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Freerunning - Eine jugendkulturelle Bewegungsform

Diplomarbeit 2010 81 Seiten

Gesundheit - Sport - Bewegungs- und Trainingslehre

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Wissenschaftliche Fragestellungen
1.2 Zum forschungsmethodischen Vorgehen
1.3 Gliederung der Arbeit

2 Zum Stand der Forschung
2.1 Einleitung
2.1.1 Die Entwicklung der Sportart Freerunning (historischer Abriss)
2.1.2 Philosophie und Sport - Philosophie und Freerunning
2.2 Jugendkulturen und jugendkulturelle Bewegungsformen
2.2.1 Jugendkultur und jugendkulturelle Szenen
2.2.2 Jugendszenen, Stile und Codes
2.2.4 Jugendkulturen und Geschlecht
2.2.5 Jugendszenen und soziale Herkunft
2.2.6 Merkmale, Strukturen und Symbole bewegungsorientierter Jugendszenen
2.3 Freerunning - eine jugendkulturelle Bewegungsform
2.3.1 Freerunning als neue Trendsportart?
2.3.2 Bewegung und Kunst = Freerunning
Kunst als Selbstausdruck des Inszenierers
2.3.3 Bewegung in einer urbanen Umgebung
2.3.4 Präsentation von Freerunning

3 Empirischer Teil
3.1 Das Setting
3.1.1 Die Sportler
3.1.2 Die Interviews
3.1.3 Der Interviewleitfaden

3.2 Die Analyse
3.3 Vertikale Analyse
3.3.1 Erstes Interview
Freerunning Biographie
3.3.2 Zweites Interview
3.3.3 Drittes Interview
3.3.4 Viertes Interview
3.3.5 Fünftes Interview
3.4 Horizontale Analyse
3.4.1 Soziodemographische Herkunft
3.4.2 Sportbiographien
3.4.3 Freerunning Biographien
3.4.4 Freerunning Alltag
3.4.5 Freerunning als Lifestyle

4 Zusammenfassung
4.1 Beantwortung der wissenschaftlichen Fragestellungen
4.1.1 Freerunning als jugendkulturelle Bewegungsform
4.1.2 Ähnlichkeiten in den (sport-)biographischen Verläufen, die zur Ausübung von Freerunning führen
4.1.3 Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten in der alltäglichen Ausübung von Freerunning
4.1.4 Beweggründe für etwaige Wettkampfteilnahme, Präsentation von Freerunning in der Öffentlichkeit
4.2 Schluss

5 Anhang
5.1 Beispiel Interview

Interview

Wie bist du aufgewachsen?

Wie war dein Verhältnis zu deinen Eltern?

Welche Schule hast du besucht? Wie war deine schulische Laufbahn?

Wann hast du die Schule abgeschlossen?

Welche berufliche Ausbildung haben deine Eltern?

Wo und wie lebst du jetzt? Hast du eine eigene Wohnung?

Erzähle mir etwas über deinen sportlichen Werdegang!

Welchen Sport übst du jetzt aktiv immer noch aus?

Haben dich deine Eltern damals schon im Sport unterstützt?

Wie kamst du zu Freerunning?

Was verbindet dich mit Freerunning?

Welche Parallelen gibt es zu deinen früheren Sportarten?

Wie grenzt du Freerunning mit deinem bisherigen Sportverständnis ab?

Wie sieht ein typischer Tag für dich aus?

Wie synchronisierst du dein Freerunning mit deinem Alltag?

Wie trainierst du? Bzw. kann man „Training“ überhaupt sagen?

Wie lernst du neue Tricks? Gibt es da auch Workshops?

Wie kann man von Youtube-Videos lernen?

Wie kann deine Wettkampfteilnahme deine Philosophie von Freerunning

widerspiegeln?

Kommt es durch Wettkämpfe oder große Events zur Kommerzialisierung von

Freerunning?

Was waren deine bisher größten Erfolge im Freerunning?

Kannst du vom Freerunning Sport leben?

Weshalb gibt es immer mehr Freerunner in neuen Filmen?

Kennst du Filme in denen Freerunning als Stuntszenen eingesetzt werden?

Denkst du das die Einbindung von Freerunning in den neuen Filmen immer mehr wird

und weshalb?

Wie sieht der Freerunning Lifestyle aus?

Gibt es bestimmte Musikstile im Freerunning?

Training zur Musik? Und wieso?

Gibt es einen Kleidungsstil? Marken? Schuhe?

Wieso gerade die grauen Jogginghosen?

Gibt es bestimmte Schuhe für Freerunning?

Wie sieht so der typische Freerunner aus?

Also gibt es den Freerunner was das Aussehen betrifft? (Haarschnitt, freier

Oberkörper, tätowiert)

Wie präsentiert sich die Freerunningszene?

Wie sieht die Freerunning Szene übers Internet aus? Bzw. ist das Internet das

alternative Medium für Freerunner?

Wie sieht die Abgrenzung zur herkömmlichen Medienkultur aus (Fernsehen, Presse,

Rundfunk)?

Wer macht die Videos auf Youtube und wieso? Also wozu?

Wie bezeichnen Freerunner Freerunning? Kann man das als Sport sehen?

Was hältst du von dem Ausdruck „Bewegungskunst“?

Wie grenzt sich Freerunning von Parkour ab?

Denkst du dass Freerunning eine Muttersportart hat?

Wieso denkst du, gibt es hauptsächlich Burschen, die Freerunning ausüben?

Könnte es sein, dass Freerunning eher praktiziert wird von Leuten, die in einer

Großstadt leben?

Woher kommen die Leute in England, die Freerunning machen (Sozialisation)?

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Online Quellen

1 Einleitung

Freerunning ist eine immer mehr bekannt werdende Bewegungsform, die sich augenblicklich erscheinend in subkulturellen urbanen Lebenssituationen entwickelt hat und hier auch seinen Lauf findet.

