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Weibliche Figuren in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm

Examensarbeit 2010 59 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Volksmärchen
2.1 Merkmale des Volksmärchen
2.2 Symbole
2.3 Abgrenzung zu verwandten Gattungen

3. Die Entstehungsgeschichte und die Quellen der KHM

4. Weibliche Figuren in den KHM als Spiegel gesellschaftlicher Ordnungen und sozialer Bedingungen des 19. Jahrhunderts
4.1 Die Hexe als historische Figur
4.2 Die Hexe als fiktive Figur in den Kinder und Hausmärchen
4.3 Die Mutter/ Stiefmutter als historische Figur
4.4 Die Mutter/ Stiefmutter als fiktive Figur in den Kinder- und Hausmärchen

5. Der passive und der aktive Typ in den Kinder- und Hausmärchen
5.1 Der „passive Typ“ Dornröschen Interpretation des KHM 50 und Analyse der weiblichen Figuren
5.2 Gretel als „aktive Märchenheldin“ Interpretation des KHM 15 und Analyse der weiblichen Figuren

6. Die Ehe und Familie im Märchen

7. Geschwisterbeziehungen im Märchen

8. Der Alltag im Märchen

9. Zusammenfassung

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ein Märchen hat seine Wahrheit und muss sie haben, sonst wäre es kein Märchen.“

Johann Wolfgang von Goethe

Durch dieses Zitat wird deutlich, dass Märchen möglicherweise mehr sind als bloße „Lügenmäre“. Goethe geht hier sogar so weit zu behaupten, dass ein Märchen ohne Wahrheitsgehalt nicht als solches zu bezeichnen wäre. Auch Jacob und Wilhelm Grimm sehen in den Märchen spielerische Abkömmlinge einer uralten intuitiven Schau des Lebens und der Welt.[1] Die beiden Brüder versahen jeden Märchentext mit einer Nummer, und in den ”Anmerkungen zu den einzelnen Märchen“ kann man über die Quelle und Varianten der jeweiligen Märchen nachlesen. In den Jahren 1812 und 1815 erschienen die von ihnen verfassten „ Kinder- und Hausmärchen“[2] , eine der populärsten Märchensammlungen überhaupt. Die Entstehung der KHM lässt sich auf die Begegnung der Grimms mit den beiden Romantikern Clemens Brentano und Achim von Arnim in Marburg zurückführen.[3] Auf diese Popularität der „Gattung Grimm“ ist die Auswahl der hier zu behandelnden Märchen zurückzuführen, sowie auch auf den Zeitraum ihrer Entstehung, der Epoche der „Romantik“.

Es gibt aber auch andere Stimmen als Goethes, die das Märchen als ein reines Fantasiegebilde abtun:

„Unter einem Märchen verstehen wir eine mit dichterischer Phantasie entworfene Erzählung besonders aus der Zauberwelt, eine nicht an die Bedingungen des wirklichen Lebens geknüpfte wunderbare Geschichte.“[4]

Tatsächlich lassen sich in Märchen zahlreiche Beispiele für das Übernatürliche und

Fantastische finden. Über sprechende Tiere oder Gegenstände, über Gestalten des Jenseits, die ganz selbstverständlich Kontakt zu lebenden Personen aufnehmen, oder über Verwandlungen von Tier zu Mensch und umgekehrt wundert sich der Leser oder Zuhörer nicht. Soll das Märchen jedoch in seinem gesamten Spektrum erfasst werden, reichen Definitionen wie „fantastisch“ oder „wunderbar“ nicht aus.

In den europäischen Volksmärchen, zu denen auch die KHM gehören, lässt sich ein immer wiederkehrender Personal- und Requisitenbestand finden. Liebe, Brautwerbung, Ehe und Partnerschaft, Selbstfindung und Moral sind ein Hauptbestandteil unseres realen Lebens sowie des der Märchenfiguren. Auch Themen wie geschlechterspezifische Rollenverteilung, Adoleszenz und Sexualität spielen in beiden Welten eine wichtige Rolle. Diese Arbeit wird sich insbesondere den weiblichen Rollenträgern im Märchen zuwenden. Es soll nach Motiven gesucht werden, die zu der Entstehung und Darstellungsweise der einzelnen Figuren geführt haben könnten. Dazu werden einzelne Märchen aus den KHM in Hinblick auf ihre weiblichen Protagonisten und deren soziohistorischen Hintergrund näher untersucht.

