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Über das Böse in der Welt

Ein Vergleich zwischen Immanuel Kant und Hannah Arendt

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 46 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das Böse

2. Kant über das Böse in der Welt
2.1 Muthmaßlicher Anfang der Menschengeschichte
2.2 Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft
2.2.1 Von der ursprünglichen Anlage zum Guten in der menschlichen Natur
2.2.2 Von dem Hange zum Bösen in der menschlichen Natur
2.2.3 Von der Wiederherstellung der ursprünglichen Anlage zum Guten in ihre Kraft
2.3 Zusammenfassung

3. Hannah Arendt über das Böse in der Welt
3.1 Nach-Denken über das Böse
3.2 Arendts Konzeption des Selbst und des Bösen
Exkurs zu Kant: "An Stelle [je]des Andern Denken" – Über das kommunikative Element der Vernunft
3.3 Adolf Eichmann, oder: Von den Pflichten eines gesetzestreuen Bürgers
3.3.1 Eichmanns Gewissen
3.3.2 Pflicht und Gesetz – Hannah Arendts moralphilosophische Betrachtungen

4. Mut

Literatur

1. Das Böse

"Schlaf wie ein Tier, mein Herz; hör auf zu fragen."[1] schreibt Charles Baudelaire in Die Blumen des Bösen. Das Herz erscheint hier als Ort des Sprechens, als Ort der Fragen, den es zum schlafen zu bringen gilt. Dieses schlafende Herz macht den Mensch zum Tier, oder anders formuliert, der Mensch hört auf Mensch zu sein. Der Titel des Gedichtes: Neigung zum Nichts, aus dem diese Zeile stammt, verstärkt diese Lesart. Bei Kant findet sich mit dem Hang zum Bösen beim Menschen ein vergleichbarer Ausdruck zur Neigung zum Nichts.

Das Schweigen des fragenden Herzens erzeugt eine Assoziation zwischen Kant und Arendt, den diese Arbeit herzustellen versucht und die es darzustellen gilt. Bei Hannah Arendt taucht die Bestimmung des Zwei-als-Einer des Menschen auf, das Selbstgespräch, welches, wenn es 'einschläft', einen monologischen Zustand im Menschen entstehen lässt, der mit Arendt als Gedankenlosigkeit beschrieben werden könnte.

In dieser Arbeit soll der Versuch eines Vergleichs gewagt werden zwischen Kant und Arendt hinsichtlich der Frage, woher das Böse im Menschen komme. Dieser Vergleich ist ein Versuch; kein einfacher wie auch kein abschließender. Dafür, ist zum einen die Frage nach dem Bösen zu komplex, zum anderen, ist der kantische und arendtsche Textkorpus zu umfangreich für den Rahmen dieser Arbeit, als dass diese angemessen in die Überlegungen und Ausführungen einfließen können. Grundlegend für diese Arbeit ist Kants erstes Stück aus Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft [1977] mit dem Titel Von der Einwohnung des bösen Prinzips neben dem guten: oder über das radikale Böse in der menschlichen Natur von 1793. Leitend für Arendts Ausführungen über das Böse ist die Vorlesung aus dem Jahre 1965 Über das Böse [2006] und ihr Bericht über Eichmann in Jerusalem von 1965 [2005].

In einem klassischen Dreischritt soll zuerst Kants und darauf Arendts Verständnis des Bösen nachgezeichnet werden, um in einem dritten Abschnitt auf dem Sockel dieser Ausführungen die kommunikativen Elemente als Schnittpunkt beider Konzepte zu thematisieren. Überlegungen in einem synthetischen Sinne – aus Kantschen und Arendtschen Gedanken – bilden den Abschluss. Hierbei geht es um die These, dass der Mensch immer auch anders handeln kann; er kann in dunklen Zeiten seine und die aller Menschen Menschlichkeit erhalten, indem er von seiner Freiheit Gebrauch macht und Mut zeigt.

2. Kant über das Böse in der Welt

Tercium non datur - um moralisch gut, muss der Mensch nach Kant Rigorist, d.h. Dualist sein. Für Kant gibt es nur Gut oder Böse, nichts Drittes. Gut und Böse werden dementsprechend von Kant als radikal handlungstheoretische Kategorie bestimmt. In der Schrift Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft entfaltet Kant seine Theorie über das Böse im Menschen, die im Hinblick auf die Freiheitsproblematik vorgestellt wird.

