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Analyse der Roten Schanze als Idyllischer Raum in Wilhelm Raabes „Stopfkuchen“

Hausarbeit 2010 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Idyll im Werk Wilhelm Raabe
2.1. Typik des idyllischen Raumes
2.2. Idyllischer Raum als bürgerliches Eigentum
2.3. Raumobjekte des idyllischen Identitätswunsches
2.3.1. Objektive Räume
2.3.2. Subjektive Räume

3. Analyse der Roten Schanze in Stopfkuchen
3.1. Die Beschreibung der Roten Schanze in Stopfkuchen
3.2. Die Bedeutung der Roten Schanze für die Raumstruktur
3.3 Die Rote Schanze als Idylle
3.4. Stopfkuchens Eroberung der Roten Schanze
3.5. Die Rote Schanze und Stopfkuchens Rache

4. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Idyll ist „der bildgewordene Wunsch“[1] nach einem Leben ohne Entfremdung. Ob das Idyll als vollgültige Gattung zu bezeichnen ist, findet keine überzeugende Antwort. Aber das Idyll hat doch seinen Platz in jeder Dichtart. Vor allem spielt das Idyll in der Neuzeit immer mehr in den großen literarischen Formen, speziell im Roman bzw. im Entwicklungsroman eine wesentliche Rolle. „Dabei kann das Idyll sowohl als rein situative Konzeption wie als schon mit einer idyllischen Idee ausgestatteter Moment in die epische Gesamtstruktur integriert werden“.

In Raabes, zwischen 1888 und 1890 entstandenen Roman „Stopfkuchen“ erreicht die Raumgestaltung der Raabeschen Idylle ihre Höhepunkte[2]. Im Stopfkuchen werden alle Funktionen des idyllischen Raumes vor allem von dem Zentralraum – Rote Schanze – wahrgenommen.

So wie ich das ‚Buch’ habe, schicke ich es Ihnen, und nachher sagen Sie es vielleicht den Leuten, wer da eigentlich unter der Hecke lag und die rothe Schanze erobert hat und heute von ihr auch so die Welt um sich liegen sieht. Dies ist mein wirklich subjektives Buch und ein Kunstwerk insofern, als nur Wenige Solches aus der Schnurre herausfinden werden.[3]

Das oben angeführte Zitat von Wilhelm Raabe beweist eine besondere Bedeutung eines Motivs – des der „Roten Schanze“. Das Motiv der „Roten Schanze“ erscheint in diesem Roman schon ganz quantitativ. Allein das Wort „Schanze“ kommt rund 285-mal in „Stopfkuchen“ vor. In dieser Arbeit soll die Bedeutung der Roten Schanze als idyllischer Raum im Roman „Stopfkuchen“ analysiert werden.

Im ersten Kapitel wird zuerst kurz der Begriff „das Idyll“ vorgestellt: Typik des idyllischen Raumes, idyllischer Raum als bürgerliches Eigentum und Raumobjekte des idyllischen Identitätswunsches. Im zweiten Kapitel geht es um die Raumgestaltung in Stopfkuchen. Dabei wird zuerst gezeigt, wie die Rote Schanze in Stopfkuchen geschildert wird. Anschließend wird analysiert, was für eine Rolle die Rote Schanze im Roman spielt, und was für eine Bedeutung die rote Schanze hat.

2. Das Idyll im Werk Wilhelm Raabe

Das Idyll bei Raabe bedeutet:

Lob des auf völkisch-konsevative Werte orientierten Ausnahmemenschen, des sich von der Masse absetzenden Individuums, das gegenüber allen Fortschritten der Moderne die Idee einer vaterländisch-germanischen Tradition aufrechtzuerhalten sucht.[4]

Raabes Werk gewann literarisch gesehen den Charakter der „Heimatkunst“[5], deren Qualitäten in volkstümlichen Stoffen und in der liebevollen Detailgestaltung „landschaftlich und lokalhistorisch eng begrenzter Begebenheiten“[6] bestehen sollten. Zum einen bildete das Idyll einen der Kernpunkte der traditionellen Raabe-Auffassung, zum anderen dominiert es die Raum- und Zeitstrukturen seines Erzählens. Auf den zweiten Punkt konzentriert sich die neuere Forschung in besonderem Maße. In dieser Arbeit wird der erste Punkt, also das Idyll, beachtet, aber die Raumstruktur wird auch kurz analysiert, weil das nötig und sinnvoll für die Analyse der Roten Schanze ist.