Die Figur der Hexe, Königin, Prinzessin, Bauerstochter, Spinnerin oder Stiefmutter ist keine Erfindung des Märchens, aber lässt sich hier eine Verbindung der Frauenfiguren in den Volksmärchen zu der Situation der Frau im 19. Jahrhunderts entdecken? Und finden sich realistische Elemente, die über das soziale Leben der Märchenträger Aufschluss geben können? Insbesondere bezieht sich diese Untersuchung auf die fiktive und historische Figur der „Hexe“ und „Stiefmutter“. Stief- bzw. Schwiegermütter verkörpern im Märchen oft das Böse als Störer der Familienharmonie.[5] Sie gelten hier als das lieblose Gegenteil der wirklichen Mutter. Seltener kommt in Märchen ein „böser Stiefvater“ vor. Mit diesem Aspekt verbunden ist das Motiv der „Ehe“ und der „Familie“, auf das im Laufe dieser Arbeit ebenfalls näher eingegangen wird. Etwa vier Fünftel aller Grimmschen Märchen handeln von Partnerbeziehungen und enden mit einer Hochzeit.

In manchen Märchen der Brüder Grimm erscheint uns das Frauenbild bieder und schwach, demgegenüber lassen sich aber auch starke Frauen finden, die sich selbst zu helfen wissen. Der „passive“ und auch der „aktive“ weibliche Rollenpart im Märchen soll in dieser Arbeit an den Beispielen „Dornröschen“ und „Gretel“ untersucht werden. Die Rollenklischees, dass die männlichen Protagonisten stets aktiv und die weiblichen Handlungsträger passiv sind, wird nämlich, wie noch im Laufe dieser Arbeit aufzuzeigen sein wird, oft durchbrochen. An diesen beiden Figuren lässt sich auch das Übergangsstadium der Entwicklung von der Kindheit hin zum vollen Erwachsensein aufzeigen, wenn auch auf ganz unterschiedlich Weise.

Die „Adoleszenz“ ist ein kulturelles und soziales Phänomen, das nicht nur auf körperlichen, sondern auch auf psychischen Veränderungen beruht. Dieser Wandel wird ebenfalls bei „Dornröschen“ und „Gretel“ gut sichtbar. Das breite Spektrum der weiblichen Figuren in den KHM wird hier somit auf bestimmte Charaktere eingegrenzt.

Der Anfang dieser Arbeit soll ein theoretisches Hintergrundwissen und einen inhaltlichen Rahmen bieten und befasst sich daher näher mit der Gattung des „Volksmärchens“ allgemein. Eine Abgrenzung zum Kunstmärchen wird erfolgen, sowie zu anderen, dem Märchen verwandte Gattungen, insbesondere der Sage und der Legende.

Merkmale und Symbole, die besonders für das Thema dieser Arbeit relevant sind, sollen ebenfalls näher erläutert werden.

„Die Gestirne, Steine, Blumen, Tiere des Märchen seine Gewänder, Ringe, Stäbe, Kästchen, Eier und Innenräume bedeuten zunächst einmal sich selber. Daraus hinaus sind sie Repräsentanten der kosmischen und menschlichen Außenwelt. Aber sie vermögen auch Tatsachen der unterbewussten menschlichen Innenwelt zu verbildlichen; Unbewußtes und Unaussprechliches schafft sich in ihnen ein Bild.“[6]

Die Entstehungsgeschichte und die Quellen der KHM werden dargestellt und auch ein kurzer Überblick über das Leben der beiden Brüder wird erfolgen, kann man doch davon ausgehen, dass moralische Vorstellungen, die in Märchen vermittelt werden, vom Weltbild des jeweiligen Erzählers und seiner Zeitgenossen geprägt sind. Die Moral- und Wertvorstellungen der Sammlung lassen sich auf den ,,zeithistorische[n] Vorstellungshorizont der Grimms“[7] zurückführen. Sie entwickelten ihre eigene Idealvorstellung dieser Gattung. Sie wollten das von ihnen Gehörte und Gelesene in exemplarische Texte verwandeln, die ihrer Auffassung von Volkstümlichkeit entsprachen. Zwischen den Urfassungen und aktuellen Ausgaben lassen sich Veränderungen und Tendenzen nachweisen. Warum das so ist und wozu diese Veränderungen von den beiden Brüdern vorgenommen wurden, inwiefern sich zeitgeschichtliche Spuren nachweisen lassen, soll in dieser Arbeit näher untersucht werden. Die Geschichte des bekannten Märchens „Dornröschen“ wird hier u.a als Beispiel dienen, um die Entstehungsgeschichte eines Märchens genauer aufzuzeigen.

