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Die Verbindung von Historie und Fiktion und deren Funktion in Sten Nadolnys "Die Entdeckung der Langsamkeit"

Seminararbeit 2003 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. John Franklin – historische Persönlichkeit mit fiktiven Charakterzügen

3. Funktion der Verbindung von Fiktion und Historie
3.1 Nadolnys Zivilisationskritik im Sinne Paul Virilios
3.2 Orientierung Nadolnys an Michel Foucault

4. Schlußwort

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In seinem Vorwort zu den Beiträgen des Bad Homburger Kolloquiums von 1999, die unter dem Titel ”Fakten und Fiktionen, Strategien fiktionalbiographischer Dichterdar-stellungen in Roman, Drama und Film seit 1970” erschienen, sagt der Herausgeber Christian von Zimmermann, das Material an historischen Quellen, welches der Autor einer Biographie heranzieht, könne in seiner Form Aussage über die Intention des Autors treffen.[1] Diese Aussage ließe sich in Sten Nadolnys Roman „Die Entdeckung der Lang-samkeit“, welcher schon 1980, drei Jahre vor Erscheinen, für das fünfte Kapitel „Kopen-hagen 1801“ mit dem Ingeborg Bachmann-Preis ausgezeichnet und nach Erscheinen bei der Kritik durchweg positiv aufgenommen wurde, weiter ausführen. Der Roman, von Helmut Mottel als Mischung aus Historien-, Bildungsroman und Reisebericht definiert, ist geprägt von der Figur und Geschichte des historisch realen Seefahrers John Franklin, der in seiner Person als Schnittstelle von Historie und Fiktion fungiert.[2] Diese Verknüpfung von real Existentem und Irrealem ist typisch für den Roman der siebziger und achtziger Jahre. Die Autoren, so Ralph Kohpeiß, „suchen [...] dem Vorwurf des vergangenheitsseligen Rückzugs in die Geschichte durch eine entschiedene Betonung des Gegenwartscharakters ihrer Werke zuvorzukommen“.[3] „Die Entdeckung der Langsamkeit“ gehört neben anderen Werken, wie beispielsweise Edgar Hilsenraths „Mär-chen vom letzten Gedanken“ (1989), zur Reihe jener Romane, die Geschichte erzählen, aber gleichzeitig Gegenwartsbezug zu Entstehungszeit aufbauen. Die Art der Verbindung von Fakten und Fiktion und deren Funktion in Nadolnys Roman soll folgend genauer dargestellt werden.