Entgegen der Erfahrung, die den Menschen als zum Teil sittlich gut und sittlich böse beschreibt (vgl. RGV: 668), wendet Kant ein, dass eine solches moralisches Mittelding innerhalb der Sittenlehre eine Gefahr für die Bestimmtheit und Festigkeit von Maximen bedeute. Für die Beurteilung der Moralität einer Handlung wäre ein solches Mittelding fatal. Das innere Prinzip der Maximen, d.h. eine böse oder gute Gesinnung, muss eindeutig geregelt sein, entweder gut oder böse, damit das Urteil eine Grundlage besitzt um diese Handlung, die als eine freie verstanden werden muss, einem Menschen zuzuordnen. Die Zuordnung einer Handlung aufgrund ihrer Absichten bestimmt die absolute Verantwortung des Menschen für seine Gesinnung. Als frei gedachtes Wesen kann der Mensch in seiner Willkür entscheiden, ob er das moralische Gesetz in seine Maxime, der Regel für den Gebrauch der Freiheit, als oberstes Prinzip aufnimmt und ein moralisch gutes Wesen sein möchte oder nicht: er ist frei in seiner Willkür, gleichwohl hat er einen natürlichen Hang zum Bösen.

Im ersten Abschnitt sollen die rationalen Elemente in der Frühschrift Muthmaßlicher Anfang der Menschengeschichte kurz nachgezeichnet werden, um darauf die relevanten Kernbegriffe und Gedanken einzuführen. Im zweiten Abschnitt liegt der Fokus auf der kantischen Bestimmung des Bösen und seiner Erscheinung sowie der Erhellung dessen, warum das radikal Böse den Grund aller Maximen verdirbt. Zum Abschluss sollen einzelne Aspekte kurz hervorgehoben und kritisch behandelt werden, die später für den Vergleich mit Arendts Antwort auf die Leitfrage woher das Böse im Menschen stamme, signifikant werden.

2.1 Muthmaßlicher Anfang der Menschengeschichte

– oder: wie die Freiheit auf die Welt kam.

Eine erste Antwort auf die Frage, woher das Böse im Menschen komme, lautete in Kants Schrift Muthmaßlicher Anfang der Menschengeschichte aus dem Jahre 1786:[2] aus der (absoluten) Freiheit des Menschen. In diesem Sinne geht Kant nicht der theologischen Frage nach, wie das Böse, sondern wie die Freiheit auf die Welt gekommen ist. Diese Frühschrift Kants lässt sich im Rahmen der Aufklärung als Säkularisierung im günstigsten Fall begreifen, denn Glaubensinhalte werden hier nicht abgewertet, sondern nach ihrem rationalen Kern hin untersucht. Die biblische Erzählung der Genesis, die Glaubensinhalte, Praktiken und die mit ihr verbundenen Formen der Sozialisierung des Menschen werden von Kant auf ihren rationalen Kern hin analysiert, mit dem Ziel Einsichtigkeit in die Religionsschriften herzustellen und die ethische Funktion der Religion zu bestimmen. Der Glaube ist nach Kant subjektives für-wahr-halten, welches nicht beliebig ist. Da Glaube auf einer inneren Überzeugung gründet, muss es möglich sein, diese reflektiert zu befragen. Das Freilegen der Entwicklung der Freiheit in der Entwicklung des Menschen ist eine der wichtigsten Erkenntnisse der rationalen Vernunftanalyse. So verstanden, wird der berühmte Adams-Apfel in Kants rationaler Analyse als erste Wahlsituation – als erster Versuch der freien Wahl - bestimmt. Kants elementares Verständnis der Vernunft drückt sich im Wechsel zwischen dem Instinkt, der „Nein“ zum Apfel und der Vernunft, die „Nein, ich entscheide.“ sagt. Dieser Sachverhalt kommt zum Tragen, wenn „alleine die Vernunft … alsbald an(fing) sich zu regen“(MAM: 111). Die Vernunft wird zum Vermögen die eigene Lebensweise zu wählen, wobei es noch ein weiter Weg zum Sittengesetz ist.