„Jede einseitige Märchendeutung ist willkürlich. Daraus folgt indessen nicht, dass die Wissenschaft überhaupt auf Märchendeutung zu verzichten habe. Es liegt vielmehr im Wesen der Form Märchen, wie sie sich uns dargestellt hat, dass sie, durch Isolierung, Abstraktion, Sublimierung, jedes einzelne Element zur Figur werden lässt. Dass heißt, sie erlöst es aus konkreter Verwurzelung, aus individueller Bestimmtheit und Eindeutigkeit, um es zu einem vielfach bestimmbaren Bilde zu machen.“[8]

Psychologische, germanistische, soziologische und historische Faktoren werden in dieser Arbeit eine Rolle spielen, denn die eine, richtige Deutung von Märchen wird es wohl kaum geben, doch die vielen unterschiedlichen Blickwinkel und Interessengebiete, aus denen herausgedeutet werden kann, durchleuchten unterschiedliche Facetten und können sich in ihren Ergebnissen ggf. auch ergänzen.

Seit einiger Zeit gibt es ein neues Interesse am Märchen. Die ,,Europäische Märchengesellschaft e.V."[9] kann hier mit ihren steigenden Zahlen an Mitgliedern als ein Indikator gelten. Die Mitglieder sind Wissenschaftler, bekannte Märchenforscher wie z.B. Prof. Dr. Heinz Rölleke und interessierte Märchenliebhaber. Die Europäische Märchengesellschaft richtet Jahr für Jahr im In- und Ausland Tagungen und Internationale Kongresse aus, die märchenkundliche Themen aus unterschiedlichen Aspekten beleuchten. Sie veranstaltet zudem jährlich ca. 60 Seminare in ganz Deutschland; Seminare zur Märchenkunde, zur Märchendeutung, zur Erzählförderung und zum kreativen Umgang mit Märchen. Am 11.6 bis 13.6.2010 wird ein Seminar, geleitet von Dr. Ursula Heindrichs, stattfinden, dass sich mit dem Thema „Von starken und schwachen Frauen im Märchen“ auseinandersetzen wird.

In der Schlussbetrachtung dieser Arbeit sollte ein Resümee gezogen werden, an dessen Ergebnissen möglicherweise auch aufgezeigt werden kann, in wieweit Goethes Aussage, dass „Märchen“ und „Wahrheit“ Parallelen aufweisen, für das Thema dieser Arbeit zutreffend ist.

Im Wesentlichen beziehe ich mich auf die KHM der Brüder Grimm. Ihre Märchensammlung erschien erstmals 1812 (Band 1) bzw. 1815 (Band 2). Danach folgten mehrere, überarbeitete Neuauflagen. Die Ausgabe letzter Hand erschien 1857. Auch die handschriftliche Urfassung von 1810 ist überliefert. Um die Entwicklung der Textfassungen aufzuzeigen, wird im folgenden aus verschiedenen Ausgaben zitiert. Die Sekundärliteratur bezieht sich hauptsächlich auf die Werke von Max Lüthi, dem wohl bekanntesten Märchenforscher überhaupt, aber auch andere Literatur, u.a. von Psychologen und Historikern, wird zurate gezogen.

2. Das Volksmärchen

„Märchen sind ihrem Wesen nach Volkserzählungen, die in ihrer mündlichen Überlieferung Spiegel der Zeit sind.“[10]

Die deutschen Wörter „Märchen“ und „Märlein“ sind Verkleinerungsformen zu „Mär“(Kunde, Bericht, Gerücht), beziehen sich also auf eine Art von Erzählung. „Der Begriff Märchen ist in seiner heutigen Verwendung tatsächlich durch die Brüder Grimm konzipiert worden.“[11] Märchen wurden und werden noch heute in allen Ländern dieser Erde erfunden und erzählt. Ein Idealtyp des Märchens existiert nicht.