2.1. Typik des idyllischen Raumes

„Keine literarische Gattung ist derart durch räumliche Determinanten bestimmt wie die Idylle“.[7] In der Tradition wird das Idyll ganz genau festgelegt: Umfang, Klimabeschaffenheit, Pflanzenbewuchs und Tierwelt usw. Damit ist die spezifische Erscheinungsform des Raumes in der Idylle noch nicht berücksichtigt, so Heldt. Es gibt drei strukturelle Eigenschaften des idyllischen Raumes nach Heldt zu unterscheiden.

Erstens spielt Konzentration – Enge des Raumes eine Rolle. Jede Idylle bedarf des „engen, überschaubaren, scharf abgegrenzten Raumes“, der „alle auftretenden Personen“ und „die ablaufende Handlung“ umschließt. Diese Notwendigkeit beruht auf dem autonomen Charakter der Idylle, der ihre „Bedeutung“[8] ausmacht. Diese erste Eigenheit des idyllischen Raumes besagt wesentlich, dass eine Vielzahl von Räumen bzw. voneinander nicht abgegrenzte oder nicht beschränkte Räume eine Idylle nicht zulassen.

Die zweite Eigenschaft des idyllischen Raumes ist die Ruhe des Raumes, also Passivität der Gestalten. Durch die Enge des Raumes ist ein gewisses Element der zweiten Bestimmung des idyllischen Raumes schon klar, dass „die Vielfalt der möglichen Erscheinungen und Begebenheiten nur im reduzierten Ausschnitt demonstrierbar sind und Spannung grundsätzlicher Art nicht auftreten können“.[9]

Die Idylle ist ein in sich ruhender Raum, der bei Abwesenheit des feindlichen Schicksals keine Einflüsse von außen kennt. Die innere Ruhe der Idylle kann bei den in ihr befindlichen Personen formuliert werden:

In der traditioneller orientierten, also wesentlich auf bukolische Elemente zurückgreifenden Idylle ist es die auffällige Typenhaftigheit der Gestalten, ihre Handlungslosigkeit, die sie fast nie zu Charakteren werden lässt. […] Charakteristisch für diese Idyllenform ist die direkte Erzählweise: Der Autor beschreibt ohne Mittelsperson einen scheinbar objektiv gegebenen Sachverhalt.[10]

Schließend kommt das dritte Merkmal der Idylle zum Vorschein: Der idyllische Raum hat einen positiven Grundcharakter für die in diesem Raum lebenden oder ihn beobachtenden Personen. Er ist ein Raum in „dem Identität„ gesucht oder erreicht wird.[11] Mit dem Raum können sich viele verschiedene Erwartungen oder Erinnerungen verbinden wie z. B. die Kindheit, oft mit dem konkreten Blick auf die Heimatstadt verbunden. Es ist ein von individuellen Erfahrungen und Vorstellungen geprägter Raum, in dem sich die Idylle entfaltet. Der Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit der Kindheit entspricht die Einmaligkeit, die Subjektivität des idyllischen Raumerlebnisses.[12]

2.2. Idyllischer Raum als bürgerliches Eigentum

Wenn man die Idylle als Manifestation einer Sehnsucht nach unentfremdeter, befreiter Existenz betrachtet, ist einfach festzustellen, dass es die Räumlichkeit der Idylle ist, in der solche Identität verwirklichbar erscheint.[13] Identität mit einem Raum ist im „bürgerlich-rechtlichen“ Sinne Besitz. Es ist Nach Hegel Eigentum als Dasein der Persönlichkeit. Diese Spezifische Raumauffassung tritt nur in Erscheinung, wenn die Identifikation mit dem idyllischen Raum konkret vollzogen werden kann. Das heißt:

Der Held nicht bloß in Distanz bleibt, sondern sich tätig durch Arbeit, den Raum erwirbt.[14]

Arbeit und Idylle lassen sich schlecht vereinigen. Einig sind sich alle Autoren in der Kennzeichnung der idyllischen Arbeit als unentfremdeter sichtbar. Erst bei Wilhelm Raabe, so Heldt, wird die Identitätsprojektion der Idylle konkret als „Erwerb und Besitz des idyllischen Raumes“ dargestellt – Stopfkuchens Eroberung der Roten Schanze z. B. lässt dies erkennen. Außerdem wird in Raabes Darstellungen der Destruktion eines Idylls deren Charakter als Eigentum im bürgerlichen Sinne sinnfällig. Raum als Eigentum bei Raabe ist mit Sicherheit und Geborgenheit verbunden, aber auch als Gegenstand eines Kampfes gekennzeichnet.

