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Fidschi und der Putsch im Jahr 2000

Eine Konfliktanalyse

Seminararbeit 2008 26 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Gliederung

1. EINLEITUNG

2. GRUNDDATEN VON FIDSCHI

3. KONFLIKTBESCHREIBUNG

4. THEORETISCHE EINORDNUNG DES KONFLIKTES

5. HISTORISCHE ENTWICKLUNG

6. VERLAUF DES PUTSCHES

7. DIE AKTEURE UND IHRE ZIELE

8. FAZIT

9. QUELLENVERZEICHNIS

10. ANHANG

1. Einleitung

Das Wort ,Fidschi’ ist ein Inbegriff von Sonne, Urlaub und palmengesäumten weißen Stränden. Ein Urlaub in dem Inselstaat im Pazifik gilt als Ausweg aus der sonst so klein gewordenen und hektischen Welt.

Doch findet Fidschi nicht nur als Urlaubsparadies den Weg in unsere Medien: zuletzt putschte im Jahr 2006 Josaia Voreqe Bainimarama, der damalige Militärchef und heutige Regierungschef des Staates, und sorgte damit weltweit für Schlagzeilen. Dies war bereits der vierte Staatsputsch in nur 20 Jahren und deutet auf eine politisch recht instabile Lage hin. Trotzdem schaffen es Touristikverbände und Politiker, den Konflikt so klein zu spielen, dass sich die Ströme von Urlaubern nicht, oder nur kurzzeitig, unterbrechen.

Was also ist das für ein Konflikt, der anscheinend für Besucher so schlecht, für die Einwohner aber elementar zu erkennen ist?

Diese Frage hatte mein Interesse geweckt. Mit der vorliegenden Ausarbeitung möchte ich mich genauer mit diesem Konflikt und seinen Konfliktlinien auseinandersetzen. Dabei werde ich mich auf den Staatsstreich von 2000 beschränken, dem dritten in der Geschichte der Republik, bei dem der Geschäftsmann George Speight die Führung des Landes kurzzeitig an sich riss.

Dazu werde ich zu Beginn den Staat Fidschi genauer vorstellen und dabei auf die Geographie, Bevölkerung und Politik eingehen. Anschließend werde ich eine theoretische Einordnung des Konfliktes anhand des Protracted Social Conflict Modells von Azar, der Human needs Theorie von Burton und anhand des jährlich erscheinenden Heidelberger Konfliktbarometers vornehmen. Es folgt eine allgemeine Konfliktbeschreibung, in der ich die hauptsächlichen Konfliktlinien herausarbeite und in einen historischen Kontext stelle.

Um ein genaueres Verständnis von der Ausgangslage des Putsches zu bekommen, werde ich die politische Geschichte von Fidschi darstellen. Nach der genauren Beschreibung des Putschverlaufes werde ich abschließend noch einmal die während dieser Zuspitzung des Konfliktes involvierten Akteure mit deren Zielsetzungen und Handlungenmöglichkeiten beschreiben. Am Ende ziehe ich ein Fazit, in dem ich eine Bewertung der Ereignisse vornehmen werde.

2. Grunddaten von Fidschi

Fidschi ist eine Republik unter militärischer Herrschaft und liegt im Südpazifik. Der Inselstaat vulkanischen Ursprungs hat eine Größe von 18270 qkm, was in etwa der Größe des Freistaates Sachsen entspricht, und besteht aus 322 Inseln, von denen 106 bewohnt sind. Die Landschaft ist von vulkanischen Bergen geprägt, wobei der höchste Punkt der Berg Tomanivi mit 1324 m ist.1 Braucht man den Satz?

Die Bevölkerung beträgt rund 835000, wovon 476000 Fidschianer, 315000 Inder (IndoFidschianer) und 44000 Europäer, Chinesen und anderen Minderheiten sind. Auf den beiden Hauptinseln Viti Levu und Vanua Levu leben rund 87 % der Gesamtbevölkerung. Damit ergibt sich eine Bevölkerungsdichte von 46 Einwohnern pro qkm. Die offiziellen Landessprachen sind Englisch und Fidschianisch. Daneben wird noch Hindi gesprochen. 53% der Bevölkerung bekennen sich zum Christentum, 34% zum Hinduismus und 7% zum Islam. Rund 51% der Bevölkerung lebt in Städten, wovon Suva, die Hauptstadt, mit etwas 75000 Bewohnern die größte ist. 2

