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Zwischen Abbild und Wirklichkeit

Die frühen Fotobilder Gerhard Richters

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 29 Seiten

Kunst - Fotografie und Film

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Der „Ausstieg aus dem Bild“

3. Motivwahl – eine Annäherung an das absolute Bild

4. Verwischung als autonome Bildkomponente

5. „Aktive“ Bildbetrachtung

6. Wirklichkeit und Reproduktion

7. Gerhard Richter – ein Fotorealist?

8. Schlusswort

9. Literaturverzeichnis

10. Abbildungsverzeichnis

1. Vorwort

„Die Kunst ist die höchste Form von Hoffnung.“[1] (Richter)

In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre zeichnete sich Düsseldorf durch eine große Liberalität gegenüber Neuem und Unbekanntem aus und galt als ein bedeutsames, künstlerisches Zentrum Deutschlands.

Die harmonische Koexistenz verschiedenster Kunstrichtungen, die ihre Ziele und Ideen verwirklichten, beeindruckte und inspirierte auch den Maler Gerhard Richter, der 1961 aus der DDR in den Westen zog, sein Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie begann und sich bis heute zu einem der bedeutendsten Künstler unserer Zeit entwickelte.

Als „Chamäleon der bildenden Kunst“[2] bezeichnet, löste Richter mit seinen Werken bei dem Betrachter immer wieder Irritation aus, da er keiner bestimmten Kunstrichtung oder Technik treu blieb. Durch stetige Veränderung seiner malerischen Techniken, Themen und Motive, vermied er stets eine Einordnung seiner Person und Malerei in eine bestimmte Sparte. Fotorealistische Bilder sind in seiner Werkübersicht ebenso enthalten wie abstrakte Werke, monochrom oder polychrom will er sich weder auf eine gegenständliche noch auf eine ungegenständliche Malerei festlegen. Von vielen Kritikern mit dem Begriff der „Stilheterogenität“[3] tituliert, lässt sich sein vielfältiges Werk daher nur schwer einordnen. Dennoch erweckt er bis heute mit seiner Kunst - nach einigen Anlaufschwierigkeiten - großes Interesse beim Publikum.

Neben jährlichen Ausstellungen in den siebziger Jahren, fanden ab Mitte der Achtziger immer wieder Retrospektiven zu Ehren des Künstlers statt. Einige der größten dabei 1993 in Paris, Bonn, Stockholm und Madrid sowie 2002/03 in New York, Chicago, San Francisco und Washington.[4]

Neben vielen abstrakten Werken, beschäftigt sich Richter vor allem auch mit dem Zusammenwirken von Malerei und Fotografie. Mit seinen Fotobildern, welche ich in meiner folgenden Hausarbeit behandeln möchte, gelang es ihm beide Komponenten harmonisch zu vereinen.

Im Jahre 1962 erscheinen erstmals fotorealistische Bilder in seiner Werkliste. Interessanterweise wandte er sich diesen Werken gerade in einer Zeit zu, in der die Malerei durch die Erfindung der Fotografie immer mehr in den Hintergrund zu versinken drohte. Gerhard Richter wehrte sich gegen einen „Ausstieg aus dem Bild“[5], wie es häufig formuliert wurde, indem er bewusst fotografische Vorlagen in Malerei umsetzte.

Ich werde mich im Sinne des Seminarthemas nur auf seine frühen Arbeiten beschränken, auch wenn bis heute seine fotorealistischen Arbeiten immer wieder zwischen ungegenständlichen Werken auftauchen. Außerdem möchte ich in meiner Arbeit untersuchen, inwieweit sein Werk tatsächlich dem Fotorealismus im engeren Sinne zuzuordnen ist, zu dessen Vertretern er immer wieder gezählt wird .

2. Der „Ausstieg aus dem Bild“

„Fotos gelten als wahr und Bilder als künstlich [...] das Foto ist das perfekteste Bild; es ändert sich nicht, ist absolut [...] ohne Stil. Es ist mir deshalb in der Weise, wie es berichtet und was es berichtet Vorbild.“[6]

„La peinture est morte!“[7] verkündete bereits im Jahr 1839 der Historienmaler Delaroche und spiegelte damit den vorherrschenden Konkurrenzkampf der Malerei und der Fotografie wider, welche seit je her jeweils die künstlerische Akzeptanz für sich einforderten.

