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Gedichtinterpretation: Andreas Gryphius „Thränen des Vaterlandes Anno 1636“

Referat / Aufsatz (Schule) 2008 4 Seiten

Didaktik - Deutsch - Erörterungen und Aufsätze

Leseprobe

Vollständige Gedichtinterpretation:

Thränen des Vaterlandes (Andreas Gryphius)

Im Gedicht „Thränen des Vaterlandes“ aus dem Jahr 1636 schildert Autor Andreas Gryphius die Grauen des dreißigjährigen Krieges. Dabei thematisiert er besonders die Auswirkungen des Krieges auf den Körper und die Seele der Menschen. Das Gedicht ist sehr finster und grau, mit vielen sprachlichen Bildern versehen. Vom Titel erwartet man sich ein trauriges und bedachtes Gedicht. Man wird als Leser jedoch mit der harten Realität des Krieges konfrontiert.

Das Gedicht entspricht in seiner Form ganz und gar dem für den Barock typischen Schema. Es weist mit seinen zwei Quartetten und seinen zwei Terzetten die klassische, für die Epoche des Barock typische, Sonettform auf. Das Reimschema abba abba ccd eed entspricht mit seinen beiden umarmenden und seinem Schweifreimen ebenfalls der typischen Form. Das Metrum ist regelmäßig alternierend, es liegt ein sechshebiger Jambus mit fester Zäsur nach der dritten Hebung, der typische Alexandriner vor.

Gryphius beginnt sein Gedicht mit der bloßen Schilderung der Kriegsereignisse: In den beiden Quartetten, so wie im ersten Terzett wird so von den Bildern berichtet, die das lyrische Ich im Krieg erlebt hat. So schildert es das vom „Blut fette Schwert“ (vgl. V. 3) oder das zerstörte Rathaus (siehe V. 6). Im zweiten Terzett zieht das lyrische Ich sein Fazit zum Krieg, in dem es behauptet, dass der Verlust des „christlichen Glaubens“ der schlimmste Verlust im Krieg gewesen sei. Der Sprecher[1] nimmt im Text eine zunächst berichtende Rolle ein. Im letzten Terzett wertet er das Kriegsgeschehen jedoch negativ (s.o.).

Das lyrische Ich nimmt im Text daher eine Rolle als unmittelbarer Zeitzeuge des Krieges ein. Seine negative emotionale Grundhaltung, seine Bedrücktheit und Niedergeschlagenheit durch den Krieg lässt sich auch am Metrum des Textes festmachen. Durch die klare Regelmäßigkeit wirkt der Text beim Rezitieren trist, die Situation aussichtslos.

Mit geschickter Verwendung rhetorischer Mittel und mit zunehmender Bedeutung der einzelnen Strophen gelingt es Gryphius im Verlauf des Gedichts den Leser zu seiner pointierten These zu führen. Die Klimax des Gedichts lässt sich gut an den Themen der einzelnen Strophen herauslesen. Im ersten Quartett ist so die Rede von bloßen materiellen Verlusten. Hier werden zunächst „aller Schweiß und Fleiß und Vorrath aufgezehret“ (V.4). Im zweiten Quartett wird Gryphius Sprache metaphorischer. Nun stehen „Türme in Glutt“ (V.5) und das Rathaus ligt im Grauß“ (V.6). Beide Gebäude, Turm und Rathaus sind Symbole für die Macht des Staates, eine gesicherte Existenz seiner Bürger und für ein friedliches Zusammenleben oder kurz gefasst: Sie sind die Symbole für Recht und Ordnung. Vielleicht noch schwerwiegender ist in diesem Zusammenhang, dass die „Kirch umgekehrt ist“ (vgl. V.5). Die Kirche als Bollwerk der Macht mit ihrem unumstößlichen Glauben ist aus ihren Fugen geraten, die Dramatik nimmt zu. „Feuer, Pest und Tod“ (V.8) als weitere Zeichen stützen diese Eindrücke. Im nun folgenden ersten Terzett berichtet das lyrische Ich vom unvorstellbar langen Zeitraum der Qualen (siehe Vers 10: „Dreymal sind schon sechs Jahr“). Die „Ströme“ sind von „Leichen fast verstopfft“ (V.11): Der Leser glaubt nun, dass all diese Impressionen nicht mehr übertroffen werden können. Hier setzt die pointierte Funktion des letzten Terzetts ein. „Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod“ (Vers 12). Das einleitende „Doch“ kündigt bereits an, dass alle bisherigen Gräuel übertroffen werden. Der Parallelismus[2], sowie das Polysyndeton[3] in den letzten Versen spitzen die Spannung bis zur Auflösung zu. Die Menschen haben ihren „Seelen Schatz“ und damit ihren Glauben an Gott verloren.