Fidschi ist eine der am weitesten entwickelten Wirtschaftsregionen im Pazifik. Der Tourismus generiert mit über 500000 Besuchern pro Jahr die meisten Gewinne, gefolgt vom Zuckerexport in die EU und die USA. Weitere Hauptexportwaren sind Kokosnussöl und Holz. Obwohl noch rund 70 % der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft arbeiten, trägt der primäre Sektor nur rund 9% zum Bruttosozialprodukt bei. Das Wirtschaftswachstum betrug 2007 3,9 %.3

Administrativ ist der Staat in vier Divisions (Central, Eastern, Northern, Western) und eine Dependency (Rotume) geteilt, wie aus Bild 1 im Anhang ersichtlich wird. Das politische System beruht auf dem britischen Vorbild. Die derzeitige Verfassung trat 1998 in Kraft, wird aber durch das zurzeit herrschende Militärregime nur bedingt beachtet. Der Präsident heißt Ratu Josefa Iloilovatu Uluivuda, der Übergangs Premierminister ist Commodore Voreqe Bainimarama, der Anführer der Putschisten 2006. Die Legislative besteht aus zwei Kammern, dem Senat (32 Sitze, Abgeordnete werden ernannt) und dem Repräsentantenhaus (71 Sitze, die Abgeordneten werden gewählt). Bei den letzten Wahlen traten 12 größere und zahlreiche kleine Parteien, welche sich größtenteils nach ethnischen Zugehörigkeiten und Singularinteressen definierten, gegeneinander an. In der fragmentierten Region Ozeanien ist Fidschi das Zentrum, sowohl infrastrukturell durch den Flughafen, als auch gesellschaftlich durch die University of the South Pacific und die verschiedenen Zweigstellen regionaler und internationaler Organisationen. Dadurch haben die Ereignisse auf Fidschi Auswirkungen auf die gesamte Region. So kam es beispielsweise unmittelbar im Anschluss an den Putsch 2000 auf Fidschi zu einem Staatsstreich auf den Salomonen, welcher im Zusammenhang gesehen wird.4

3. Konfliktbeschreibung

Die Konfliktlinien innerhalb der fidschianischen5 Gesellschaft verlaufen vorrangig entlang der zwei großen ethnischen Gruppierungen: den Indo-Fidschianern, also den indischstämmigen Arbeitern, die seit der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in Fidschi ansässig sind, und den indigen Fidschianern polynesischen und melanesischen Ursprungs. Streit gibt es zwischen diesen Bevölkerungsgruppen um die natürlichen Ressourcen des Landes sowie um Machtansprüche und Machtverteilung in den politischen und wirtschaftlichen Institutionen.

Entscheidend für die Beibehaltung der Spannungen ist die Überlappung der traditionellen fidschianischen politischen Entscheidungsgremien mit den verfassungsgemäß festgelegten Institutionen nach britischem Vorbild. Insbesondere der Great Council of Chiefs (GCC) sorgt immer wieder für erneute Spannungen. Dieses politische Gremium wurde in der frühen Kolonialzeit eingeführt und setzt sich aus den Häuptlingen der unterschiedlichen Clans zusammen und hatte eine beratende Funktion, um zwischen den von Großbritannien entsendeten Gouverneuren und der Bevölkerung von Fidschi zu vermitteln. Aufgrund dieser politischen Schlüsselstellung hat die Versammlung dafür sorgen können, dass die traditionellen Werte des vererbbaren Häuptlingtums, das auf erblicher Würde aufgebaut, streng patriarchal und ohne Kontrollinstanzen ausgestattet ist, weiter bestehen konnten. Das Gremium ist noch immer einflussreich und bestimmt über Abgeordnete, Verfassungsvorschläge und Gesetzen mit, ohne dabei die eigenen Interessen aus den Augen zu verlieren. Wesentlich hierbei ist, dass in diesem Gremium nur Fidschianer mitbestimmen können, während die Institutionen nach der Verfassung auf eine, wenn auch nicht ausgeglichene, Mitbestimmung aller Ethnien achtet. Die von H. Mückler als „traditionelle Eliten“ 6 bezeichneten Mitglieder der politischen traditionellen Führungsklasse mit indigen Wurzeln benutzen traditionelle Vorstellungen und historische Gegebenheiten gezielt, um die ethnischen Verschiedenheiten hervorzuheben und dadurch den eigenen Machterhalt zu sichern. Die äußeren Einflüsse in Form von neuen demokratischen Spielregeln, der Gleichstellung der Frau und das Prinzip der ausgewogenen Repräsentation verdeutlichen zunehmend die Differenzen zwischen den traditionell eingestellten und den progressiven Bevölkerungsteilen. Die Indo-Fidschianer hingegen haben erst spät Gelegenheit bekommen, politisch mitbestimmen zu können. Erst für die Wahlen von 1966 hatten sie sich zur Fiji National Party vereinigt, der politischen Erweiterung der schon zuvor gegründeten Gewerkschaftsbewegung.

