und bedingt durch die öffentliche Meinung, ausgewählt. Die Verwirklichungschancen wiederum ergeben sich aus der Wahrnehmung und Nutzung des gegebenen sozialen Kontextes, materieller und nicht- materieller Umstände sowie Güter und Dienste.28 Die Ausschöpfung dieser bestehenden Gegebenheiten und Umsetzung bestimmter Gütereigenschaften zur Bedürfnisbefriedigung oder Nutzensteigerung hängt zum einen von persönlichen Faktoren, wie dem Geschlecht, Alter oder Gesundheitszustand, und zum anderen von sozialen Einflüssen, wie gesellschaftliche Werte und Normen, ab.29 Vergleiche hierzu in einer Zusammenfassung auch Abbildung 1.

Abbildung 1: Zusammenfassung des Verwirklichungschancenansatzes

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Anlehnung an: Robeyns (2005) , S. 98

Das Wohlergehen und die Lebenslage einer Person bemessen sich Sens Auffassung nach also an den unterschiedlichen Lebenssituationen, im Sinne einer selbst gewählten oder erarbeiteten Menge an Funktionen, die erreichbar sind.30

[...]


1 Vgl. Eiffe / Heitzmann (2006), S. 43.

2 Vgl. Hradil (1987), S. 7 f.

3 Vgl. ebd., S. 59.

4 Vgl. Berger / Hradil (1990), S. 3; Hradil (1987); S. 7, Esser (1999), S. 444.

5 Vgl. Esser (1999), S. 444.

6 Vgl. Hradil (1987); S. 67 ff.

7 Vgl. ebd. (1987); S. 73 f.

8 Vgl. ebd.; S. 97 f.

9 Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts.

10 Vgl. Engelhardt (2000), S. 17.

11 Vgl. Amann (1983), S. 129 f.

12 nämlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts; Vgl. Voges (2002), S. 262.

13 Vgl. Voges et al. (2005), S. 38; Amann (1983), S. 129.

14 wie die Infrastruktur, das Klima oder die zur Verfügung stehenden Ressourcen.

15 Vgl. Neurath (1979), S. 271.

16 Vgl. Voges et al. (2005), S. 38.; Amann (1983), S. 131.

17 Vgl. Neurath (1979), S. 272; Amann (1983), S. 132.

18 Vgl. Voges et al. (2005), S. 39; Amann (1983), S. 132.

19 in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts; Vgl. Voges (2002), S. 262.

20 für eine kurze Diskussion darüber, welche unterschiedlichen Bedeutungen sozial schwach oder sozial gefährdet haben können vgl. Engelhardt (2000), S. 21 ff. und Amann (1983), S. 140 f.

21 Vgl. ebd., S. 40 f.; S. 139 ff.; Engelhardt (2000), S. 18.

22 Vgl. Voges et al. (2005), S. 40 f.; Amann (1983), S. 139 ff.

23 Vgl. Voges et al. (2005), S. 41 ff.; Voges (2002), S. 262 f.

24 Vgl. Schwenk (1999), S. 283.

25 aus dem Englischen: „capability approach“.

26 Vgl. Robeyns (2005), S. 95; Sen (1985), S. 5.

27 wie Essen und Trinken, gesund und nicht krank sein, ein langes Leben führen, gesellschaftliche Teilhabe, die das Ziehen einer Trennlinie zwischen Armut und Reichtum ermöglichen; Vgl. Robeyns (2005), S. 101;Leßmann (2006), S. 34.

28 Vgl. Robeyns (2005), S. 98 ff.

29 Vgl. Sen (1985), S. 25 f.

30 Vgl. Leßmann (2006), S. 34.

Details

Seiten
25
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640758104
ISBN (Buch)
9783640758227
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162180
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Seminar für Sozialpolitik
Note
1,7
Schlagworte
Transaktionalistische Lebenslage Schulz-Nieswandt Sen Sozialpolitik capabilities

Autor

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Titel: Transaktionalistische Lebenslage