"Der Schade mochte nun gleich so unbedeutend gewesen sein, als man will, so gingen dem Menschen hierüber doch die Augen auf. Er entdeckte in sich ein Vermögen, sich selbst eine Lebensweise auszuwählen und nicht gleich anderen Thieren an eine einzige gebunden zu sein."(MAM: 112)

Das Vermögen sich selbst eine Lebensweise auszuwählen bedarf der unbedingten Freiheit. Der Sündenfall von Adam und Eva wird als erste Wahlsituation bestimmt. Nicht die Sünde findet Eingang in die Welt der Menschen, sondern die Freiheit des Menschen in und von der Welt wird mit dem Adamsapfel symbolisiert. Der Mensch ist frei zu entscheiden, wie er handelt, zum Guten wie zum Bösen hin. Indem er sich der Verführung hingab, vollzog sich der erste Schritt zum Gebrauch der Freiheit. Der Mensch entschied sich nach anderen Triebfedern zu suchen statt dem moralischen Gesetz als hinreichende Triebfeder zu folgen (RGV: 692).[3]

Kant beschreibt drei weitere Schritte der regenden Vernunft im Menschen als rationale Elemente, die hier in aller Kürze vorgestellt werden sollen, wobei das vierte Element näher bestimmt wird. Als zweites Element wird das Feigenblatt als Zeichen der Sittlichkeit interpretiert. Das dritte Element wird als das Bewusstsein der Endlichkeit,[4] der eigenen Sterblichkeit herausgearbeitet, verbunden mit der "überlegte(n) Erwartung des Künftigen"(MAM: 113). Entscheidend ist das vierte Element:

"Der vierte und letzte Schritt, den die den Menschen über die Gesellschaft mit Thieren gänzlich erhebende Vernunft that, war: daß er (wiewohl nur dunkel) begriff, er sei eigentlich der Zweck der Natur, und nichts, was auf Erden lebt, könne hierin einen Mitwerber gegen ihn abgeben."(MAM: 114)

Die Vernunft wird zur entscheidenden Differenz zwischen Mensch und Tier. In Ausübung seines Willens werden die anderen Geschöpfe der Schöpfung zu Mitteln und Werkzeugen der Zwecke. Zugleich tritt in der Differenz, dem Gedanken des Gegensatzes von Tier und Mensch, die Identität mit allen vernünftigen Wesen auf, die Gleichheit unter den Menschen.

"Und so war der Mensch in eine Gleichheit mit allen vernünftigen Wesen, von welchem Range sie auch sein mögen, getreten (III, 22): nämlich in Ansehung des Anspruchs selbst Zweck zu sein, von jedem anderen auch als ein solcher geschätzt und von keinem bloß als Mittel zu anderen Zwecken gebraucht zu werden."(MAM:114)

Kant formuliert hier in der rationalen Auslegung der Genesis den kategorischen Imperativ in der Menschheitsformel: "Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest"( Grundlegung: 79).[5] Jedoch schränkt Kant im Klammerausdruck wiewohl nur dunkel ein, dass der Mensch diese Erkenntnis nicht in vollem Umfang hat, sondern dass sich dieses Bewusstsein langsam entwickelt. Der nächste Schritt wäre dann den Kategorischen Imperativ als oberste Maxime über die Selbstliebe zu stellen, die nur unter Voraussetzung der Freiheit möglich ist (Grundlegung: 124), wobei dann auch, wie in der Religionsschrift ausgeführt, "zwischen der Maxime und der Tat … noch ein großer Zwischenraum"(RGV: 696f.) ist, d.h. dass die moralische Gesinnung den Willen bestimmt, nicht aber die Handlung und ihre Folgen. Daher ist nach Kant die Instanz um Gutes von Bösem unterscheiden und zurechnen zu können die Ordnung der Maxime.

Erst durch das vierte Element wird die Freiheit in die Hände der Menschen gelegt und der Mensch tritt aus der Vormundschaft der Natur in den Stand der Freiheit ein.