Doch auch diese Bewegungen ± hier vor allem das GCC- sind innerlich nicht homogen. Es gab und gibt mitunter große Divergenzen zwischen den Häuptlingen der unterschiedlichen Inseln und Regionen in Fidschi. Traditionell kamen die meisten oberen Staatsbeamten indigener Herkunft aus dem Ostteil der Insel Viti Levu, wodurch diese Region entsprechend mehr Aufmerksamkeit bekam und bekommt. Auch wurden die ersten Einigungsversuche vor der Kolonialisierung von Häuptlingen aus dieser Seite der Insel vorgenommen. Insbesondere die Häuptlinge von der Westseite der Insel, der wirtschaftlich wichtigsten Region von Fidschi, und die Stämme im gebirgigen Inneren Viti Levus sind deswegen den politischen Eliten des Landes gegenüber misstrauisch.

Die Machtverhältnisse zwischen den bedeutenden Häuptlingsfamilien, zusammen mit den Ansprüchen der Vertreter der unterschiedlichen Divisions, verhindern intern eine gemeinsame Linie im GCC und spielen eine wichtige Rolle bei der Geschwindigkeit, mit der das Gremium zu einer Entscheidung gelangt.

Eine weitere sehr wichtige Konfliktursache ist in der Landverteilung und der wirtschaftlichen Teilhabe der unterschiedlichen Gruppen zu finden. Land spielt in der Kultur der Fidschianer eine große Rolle, wegen der mit dem Land verbunden Wertevorstellungen und Zeremonien, Dementsprechend besorgt reagierten die Häuptlinge, als erste europäische Siedler ihnen das Land zu für sie ungünstige Konditionen abkauften. Durch diese schlechten Erfahrungen achten die indigen Fidschianer seitdem verschärft auf ihr Vorrecht bei der Bestimmung der Landnutzung und dem gesetzlich verankerten Recht auf Landbesitz. Eine eigens dafür eingerichtete Behörde, der National Land Trust, achtet präzise auf die Einhaltung der Vorschriften. Das Problem ist, dass die indigen Fidschianer rund 80 % des Landes besitzen, es jedoch an die Indo-Fidschianer verpachtet haben, welche das Land für Plantagen oder Tourismusbetriebe nutzen und durch die Bewirtschaftung Gewinne machen. Eine disziplinierte, arbeitsreiche und gewinnorientierte Lebensweise ist eine den Indern eigene kulturelle Lebensweise. Die Inder legen aufgrund der politisch mitunter sehr eingeschränkten Mitbestimmung viel Wert auf Bildung und wirtschaftlichen Erfolg. Dadurch dominieren sie die fidschianische Wirtschaft, was zu einer Diskrepanz zwischen wirtschaftlicher und politischer Macht führt, da sie auf politischer Ebene von den indigen Fidschianern dominiert werden.

Auch sind die unterschiedlichen Religionsgemeinschaften im Land Grund für Streitigkeiten. Die Mehrheit der indigen Fidschianer hat sich schon vor der Kolonialisierung zum Christentum bekehren lassen. Die Indo-Fidschianer sind größtenteils Hindu, jedoch existiert auch eine muslimische Minderheit. Wie in anderen Konflikten weltweit spielt die Religionszugehörigkeit eine wichtige Rolle bei der Identifikation und dem Zusammengehörigkeitsgefühl der einzelnen gesellschaftlichen Gruppen. In Fidschi dominieren zwar die ethnischen Identitäten die Konfliktlinien, jedoch ist die Religion ein weiteres Faktum für eine Abgrenzung der verschiedenen Gesellschaftsteile untereinander.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass die fidschianische Gesellschaft in zwei große Gruppen getrennt ist, die durch einen unterschiedlichen Zugang zu den politischen und wirtschaftlichen Institutionen gekennzeichnet sind. Außerdem erschweren verschiedene Kulturen, Sprachen, Religionen und Lebensweisen das gegenseitige Verständnis und tragen zu Missverständnissen und Spannungsaufbau bei.