2. John Franklin - historische Persönlichkeit mit fiktiven Charakterzügen

”John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, dass er keinen Ball fangen konnte.”[4] Schon zu Beginn von Sten Nadolnys 1983 erschienenem Roman ”Die Entdeckung der Langsamkeit” tritt der Protagonist John Franklin in Erscheinung und mit ihm seine wohl wichtigste Charaktereigenschaft, die Langsamkeit. Hierbei wird ein Thema eingeführt, das sich wie ein roter Faden durch den Roman zieht, bei dem sich aber zu Anfang die Frage stellt, ob es sich hierbei um eine historisch belegte Tatsache handelt oder um Fiktion. Befasst man sich eingehender mit der Geschichte des historischen John Franklins, so erkennt man, dass er zwar als historisch reale Person seine Jugend, wie am Anfang des Romans beschrieben, in Spilspy , England, verbrachte und auch der weitere Lebenslauf viele Parallelen zu dem des literarischen Franklins in diesem Roman aufweist, jedoch nichts darauf hindeutet, dass er mit außergewöhnlicher Langsamkeit gekenn-zeichnet war. Generell ist in Bezug auf die Kindheit des historischen Franklins nur sehr wenig bekannt. So können die Autoren Roderic Owen und Henry Traill diese nur skizzieren, und Meyers Großes Konversationslexikon handelt in einem Artikel Franklins Leben bis 1818 in einem Satz ab.[5] Nadolny, der sich bei der Ausarbeitung seines Romans auf Quellen, die er im Anhang des Romans verzeichnet hat, stützt, projiziert seinen literarischen John Franklin mit seiner Haupteigenschaft, der Langsamkeit, auf diese als Projektionsfläche dienende Historie. Zunächst bedeutet die Langsamkeit für Franklin selbst eine Belastung, im weiteren Verlauf seiner Entwicklung eine Bereicherung, sie begleitet ihn in prägender Art und Weise durch sein ganzes Leben. Mit ihr macht er eine Entwicklung durch, gegliedert in drei verschiedene Phasen. Nach diesen teilt Nadolny auch seinen Roman. Franklins Kindheit und Jugend in Spilspy gilt als erste Phase, als zweite seine Lehrjahre auf verschiedenen Schiffen und als Entdecker, die dritte ist die Zeit der Reife. Das Umfeld in dem der literarische Franklin aufwächst, ist, abgesehen von einigen Personen, weitgehend identisch mit dem des historischen, so auch Ort, Zeit, geschichtliche Zusammenhänge, politische, sowie wirtschaftliche Lage. England befindet sich im 19. Jahrhundert in einem wesentlichen Umbruch im wirtschaftlichen und sozialen Bereich. Die Agrargesellschaft geht in eine der Industrie über, in der der Mensch durch die Maschine ersetzt wird und sich deren Geschwindigkeit anpassen muss. Das Leben wird schnelllebiger, wie auch die Kriegsmaschinerie. In historischen Quellen wird nun der historische Franklin, anders als der literarische, als ”chubby Cherub, round-faced and round-headed”[6] bezeichnet, der sich zu behaupten wusste. Er hatte weder eine schwere Kindheit, noch wurde er als Außenseiter behandelt, was aber mit dem literarischen Franklin geschieht. An seinem Streit mit Schulkamerad Tom Barker lässt es sich gut