Die Idee der Freiheit hat methodischen Vorrang für Kant.[6] Freiheit ist Dreh- und Angelpunkt des praktischen Handelns und zentraler Gegenstand der Moral. Das Böse wird somit zu einer notwendigen Bedingung von Freiheit und steht für das Vermögen des Menschen sich selbst gleich eine Lebensweise zu wählen. Durch die absolut gedachte Freiheit steht die Differenz zwischen Gut und Böse zur Verfügung.

"Die Geschichte der Natur fängt also vom Guten an, denn sie ist das Werk Gottes; die Geschichte der Freiheit vom Bösen, denn sie ist Menschenwerk. Für das Individuum, welches im Gebrauche seiner Freiheit bloß auf sich selbst sieht, war bei einer solchen Veränderung Verlust."(MAM: 115)

Zusammenfassend ließe sich Kants Programm der rationalen Exegese verkürzt so verstehen: Die Geschichte des Guten ist die Geschichte Gottes, während die Geschichte des Bösen die Geschichte des Menschen als ein Werk der Freiheit ist.

2.2 Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft

Die Verflochtenheit der Kantschen Konzeption zwischen Freiheit und dem Bösen stellt den Ausgangspunkt der Darstellung der Kantischen Konzeption über das radikal Böse, die sich in zwei Thesen zusammenfassen lässt. (1) Das Böse pervertiert den Grund aller Maximen, da es in der Gesinnung des Menschen seine Wurzeln schlägt. Dieses Böse ist radikal. (2) Menschliche Wesen sind nicht zufällig oder durch ihre Sozialisation für das Böse anfällig, sondern es ist vielmehr ein unentrinnbar menschliches Schicksal, böse sein zu können, denn der Mensch, selbst der beste, besitzt einen Hang zum Bösen.[7]

Folgendes Zitat aus Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft unterstreicht diese clayonnage (Flechtwerk) und gibt den methodischen Rahmen vor.

„Eine jede böse Handlung muss, wenn man den Vernunftursprung derselben sucht, so betrachtet werden, als ob der Mensch unmittelbar aus dem Stande der Unschuld in sie geraten wäre. […] denn durch keine Ursache in der Welt kann er aufhören, ein frei handelndes Wesen zu sein.“(RGV: 690)

Kants Entschiedenheit springt einem förmlich ins Auge: durch keine Ursache in der Welt, d.h. der Mensch kann immer darüber entscheiden, wie er handelt; Milieugründe oder ähnliches stehen in keinem kausalen Verhältnis zur Handlung.[8] Jede Handlung, ob gut oder böse, muss als ein „ursprünglicher Gebrauch [der]… Willkür“(RGV: 690) beurteilt werden. Unmittelbar aus dem Stand der Unschuld bedeutet, dass die Freiheit der Handlung, die der Mensch zu jedem Zeitpunkt besitzt, unabhängig von den äußeren Bedingungen als absolut gedacht und beurteilt werden muss. Die Frage: Woher kommt das Böse? wird beantwortet durch die Antwort auf die Frage, woher die Freiheit komme. Um einen endgültigen Ursprung der Freiheit anzugeben, ohne in einen Zirkel aus Ursache und Wirkung zu gelangen, kommt Kant zur Verortung der guten oder bösen Handlung aus einem Vernunftursprung. Die Suche nach dem Ursprung des Bösen in der Zeit, d.h. nach einer temporalen Ursache für das Geschehen, führt in den Bereich des religiösen Denkens, wie der Anerbung von den ersten Eltern (RGV: 699 ), und zu Widersprüchen mit dem kantischen Verständnis von Freiheit. Freiheit kann nicht als Erfahrung bewiesen werden, muss aber absolut gedacht werden (Grundlegung: 106). Das ist der intelligible Gehalt der Idee der Freiheit (Grundlegung: 114ff.). Um eine böse Handlung zu erklären, muss die menschliche Freiheit unbedingt und durch keine Ursache in der Welt bedingt sein. Ein Ursprung in der Zeit wäre eine solche Bedingtheit. Um aber das Dasein der Wirkung (RGV: 688) zu bestimmen und hierauf kommt es an, muss Freiheit aus einem Vernunftursprung, d.h. in Vernunftvorstellungen verbunden (RGV: 689), gedacht werden. Nur durch eine solche Konzeption ist die radikale Freiheit des Menschen zu begründen.