Die Erzählform selbst ist wesentlich älter als ihre Begriffe, doch wie die Erzähler aus alten Zeiten sie genannt haben, ist uns heute unbekannt. Das liegt zum großen Teil auch daran, dass Märchen über Hunderte von Jahren mündlich weitergegeben wurden.[12] Märchen sind also sehr alt und ein Urheber ist nicht auszumachen. Der Begriff "Volksmärchen" wurde von Jacob Grimm geprägt. Der Begriff soll betonen, dass seine gesammelten Märchen aus dem Volksmund stammen und zwar mit dem Grundsatz einer möglichst geringen Nachbearbeitung . Aufgrund der mündlichen Erzähltradition besitzt das Märchen keine konstante Form. Sie können aber nach verschiedenen Typen klassifiziert werden. Das „ Verzeichnis der Märch entypen“[13] von Antti Aarne (ein finnischer Märchenforscher) wurde 1910 entwickelt und 1928 von Stith Thompson überarbeitet und erweitert. Es bezieht sich zunächst nur auf mittel- und nordeuropäische Texte (also auch auf die KHM) und kann dabei helfen, eine strukturelle Einteilung vornehmen- und somit die Märchen von anderen Erzählgattungen besser abgrenzen zu können.

Die erste Hauptgruppe bildet nach diesem Verzeichnis das „Tiermärchen“. In dieser Gruppe bilden, wie der Name schon ahnen lässt, Tiere die Handlungsträger. Die wohl bekanntesten Tiermärchen aus der Grimmschen Sammlung sind „Der gestiefelte Kater“ (KHM 33) und „Der Froschkönig“(KMH 1). Der wichtigste Unterschied zur Fabel, deren Protagonisten ebenfalls Tiere sind, ist, dass Fabeln zumeist über einen namentlich bekannten Verfasser verfügen und eine Moral vermitteln wollen, die Märchen nicht.

„Zauber- und Wundermärchen“ bilden die zweite Hauptgruppe. In dieser Gruppe spielt der übernatürliche Faktor eine entscheidende Rolle. Hierzu zählen die legendenartigen Märchen, in denen eine übernatürliche Macht lohnt oder straft, die novellenartigen Märchen, in denen es um Liebe, Treue, Schicksal und Verbrechen geht und schließlich auch die Märchen von dummen Riesen und Teufeln, die mit einem Menschen im Wettstreit stehen.

Die dritte Hauptgruppe betrifft die „ Schwankmärchen“, in denen der Listige stets die Oberhand behält und das Komisch-scherzhafte im Vordergrund steht.

2.1 Merkmale des Volksmärchen

„Das alte Volksmärchen ist nichts kunstvoll Ausgedachtes und Gemachtes, es ist gewachsen, und es wuchs aus der Seele der Menschheit, aus ihren Regungen, ihrem Verlangen und Streben, aus Erfahrungen sowohl wie aus Träumen und Wünschen.“[14]

„Die "Kinder- und Hausmärchen" der Brüder Grimm stellen die klassische Märchensammlung der Weltliteratur dar, sie sind zugleich das weltweit meistgelesene und meistverbreitete Buch der deutschen Kulturgeschichte. Übersetzungen lassen sich heute in über 160 Sprachen und Kulturdialekte aller Kontinente nachweisen.“[15]

Doch ist die Gestalt der heutigen Märchen oft das Ergebnis einer Verschmelzung von mehreren überlieferten Fassungen, so auch der Grimmschen Märchen . „Hinzugefügt wurden außer Veranschaulichungen und Motivationen besonders volkstümliche Verse und Sprichwörter, die Wilhelm Grimm durch seine Freidank-Arbeiten nahe lagen.“[16]

Der Handlungsträger ist der Märchenheld oder die Märchenheldin, die mit Hilfe von Tieren, Requisiten oder zauberhaften Wesen in Auseinandersetzung mit ihren Gegenspielern stehen. Ort und Zeit sind nicht festgelegt,so beginnen sie oft mit "Es war einmal ...". Darauf folgt ein rascher Handlungsverlauf, da auch die "Handlungsfreude“ ein stilistisches Merkmal des Märchens ist.

Märchen sind ausschließlich eindimensional. Der Verlauf ist linear, verzichtet also auf Rückwendungen oder Parallelhandlungen. Für das Thema dieser Arbeit besonders erwähnenswert ist noch, dass das Märchen fast immer von der Notlage einer Frau ausgeht (Verlust eines Gegenstandes (Froschkönig), Lebensgefahr (Schneewittchen), usw.).Das Märchen beginnt mit einem Konflikt, meist in Form einer aussichtslosen Situation, die dann durch eine Aufgabe überwunden werden soll. Es beginnt also nicht plötzlich mit einer bewegten Handlung und bricht auch nicht plötzlich ab. Zu Anfang steht eine Einleitungsformel und am Ende lässt sich häufig der Satz "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute" finden. Dies weist auf ein „Happy End“ hin, denn im Volksmärchen werden stets die Bösen bestraft und die Guten siegen. Alle Spannungen und Konflikte lösen sich zum Finale hin auf.