Freerunning ist eine völlig neu entstandene urbane Freestyle-Sportart, ohne „Mutterdisziplin“, welche andere Sportarten wie New School (Ski Alpin), Dirt/Slopestyle (Mountainbiken) oder auch Freestyle Fußball (Fußball) jedoch sehr wohl haben (vgl. Botros 2007). Für mich ist es interessant herauszufinden, wo diese reine Freestyle Sportart ihre Wurzeln hat und in welchen sozialen Schichten diese urbane Freestyle- Sportart entstanden ist. Hier gilt es erstmals zu thematisieren, was Freerunning ist. Aber ist es überhaupt sinnvoll, Definitionen zu erstellen? Oder stehen Definitionen doch eher im Widerspruch zum „Freestyle-Gedanken“ bzw. zur Einstellung jugendkultureller Szenen? Kann man Freerunning als Trendsport sehen und wie weit grenzt sich Freerunning vom Wettkampfsport ab? Steht Individualität und Kreativität vor Normierungen und Reglementierungen, welche von jugendkulturellen Szenen oftmals verachtet werden oder weshalb sich neue jugendkulturelle Szenen überhaupt entwickeln?

Da Freerunning eine sehr junge Bewegungsform jugendkultureller Szenen ist und noch wenig wissenschaftliche Untersuchungen vorliegen, möchte ich meine Arbeit der Thematisierung dieser Bewegungsform widmen. Es sollen nicht Hypothesen erstellt und hinterfragt bzw. belegt oder widerlegt werden, sondern, in Hinblick auf die jugendliche Suche nach personaler und sozialer Identität, die gegenwärtig zu einer verstärkten Thematisierung von Körper und Bewegung führt, ein neuer Forschungshorizont eröffnet werden, der neue Forschungsfragen und Hypothesen zulässt.

1.1 Wissenschaftliche Fragestellungen

Nach kurzer Recherche der Fachliteratur über jugendkulturelle Szenen und Bewegungsformen, sowie Medien der Freerunning-Szene war klar, dass diese Arbeit nicht hermeneutisch behandelt werden kann, da diese Forschungsmethode keinen tieferen Einblick in das Leben und die Beweggründe eines Freerunner zulässt. Somit wurde der Entschluss gefasst, eine empirisch qualitative Forschungsmethode zu verwenden, mit Hilfe von Interviews Österreichs bester Freerunner.

Die Gliederung dieser Arbeit spiegelt sich auch in den formulierten Hauptfragen des Interviews wieder. Somit ergeben sich folgende Themengebiete und Fragestellungen, die es zu beantworten gilt:

1. Freerunning ist eine noch relativ junge jugendkulturelle Bewegungsform, deren Entstehung quasi gleichzeitig mit Le Parkour in den Vororten von Paris passierte. Um zu verstehen, was Freerunning ist und weshalb es eine urbane FreestyleSportart ist, möchte ich das erste Themengebiet der Beleuchtung von Freerunning als jugendkulturelle Bewegungsform widmen und beschreiben, weshalb ich Freerunning als jugendkulturelle Bewegungsform bezeichne.

2. Im ersten Teil der empirischen Untersuchung lege ich den ersten Teil meiner Interviews dar, in welchem die Freerunner Aussagen über ihre soziale Herkunft, ihre Biographie und ihre Lebensumstände machen. Dieser Teil soll Aufschluss über die Beweggründe für die Wahl der Sportart Freerunning geben. Somit stellt sich die Frage:

Gibt es Ähnlichkeiten in den (sport-)biographischen Verläufen, die zur Ausübung von Freerunning führen?

3. Im zweiten Teil der Interviews werden Fragen zur Freerunning-Biographie und den Alltag eines Freerunners gestellt, z.B. wie die Freerunner zu ihrem Sport gekommen sind und wie ihr tägliches Leben als Freerunner aussieht. Weiters soll Auskunft darüber gegeben werden, wie ihr „Training“ aussieht, sofern man es als „Training“ bezeichnen kann:

Gibt es Ähnlichkeiten/Gemeinsamkeiten in der alltäglichen Ausübung von Freerunning? Gibt es einen Lifestyle im Freerunning?

4. Ein interessantes Thema lässt die Frage, weshalb es Wettkämpfe gibt und

Freerunner an solchen Wettkämpfen teilnehmen, zu. Was bezwecken Freerunner mit ihrer Teilnahme an Wettkämpfen, Events, und mit der Gründung von Vereinen Wie wollen sie Ihre Sportart in der Gesellschaft etablieren?

Was sind die Beweggründe für etwaige Wettkampfteilnahme der einzelnen Freerunner? Wie sieht das individuelle Verständnis von Freerunning aus?

1.2 Zum forschungsmethodischen Vorgehen

Um tieferen Einblick in die Herkunft und das Leben eines Freerunner zu bekommen, habe ich mich entschieden, die qualitative Sozialforschung für die Beantwortung meiner Fragestellungen anzuwenden. Anhand von Interviews wird Freerunning als jugendkulturelle Bewegungsform thematisiert.

Als Forscherin muss erhebliche Investition an Zeit, Engagement und vor allem Beziehungsarbeit getätigt werden, denn wenn man qualitative Daten im Personenkontakt erheben will, muss man viel Zeit dafür aufbringen, Kontakt herzustellen, einen freundlichen und geeigneten Ort zu finden und gemeinsam mit dem Interviewpartner in die Interviewsituation hineinzufinden. Diese Vorbereitungen haben erhebliche Auswirkungen auf die konstruktive Interview-Beziehung. (vgl. Miethling, 2008).