Über das gesamte Gedicht beobachtet man eine durchgehende Verwendung metaphorischer Sprache. Bereits in der Überschrift steckt die erste Metapher. Die „Thränen des Vaterlandes“ stellen das unglaubliche Leid des Volkes dar, welches durch den Krieg gezeichnet ist. Mit weiteren Bildern wird der Krieg erfahrbarer und näher für den Leser des Gedichts, sprachliche Mittel lassen ihn das oben erwähnte unglaubliche Leid in all seiner unfassbaren Größe beinah „hautnah“ erfahren. Die einleitende Correctio[4] zeigt bereits zu Beginn, dass alles nun folgende, bisherige Erwartungen und Erfahrungen des Lesers übertrifft. Denn ein Volk, dass mehr „denn gantz verheeret“ (V.1) ist, übertrifft bereits das Menschenmögliche. Nun folgen die sprachlichen Bilder, die als Kumulationen vom Wahnsinn Krieg berichten. „Der frechen Völker Schaar“ (V.2) erweckt so die Vorstellung eines unendlich großen Heeres. Die nun folgende „rasende Posaun“ verdeutlicht den Irrsinn des Krieges. Dort wo Raserei herrscht gibt es keine Ordnung, Anarchie ist die Folge. Das „vom Blut fette Schwerdt“ (V.3) dürfte direkt eine entsprechende Vorstellung in den Kopf des Lesers projizieren, ebenso die „donnernde Carthaun“ (V.3), die man beim Lesen in seinem Kopf feuern hört. Die polysyndetische Klimax[5] zeigt, dass alle Bürger vom Krieg betroffen sind, da ja auch die Mühen aller „auffgezehreret“ (vgl. V.4) werden. Im zweiten Quartett häufen sich die Kumulationen und damit Metaphern. Ein versenkte Türme, verkehrte Kirchen, ein Rathaus in Schutt und Asche, machtlose Mächtige, geschändete Jungfern und eine Klimax mit „Feuer, Pest und Tod“ entfaltet die Erbarmungslosigkeit des Krieges. Auch das Thema des Textes findet sich hier wieder: „Feuer, Pest und Tod“ durchfahren „Hertz und Geist“ (V.8). Sie wirken sich also negativ auf die Seele des Menschen aus. Das Terzett zeigt als Bild „der Ströme Flutt“ (vgl. V.10). Man denkt an große Wassermassen, diese sind jedoch von noch größeren Mengen an „Leichen fast verstopfft“ (V.11). Erneut demonstriert dieses Bild die Ausmaße des Krieges. Das letzte Bild ist – wie bereits oben angesprochen – das wichtigste des gesamten Gedichts. Der „Seelen Schatz“ (V.14) stellt den christlichen Glauben dar.