Die Abbildung der Wirklichkeit - welche früher nur mit Hilfe der Malerei möglich war - wurde zunehmend von der Fotografie übernommen. Dennoch war der Weg zu der endgültigen Anerkennung der Fotografie als eigenständige Kunstform lang und steinig. Viele Kritiker sahen keine Zukunft in der Fotografie, da diese als mechanischer Herstellungsprozess jegliches Aufkommen eigener Fantasien vermied.[8] Für viele Maler waren Fotografien jedoch sehr hilfreich, da der Aufwand sich in die Natur zu begeben, um geeignete Vorlagen und Motive zu entdecken oder selbst Vorlagen anzufertigen, nun entfiel. Sie fotografierten ihre Portraitierten, um ihnen stundenlanges Modellsitzen zu ersparen. Doch als Kunst wurden diese Fotografien anfänglich nicht gewürdigt. Sie waren vielmehr für die Anfertigung von Gemälden dienlich. Dies geschah vorwiegend heimlich; Schriftquellen bezeugen jedoch, dass selbst Delacroix oder Courbet von ihr Gebrauch machten.[9]

Zu Gegnern der Fotografie gehörte auch Jean - Auguste - Dominique Ingres, der eine Portesterklärung gegen die gesetzliche Gleichstellung von Kunst und Fotografie unterschrieb.[10]

Die Moderne befürwortete den „Ausstieg aus dem Bild“ dagegen sehr, da nun die eigentliche Malerei (wie Fläche, Farbe und Form) wieder in den Vordergrund trat. So steigerte sich auch zunehmend der gesellschaftliche Stellenwert der Fotografie und nachdem sich in den Fünfzigern die Künstler auf ihre subjektive Empfindung zurückbesannen, war die Forderung nach einer Objektivierung der Kunst in den Sechzigern groß.[11] Pop Art Künstler thematisierten die Fotografie als Massen-medium, während Fotorealisten versuchten, Malerei und Fotografie harmonisch miteinander zu vereinen. In übergroßen Formaten versetzten die fotorealistischen Bilder den Betrachter in Staunen. Auch Gerhard Richter war von der Fotografie begeistert und verwendete sie fortan als Vorlage für seine Werke.

„Weil ich überrascht war vom Photo, das wir alle täglich so massenhaft benutzen. Ich konnte es plötzlich anders sehen, als Bild, das ohne all die konventionellen Kriterien, die ich vordem mit Kunst verband, mir eine andere Sicht vermittelten. Es hatte keinen Stil, keine Komposition, kein Urteil, es befreite mich vom persönlichen Erleben, es hatte erst mal gar nichts, war reines Bild.“[12]

Nur mit Hilfe einer fotografischen Vorlage war es ihm möglich, eine kritische Distanz zu dem Dargestellten zu bewahren und als unabhängiger Betrachter objektiv zu agieren. Die mechanische Vorgehensweise befreite ihn dabei von dem Zwang, selbst ein neues Thema aufspüren zu müssen. Seine Vorliebe für die Beschäftigung mit dem Medium der Fotografie erstaunt jedoch, bedenkt man, dass die ersten Berührungen Richters mit diesem Medium eher negative Auswirkungen auf ihn hatten. Als kleiner Junge fotografierte Richter leidenschaftlich gerne Vögel und Ähnliches und erhielt von einem befreundeten Fotograf dabei nützliche Tipps. Nachdem er einige Zeit lang als Fotolaborant gearbeitet hatte, verflog die anfängliche Euphorie jedoch sehr schnell.

„Die Masse von Fotos, die täglich durchs Entwicklerbad gingen, haben vielleicht einen anhaltenden Schock bewirkt.“[13]

So war eine naturgetreue Nachstellung des Fotomotivs mit Hilfe der Malerei auch nie seine Absicht. Vielmehr bezweckte er durch die Umsetzung des Fotos in Malerei etwas Neues zu erschaffen und dem Massenmedium Fotografie Einzigartigkeit zu verleihen.

„Es geht mir ja nicht darum, ein Photo zu imitieren, ich will ein Photo machen. Und wenn ich mich darüber hinwegsetze, dass man unter Photographie ein Stück belichtetes Papier versteht, dann mache ich Photos mit anderen Mitteln, nicht Bilder, die was von einem Photo haben.“[14]

Das ausgewählte Foto erhielt dabei den Status eines Readymades. Durch gezielte Auswahl erhob der Künstler vorhandenes Material, von der alltäglichen Welt in die Welt der Kunst.[15]

Das Motiv schien dabei in den Hintergrund zu geraten. Als „Dialektik zwischen abbildender Funktion und autonomer Bildstruktur [...] löst sich das Bild aus seiner abbildenden Funktion heraus“, so Astrid Kasper, „thematisiert die autonome Bildstruktur jenseits des Abbildhaften und je nach Grad der Unschärfe tritt das Motiv zugunsten der Betonung des malerischen Mediums in den Hintergrund“.[16]

3. Motivwahl – eine Annäherung an das absolute Bild

„Ich bevorzuge keine bestimmten Bildthemen. Natürlich faszinieren mich bestimmte Sachen besonders. Aber ich will mich da nicht festlegen; die Welt die das Foto abbildet, ist ja auch vielfältig.“[17]

1962 verwendete Gerhard Richter erstmals fotografischen Vorlagen für seine Bilder, die er mit Hilfe eines Rasters auf die Leinwand übertrug. Seine Vorlagen stammten dabei anfangs aus Zeitungen, Illustrierten und Prospekten (vorwiegend der „Quick“, der „Neuen Revue“ und dem „Stern“), während er später auch selbstgemachte Fotografien und Amateuraufnahmen von Bekannten und Freunden als Vorlagen verwendete.