Für die Einzelfallanalyse wurde eine offene, halbstrukturierte Interviewform gewählt, die sich an einem vorbereiteten Leitfaden orientiert. Wesentliche Kennzeichen von LeitfadenInterviews können folgend beschrieben werden:

- „Durch den Einsatz eines Leitfadens ergibt sich eine gute Möglichkeit des Vergleichs von Daten, wobei der Leitfaden jedoch nur zur Orientierung - als Gerüst offener Fragen, die das Thema umschreiben - dienen darf“ (Mayer, 2002, S.36 zit.n. Miethling 2008, S. 47)
- „Es gilt dabei eine gelungene Verbindung herzustellen zwischen einer Leitfadenstruktur zur thematischen Orientierung und frei erzählenden Sequenzen der Befragten.“ (Lamnek, 2002, S.177 zit.n. Miethling 2008, S. 47)
- „Dass es hierbei auch zu (strategischen) Fehlern kommen wird, ist relativ wahrscheinlich. Zu den typischen strategischen Fehlern gehört die ‚Leitfadenbürokratie’, die dem Leitfaden geplanten Gesprächsverlauf absolute Priorität einräumt und den Gesprächsverlauf ignoriert. (Hopf, 1978, S.101 ff. zit.n. Miethling 2008, S. 47)

Die Auswertung der mit digitalem Diktiergerät aufgezeichneten Interviews erfolgt mittels wörtlicher (selektiver) Transkription und anschließender, vertikaler und horizontaler (vergleichender) Interpretation.

1.3 Gliederung der Arbeit

Im ersten Teil dieser Arbeit (Kap. 2.1) wird Allgemeines und Grundlegendes zum Thema Freerunning besprochen. Es wird über die Entstehung dieser Sportart geschrieben und erste Überlegungen über Freerunning als jugendkulturelle Bewegungsform vorgestellt.

Der zweite Teil dieser Arbeit (2.2) ist der Hauptteil meiner wissenschaftlichen Recherche über Freerunning. Hier soll klar gemacht werden, was Freerunning zu einer jugendkulturellen Bewegungsform macht und weshalb es eine rein urbane Sportart ist. Das Phänomen jugendkultureller Bewegungsformen und Szenen soll beschrieben werden, sowie die Merkmale sozialer Herkunft, Lifestyle, Kleidungs- und Musikstile.

Nach der Analyse des Gegenstands Freerunning werden Bereiche behandelt, die für die Vorbereitung und Durchführung der qualitativen Interviews (Kap. 3) in Zusammenhang stehen.

In Kap. 3.1 werden die Interviewpartner vorgestellt und begründet, welche Argumente zur Wahl dieser Interviewpartner führten. Im Weiteren erfolgt die Präsentation des Interviewleitfadens.

Die Fragen des Leitfadens gliedern sich in 5 Bereiche, wobei der erste Teil dem biographischen Verlauf der Interviewpartner gewidmet wird. Weiters werden Fragen zur Sportbiographie, den Freerunning Alltag und Beweggründe für die Wahl der Sportart Freerunning gestellt. Die letzten Teile beschäftigen sich mit Freerunning in der Öffentlichkeit, den Wettkämpfen und dem Freerunning Lifestyle.

Die erhobenen Daten werden in einer horizontalen und einer vertikalen (vergleichenden) Weise interpretiert und dient zur Beantwortung meiner Fragestellungen, sowie zur Untermalung meiner Annahmen von Freerunning als jugendkulturelle Bewegungsform.

In der Schlussfolgerung (Kap. 4) werden die Ergebnisse zusammengefasst und festgestellt, ob eine Verallgemeinerung der Daten zulässig ist.

2 Zum Stand der Forschung

Um eine qualitative Forschung durchführen zu können, muss zuerst eine „genaue und umfassende Beschreibung des Gegenstandsbereiches stehen“ (Mayring, 2002, S.21)

Somit wird der aktuelle Wissensstand über Jugendkulturen bzw. über die Freerunning als jugendkulturelle Bewegungsform untersucht.

Das Kapitel 2 gliedert sich in 2 Unterkapiteln. Zum einen in einen Einleitungsteil (Kap. 2.1), zum anderen in einen großen Teil, der eigentlichen Recherche über Freerunning (Kap.2.2).

Im ersten Teil (Kap. 2.1), die Einleitung, werden Allgemeines und Grundlegendes zum Thema Freerunning besprochen, wie die Entstehung und den Grundgedanken dieser Sportart

In der eigentlichen Recherche über Freerunning als jugendkulturelle Bewegungsform, erfolgt eine genauere Untersuchung der zur Verfügung stehenden Literatur und damit die Auseinandersetzung mit dem ersten Themengebiet. Freerunning als urbane, jugendkulturelle Bewegungsform, sowie deren Merkmalen sollen hier Beachtung geschenkt werden.

2.1 Einleitung

„Freerunning bedeutet, sich zwanglos zu bewegen, in jeder beliebigen Umgebung. Die Bewegung soll nicht Mittel zum Zweck sein, sondern Selbstzweck, was heißt, das SichBewegen steht im Mittelpunkt.“ Wikipedia (2009).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Herleitung des Wortes Freerunning (Eigenüberlegung)

2.1.1 Die Entwicklung der Sportart Freerunning (historischer Abriss)

In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts erfand ein französischer Marine-Offizier eine Trainingsform, die er als „Natural method“ oder „Parkour“ benannt hat. Diese Trainingsform beinhaltete Bewegungen wie klettern, balancieren und springen. Diese Art einer Trainingsform schien jedoch eine Zeit lang in Vergessenheit geraten zu sein.

Sébastien Foucan (2008) hat diese „Sportart“ auf seine eigene Art und Weise neu entdeckt und weitergeführt. Foucan wuchs in Lisses in Frankreich auf, wo er als Kind mit seinen Freunden der natürlichen Umgebung folgte um zu laufen, zu springen und zu spielen. Foucan und seine Freunde machten sich als Aufgabe, verschiedene Wege zu finden um in der Heimatstadt herumzukommen und nicht wie jeder andere auf dem Bürgersteig. Sie sprangen über Mauern, durch Geländer und über Verkehrstafeln. Viele der Jugendlichen hörten mit diesem „Spiel“ im Erwachsenwerden auf, aber Sébastien Foucan führte es weiter und nannte es „parkour“ oder „obstacle course“.