Jahreszahlen werden genauso wenig genannt wie genaue Ortsbezeichnungen. Die Einleitungs- und Schlussformel verweisen auch auf den fiktionalen Charakter des Märchens. Zentrales Thema sehr vieler Grimmschen Märchen ist der soziale Aufstieg des Helden.

„Poetisch wird kompensiert, was die Wirklichkeit versagt. Die Märchen spenden Trost in einer bedürftigen Welt.“[17]

Es sind meistens die Kleinen, die Jüngsten, die Dummen und die Armen, die Glück und Wohlstand in den Märchen erreichen. Der Held fasst selten eigene Entschlüsse aus seinem Inneren heraus, er wird vielmehr durch äußere Impulse zum Handeln gezwungen. Dabei gilt das Wunderbare als selbstverständlich und natürlich. So wundert sich der Handlungsträger im Märchen nicht über das Auftreten magischer Wesen oder sprechender Tiere. Das Märchen kennt dem zufolge nur ein Nebeneinander, das Diesseitige und das Jenseitige begegnen sich auf derselben Ebene.

Der Held ist im Märchen nicht seines Schicksals eigener Schmied, er ist auf Hilfe angewiesen. Diese begegnet ihm/ihr in unterschiedlicher Form: als Mensch, Tier, zauberischem Wesen oder als einfacher Alltagsgegenstand. Die Tendenz, dass die Märchenhelden ebenso wie die Erzähler den unteren Sozialschichten angehören, findet man auch in den KHM der Brüder Grimm. So ist z.B. „Hans im Glück“ ein Knechtmärchen. Darüber hinaus kommen als Helden wiederholt wandernde Handwerksburschen, Kinder von Besenbindern oder Holzhackern, Küchen- und Hirtenjungen, Köchinnen, Dienstmädchen und andere sozial unterdrückte Menschen vor.[18]

Die Gegenstände, die in einem Volksmärchen vorkommen, entstammen häufig der Wirklichkeit. Sie werden nur zusätzlich durch magische Elemente entwirklicht. Dinge und Personen bleiben oft namenlos und kommen ohne nähere Beschreibung aus. Auffällig ist, dass die einzelnen Personen in Kontrast zueinander stehen, so teilt das Märchen in strikte Gegensatzpaare, wie „gut“ und „böse“ oder „schön“ und „hässlich“, „arm“ und „reich“, „jung“ und „alt“ ein. Die Motive des Märchens sind, nach Lüthi, nicht dem Märchen selbst entwachsen. Er bezeichnet sie als „Gemeinschaftsmotive“, welche die Beziehungen zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Tier, Mensch und Umwelt widerspiegeln (Hochzeit, Werbung, Armut, Verwaisung, Verwitwung, Kinderaussetzung usw.).[19]

Selten erzählen Märchen von der Ehe und ihrem Ehealltag, der mit der Hochzeit beginnt. Auch wird eigentliche Erotik im Volksmärchen selten zum Thema gemacht. Im Folgenden dieser Arbeit wird auf einige dieser Motive noch näher eingegangen werden, da sie unzertrennbar mit dem Thema dieser Arbeit verknüpft sind. Das wichtigste epische Gesetz ist, nach Friedrich von der Leyen, dass sich die Handlung auf nur eine Hauptperson konzentriert. Ein Zusammenspiel von mehr als drei Personen gleichzeitig, wie im es z.B. im Drama der Fall sein kann, ist im Märchen nicht möglich. Dieses Gesetz wird in vielen Märchen (z.B. Hänsel und Gretel, Brüderlein und Schwesterlein) durchbrochen. Das Geschehen im Märchen wird neutral und wertungsfrei wiedergegeben und kann so den Zuhörer oder Leser dazu anregen, eine selbstständige Meinungsbildung vorzunehmen.