Interessant zu untersuchen sind zu guter Letzt zwei antithetische Strukturen im Text. Während der Sprecher in den beiden Quartetten eine allgemeine Schilderung der Situation vornimmt, konkretisiert und lokalisiert er mit dem ersten Wort des ersten Terzetts „Hir“ (V. 9) seinen Standort. Jetzt beschreibt er ein konkretes Geschehen und nicht mehr das allgemeine Leiden des Volkes und Landes. Durch diese erste Antithetik grenzen sich die Terzette von den Quartetten ab. Eine weitere Entgegenstellung verdeutlicht dies ebenfalls. Während der erste Vers bereits von seiner Konstruktion als unübertreffbar gilt (s.o.) und damit leicht als These des Sprechers gedeutet werden kann, so widerlegt er dies nun durch seine wirkliche Absicht, nämlich der, vor dem Verlust des Glaubens warnen zu wollen.

Führt man nun einen Vergleich der rein textimmanenten Aspekte mit historischen Beziehungen und einem biografischen Hinblick durch, so stellt man fest, dass Gryphius in seinem Gedicht Dinge aufgreift, die er persönlich erlebt hat, oder die er zu mindestens epochal gespürt haben dürfte.

Greift man nun die Textstelle heraus an der Gryphius von der jetzigen Dauer des Krieges spricht, so sieht man dass bis 1636 der Krieg 18 Jahre dauerte. Kriegsbeginn ist also 1618. Dieses Jahr stimmt mit dem Beginn des 30-jährigen Krieges überein. Es liegt also ein geschichtlicher Zusammenhang vor. Biografisch passt dieser Zusammenhang ebenfalls ins Bild. Gryphius ist ein Kind der Epoche von der er schreibt. Den dreißigjährigen Krieg dürfte er, da 1616 geboren, am eigenen Leibe gespürt haben. Die Unterteilung von achtzehn Jahren in drei Zeitabschnitte kann mit Gryphius persönlichen Werdegang zusammenhängen. So sind seine drei verschiedenen Schulen mit drei verschiedenen Zeitabschnitten verbunden. Die Zerstörung der einen Schule[6] durch Feuer, die Schließung aufgrund der Pest fließen ebenfalls mit im Gedicht ein[7]. Die Formulierung in Vers acht kann so direkt aus der persönlichen Erfahrung des Autors entstanden sein. Auch der Titelzusatz „Anno 1636“ ist ein Beleg, dass Gryphius als Zeitzeuge die Erlebnisse beschreibt, die er selbst gemacht hat.

Zum Ende der Interpretation lässt sich feststellen, dass Andreas Gryphius Gedicht „Thränen des Vaterlandes Anno 1636“ in seinem Aufbau die ursprünglich formulierte Arbeitshypothese final widerlegt. Es geht nicht, wie zunächst angenommen, im zentralen Aspekt um die Auswirkungen des Krieges auf Körper und Seele der Menschen, sondern es geht vielmehr um den Verlust des Glaubens durch die Bevölkerung. Dieser ist, wie bereits angeführt, schlimmer als alle anderen Leiden des Krieges.

Ich persönlich finde, dass das Gedicht durch gerade diese versteckte, pointierte Antithetik seinen ganz besonderen Reiz entwickelt. Es ist von seiner Form her einfach und typisch aufgebaut. Die wirklich interessanten Untersuchungsaspekte sind jedoch erst unter der Oberfläche verdeckt zu erkennen. Eben dies ist der Charme seiner Interpretation.

Marius Beckermann

04.09.2008

[...]


[1] Hier synonym mit dem „lyrischen Ich“ verwendet

[2] „was ärger als der Tod“ (V.12) – „was grimmer denn die Pest“ (V.13)

[3] „die Pest und Glutt und Hungersnoth“ (V.13)

[4] Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz […]

[5] Schweiß und Fleiß und Vorrath

[6] Quelle: Blickfeld Deutsch S. 136: Kurzbiografie Andreas Gryphius

[7] Siehe hierzu V.8: „Ist Feuer, Pest und Tod, der Hertz und Geist durchfähret“

Details

Seiten
4
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640765515
Dateigröße
365 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161768
Note
1,0
Schlagworte
Gedichtinterpretation Andreas Gryphius Vaterlandes Anno

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Titel: Gedichtinterpretation: Andreas Gryphius „Thränen des Vaterlandes Anno 1636“