Für Kant manifestiert sich das moralisch Böse (in all seinen Varianten), das im Charakter einer Person wurzelt, in Handlungen, die vom Standpunkt des Handelnden expliziert werden können und die deshalb zurechenbar sind. Eine einzige mit Bewusstsein böse Handlung verweist auf „eine böse zum Grunde liegende Maxime, und aus dieser auf einen in dem Subjekt allgemein liegenden Grund aller besondern moralisch-bösen Maximen, der selbst wiederum Maxime ist, schließen lassen, um einen Menschen böse zu nennen“(RGV: 666). Auf die Maxime muss geschlossen werden, denn Maximen sind nicht beobachtbar. Weil das Böse im Charakter der Person wurzelt, verdirbt es den Grund aller Maximen und verdient deshalb das radikal Böse genannt zu werden.

"Mithin kann in keinem die Willkür durch Neigung bestimmenden Objekte, in keinem Naturtriebe, sondern nur in der Regel, die die Willkür sich selbst für den Gebrauch ihrer Freiheit macht, d.i. in einer Maxime, der Grund des Bösen liegen."(RGV: 667)

Die Verbindung zwischen der absoluten Freiheit und dem radikalen Bösen oder dem moralisch Guten im Menschen besteht darin, dass letzteres durch ersteres bedingt ist. Der subjektive Grund des Gebrauchs der Freiheit ist wiederum selbst ein Actus der Freiheit und geht der beobachtbaren, sinnhaften Tat voraus. Ohne diese Verbindung "könnte der Gebrauch, oder Missbrauch des Menschen, in Ansehnung des sittlichen Gesetzes, ihm nicht zugerechnet werden, und das Gute oder Böse in ihm nicht moralisch heißen"(RGV: 667). Entschieden formuliert Kant, dass die Absichten und nicht die Handlungen Auskunft darüber geben, ob ein Mensch moralisch böse sei oder nicht: „Man nennt aber einen Menschen böse, nicht darum, weil er Handlungen ausübt, welche böse (gesetzwidrig) sind; sondern weil diese so beschaffen sind, dass sie auf böse Maximen in ihm schließen lassen“(RGV: 666). Diese entstammen einem Hang zum Bösen, welcher sich in allen Menschen vorfindet und nach Kant ein natürlicher Hang zum Bösen genannt wird.

Kant formuliert ausdrücklich gleich zu Beginn der Abhandlung, dass es zwei Prinzipien sind, das Gute und das Böse, die auf den Menschen als zwei für sich bestehende Ursachen einwirken. Die menschliche Natur besitzt teils gute und teils bösen Anlagen. Zwischen diesen muss sich der Mensch entscheiden, indem er seine Vernunft einsetzt, als Vermögen, nicht aus Selbstliebe, sondern nach dem moralischen Gesetz zu handeln (Vgl.RGV: 658). Diese zwei Triebfedern unseres Handelns sind Ausdruck der Verbindung des vernünftigen und sinnlichen: das Moralische geht mit dem Physischen immer zu gleichen Paaren einher (RGV: 665). Auf die Frage hin, wann jemand böse sei, ist für Kant entscheidend, dass gesetzwidrige Handlungen sich durch Erfahrung beobachten (a posteriori) lassen, moralisch böse Maximen hingegen nicht.

"Man nennt aber einen Menschen böse, nicht darum, weil er Handlungen ausübt, welche böse (gesetzwidrig) sind; sondern weil diese so beschaffen sind, dass sie auf böse Maximen in ihm schließen lassen, sogar nicht allemal in sich selbst, mithin das Urteil, dass der Täter ein böser Mensch sei, nicht mit Sicherheit auf Erfahrung gründen."(RGV: 666)

Interessant ist hierbei der Zusatz von Kant sogar nicht allemal in sich selbst, dass gestärkt wird durch den zweiten Zusatz bezüglich der Urteilsfähigkeit über die Maximen eines Menschen. Ein Urteil aus der Erfahrung heraus sei nicht möglich, weder nach Außen hin, als Beobachtung einer Handlung, die auf die Maximen eines Menschen nicht schließen lässt, noch nach Innen, als eine Selbst-Beobachtung der eigenen Maximen.