Neben dem reinen Volksmärchen entwickelte sich das Kunstmärchen, von dem es abzugrenzen ist.Volksmärchen und Kunstmärchen lassen sich grob in ihrer Entstehungsgeschichte, ihrer Zielgruppe und durch ihre literarische Form unterscheiden. Im Gegensatz zum Volksmärchen handelt es sich bei dem Kunstmärchen nicht um mündliche Überlieferungen. Mit dem Volksmärchen teilen sich die Kunstmärchen u.a. das Motiv des Wunderbaren. Im Kunstmärchen ist es aber häufig der Fall, das das Wunderbare von der Wirklichkeit durchkreuzt wird und zum Schluss kein „Happy End“ steht. Auch formt hier der Individualstil eines bestimmbaren Autors die Sprache und die Strukturen sind komplexer als die des Volksmärchen, eine soziale Orientierung an den unteren Volksschichten eher untypisch. Der Protagonist im Kunstmärchen ist ein Grenzgänger beider Welten, die gänzlich verschiedenen Prinzipien gehorchen. Die Kunstmärchen lassen sich in eine bestimmte Zeit verordnen, in die Epoche der Romantik. In dieser Epoche waren die Grundthemen u.a. Gefühl, Leidenschaft und individuelles Erleben.

2. 2 Symbole

Durch ihre mündliche Form liefern Märchen Symbole, die erst durch den Zuhörer oder Leser zu Bildern werden. Daher bieten sie einen Freiraum zur Selbstbestimmung und fordern auf, zum „Mitgestalter“ zu werden, indem das Gehörte in Bildern umgewandelt und ausstaffiert werden kann.

„Um herauszufinden, was ein Symbol bedeutet, wenden wir die Methode der Amplifikation an: Das heißt, wir versuchen einem Märchenmotiv Parallelen beizubringen, dann auch zu sehen, wo immer in der Menschheitsgeschichte dieses Symbol schon eine Rolle gespielt hat – und in welchem Bedeutungszusammenhang es gestanden hat. Über diese Amplifikationen wird die allgemeinste Bedeutung eines Symbols evident.“[20]

Nicht immer ist klar, wie und ob ein bestimmter Gegenstand, ein Zustand, eine Umgebung, eine Zahl oder eine Farbe, die wir in Märchen finden, gedeutet werden kann. Die Grimmsche Märchensammlung zeichnet sich z.B. durch gezielt eingesetzte Farbgebung aus. Besonders die Farben „rot“ und „weiß“ lassen sich besonders häufig finden. Farbbezeichnungen fließen auch in Märchentitel, wie „Schneeweißchen und Rosenrot(KHM 161) oder „Rotkäppchen(KHM 26) mit ein.

„Diese Märchentitel verweisen alle auf weibliche Hauptfiguren und geben in der Namensymbolik eine Charakterisierung der äußeren Erscheinung der Märchenheldin, die auch bereits zeichenhafter Ausdruck der moralischen Handlungsmotivation im Märchen sein kann.“[21]

Die Personen, Kleidung, Gegenstände etc., die farbig auftreten, haben meistens eine besondere Bedeutung und verweisen auf etwas anderes. Das rote Käppchen, das Rotkäppchen geschenkt bekommt, bietet z.B. viel Spielraum für Deutungshypothesen. So steht zum einen die Farbe „Rot“ für das Leben, in diesem Falle die kindliche, naive Art des kleinen Mädchens, zum anderen aber auch für die Entwicklung vom Mädchen zur Frau, da sie oftmals in Verbindung mit der weiblichen Menstruation gebracht wird. Agnes Guttner wiederum deutet die rote Kopfbedeckung als das Einverständnis der Märchenheldin mit dem Leben und seinen Forderungen, dessen Gefahren sie sich stellt.

„Denn Rot ist auch die Farbe des Kampfes, der Not und der Verwundung.“[22]

Die Wirkung von Farben kann unbewusst positive und negative Emotionen freisetzen. So können z.B. einige von ihnen Gefahr signalisieren und andere Ruhe vermitteln. Farben werden zu Symbolen, mit denen kommuniziert wird und die innerhalb einer Gesellschaft zu festen Zeichen werden. Sogar im Tierreich werden „Farben“ gedeutet, so tragen einige Tierarten die Farbe „rot“ als Warntracht. Weiß ist die Farbe des Lichtes und der Reinheit, folglich prinzipiell positiv konnotiert. Weil die Farbe Weiß aus allen anderen Farben zusammengesetzt wird, ist sie symbolisch auch die Farbe der Vollkommenheit. In den KHM findet sich dieser Gedanke unter anderem in „Die weiße Schlange“ (KHM 17) wieder. In diesem Märchen wird jeder, der das Fleisch der weißen Schlange zu sich nimmt allwissend und kann die Sprache der Tiere verstehen.