Sébastien Foucan und sein langjähriger Freund und Wegbegleiter David Belle kreierten gemeinsam die Kunst „Parkour“. Gemeinsam haben sie mit vielen anderen Jugendlichen eisern ihre Körper trainiert und wollten so sein wie Peter Parker oder Spiderman. David Belle und Sébastien Foucan gehen mittlerweile eigene Wege, da ihre Ansichten und Motive nicht mehr dieselben sind. Foucan’s heute genanntes „Freerunning“ ist geprägt von akrobatischen Elementen und der Freiheit, sich kreativ mit seiner Umgebung ausdrücken zu können, wobei David Belle’s „Parkour“ laut Parkour Germany (2009) folgendermaßen definiert ist: „Le Parkour ist eine Sportart zur schnellen und effizienten Fortbewegung ohne Hilfsmittel. Le Parkour ist die Freiheit und Motivation Bewegung in der Perfektion auszuleben. Dabei bewegt man sich mit Eleganz, effizient durch den urbanen und natürlichen Raum.”

2.1.2 Philosophie und Sport - Philosophie und Freerunning

Philosophieren über Sport gab es schon lange vor unserer Zeit in Griechenland, dem Gründerland der olympischen Spiele.

„Die Griechen unterlegten dem Wort Philosophie den Begriffsinhalt: in einer Fertigkeit Bescheid wissen, sei es in einem bestimmten Handwerk, im Ackerbau, in der Politik oder etwa in der Kunst. Auf unser Thema angewandt, müsste Philosophieren über Sport zunächst ebenfalls heißen: sich in Sachen Sport auskennen, nicht zuletzt in sportlichen Fertigkeiten und allgemein in sportlicher Tätigkeit, in sportlichen Handeln“ (Niedermann, 1992, S.6“.

Niedermann räumt dem Philosophieren über Sport sehr viel Platz ein und schafft damit den nötigen Freiraum. Jedoch setzt das Philosophieren nach dieser Aussage voraus, dass man zuerst Sport am eigenen Leibe erfahren muss, um darüber sprechen zu können. Wir müssen uns zuerst die Fertigkeiten einer Sportart aneignen und Bewegung am eigenen Körper erfahren um über diesen Sport philosophieren zu können.

Heute ist das Philosophieren über Sport hauptsächlich den Kampfkünsten vorbehalten. Um die Philosophie der einzelnen Kampfkünste zu verstehen, ist es nötig, zuerst ihre Entstehungsgeschichte zu kennen. Wobei viele dieser Kampfkünste nicht nur auf eine bestimmte Denkweise abzielen, sondern ein Lebensstil sind.

Auch über Freerunning und Parkour sind immer wieder philosophische Ansätze zu finden. Selbst Sébastien Foucan, der Begründer von Freerunning, philosophiert auf eigene Weise über seine Bewegungskunst.

„Ich denke, es gibt verschiedene Wege für jeden einzelnen. Was ist dein Weg? Dein Weg ist wer du bist, was du träumst zu sein und was du tun möchtest, wenn du wüsstest, dass du morgen sterben musst.

Freerunning ist eine Art Selbstausdruck in deiner Umgebung ohne Einschränkungen: Es ist die Kunst der Bewegung und der Action. Für mich ist Action das wichtigste im Leben. Es gibt Menschen, die ihr Leben in vollen Zügen leben; die anderen reden nur darüber. Mein Weg ist keine Darstellung - es ist einfach der körperliche Ausdruck von Eins-Sein mit deinem Körper und deinem Geist.

In Freerunning, so wie im Leben, sind es immer die Hindernisse, die dich zu dem bestimmen, was du bist. Freerunning ist eine Kunst, die Menschen erlaubt, körperlich und geistig zu wachsen entsprechend ihrem Lebensweg, nicht der Gesellschaft“. (Foucan, 2008, S. 8ff)

Jeder Mensch hat die Möglichkeit, seinen Lebensweg nach seinen eigenen Wünschen zu gestalten. Jedes Hindernis, das einem in den Weg gestellt wird, kann jeder Mensch individuell überwinden, oder sich davon aufhalten lassen. Genauso ist es im Freerunning. Nach Foucan ist das Eins-Sein mit Körper und Geist das Wichtigste, um seinen eigenen Weg gehen zu können und sich in seinem Umfeld, seiner Umgebung kreativ ausdrücken zu können.

2.2 Jugendkulturen und jugendkulturelle Bewegungsformen

Im ersten Teil dieses Kapitels werden Begriffe wie Jugendkulturen und jugendkulturelle Szenen definiert, welche in den darauf folgenden Teilen (Kap.2.2.2 ff) in den Sport übertragen werden. Jede Jugendszene hat ihre eigens definierten Stile, beispielsweise den Kleidungsstil. Weiters ist auch interessant zu beobachten, aus welcher sozialer Herkunft und welcher schulischer Erziehung diese Jugendlichen stammen. Ist überhaupt festzulegen, dass jedes einzelne Mitglied einer Jugendszene dieselbe Herkunft hat oder haben muss, um dieser Gruppe anzugehören?