Die idyllische Identität versucht „die bloße Form des Besitzes“ zu einem „humanen, unentfremdeten Individualkosmos“[15] zu erhöhen. In Stopfkuchen sind alle Handlungen Stopfkuchens – seine Lebensweise, seine Entwicklung - auf die Schanze ausgerichtet. Ganz anders als Just hat er die Schanze nicht in der Fremde erworben sondern als „Großknecht“ auf ihr.

2.3. Raumobjekte des idyllischen Identitätswunsches

Im Folgenden wird eine Aufzählung angeführt, die den Versuch darstellt, die verschiedenen Raumformen zusammenzustellen, die sich im Roman des 19. Jahrhundert als Gegenstände des idyllischen Identitätswunsches finden lassen.

2.3.1. Objektive Räume

Zuerst ist die Natur zu erwähnen. Der Naturraum ist objektiv, da ihm bestimmte Gesetzmäßigkeiten zugrunde liegen, die sich nicht subjektiver Willkür fügen.[16] Für Raabe ist die Interpretation der Natur als eines Ausdrucksmittels von Geborgenheit und Ruhe.[17] Der zweite objektive Raum ist Landschaft als der kulturell und geschichtlich bestimmte Raum. Die Landschaft bei Raabe impliziert das Volk, das in ihr wohnt – natürlich auch seine Kultur und Geschichte. Ohne Volk – ohne Kultur und Geschichte ist ein Raum für Raabe keine Landschaft, kein „Identitätsobjekt“. Der dritte objektive Raum bezieht sich auf vorbürgerliche Sozialstrukturen wie z. B. Hof, Dorf und Urbanik.

Die idyllische Lebensform, wie sie sich in der Identität mit Sozialstrukturen frühbürgerlicher bzw. bäuerlicher Räume scheinbar vollzieht, ist also „keine Projektion einer objektiv gemeinten Existenz“, sie dient Raabe wie alle anderen objekthaft festgelegten Räume zur „Hervorhebung bzw. Infragestellung einer subjektiven Position“[18].

2.3.2. Subjektive Räume

Als subjektiv sollen solche Räume bezeichnet werden, die die Bedeutung einzig aus der individuellen Sicht eines Einzelnen gewinnen. Bei subjektiven Räumen sind auch drei Punkte zu unterscheiden.

[...]


[1] Uwe Heldt: Isolation und Identität, Die Bedeutung des Idyllischen in der Epik Wilhelm Raabes. S. 13.

[2] Ebd.

[3] Brief Wilhelm Raabes an E. Sträter vom 17.11.1890 zit. nach: Wilhelm Raabe, Stopfkuchen. Eine See- und Mordgeschichte. Mit einem Nachwort von Alexander Ritter, Stuttgart 2001, S. 227. Im Folgenden werde ich „Stopfkuchen“ nach dieser im Philipp Reclam jun. Verlag, Stuttgart erschienenen Ausgabe zitieren.

[4] Uwe Heldt: Isolation und Identität, S.15.

[5] Ebd.

[6] Uwe Heldt: Isolation und Identität, S.15.

[7] Ebd. S.21.

[8] Ebd.

[9] Vgl. Uwe Heldt: Isolation und Identität, S. 22.

[10] Ebd. S.22f.

[11] Vgl. Ebd.

[12] Vgl. Uwe Heldt: Isolation und Identität, S.24

[13] Vgl. Uwe Heldt: Isolation und Identität, S. 25.

[14] Uwe Heldt: Isolation und Identität, S. 27.

[15] Uwe Heldt: Isolation und Identität, S.27.

[16] Ebd. S. 30.

[17] Ulf Eisele: Der Dichter und sein Detektiv. Raabes „Stopfkuchen“ und die Frage des Realismus. S.22

[18] Uwe Heldt: Isolation und Identität, S. 35.

Details

Seiten
23
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640757367
ISBN (Buch)
9783640757695
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162054
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Deutsches Seminar
Note
2,0
Schlagworte
Analyse Roten Schanze Idyllischer Raum Wilhelm Raabes

Autor

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Titel: Analyse der Roten Schanze als Idyllischer Raum in Wilhelm Raabes „Stopfkuchen“