erkennen, welche Rolle seine Langsamkeit spielt. Barker nutzt diese und seine eigene Schnelligkeit aus um sich über Franklin lustig zu machen.[7] Franklin ist der einzige, der zu langsam ist um an dem Ballspiel der Kinder teilzunehmen und um sich gegen den Angriff Barkers zu wehren. Schon hier wird er mit Personen konfrontiert, die schnell, ungeduldig, hektisch sind und stark kontrastbildend zur Langsamkeit stehen. Franklin kann sich an die Geschwindigkeit dieser nicht anpassen und wird somit durch sein Anderssein zum Außenseiter erklärt. Dies wird auch durch die gezeigte Innenansicht Franklins deutlich. So ist es zum Beispiel sein Wunsch so zu sein wie die Sonne, die nur angeblich langsam ist, ihre Strahlen aber so ”schnell wie das Auge” sind.[8] Auch erfährt der Leser von der veränderten Sicht Franklins durch eine Schliere in einem seiner Augen, die ihn die Welt anders betrachten lässt.[9] Die fiktive Person des Klassenkameraden und späteren guten Freundes Sherard Lound ist die einzige, die versucht ihm zu helfen, doch dieser ist selbst zu klein um dies zu können.[10] In der Zeit seiner Jugend ist es dem literarischen Franklin noch nicht möglich, sich seine Langsamkeit zunutze zu machen. Dies wird durch die Szene der Waldwanderung gezeigt, die Franklin mit seiner Schulklasse unternimmt und auf der sich die Kinder verirren. Zwar zeigt Franklin sich und dem Leser sein Talent durch Ruhe und Langsamkeit den Weg aus dieser Situation finden zu können, jedoch kann er sich bei den anderen nicht behaupten und seine Langsamkeit als eine Fähigkeit anerkennen. Auch wird Franklins besondere Beobachtungsgabe in dieser Situation deutlich. Allein er achtet auf den Sonnenstand, auf den steigenden und fallenden Boden, reagiert nicht hektisch und schnell.[11] Er opfert die ”Vollständigkeit” zugunsten der ”Einzelheit” .[12] Was Franklin in seiner schweren Kindheit durchhalten und nicht an seiner Umwelt zerbrechen lässt, lässt sich an der folgenden Textstelle erkennen: ”Nichts konnte John elend machen, seine Hoffnung war die eines Riesen.”[13] Der Protagonist besitzt jenes Urvertrauen, das ihn extrem negative Situationen überstehen lässt. ”Über Hindernisse, die er nicht besiegen konnte, sah er einfach hinweg.”[14] Dies wird zusätzlich durch Personen unterstützt, die ihn zwar in seinem Leben nicht sehr zahlreich begleiten, aber dennoch existent sind. So zum Beispiel sein Onkel Matthew Flinders, selbst Seefahrer und Entdecker, der Franklin zudem verspricht ihn mit auf ein Schiff zu nehmen, sobald er nach Spilspy zurückkehrt. Auch wird er während seiner Schulzeit und der zweiten Phase seines Lebens durch den Lehrer und Wissenschaftler Dr. Orme unterstützt. Dieser ist in wissenschaftlichem Sinne an Franklin und seiner Langsamkeit interessiert. Später veröffentlicht er am Beispiel Franklins eine Arbeit über ”Die Entstehung des Individuums durch Geschwindigkeit”.[15] Darauf soll jedoch später noch genauer eingegangen werden. Flinders und Orme akzep-tieren Johns Langsamkeit und unterstützen ihn in seiner Person. An dem Wesenszug des Urvertrauens lassen sich aber in besonderer Weise Unterschiede zur Person des historischen Franklins erkennen. Zwar besaß auch dieser jene Zuversicht das Leben zu bewältigen, jedoch war diese anders motiviert. Der historische Franklin galt als tief christlicher Mann[16], wohingegen dem literarischen Religiosität fremd ist. Dies kommt vor allem in Gesprächen mit dem frommen Dr. Richardson zum Ausdruck, der die Bekehrung des Menschen zum Christentum als seine Mission ansieht. Franklin aber ist der Meinung, ”Gott” sei ”gefährlich für das Franklin´sche System”.[17] Weiter hält John die ”Religion im allgemeinen für nützlich, wenn es galt, Einsicht und Ordnung aufrechtzuerhalten. Glühende Seher und Bekenner hingegen waren ihm etwas unheimlich”.[18] Der Autor charakterisiert John Franklin mit seinen wichtigsten Eigenschaften, welche in seinem Leben eine zentrale Rolle spielen werden, bereits weitgehend in der ersten Lebensphase. Seine Langsamkeit, seine besondere Beobachtungsweise, sein Urvertrauen. Im weiteren kommt seine Gründlichkeit hinzu, die sich im Besonderen in eifrigem Lernen kundtut,[19] sowie Geduld. Diese äußert sich in Situationen wie dem ausdauernden Warten auf die versprochene Rückkehr des Onkels Matthew[20], aber auch bei Geschehnissen während seiner Schulzeit. So muss Franklin z.B. in den Schulkerker, der als ”die schwerste Strafe” beschrieben wird.[21] Aber John Franklin ”konnte warten wie eine Spinne”.[22] Als Person, die einer ständige Entwicklung ausgesetzt ist, könnte für John Franklin die historische Schlacht vor Kopenhagen im Jahr 1801 der ausschlaggebende Punkt gewesen sein um in seine nächste, zweite Lebensphase, zu gelangen. Diese These wird dadurch unterstützt, dass dieses Ereignis vom Autor an das Ende des ersten Teils des Buches gesetzt wird. In die Schlacht zu Kopenhagen, die zur Historie des realen Franklins gehört, wird der literarische Franklin mit seinen für den Roman bedeutenden Wesenszügen projiziert. Schon zuvor war er als Midshipman nach Lissabon gefahren, hatte es geschafft, seinem Traum zur See zu fahren, ein wenig näher zu kommen. Mit einem nicht zu vergleichenden Eifer und außerordentlicher Gründlichkeit lernt er vor der Schlacht ”ganze Flotten” von Wörtern auswendig, merkt sich bisher nicht beantwortete Fragen, denn ”es galt, sie genau im passenden Moment zu stellen”.[23] Es wird deutlich, dass es dadurch Franklin möglich wird, mit der Wirklichkeit, die er als langsamer Mensch ausgesetzt wird, klarzukommen und seine Angst dafür in den Griff zu bekommen. Für den Verlauf seines weiteren Lebens ist ein fiktives Ereignis, Franklins erster Mord an einem Seemann, von wesentlicher Bedeutung. Franklin erwürgt ihn während der Schlacht, ist danach schockiert und zutiefst erschrocken. ”Gefürchtet hatte er die Erniedrigung des gewaltsamen Todes, aber selbst einen Organismus zu zerdrücken, verspätungshalber, weil die Angst nicht schnell genug gewichen war, das hieß fast mehr als den Kopf verlieren.”[24] Er erkennt, dass Krieg das Falsche für ihn ist, da er für diesen anscheinend zu langsam ist.[25] Auch kommt hier zum Ausdruck, dass der literarische Franklin ein friedliebender Mensch ist. Zu Beginn des zweiten Teils des Romans wird durch einen fiktiven Brief Sherard Lounds an seine Eltern zudem klar, wie sehr Franklin der Todesfall und somit auch die Kriegsmaschinerie zu schaffen macht. ”Er [Franklin] ist seit Kopenhagen noch langsamer und brütet viel vor sich hin. Nachts träumt er von den Toten. John ist ein guter Mensch [...]”[26] Dass bei der Schlacht von Kopenhagen nicht der historische Aspekt für Nadolny von Bedeutung ist, sondern die fiktive Person Franklins und dessen Entwicklung, lässt sich daran erkennen, dass andere eigentlich historisch wichtige Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Nelson, nur am Rande gezeigt werden und kaum zur Geltung kommen.[27]