2.2.1 Jugendkultur und jugendkulturelle Szenen

Jugendkultur:

„Unter Jugendkultur verstehen wir die Alltagskultur der Jugendlichen, die heute sehr stark von der Popkultur inspiriert ist. Die Jugendkultur ist die Leitkultur der heutigen Jugend. Sie umreißt populäre Freizeitwelten. Und sie fordert Jugendliche dazu auf, nicht passiv zu bleiben, sondern selbst etwas zu tun“. (Großegger, 2002, S.6)

Jugendkulturelle Szenen, kurz Jugendszenen:

„Jugendszenen sind soziale Netzwerke, in denen sich Jugendliche mit gleichen kulturellen Interessen und ähnlichen Weltanschauungen zusammenfinden. Derzeit populäre Szenen sind die HipHop-Szene, die Techno-Szene, die Snowboarder- und die Skateboarder- Szene oder die Szene der Computerspieler“. (Großegger, 2002, S.6)

Nach Schwier (1998a) sind die Erfahrungswelten Jugendlicher im digitalen Zeitalter, einem dynamischen Veränderungsprozess unterworfen, der ihnen einerseits neuartige biographische Handlungsoptionen bietet und sie andererseits mit nur schwer überschaubarer soziokultureller Pluralität konfrontiert.

Somit ist klar und wenig überraschend, dass es kein einheitliches Bild einer Generation und deren Umgang mit Körper und Bewegung gibt, sondern dass man mit einer fortschreitenden Heterogenisierung der Jugendkulturen rechnen kann.

„Neben der aktuellen Vielfalt von subkulturellen Szenen fällt vor allem die Schnelllebigkeit jugendlicher Handlungsstile auf: Was gestern avantgardistisch war, kann schon heute dem Tempo des Zeitgeistes zum Opfer fallen“ (Schwier, 1998a, S. 9)

Allerdings sollte die zu beobachtende Pluralisierung der Lebensphase Jugend und die schon erwähnte Aufgliederung in verschiedene jugendkulturelle Stämme allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich „hinter der kunterbunten Fassade der demonstrativ zu Schau gestellten Differenz“ (Schwier, 1998a, S. 9) sehr wohl einige gemeinsame Merkmale der gegenwärtigen Jugend entdecken lassen. Größtenteils identifizieren sich Angehörige einer bestimmten Jugendkultur über Gruppensymbole. Jugendliche einer Jugendszene artikulieren sich in Jugendsprache, bestimmen teils hochdifferenzierte Moderichtungen hinsichtlich Musikstil, Bekleidung und Aussehen.

2.2.2 Jugendszenen, Stile und Codes

Jugendkulturen konstituieren ein eigenes soziales Feld, das sich jedoch in weiten Teilen sozialer Kontrolle entzieht. Subkulturelle Jugendszenen bilden dabei ein Feld voll symbolischen Reichtums. Sie erobern symbolisch Sozialräume und vereinen Mode, Bewegung, Haltungen, Musik, Körperbilder und Sprachcodes zu einem eigenständigen Stil (vgl. Schwier, 1997). Subkulturelle Milieus sind gewissermaßen ein „spontanes Versuchslabor“ (Hebdige, 1997, S.15 zit.n. Schwier, 1998a, S.12)), in dem die Heranwachsenden versuchen symbolische Selbständigkeit und damit Definitionsmacht zu gewinnen, sowie von der Norm abweichende Identitätsentwürfe spielerisch zu erproben.

Lebensstile bringen ein von bestimmten sozialen Gruppen geteiltes Bedürfnis nach „feinen Unterschieden“ zum Ausdruck und sind damit Bestandteil des Kampfes um die Authentizität der eigenen Lebensführung und des Strebens nach Selbstverwirklichung. (vgl. Bordieu 1982, S.277ff).

„Ein Stil ist Teil eines umfassenden Systems von Zeichen, Symbolen und Verweisungen für soziale Orientierung. … Stil zu haben beinhaltet die Fähigkeit, bewusst für andere ebenso wie für das eigene Selbstbild eine einheitliche Interpretation seiner Person anzubieten und zu inszenieren“ (Vollbrecht, 1997, S. 25)

Nach Vollbrecht (1997) sind Stile wählbare Muster, die eher nach ästhetischen als nach sozialen Kriterien eingebürgert werden. Damit wird allerdings übersehen, dass gerade bewegungsorientierte Stile im Prozess ihrer Verschmelzung mit anderen Gruppen mit eigenen semiotischen Bedeutungen angereichert und damit verändert werden können.

Problematisch ist ferner der von Vollbrecht (1997) beeinflusste Vorrang der ästhetischen vor den sozialen Aspekten. Soziale Ungleichheiten sind immer noch ein relevanter Indikator für die Teilhabe an den bewegungsorientierten Jugendstämmen, wie der Skateoder der Snowboard-Szene.

Die Szenewelt ist eine demonstrative Welt, in der es um Sehen und Gesehenwerden geht. Angehörige einer Szene sind durch gewissen Merkmale klar zu erkennen und wollen damit auch sagen: „Seht her, ich bin ein Skater!“.

Die Szenewelt passiert nicht in ihren Kreisen selbst, sondern steht in der Öffentlichkeit. Demgemäß regiert in den Szenewelten der „Code“.

„Unter „Code“ versteht man die Summe aller sprachlichen, musikalischen, bildlichen und mimetischen Zeichen, die im weitesten Sinn das „Design“ einer Szene bestimmen“ (Großegger, 2002, S. 13).

Doch die Welt des Szene-Codes ist nicht nur eine oberflächliche Welt. Auch spezielle Werthaltungen, Gefühle und Einstellungen, kurz gesagt ein bestimmtes und unverwechselbares Lebensgefühl, ist jeder der Szenen zu eigen und auch Teil des Codes. Die Beherrschung des Szene-Codes entscheidet darüber, ob man in einer Szene anerkannt ist oder nicht. Nur, wer darüber Bescheid weiß, welche Marken z.B. ein Old- School-Skater trägt, welche Musik sie hören und nur wer das Old-School-Konzept samt dem dazugehörigen Lebensgefühl auch authentisch umsetzen kann, wird akzeptiert. Wer nur so tut als ob, als würde er sich auskennen, dies aber offensichtlich nicht Sache ist, wird gnadenlos als „Poser“ entlarvt.