Im Vordergrund standen vorwiegend alltägliche Motive, wie beispielsweise seine „Klorolle“ von 1965 (Abb.1). In der Anfangsphase seiner Fotobilder erscheint die Motivwahl jedoch noch sehr willkürlich. Richter selbst unterstützte diese These.

„Ich verfolge keine Absichten, kein System, keine Richtung, ich habe kein Programm, keinen Stil, kein Anliegen [...] Ich fliehe jeder Festlegung, ich weiß nicht, was ich will, ich bin inkonsequent, gleichgültig, passiv; ich mag das Unbestimmte und Uferlose und die fortwährende Unsicherheit.“[18]

Jahre später änderte er seine Meinung zu diesem Thema jedoch und betonte seine bewusste Auswahl der Motive, die er vor allem von seiner persönlichen Stimmungen abhängig machte.

„Also beliebig waren die Motive nie, dazu habe ich mir zuviel Mühe geben müssen, um überhaupt mal ein Photo zu finden, das ich benutzen konnte [...] Vielmehr waren die Auswahlkriterien ganz bestimmt inhaltliche [...] Ich suchte Photos, die meine Gegenwart zeigten, das was mich betraf.“[19]

Neben Flugzeugen, Autos, Tieren und Stilleben finden sich in seiner Anfangsphase vor allem verschiedene Portraits, teils bekannter, oft aber auch anonymer Personen.

Viele seiner Portraitierten waren nur durch ihre Medienpräsenz bekannt, während ihre Namen eher unbekannt blieben und auch von Richter bewusst nicht im Bildtitel erschienen. Sein Werk „Acht Lernschwestern“ von 1966 (Abb.2), das neben fotorealistischen Bildern von Chuck Close, Franz Gertsch oder Don Eddy auf der Documenta 5 im Jahr 1972 in Kassel ausgestellt wurde, stellt beispielsweise acht Frauen dar, welche Opfer eines Mordes waren. Diese wichtige Hintergrund-information erfährt der Betrachter jedoch nicht.

Auch Personen aus Richters persönlichem Umkreis treten immer wieder in seinen Werken auf und auch in diesen Fällen versucht Richter deren Identität zu verbergen. Die Bildtitel unterstreichen diese gezielte Anonymisierung der Dargestellten. Nur selten verwendet er direkte Vornamen oder Verwandtschaftsbezeichnungen. So bleiben die Bildtitel noch recht allgemein und beliebig austauschbar. Sein sehr melancholisch anmutendes Werk „Tante Marianne“ (Abb.3), auf dem Richter auf dem Schoß seiner Tante sitzt, welche wegen Schizophrenie zwangssterilisiert wurde und im Februar 1945 als eines von fast 8.000 Euthanasie - Opfern in der Anstalt Großschweidnitz ums Leben kam ist hierfür ein treffendes Beispiel.[20]

[...]


[1] Text, hrsg. Elger und Obrist, 2008, S.121.

[2] Sager, Neue Formen des Realismus, 1973, S.118.

[3] Kasper, Malerei als Thema der Malerei, 2004, S.14.

[4] vgl, ebd., S.13.

[5] Schneede, Die Geschichte der Kunst im 20. Jh. , 2001, S.257.

[6] Text, hrsg. Elger und Obrist, 2008, S.30.

[7] Elger, Gerhard Richter. Maler, 2002, S.68.

[8] vgl. Ehrenfried, Ohne Eigenschaften, 1997, S. 7.

[9] vgl. Misterek- Plagge, Kunst mit Fotografie, 1990, S.19.

[10] vgl. ebd., S.13.

[11] vgl. Caspary, Kuckuckseier, 2007, S. 238.

[12] Text, hrsg. Elger und Obrist, 2008, S.59.

[13] Gerhard Richter, zitiert nach: K20, 2005, S. 14.

[14] Text, hrsg. Elger und Obrist, 2008, S.60.

[15] vgl. K20, 2005, S.16.

[16] Kasper, Malerei als Thema der Malerei, 2003, S.159.

[17] Text, hrsg. Elger und Obrist, 2008, S. 22.

[18] ebd ., S.46.

[19] ebd. , S.174.

[20] vgl. Schreiber, Ein Maler aus Deutschland, 2005.

Details

Seiten
29
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640779802
ISBN (Buch)
9783640779734
Dateigröße
2.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161984
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
Schlagworte
Zwischen Abbild Wirklichkeit Fotobilder Gerhard Richters

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