Kant erläutert, dass schon eine einzige mit Bewusstsein böse Handlung auf eine böse Maxime a priori verweist, die auf eine im Subjekt befindliche Maxime zeigt – und hier ist nicht das Individuum gemeint, sondern der abstrakte Begriff eines Selbst, welches nach dem Sittengesetz handeln kann. Kant spricht von einem allgemein liegenden Grund im Subjekt, der eine Maxime darstellt für alle moralisch-bösen Maximen. Dieser Grund ist die Ordnung der Triebfedern, auf die ich später eingehe. Die Maxime ist Ursprung des Bösen, nicht das Milieu oder andere Ursachen, denn dies würde dem unbedingten Gebrauch der Freiheit des Menschen widersprechen. Gäbe es eine Ursache, dann wäre der Mensch nicht frei gedacht, sondern würde bedingt durch den Grund eine bestimmte Handlung begehen. In diesem Falle gäbe es keine eindeutige Zurechnung einer Handlung auf einen Menschen, der sich dieser dann verantworten müsste.

Es ist eine heuristische Setzung, wie Kant in der Fußnote zum "(uns unerforschlichen) ersten Grund"(RGV: 667) erläutert, warum der Mensch von Natur gut oder böse genannt wird, mit dem Verweiß auf das unendliche regress Argument. Es ist eine freie Annehmung, die aber auf den formalen Charakter, auf die Regel, verweißt: ob der erste Grund gut oder böse ist, ist eine Setzung. Beiden gemeinsam ist, dass diese in einer Maxime zu suchen sei. Die Zurechnung dieser Maxime liegt beim Menschen, denn "dass der Mensch selbst Urheber"(RGV: 668) derselben sei ist nach Kants Ausdruck der angeborenen Natur. Diese Urheberschaft des Guten oder Bösen im Menschen ist der Grund, der sich einem jeden "vor allem in der Erfahrung gegebenen Gebrauche der Freiheit" zeigt. Kein Mensch ist von Geburt an gut oder böse, er ist frei in seiner subjektiven Willkür der "Annehmung dieser oder jener Maxime, in Ansehung des moralischen Gesetzes"(Ebd.), d.h. der Mensch ist frei in der Setzung seiner Maximen im Verhältnis zum Sittengesetz in ihm. Nach einer Maxime zu handeln bedeutet keine Einschränkung der Freiheit der Willkür! Entscheidend für die Bewertung einer Handlung, ob diese moralisch gut oder böse sei, ist die Gesinnung eines Menschen. Gesinnungen sind "Maximen des Willens, die sich auf diese Art in Handlungen zu offenbaren bereit sind, obgleich auch der Erfolg sie nicht begünstigte"(Grundlegung: 88). Jede Maxime des Willens hat ihren Ausgangspunkt im Gebrauch der Freiheit und kann somit dem Menschen zugerechnet werden (vgl. RGV: 670f.). Der erste subjektive Grund für die Aufnahme von Maximen, d.h. eine Gesinnung, findet sich nicht im Zeitursprung, sondern im Vernunftursprung, denn sonst müsste für jede Maxime eine weitere Maxime angenommen werden, um einen Grund für die Annahme der vorherigen Maxime anzugeben usw.

2.2.1 Von der ursprünglichen Anlage zum Guten in der menschlichen Natur

Im Weiteren konzipiert Kant drei ursprüngliche Anlagen im Menschen und drei Stufen des Bösen. Diese sollen kurz wiedergegeben werden, da der Hang zum Bösen wie die Anlage zum Guten in der menschlichen Natur angelegt sind.