Die Farbe Grün findet ebenfalls Eingang in die KHM, so wird die böse Königin aus dem Märchen „Sneewittchen“ als gelb und grün vor Neid beschrieben. Max Lüthi stellt ebenfalls fest, dass die Märchen „in ihrem Streben nach Formbestimmtheit und Vollendung zu reinen, klaren und krassen Farben greifen.“[23]

Wie schon erwähnt, arbeitet das Märchen gerne mit Kontrasten, das wird auch an der Farbgestaltung deutlich.

„In der Ambivalenz der Symbole drückt sich ähnlich wie in der Dialektik der Handlungsführung das dualistische Weltbild des Märchens aus, wobei es stets darauf ankommt, das negativ Verschobene wieder positiv zu richten.“[24]

Auch Tiere können in Märchen symbolisch gedeutet werden, so gilt z.B. die Schlange als Symbol der Erdverbundenheit und der Wolf als Repräsentant des Bösen. Ein symbolischer Umgang mit Zahlen lässt sich im Märchen ebenfalls finden. So verweist z.B. die Drei auf Harmonie, die Sieben auf Vollendetes und die Dreizehn auf die bedrohliche Überschreitung der Ordnung.[25]

Ein besonders häufiges Motiv der „Umgebung“, welches sich in den KHM finden lässt, ist der „Wald“. Der Wald steht im Märchen fast immer für den Bereich des geheimnisvollen Unbewussten. Die Märchenfiguren werden durch die vielen unterschiedlichen Gefahren, die im Wald auf sie warten, in ihrer seelischen Entwicklung vorangebracht.[26] Figuren wie Hänsel und Gretel, Rotkäppchen u.v.m finden hier ihr Abenteuer. Ein anderes häufig verwendetes Motiv ist auch der „Brunnen“. Dieser gilt als Quelle des Lebens, aber auch als Abstieg in das Reich des Todes.[27]

Symbole sind im Märchen vielfältig auffindbar und können einen wertvollen Sinngehalt offenbaren, wenn sie als Ganzes betrachtet und verstanden werden.

2. 3 Abgrenzung zu verwandten Gattungen

Bei der Bestimmung des Märchens als literarischer Gattung scheint eine mehrfache Eingrenzung sinnvoll. Das Märchen ist nahe verwandt mit den Erzähltypen Fabel, Legende, Sage und Mythos und nicht immer fällt eine Zuteilung leicht.

Der Begriff ,,Sage" ist ebenfalls ein Sammelbegriff für mündlich oder schriftlich überlieferte Erzählungen. Die mündliche Tradierung haben Märchen und Sage gemein, doch unterscheidet sie sich in ihrem Wahrheitsgehalt.

Das Märchen ist frei erfunden und knüpft nicht an tatsächlich Vorgefallenes an, während die Sage „emotional, ethisch, sachlich, zeitlich und räumlich gebunden“ ist.[28]

„Der Begriff „Sage“, auch ein moderner europäischer Begriff, bezeichnet in einem weiteren Sinne Erzählungen, die mit dem Anspruch auftreten, wirkliche Vorgänge zu berichten, die sich aber, sei es schon im Bewußtsein des Erzählers selber, sei es für den Hörer oder nur für den außenstehenden Beobachter, von dieser Wirklichkeit irgendwie entfernt haben entweder dadurch, daß sie von Mund zu Mund gegangen und so eine charakteristische Umformung erhalten haben (Volkssage, Lokalsage) oder dadurch, daß sie bewußt dichterisch gestaltet wurden (z.B. die Heldensage).“[29]

Was die Sage so glaubwürdig macht ist, dass Namens-, Orts-, und/ oder Zeitangaben aus dem wirklichen Leben stammen. So liefert sie Beweisstücke, um die Wahrheit des Geschehens zu bezeugen. Da Sagen immer wieder den gleichen Glaubensvorstellungen entwachsen und in einfacher Form gehalten sind haben sie sich über die Jahrhunderte kaum verändert. Das Märchen besitzt keine abstrakte Darstellungsweise, die Bilder und Handlungen sind idealisiert. In der Sage werden Aussehen und Lebensgewohnheiten der Geschöpfe näher beschrieben, sie ist abstrakt und will eine Darstellung des Jenseits erwecken.[30] Das Außergewöhnliche und Wunderbare verbindet und trennt, nach Lüthi, gleichzeitig die beiden Gattungen. Fantastische Gestalten sind für die Märchenfiguren selbstverständlich und Wunder werden im Märchen ebenfalls nicht als etwas Außergewöhnliches wahrgenommen. Die Volkssage besitzt auch in seiner Form nicht den kunstvollen Aufbau eines Märchens.