2.2.3 Jugendkulturen und Geschlecht

Früher galten Jugendkulturen als Ort der rebellischen Männerjugend. Nach Großegger (2002) hat sich Jugendkultur thematisch ausdifferenziert und qualitativ verändert. Rebellische Jugendkulturen und das gängige Klischee, dass Jugendkulturen „Männersache“ seien, geht heute an der Realität vorbei.

Denn in viele Jugendkulturen, wie zum Beispiel die der Snowboarder, treten immer mehr Mädchen bei und diese Szene punktet damit, dass sie den Mädchen eine tragende Rolle einräumt. Das heißt, für Snowboarder ist es ganz normal, dass auch Frauen einmal das Sagen haben und dass sie mit ihren „Skills“ und „Styles“ der Szene Form und Richtung geben.

Die Szenen stehen jedem offen und es kann jeder hinein, der rein möchte. Die einzige Voraussetzung und der einzige Zugangscode ist, dass man ein ehrliches und engagiertes Interesse mitbringt.

2.2.4Jugendszenen und soziale Herkunft

Früher haben sich Jugendkulturen rund um Musik gebildet. Zum Beispiel der Kultur des Jazz gehörten afroamerikanische Jugendliche an, die im Ghetto aufgewachsen sind, oder die Universitäten waren Ausgangspunkt für die Hippies. So haben sich die Kontinuitätslinien von sozialen Klassen und Schichten mit ihren kulturell prägenden Milieus in diesem Vorgang der Geschichte der Jugendkulturen des 20. Jahrhunderts weitgehend aufgelöst. Sehr deutlich wird das an dem deutschen Beispiel der Rocker- Kultur der sechziger Jahre und des Techno. Waren die jugendlichen Rocker der sechziger Jahre schlicht unangepasste Arbeiterjugendliche mit einem Hang zum Motorrad, so stieg die Club-Kultur der siebziger und achtziger Jahre bis in das Milieu der oberen Mittelschicht der Ärzte und Juristen auf. (vgl. Breyvogel, 2005). Heute gibt es Szenen, die sich an Musik und an Sport (Funsport) orientieren, als auch an Jugendkulturen des digitalen Zeitalters (Computer-Szenen). Jugendszenen existieren, wie in Kapitel 2.2.3 besprochen, nach Codes. Sie machen sich ihre eigenen Regeln und Gesetze. Soziale Barrieren haben sich scheinbar nahezu aufgelöst. Das Herkunftsmilieu hat als verbindendes ebenso wie als trennendes Moment kaum mehr Bedeutung. Jugendszenen sind zu einem wichtigen Erfahrungsraum für Jugendliche aus allen Sozial- und Bildungsschichten geworden. Eine Studie der JUWE (Jugendwertestudie 2000 zit.n. Großegger, 2002, S.18) zeigt, dass bewegungsorientierte Jugendszenen, wie die der Snowboarder und Skater, Mitglieder aller sozialen Schichten mit nahezu gleich hohem Anteil haben.

Es ist zwar nicht zu leugnen, dass Geld im Leben eines Jugendlichen wichtig ist, damit dieser sich leisten kann, was er sich wünscht, jedoch in der Szene nicht unbedingt von Bedeutung ist. Denn nicht derjenige, der am meisten Geld hat, ist der coolste Typ der Szene, sondern derjenige, der aus dem, was er hat, das Beste rausholen kann.

„Das gängige Argument, Jugendkultur sei doch nur etwas für Kinder aus gut situierten Familien, die neben ihrer Schulausbildung noch genügend Zeit haben, sich „so einen Spleen zu leisten“, geht am realen Szeneleben vollkommen vorbei. Aktuelle Jugendstudien belegen das schwarz auf weiß: B- und C-Schicht-Jugendliche definieren sich sogar deutlich stärker über jugendkulturelle Szenen als Jugendliche aus der A- Schicht. Zum Teil hat das damit zu tun, dass A-Schicht-Jugendliche in einem durch individualistische Werte geprägten Umfeld aufgewachsen sind und daher geringe Bereitschaft zeigen, zuzugeben, dass sie selbst zu einer „Gruppierung“ gehören. Es hat zu einem wesentlichen Teil aber auch damit zu tun, dass jugendkulturelle Szenen entgegen der gängigen Meinung heute für Jugendliche aus allen Sozial- und Bildungsschichten zu einem wichtigen Erfahrungs- und Erlebnisraum geworden sind.“ (Großegger, 2002, S.17ff.)

Man kann also nicht verallgemeinern, dass Anhänger einer gewissen Jugendszene aus einer klar definierten sozialen Herkunft stammen, noch, dass Codes und Stile bewegungsorientierter Jugendszenen sich in sozialen Schichten gebildet haben, da Jugendszenen sich ihre Gesetze und Regeln selbst machen.

2.2.5 Merkmale, Strukturen und Symbole bewegungsorientierter

Jugendszenen

Größtenteils identifizieren sich Angehörige einer bestimmten Jugendkultur über gemeinsame Symbole. Nach Hitzler (2001) sind Szenen idealtypisch thematisch fokussierte Netzwerke von Personen, die bestimmte materiale und mentale Formen der kollektiven Selbststilisierung teilen und Gemeinsamkeiten an typischen Orten und zu typischen Zeiten interaktiv stabilisieren und weiterentwickeln. Somit manifestieren sich Jugendszenen an Szenetreffpunkten, welche festgelegte Territorien sind und als Referenzpunkte herangezogen werden.

Bewegungsorientierte Jugendszenen sind einerseits ein Gegenpart zum Vereinswesen, andererseits kann man nach Hitzler (2001) auch einige Parallelen erkennen.

