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Ironie in literarischen Texten von Vladimir Kaminer

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 20 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen und Definitionen
2.1 Zum Begriff der Ironie
2.2 Theorien der Ironie

3 Die linguistische Analyse
3.1 Das Materialkorpus
3.2 Analyse einzelner Beispiele

4 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Begriff der Ironie in der geschriebenen Sprache und deren linguistischen Analyse anhand des Buches „Ich bin kein Berliner“ von Vladimir Kaminer (2007).

Zu Beginn der Arbeit soll die Aktualität und Relevanz meiner linguistischen Untersuchung erörtert werden. Das Thema ist insofern von großer linguistischer Bedeutung, da uns Ironie beinahe täglich begegnet. Man erkennt sie auch ohne explizite Kennzeichnung. Woran liegt es, dass wir ironische Äußerungen als solche empfinden? Welche sprachlich-stilistischen Mittel realisieren den ironischen Sprachgebrauch und verursachen somit Inkongruenzen? Wie unterscheidet sich die Ironie von den anderen, ihr ähnlichen Stilformen? Das sind Fragen, die ich in meiner Arbeit näher betrachten möchte. Das Materialkorpus der Arbeit beinhaltet ausgewählte Textstellen aus dem Werk „Ich bin kein Berliner: Ein Reiseführer für faule Touristen“ von Vladimir Kaminer (2007). Die Auswahl wurde nach dem Prinzip der Häufigkeit der vom Autor verwendeten Ironie-Techniken getroffen.

Als nächstes möchte ich die These meiner Arbeit anbringen. Sie lautet: Texte von Vladimir Kaminer beinhalten eine Vielzahl ironischer Äußerungen, wodurch sie als humoristisch gekennzeichnet werden können. Daraus ergeben sich folgende Fragestellungen: Welche sprachlichen Mittel der Ironie-Markierung bzw. der Ironie-Bildung können in literarischen Texten von Vladimir Kaminer festgestellt werden? Hat Kaminer eine bzw. mehrere beliebte Techniken, die Ironie in seinen Texten auszudrücken? Gibt es unter Umständen einen kulturspezifischen Einfluss in den Texten seitens des russischsprachigen Autors, der das Verstehen der Ironie beeinträchtigen könnte? Im Laufe der Arbeit werden die wichtigsten theoretischen Punkte zum Thema beleuchtet und die aufgestellte These einer kritischen Überprüfung unterzogen.

In der Einführung zur Arbeit werde ich den Begriff der Ironie sowie eine kurze theoretische Entwicklung der Ironieuntersuchung in der Linguistik erläutern. Im Folgenden werden die Anwendungstheorien der Ironie vorgestellt, worauf die anschließende linguistische Untersuchung einzelner Ironiebeispiele aus den Kaminer-Texten basieren wird. Zum Schluss werde ich die Ergebnisse meiner Arbeit zusammenfassend darstellen.

Insbesondere wird in der Arbeit auf den theoretischen Ansatz der Ironieuntersuchung von Hannele Kohvakka näher eingegangen, der sich mit der Ergründung der Ironie auf der textuellen Ebene befasst. Allerdings geht Kohvakka in ihrer Dissertation „Ironie und Text“ viel tiefer in die Textstruktur hinein und ermittelt somit, wie sich die Ironie textuell konstituiert. In der vorliegenden Arbeit sollen lediglich die sprachlichen Erscheinungsformen der Ironie festgestellt und beschrieben werden. Der theoretische Ansatz von Kohvakka liefert jedoch die wesentlichen Anhaltspunkte für die Ergründung von Ironie in den Texten von Vladimir Kaminer.

Im Weiteren soll ein Überblick über den bisherigen Forschungsstand der Ironieuntersuchung in der Linguistik gegeben werden. Aus diesen Untersuchungen werden die grundlegenden Merkmale der Ironie hervorgehoben, welche als Ausgangspunkt für den Ansatz meiner Untersuchung dienen sollen.

2 Theoretische Grundlagen und Definitionen

2.1 Zum Begriff der Ironie

Dieses Kapitel soll die theoretischen Grundlagen und Definitionen in der Ironieforschung zusammenfassend präsentieren. Unter anderem wird hier auf die Theorien von Japp, Clyne, Engeler und Kohvakka näher eingegangen, die für die anschließende linguistische Untersuchung der Textbeispiele von Bedeutung sind.