4. Theoretische Einordnung des Konfliktes

John Burton unterscheidet in seiner Human Needs Theorie zwischen veränderbaren Interessen, die jeder für sich entwickelt, äußert und über die verhandelt werden kann, und universellen, naturgegebenen Bedürfnissen, die jeden Menschen auszeichnen und befriedigt werden müssen. Er spricht von 5 Identitätsbedürfnissen: Sicherheit, Anerkennung, Sinn, Zugehörigkeit und Wirksamkeit, die aber kulturell unterschiedliche Formen zur Befriedigung haben können. Wird eines der Bedürfnisse verletzt oder deren Ausübung verhindert, so kann es zu einer Identitätsstörung kommen, wodurch eine Isolation der betroffenen Gruppe gefördert wird. Diese Situation ist die Voraussetzung für die Eskalation von Gewalt in bestehenden Konflikten bzw. kann der Auslöser neuer Konflikte sein. Dementsprechend ist eine Verhinderung und Nicht-Entstehung von Gewalt nur durch langfristige Kooperation und Kommunikation zwischen Vertretern verschiedener Gruppen und eine damit verbundene ausgeglichene Lösung zum Vorteil aller Beteiligten möglich. 7

Edward Azar entwickelt die Idee der Human Needs noch weiter und untersucht, zusätzlich zu den Bedürfnissen der Menschen, das weitere Umfeld einer Konfliktsituation. So macht er vier wesentliche Faktoren aus, welche bei einer Störung oder Vernachlässigung zu einer Eskalation von gewaltsamen Auseinandersetzungen führen kann. In seiner Theorie des Protracted Social Conflict werden insbesondere der Communal Content (die kommunale Zufriedenheit), Human Needs (die menschlichen Bedürfnisse nach Burton), Governance (die Regierungsführung) und International Linkages (die internationalen Verkettungen) untersucht. Der Communal Content bezieht sich vor allem auf die Kommunikation und den Zusammenschluss der verschiedenen Gruppen innerhalb einer Gesellschaft. Dabei bewirkt die Isolierung bestimmter Gruppen im Zusammenleben und ±gestalten auf kommunaler Ebene die Ausgrenzung dieser, s0 dass fehlende Kommunikation zwischen unterschiedlichen Interessen zu einer Spannungssteigerung der Situation führt. Die menschlichen Bedürfnisse werden oft durch Unterentwicklung, Identitätsbrüche, strukturelle Ungleichheit und asymmetrische Machtverteilung nicht ausreichend befriedigt. Governance, also das politische System und die politische Orientierung der Regierung. Kann einen großen Einfluss auf die Entwicklung eines Konfliktes haben. Insbesondere labile oder junge Staaten haben Schwierigkeiten, die Ansprüche der Bewohner ausreichend und zufrieden stellend zu erfüllen. Um ihre Legitimität zu unterstreichen sind die internationalen Verkettungen des Staates für eine Regierung wichtig. Dabei sind nicht nur die wirtschaftlichen Zusammenschlüsse und Kooperationen von Bedeutung, sondern ganz besonders auch die (militärisch-) politischen, die zur Unterstreichung der Zugehörigkeit eines Staates zu einer Wertegemeinschaft und zur Identifikationsfindung des Landes und deren Bewohner beitragen.8

[...]


1 MSN Encarta: „Fiji Islands“, vgl http://encarta.msn.com/encyclopedia_761563473/fiji_islands.html, nachgeschlagen am 3.8.08, 22:55 Uhr

2 Fiji Islands Bureau of Statistics: „Fiji National Census of Population 2007“, vgl http://www.statsfiji.gov.fj/, nachgeschlagen am 3.7.08, 22:57 Uhr

3 &,$ Ä7KH :RUOG )DFWERRN )LML³ 9HUVLRQ YRP -XQL https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/fj.html, gesichtet 3.7.2008, 22:26 Uhr

4 Vgl. H. Mückler: „Fidschi Das Ende eines Südseeparadieses“, Promedia Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H., Wien 2001, Seite 9

5 Hierbei folge ich den Ausführungen von Ibid 4, Seiten 9 - 12

6 Vgl. Ibid 4, Seite 10

7 Vgl. Mari Steindl: „Interkultureller Dialog und Konfliktlösung“, aus „Interkultureller Dialog Interkulturelles Lernen“, Zentrum polis, Wien, März 2008

8 Vgl. Banerjea- Komers: „Theorien, Modelle, Konzepte“, eine Präsentation an der Hochschule Bremen, Lehrfach Konfliktmanagement und Verhandlungsführung, 21.4.2008, Folien 12 - 20

Details

Seiten
26
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640753789
ISBN (Buch)
9783640753888
Dateigröße
685 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161797
Institution / Hochschule
Hochschule Bremen
Note
1,3
Schlagworte
Fidschi Putsch Südsee Coup D'etat

Autor

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Titel: Fidschi und der Putsch im Jahr 2000