[...]


[1] Vgl. Zimmermann, Christian von (Hrsg.): Fakten und Fiktionen. Strategien fiktionalbiographischer Dichterdarstellungen in Roman, Drama und Film seit 1970. Beiträge des Bad Homburger Kolloquiums, 21.-23. Juni 1999. Tübingen 2000, S.3.

[2] Vgl. Mottel, Helmut: „Die Entdeckung der Langsamkeit – ein postmoderner Erfolgsroman“. In: Bunzel, Wolfgang (Hrsg.): Sten Nadolny. Eggingen 1996.

[3] Kohpeiß, Ralph: Sten Nadolny. Die Entdeckung der Langsamkeit. In: Oldenbourg Interpretationen, Bd. 77, 2. Auflage, München, Oldenbourg 1999, S.21.

[4] Nadolny, Sten: Die Entdeckung der Langsamkeit. 36. Aufl. München 2002, S.9.

[5] Vgl. Landfester, Ulrike: Spiegel Geschichte. Experimente mit der Optik des historischen Romans in ”Die Entdeckung der Langsamkeit”. In: Bunzel, Wolfgang (Hrsg.): Sten Nadolny. Eggingen 1996, S.79-117

[6] Owen, Roderic: The Fate of John Franklin. London 1978, S.23

[7] Vgl. Nadolny, 2002, S.14/15.

[8] Vgl. Nadolny, 2002, S.16.

[9] Ebd.

[10] Vgl. Nadolny, 2002, S.14.

[11] Vgl. Nadolny, 2002, S.22

[12] Vgl. Nadolny, 2002, S. 208

[13] Nadolny, 2002, S.32.

[14] Ebd.

[15] Vgl. Nadolny, 2002, S.170.

[16] Vgl. Owen, 1978, S.141.

[17] Vgl. Nadolny, 2002, S.213.

[18] Ebd.

[19] Vgl. Nadolny, 2002, S. 55ff.

[20] Vgl. Nadolny, 2002, S.30.

[21] Nadolny, 2002, S.40.

[22] Ebd.

[23] Nadolny, 2002, S. 57ff.

[24] Nadolny, 2002, S.65.

[25] Nadolny, 2002, S.67.

[26] Nadolny, 2002, S. 71.

[27] Vgl. Nadolny, 2002, S.58ff.

Details

Seiten
19
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638211284
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v16217
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Germanistisches Institut
Note
3
Schlagworte
Verbindung Historie Fiktion Funktion Sten Nadolnys Entdeckung Langsamkeit Proseminar Roman Postmoderne

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