Zu Beginn meiner Arbeit soll zunächst der Begriff der Ironie erläutert werden. Bereits in den Zeiten Sokrates war der Begriff der Ironie bekannt. Sokrates gebrauchte das Wort in der Bedeutung „sarkastisches Lob und zum Schein vorgebrachter Tadel der eigenen Person“ und hat die Entwicklung des Begriffs im Griechischen am stärksten beeinflusst. Bei Aristoteles wurde die Ironie zum festen Begriff: Eironeia, ‚Redeweise, die das eigene Licht unter den Scheffel stellt und die eigenen Begabungen und Fähigkeiten verbirgt’ (Kohvakka 1997, S. 19). Etwa anderthalb Jahrtausende lang blieb die Bedeutung der Ironie unverändert: ‚das eine sagen und das Gegenteil meinen’. Auch in den heutigen Lexika wird die Ironie mit dem Begriff des Gegenteils verbunden. In den neueren Werken zur Ironie wird zusätzlich darauf hingewiesen, dass mit ironischen Äußerungen nicht nur das Gegenteil, sondern auch einfach etwas anderes gemeint sein könne (vgl. Japp 1999, S. 38). Des Weiteren wird Ironie stets mit Kritik verbunden. Wenn jemand kritisiert wird, werden Bewertungen geäußert, welche wiederum auf bestimmten Normen basieren. Ironie ist eine mehrschichtige Erscheinung, aus einer ironischen Äußerung sind immer eine wörtliche und eine nicht-wörtliche Bedeutung abzuleiten (Kohvakka 1997, S. 22).

Der Ironie stehen viele Phänomene nahe, so dass sie leicht miteinander verwechselt werden können. Hannele Kohvakka nimmt in ihrer umfangreichen wissenschaftlichen Arbeit zur Abgrenzung der Ironie folgende Stilformen auf: Satire, Parodie, Travestie, Sarkasmus, Karikatur, Groteske, Komik, Humor, Hohn, Spott und Witz, Scherz und Spaß. Interessant ist, dass die Ironie, die im Alltag als eine im Wesentlichen negative Erscheinung angesehen wird, nach den Wörterbuchdefinitionen mit den rein negativen Stilformen Sarkasmus, Hohn und Spott relativ wenig Gemeinsamkeiten aufweist. Laut Untersuchung von Kohvakka besitzen fast alle Stilformen sowohl positive als auch negative Eigenschaften. Eindeutig positiv ist nur der Humor. Eindeutig negativ sind Sarkasmus, Hohn und Spott:

Aufgrund dessen ist es verständlich, daß beinahe alles, was Lachen, Heiterkeit und Auslachen verursacht und womit etwas kritisiert wird, leicht mit der Ironie verwechselt werden kann. Die Ironie hat viele Gemeinsamkeiten mit dem Witz und dem Humor und unterscheidet sich der Form nach kaum von Satire, Parodie oder Travestie. Allen hier besprochenen Erscheinungen ist gemeinsam, dass sie mit Verstößen gegen die erwartbare Alltagslogik operieren. (Ebd., S. 29)

Weiter führt Kohvakka in ihrer Ironieuntersuchung folgende grundlegende Unterschiede zwischen der Ironie und den anderen ihr ähnlichen Phänomene an: Erstens wird nur bei der Ironie die Verstellung (d. h. etwas sagen, aber das Gegenteil oder etwas anderes meinen) versteckt signalisiert, während dies bei den anderen erwähnten Phänomenen offen erfolgt. Mit anderen Worten, es wird zwar offen Unaufrichtigkeit simuliert, aber diese Offenheit erfolgt versteckt. Ironie darf nicht zu direkt oder deutlich ausgedrückt werden.

Die Verstellung und das Verbergen der Offenheit werden relativ zu den Kommunikationsteilnehmern und zur Situation signalisiert. Dadurch ist das Verstehen der Ironie mitunter nur unter gleichgesinnten Kommunikationspartnern möglich. Dies scheint der entscheidende Unterschied im Vergleich zu den anderen Stilformen zu sein. (Ebd., S. 29)

Zweitens kann nur in der Ironie das absolute Gegenteil des Gemeinten geäußert werden. Drittens bietet nur die Ironie für den Fall, dass sie nicht verstanden wird, eine Rückzugsmöglichkeit.