„Szenen erscheinen zwar, verglichen mit anderen sozialen Gebilden wie etwa Organisationen oder Institutionen, relativ unstrukturiert. Dennoch differenzieren sie sich in vielfältige, miteinander verwobene und nach verschiedenen Kriterien segmentierte Gruppen und Gruppierungen aus“ (Hitzler, 2001, S.25).

Soziale Orte

Nach Schwier (1997) sind soziale Orte der Skaterzsene die gesamte Stadtlandschaft, die voll von potentiellen Aktionsräumen ist, die nur darauf wartet, entdeckt zu werden. Vor allem für Skater ist die kreative Nutzung und Inbesitznahme von Fußgängerzonen, Parks und öffentlichen Plätzen ein „originärer Aspekt ihres subkulturellen Selbstverständnisses“ (Schwier, 1997, S.17). Konflikte mit Passanten auf der Straße steigern die Attraktivität eines Ortes, da sich Skater hier als „Widerstandskämpfer“ gegen die Regeln der Erwachsenenwelt profilieren können.

Objekte und Medien

Skateboards sind die Objekte der Skater, mit denen sie Räume fahrend strukturieren, artistische Tricks realisieren und über hohe Geschwindigkeit und Momente des Risikos erleben können. Die Leichtigkeit des Sich-Bewegens ist hier mit einem Konzept der Coolness gekoppelt. Das Medium der Skater heute ist das Internet über welches sie kommunizieren.

Kleidungsstil

Skater versuchen durch ihre Kleidung ihre stilistische Eigenart und ihren Willen zur Selbstbehauptung zu zeigen und ihren Anspruch auf Anderssein handelnd auszuleben.

Die weiten Hosen und Shirts sollen für die distanzierte Lässigkeit stehen, für eine ironischaggressive Haltung gegenüber dem Mode-Mainstream.

Zeitmuster

Jugendszenen sind durch selbstbestimmte Zeitmuster geprägt. Die Angehörigen einer solchen Szene sind nicht daran interessiert, sich institutionell vorgegebenen zeitlichen Terminplänen zu unterwerfen. „Wer ständig beweglich bleiben und etwas erleben will, muss sich der modernen (Frei-)Zeitökonomie entziehen“ (Schwier, 1997, S:19).

Körper- und Bewegungsbilder

Beim Skaten sind das frühere Halfpipefahren und Freestyle in den Hintergrund getreten und vom Streetstyle verdrängt worden. Den Streetstyle, den Skater auf dem städtischen Asphalt unter Einbeziehung von Mauern, Treppen und anderen öffentlichen Plätzen praktizieren, wird von ihnen als radikal, aggressiv und riskant charakterisiert. Somit werden Körperbilder mit Faszinationsgehalt von Männlichkeit, Jugendlichkeit und Coolness produziert. Das Skaten ist durch Handlungsmuster gekennzeichnet, die Distanziertheit, Mut, Härte, Kraft, Geschicklichkeit und Körperbeherrschung symbolisieren

2.3 Freerunning - eine jugendkulturelle Bewegungsform

Skateboarden und Freerunning haben in ihren Strukturen einige Parallelen. Wesentlich sind vor allem die Nutzung des öffentlichen Raumes und die gegebene Architektur. Sowohl Skater als auch Freerunner nehmen verschiedene Möglichkeiten für diverse Bewegungsausführungen wahr, wobei Skater ein Sportgerät benutzen und Freerunner sich ohne jegliche Hilfsmittel in ihrer Umgebung ausdrücken können. Und nicht zuletzt stellt die Lebensphilosophie eine weitere Gemeinsamkeit dar.

2.3.1 Freerunning als neue Trendsportart?

Was ist Trendsport?

Es gibt keine genaue Definition von Trendsport. Schwier (2002) verwendet den Begriff Trendsport „zur Kennzeichnung jener Veränderungstendenzen des Sports, die (explizit oder implizit) mit bewegungskultureller Erneuerung und Innovation einhergehen. Schwier (1998b) betont, dass im Unterschied zu (Körper-) Moden man also nur dann von einem sportiven Trend sprechen kann, wenn sich ein neu auftauchendes Bewegungsangebot über mehrere Jahre im Bewusstsein der Sporttreibenden verankert und als Praxis etabliert. Nach Ferchhoff und Kommer (1995) sind Trendsportarten aber keine rein ästhetisch motivierte „Geschmackssache“, sondern entstehen vielmehr sowohl in enger Beziehung zu dem aktuellen Stand des gesellschaftlichen Sportangebots als auch in einer Relation zu der sozialen Position ihrer Protagonisten und Anhänger.

Entwicklung von Trendsportarten

Die Entwicklung von Trendsportarten weist große Ähnlichkeiten mit den bekannten Innovations- und Produktlebenszyklen in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften auf.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Das Entwicklungsmuster von neuen Produkten und Trendsportarten (Quelle: Lamprecht, 2002, S. 2)

In der ersten Phase (Invention) erfolgt die Erfindung einer Trendsportart durch einige Pioniere. Die zweite Phase (Innovation) erfolgt je nachdem mit erheblicher Verzögerung. Hier findet die Entwicklung der Trendsportart statt. Die Güter werden noch in begrenzten Serien hergestellt, es wird getüftelt und ausprobiert und die Ausübung der Trendsportart ist noch auf kleine Gruppen von „Avantgardisten“ beschränkt. In der dritten Phase, der Phase von Wachstum und Entfaltung, zieht die Trendsportart die Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf sich. Es bilden sich Lebensstilgruppen und Subkulturen, die sich mit der neuen Trendsportart identifizieren. Die Trendsportart erfährt zunehmende Anerkennung (Reife) und geht schließlich in die vierte Phase über (Diffusion). In dieser Phase schaltet sich häufig auch die Industrie ein, um Trendsportmarken zu etablieren. In der fünften Phase etabliert sich die neue Sportart schließlich als „normale Sportart“ und zeigt klare Sättigungstendenzen.