Die drei Elemente zur Bestimmung des Menschen finden sich in den drei ursprünglichen Anlagen: (1) der Anlage zur Tierheit als ein Lebewesen; (2) der Mensch ist ein Element der Menschheit, er besitzt eine vergleichende Selbstliebe; (3) der Mensch ist eine Persönlichkeit als ein vernünftiges und zugleich der Zurechnung fähiges Wesen. Der Mensch ist fähig, Achtung vor dem moralischen Gesetz zu empfinden (vgl. RGV: 672),[9] Diese drei Klassen oder Anlagen sind auf das Gute gerichtet, wobei diese auf die ersten beiden Laster gepfropft werden können, auf die dritte Anlage hingegen nicht, denn es muss eine Anlage zum Guten geben (welches erworben werden muss), "worauf schlechterdings nichts Böses gepfropft werden kann"(RGV: 675).

Unter dem Element der Menschheit fällt die Selbstliebe, d.h. die Neigung, von der sich der Mensch nur im Vergleich mit anderen glücklich oder unglücklich beurteilt (RGV: 674) und somit den Wert der Gleichheit zwischen anderen von der Meinung Dritter bezieht. Der Zweck dieses Elements ist Kultur, die Neigung das Mittel, die Triebfeder zu jener. Auf dieser Neigung setzen (pfropfen) die Laster der Kultur an; das Bild des Gartens und der Kultur als von Menschen gemachtem erscheint hier bei Kant. Das Laster der Kultur steht für die Unordnung im Garten, welche nicht auf Wechselliebe, sondern auf Wetteifer beruhte. Aus diesen Lastern entsteht Bösartigkeit, die teuflische Laster genannt werden, als Maximum einer Idee des Bösen. Die Bösartigkeit übersteigt die Menschheit an diesem Punkt und überwindet sie.

Mit Persönlichkeit bestimmt Kant das Element, welches den Mensch als ein vernünftiges und zugleich der Zurechnung fähiges Wesen auszeichnet. Die Persönlichkeit ist eine notwendige besondere Anlage, denn unter dem Element der Menschheit, als eines lebenden und zugleich vernünftigen Menschen, fallen rationale Überlegungen wie Zweck-Mittel Erwägungen, jedoch nicht das moralisch schlechthin gebietende Gesetz als die höchste Triebfeder. Dieses Gesetz ist das einzige, was uns der Unabhängigkeit unsrer Willkür von der Bestimmung durch alle andern Triebfedern (unsrer Freiheit) und hiermit zugleich der Zurechnungsfähigkeit aller Handlungen bewusst macht.

Das moralische Gefühl begründet die Empfänglichkeit für das moralische Gefühl im Menschen – diese zirkuläre Argumentation dient Kant zur besonderen Hervorhebung des moralischen Gefühls als der Triebfeder der Willkür im Menschen, da dieses durch die Spontaneität und Freiheit des Menschen in seine Maxime aufgenommen wird, was Kant als den guten Charakter bezeichnet. Das Gute muss sich der Mensch verdienen, erwerben; dass dies möglich ist, muss in der Veranlagung des Menschen liegen aus freier Willkür das moralische Gesetz in seine Maximen aufzunehmen. Die tautologische Bestimmung aufgreifend präzisiert Kant die mit der Anlage für die Persönlichkeit verknüpfte Achtung vor dem moralischen Gesetz: "Die Idee des moralischen Gesetzes … ist die Persönlichkeit selbst (die Idee der Menschheit ganz intellektuell betrachtet)"(RGV: 675).

Diese drei Anlangen stellen die Rahmenbedingungen für den Gebrauch der Freiheit dar und sind nicht die Kandidaten für die Anlage zum Bösen. Durch den unerforschlichen Hang zum Bösen kann der Mensch seine guten Anlagen missbrauchen. Kant spricht von der Gebrechlichkeit der menschlichen Natur, der unlauteren Gesinnung und dem radikal Bösen im Menschen. Beim radikal Bösen verkehrt der Mensch das Verhältnis von Moral und Glück. Für Kant zeigt sich in dieser Verkehrung die Schlechtigkeit des Menschen.