In der Ironie werden Sachverhalte eben nur scheinbar versteckt verstellt. So entstehen jeweils zwei Interpretationsebenen, die ironische und die wörtliche. Bei Bedarf kann entweder auf die Ironie hingewiesen oder ein Rückzug auf die wörtliche Aussage vollzogen werden. (Ebd., S. 29)

Zusammenfassend lässt sich über den Begriff der Ironie folgendes sagen: In der Ironie wird etwas gesagt, aber das Gegenteil oder „etwas anderes“ gemeint. Dabei ist das wirklich Gemeinte immer mehr oder weniger mit negativen Bewertungen beladen. Diese negativ bewertende Natur der Ironie impliziert, dass in der Ironie immer ein Sachverhalt oder eine Person kritisiert wird (ebd., S. 22).

2.2 Theorien der Ironie

Als literarisches Phänomen ist die Ironie ausgiebig untersucht worden. Japp bezieht sich beispielsweise auf die klassische Formulierung der Ironie als Verstellung (Dissimulation), wonach der Ironiker etwas anderes meint, als er sagt (vgl. Japp 1999, S. 24). Ironie ist kein einheitlicher Begriff, aber Ironie als Redeform ist in jeder Art von Ironie vorhanden. Die verbale Ironie, die auch als Wortironie bezeichnet werden kann, stellt laut Japp die sprachliche Grundlage der anderen Ironien dar, „aus der die anderen Ironien ausgewandert sind, um sich in der Literatur, im Leben und in der Welt selbständig zu machen“ (ebd., S. 37). Der ironische Stil ist für Japp ein Zeichen der Eigenständigkeit des Autors. Im ironischen Stil wird anders geschrieben, als es vom Text und Kontext her erwartet wird. Dadurch entstehen Inkongruenzen, an denen wiederum die Ironie zu erkennen ist. Der Kontext für das Verstehen der Ironie liegt außerhalb des Textes; der Leser muss den Autor verstehen und mit ihm kulturell übereinstimmen (vgl. ebd., S. 44f.). Weiter ist Ironie laut Japp immer auch subjektiv (vgl. ebd., S. 54). Am Ende seiner Arbeit fasst Japp seine Überlegungen zusammen: „Die Ironie ist ein Versuch zur Versprachlichung der Welt in Form einer gleichzeitigen Gegenrede“ (ebd., S. 327). Des Weiteren ist anzumerken, dass nur die verbale Ironie und die damit zusammenhängenden sprachlichen Mittel linguistisch untersucht werden können.

Jede Person gebraucht die verbale Ironie in einer ihr eigenen Form auf der Basis ihrer Sprachgemeinschaft und sozialen Stellung. Die Fähigkeit zu einem solchen Gebrauch gehört zur kommunikativen Kompetenz des Sprechers. Die ironische Absicht des Sprechers bewirkt, dass der Sprechakt im weiteren referenziellen Rahmen vollzogen wird. (Kohvakka 1997, S. 34f.)

Nach Clyne enthält die Ironiesituation eine Dreierkonstellation aus dem Enkodierer, der die Ironie gebraucht, einer doppelschichtigen Äußerung und dem Dekodierer, der diese doppelschichtige Äußerung erkennen muss (Clyne 1974, zit. nach Kohvakka 1997, S. 35). Als Ironie-Marker können alle sprachlichen Aspekte dienen: Die Inkongruenzen zwischen den soziolinguistischen Variablen wie Themenbereich, Gesprächspartner, Rollenverhältnis und der Interaktionstyp sowie die Wahl des Kodes oder der sprachlichen Elemente können eine ironische Wirkung in sich tragen (vgl. ebd., S. 35).

Clyne führt folgende Beispiele für Ironie-Marker an: Inkongruenzen, Übertreibung, Archaismen, Nominalkonstruktionen, lange Komposita, Untertreibung und Wortspiele. Die deutlichsten Ironie-Marker seien die lexikalischen, da sie unmittelbar aus dem Kontext ersichtlich sind. Um die Ironie zu verstehen, muss der Rezipient den allgemeinen Sachbereich kennen oder den Kontext assoziieren können (ebd., S. 35).

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Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640754793
ISBN (Buch)
9783640754977
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161928
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Germanistik
Note
1, 3
Schlagworte
Sprache und Humor Ironie in geschriebenen Texten linguistische Ironieuntersuchung Ironie auf der Textebene Theorien der Ironie Ironischer Stil

Autor

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