„Die Sage ist komplex, beschränkt und relativ ungeformt; aber sie weist über sich selber hinaus. Das Märchen offenbart uns dichterisch das Wesen der Welt, ohne nach Wesen und Eigenart der einzelnen Potenzen zu fragen.“[31]

Die „ Legende“ steht nach Lüthi in der Nähe der Sage, erzählt wie diese vom übernatürlichen Geschehen.[32] Der Unterschied besteht hierbei, dass dieses Geschehen in der Legende von einem festen religiösen System aus gedeutet wird. Das „Wunderbare“ wird hier von etwas Göttlichem bewirkt und somit aufgewertet. Ob eine Legende oder Sage glaubhaft ist, liegt im Auge des Betrachters .

„Glauben oder Nichtglauben kann Entstehen und Leben einer Gattung bestimmen, ihre Wesensmerkmale aber müssen von der Erzählung selber abgelesen werden.“[33]

Der Begriff des „ Mythos“ ist noch umstrittener in seiner Definition als das Märchen. Auch liegen diese beiden Gattungen weit auseinander, denn in Märchen (wie auch in der Sage oder Legende) werden die Vorgänge auf den Menschen bezogen. Im Mythos sind die Figuren namentlich Götter, die dort in unterschiedlichster Gestalt auftreten können.

[...]


[1] Lüthi, Max: Es war einmal, S. 7

[2] Im Folgendem abgekürzt KHM

[3] Neuhaus, Stefan: Märchen, S. 131

[4] Bolte, J./Polivka, G.: Anmerkungen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, S. 4

[5] Pötter, Christiane: Familienbeziehungen in den Märchen der Brüder Grimm, S. 9.

[6] Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen, S. 88

[7] Bluhm: Metzler Lexikon Literatur, S. 473

[8] Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen, S. 88

[9] http://www.maerchen-emg.de/

[10] Röhrich, Lutz: Der Froschkönig. In: Das selbstverständliche Wunder, S. 7

[11] Grimm, Brüder: Kinder- und Hausmärchen, S. 66.

[12] Freund, Winfried: Das Märchen, S. 8

[13] Aarne, Aanti, Thompson Stith: The Types of the Folktale. A classification and bibliography

[14] Tetzner, Lisa: Die schönsten Märchen der Welt für 365 und einen Tag. Bd. 1, S. 6

[15] http://www.grimms.de/contenido/cms/front_content.php?idcat=10

[16] Enzyklopädie des Märchens. Bd. 6, S. 190

[17] Freund, Winfried: Das Märchen, S. 83 ff.

[18] Röhrich, Lutz: Märchen und Wirklichkeit, S. 209

[19] Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen, S. 63

[20] Kast, Verena: Mann und Frau im Märchen, S. 2

[21] Hofius, Annegret: Sneewitchen oder die Schöne und das Böse. In: Das selbstverständliche Wunder, S. 63

[22] Guttner, Agnes: Märchen und Märe, S. 70

[23] Lüthi, Max: Zur Phänomenologie des Volksmärchens. In: Antaios X, Bd. 3, S. 252

[24] Freund, Winfried: Das Märchen, S. 15

[25] Freund, Winfried: Das Märchen S. 15

[26] Schäfer, Thomas: Mein allerliebstes Haselnüßchen, ich muß dich knacken, S. 22

[27] Freund, Winfried: Das Märchen, S. 85

[28] Lüthi, Max: Märchen, S. 8

[29] Vgl. ebd., S. 6

[30] Von der Leyen, Friedrich: Das Märchen. Ein Versuch, S. 98

[31] Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen, S. 96

[32] Vgl. ebd., S. 10

[33] Lüthi, Max: Märchen, S. 10

Details

Seiten
59
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640766000
ISBN (Buch)
9783640766376
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162094
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
2
Schlagworte
Weibliche Figuren Kinder- Hausmärchen Brüder Grimm

Autor

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