2.2.2 Von dem Hange zum Bösen in der menschlichen Natur

Die menschliche Natur hat neben der Anlage zum Guten auch einen Hang zum Bösen. Ein Hang ist für Kant ein "subjektiver Grund der Möglichkeit einer Neigung"(RGV: 675), eine habituelle Begierde. Den Hang zum Bösen als den "ersten subjektiven Bestimmungsgrund der Willkür der vor jeder Tat vorhergeht, mithin selbst noch nicht Tat ist"(RGV: 679), wird von Kant ein "radikales, angeborenes (nichts destoweniger aber uns von uns selbst zugezogenes) Böse in der menschlichen Natur"(RGV: 680) genannt. Das Radikale ist hier im Sinne einer radix, einer Wurzel, nicht im Sinne eines extremen Bösen zu verstehen, welches sich als Phänomen zeigt. Das Böse besitzt Tiefe, nicht Breite. Da dies allen Menschen in ihrer freien Willkür möglich ist, nennt Kant dies einen natürlichen Hang des Menschen zum Bösen. Der Habitusbegriff beinhaltet im Gegensatz zu dem der Anlage den Aspekt der Erworbenheit, der Inkorporiertheit einer Eigenschaft. Der Habitus kann als erworben gedacht werden, dann ist er gut,[10] oder er kann als zugezogen vorgestellt werden und ist dann böse. Hier zeigt sich abermals das Motiv des Guten als das zu Erwerbende, die dynamische Triebfeder des Menschen ("für Pflichterfüllung gibt es kein Lob"), das nicht von selbst kommt; das Böse hingegen zeigt sich in der Figur des Selbstverschuldeten. Dem Hange zu widerstreben, dem Guten nachzugehen – so scheint sich Kants rationale Lesart der moralisch-praktischen Absicht (RGV: 659) der Religion dem Leser zu zeigen.

[...]


[1] Charles Baudelaire: Die Blumen des Bösen. S. 79f. Stuttgart 2004. Im französischen Original: Résigne-toi, mon coeur; dors ton sommeil de brute. Erst aus dem Zusammenhang wird deutlich, warum aus einem "ergieb dich / schlaf mein Herz" ein Tier wird, da Boudelaire zuvor vom vieux cheval schreibt.

[2] Grundlage der folgenden Abschnitte ist: Muthmaßlicher Anfang der Menschengeschichte, Akademie-Ausgabe Bd. VIII, 107 – 124. Abgekürzt mit der Sigle: MAM.

[3] Die Sigle RGV steht für: Immanuel Kant: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Frankfurt am Main 1977.

[4] Heidegger Angst und Sein à Wittgenstein.

[5] Die Abkürzung Grundlegung steht für: Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Stuttgart 2002.

[6] "und aus diesem einmal gekosteten Stande der Freiheit war es ihm gleichwohl jetzt unmöglich, in den der Dienstbarkeit (unter der Herrschaft des Instincts) wieder zurück zu kehren."(MAM: 112)

[7] "…Religion und Kultus…beide müssten zusammengeschüttelt werden, um sich auf kurze Zeit zu verbinden, alsbald aber wie Öl und Wasser sich wieder von einander scheiden, und das Reinmoralische (die Vernunftreligion) oben auf müssten schwimmen lassen."(RGV: 660)

[8] Vgl. hier die interessante Diskussion in Schuld und Sühne von F. Dostojewski zu den Mileugründen S. 190. Hier thematisiert Dostojwski diese Frage in pointierter Art und Weise.

[9] Kant schreibt hierzu in der Kritik der praktischen Vernunft: „Zu dieser Stufe der moralischen Gesinnung aber kann es ein Geschöpf niemals bringen. Denn da es ein Geschöpf, mithin in Ansehung dessen, was es zur gänzlichen Zufriedenheit mit seinem Zustand fordert, immer“(KpV Hamburg 2003, A 149). Ein irdisches Geschöpf schafft es nie vollkommen moralisch zu sein.

[10] Hier finden wir wieder das Motiv des Guten als das zu Erwerbende, dynamisch Triebfeder des Mensche (für Pflichterfüllung gibt es kein Lob), das nicht von selbst kommt, wohingegen das Böse der Figur des Selbstverschuldeten zukommt. Dem Hange zu widerstreben, dem Guten nachzugehen.

Details

Seiten
46
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640757404
ISBN (Buch)
9783640757756
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v162017
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Philosophisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Kant Arendt Böse Eichmann Wurzel zum Bösen Einsamkeit Verlassenheit Mut Religionsschrift Über das Böse

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