Nach Schwier (1998b, S.12ff) sind zur Entstehung von Trendsportarten 6 Phasen zu

unterteilen.

1. Phase der Erfindung und/oder Innovation: Ein einzelner Akteur oder eine Gruppe entdecken zielgerichtet oder zufällig eine neuartige Bewegungsgelegenheit. Aufgrund ihres häufig avangardistischen Anspruchs und ihrer Experimentierfreude gelten gerade jugendliche Szenen in diesem Zusammenhang als bewegungskulturelle Trendsetter und Pfadfinder.
2. Phase der Verbreitung im eigenen Milieu: Die Bewegungsaktivität wird szeneöffentlich präsentiert und von der eigenen Subkultur (z.B. Jugendliche oder sportive Extremisten) erprobt. Über (ko-)konstruktive und spielerische Handlungsprozesse entwickelt sich aus der „Rohform“ eine eigenständige bewegungskulturelle Ausdrucksform.
3. Phase der Entdeckung durch etablierte Milieus: Nahezu simultan mit der Verbreitung eines innovativen Bewegungs- und Zeichencodes in einem subkulturellen Milieu erfolgt die strategische Frühaufklärung durch Trendscouting und Trendagenturen. Die Aktivität wird nun auf den Begriff gebracht und als Trendhypothese gehandelt.
4. Phase der kulturindustrielle Trendsetzung: Die neuartige Bewegungsaktivität wird auf ihre Vermarktungstauglichkeit überprüft und - soweit möglich - industriell durchgestylt. Nun greifen die Medien das Thema auf und die zusätzlichen Definitionsleistungen von Werbung und Eventmarketing heben den Trend ins öffentliche Bewusstsein. Erste Warnungen vor den gesundheitlichen oder moralischen Risiken der neuen Bewegungspraxis werden von interessierten Gruppen vorgetragen.
5. Phase der Trenddiffusion: Relevante gesellschaftliche Zielgruppen (z.B jüngere und gut ausgebildete Schichten bzw. das Selbstverwirklichungsmilieu) engagieren sich in der neuen Trendsportart und überprüfen deren Lebensstil-Kompatibilität. Die von der semiotischen Entautomatisierung betroffenen Sportinstitutionen versuchen nun allerdings mit Vehemenz dem Trend entgegenzuwirken.
6. Phase der Etablierung: Der bewegungskulturelle Trend setzt sich durch oder flaut ab, in beiden Fällen hört er auf Trend zu sein. Die ursprünglich subkulturelle Praxis behält noch längere Zeit ihren anarchisch-spaßorientierten Chic, aber die Verfestigung der Zeichenprozesse hat schon eingesetzt. Es kommt eventuell zur Gründung von eigenen Institutionen und die Aktivität findet Berücksichtigung in der Angebotspalette von Vereinen oder kommerziellen Sportanbietern.

Merkmale von Trendsportarten

Bei Trendsportarten findet man mehrere gemeinsame Aspekte, die in variierenden Kombinationen auftreten können, Schwier (1998b) zählt hierzu 6 Trends auf: Dies sind die Trends zur Stilisierung, zu Tempo und Beschleunigung, zur Virtuosität, zur Extremisierung, zum Event (Schwier, 2003) und zum Sampling.

Trend zur Stilisierung:

Trendsportarten übt man nicht einfach nur aus, sondern man ist auch abseits des Betreibens dieser Sportart vollkommen in ihrem Element. Man eignet sich einen bestimmt definierten Lebensstil an. Schwier schreibt hierzu (1998b):

„Man geht eben nicht zum Skaten, sondern führt - wenn auch zumeist als Teilzeitstylist - das Leben eines Skaters. Die Formen des Sich-Bewegens, die Gesten, die Werthaltungen, die Sprach- und Dresscodes werden zum Beispiel im Rahmen der Praktiken des Streetball und des Surfens…aufeinander bezogen und bilden eine symbolische Einheit.“

Trend zu Tempo und Beschleunigung

Beschleunigung und Tempo stellen seit rund einem Jahrzehnt sicherlich einen sportkulturellen Megatrend dar. Im Vergleich zu traditionellen Sportarten sind Trendsportarten häufig gekoppelt mit einem Moment des Tiefen- und Drehschwindels. „Der Begriff Tempo steht dann in der Wahrnehmung der Akteure für Situationen, die unter günstigen Rahmenbedingungen ein rauschendes Aufgehen im Tun und ein Verschwinden in der Bewegung möglich machen“ (Schwier, 1998b, S10).

Wenn man heute verschiedenste Videos diverser Trendsportarten betrachtet, erkennt man auch hier einen Wandel in der Kameraführung. Es wird immer ausgefeilter und spektakulärer, hautnah am Körper des Athleten gedreht und Bewegung mit Kameras eingefangen, die Teils am Körper der Athleten befestigt sind.

Trend zur Virtuosität

„Die Virtuosität des Sich-Bewegens wird wohl am auffälligsten von den jugendkulturellen Szenen der Skater, Streetballer, Surfer, Snowboarder, Mountainbiker oder BMXer akzentuiert. Diese Akteure zeigen in der Öffentlichkeit, dass man auch ohne vorrangige Orientierung an einer Überbietungsperspektive dem Ideal des „Besserwerdens“ folgen und sich mit ganzer Leidenschaft dem Einüben oder der Perfektionierung von „Tricks“ hingeben kann.“ (Schwier, 1998b, S.11)

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Details

Seiten
81
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640763023
ISBN (Buch)
9783640763412
Dateigröße
832 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162111
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
1
Schlagworte
Freerunning Jugendkulturen jugendkulturelle Bewegungsform Parkour Wettkampf Bewegungsformen Sportpädagogik Freestyle Freestyle moves Freiheit in der Bewegung

Autor

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Titel: Freerunning - Eine jugendkulturelle Bewegungsform