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Krallentiere am Ur-Rhein

Die Forschungsgeschichte von Chalicotherium goldfussi

Fachbuch 2010 66 Seiten

Biologie - Zoologie

Leseprobe

Vorwort

An den Ufern des Ur-Rheins lebte vor etwa zehn Millionen Jahren ein seltsames Säugetier. Es hatte eine Körperproportion wie ein heutiger Gorilla. Seine Vorderbeine waren merklich länger als seine Hinterbeine, weshalb seine Rückenlinie stark abfiel. Obwohl es zu den Unpaarhufern gehörte, trug es keine Hufe, sondern mächtige Klauen an den Vorder- und Hinterfüßen. Wenn sich dieses merkwürdige Geschöpf aufrichtete, um zu fressen, war es bis zu drei Meter hoch. Gefährlich werden konnten ihm allenfalls große Säbelzahntiger oder Bärenhunde. Über diese bizarr aus-sehende Kreatur namens Chalicotherium goldfussi informiert das kleine Taschenbuch „Krallentiere am Ur-Rhein“ des Wiesbadener Wissenschaftsautors Ernst Probst. Gewidmet ist es dem Paläontologen Dr. Jens Lorenz Franzen in Titisee-Neustadt, Altbürgermeister Heiner Roos in Eppelsheim und der Bürgermeisterin Ute Klenk-Kaufmann in Eppelsheim, die sich – jeder auf seine Weise – um die Erforschung der Tierwelt am Ur-Rhein und um den Aufbau des „Dinotherium-Museums“ in Eppelsheim verdient gemacht haben.

Ein Huftier mit Krallenfüßen

Eines der seltsamsten Säugetiere, das jemals in Deutschland gelebt hat, war das krallenfüßige Huftier Chalicotherium goldfussi. Dass dieses merkwürdige Geschöpf im Miozän vor etwa zehn Millionen Jahren auch am Ur-Rhein in Rheinhessen existierte, bewies eine unscheinbare Kralle, die in einer Sandgrube im Gewann „Jörgenbauer“ bei Eppelsheim entdeckt und von dem Darmstädter Paläontologen Johann Jakob Kaup (1803–1873) untersucht wurde.

Eppelsheim ist einer der Fundorte mit Ablagerungen des Ur-Rheins. Seine Ablagerungen werden nach dem Rüsseltier Deinotherium (auch Dinotherium) als Dinotheriensande oder nach dem berühmten Fundort Eppelsheim als Eppelsheimer Sande bezeichnet. Dieser so genannte Dinotheriensand-Rhein floss aus dem Raum Worms quer durch Rheinhessen über Westhofen, Eppelsheim, Bermersheim, den Wissberg bei Gau-Weinheim und den Steinberg bei Sprendlingen (Rheinland-Pfalz) auf die Binger Pforte zu. Der damalige Strom berührte nicht – wie heute – die Gegend von Oppenheim, Nierstein, Nackenheim, Mainz, Wiesbaden und Ingelheim.

Kaup gab 1833 bei der ersten wissenschaftlichen Beschreibung von Chalicotherium keinen Hinweis, worauf dieser Gattungsname beruht. Vielleicht bedeutet er „Tier aus dem Kies“ oder „Tier aus dem Kalk“ (griechisch: chalyx = Kalk, Kies, lateinisch: calx = Kalkstein). Mit dem Artnamen Chalicotherium goldfussi ehrte er den Bonner Paläontologen Georg August Goldfuß (1782–1848).

Statt des Gattungsnamens Chalicotherium findet man in älterer Literatur vielfach auch den 1837 von dem französischen Rechtsanwalt und Prähistoriker Édouard Lartet (1801–1871) aus Paris eingeführten Namen Macrotherium (griechisch: makros = groß, therion = (wildes) Tier). Dieser Begriff hat sich aber nicht durchgesetzt.

Kaup betrachtete die Kralle zunächst als Rest des „Riesigen Schreckenstieres“ (Deinotherium giganteum), das er bereits 1829 erstmals wissenschaftlich beschrieben und benannt hatte. Deinotherium giganteum war in Wirklichkeit ein imposantes Rüsseltier mit einer Schulterhöhe von etwa 3,60 Metern, das im Unterkiefer zwei nach unten gerichtete, hakenförmig gekrümmte Stoßzähne trug. Dieses Tier wird in der Literatur auch als „Hauer-Elefant“ oder „Rhein-Elefant“ bezeichnet.

1841 hielt Kaup die erwähnte Kralle als Teil eines Riesenschuppentieres (Manidae), das sich von Ameisen ernährte. Tatsächlich handelte es sich aber, wie spätere Funde zeigten, um ein Tier, das wie eine Mischung zwischen Pferd und Faultier ausgesehen haben könnte. Anstelle von Hufen lief es auf Krallenfüßen.

Solche krallenfüßigen Huftiere oder Krallentiere fasst man in der Familie der Chalicotheriidae (Chalicotherien) – angeblich zu deutsch „Pferde mit großen Krallen“ – zusammen, die eine der Hauptlinien der Unpaarhufer (Perissodactyla) bildete. Der Begriff Chalicotheriidae wurde 1872 von dem amerikanischen Zoologen Theodore Gill (1837–1914) geprägt. Die heute noch lebenden Unpaarhufer – wie Pferde, Tapire und Nashörner – haben Hufe an ihren Beinen. Zur Familie der Chalicotheriidae gehörten zwei Unterfamilien. Die ursprünglichere davon waren die Schizotheriinae, die fortschrittlichere die Chalicotheriinae. Die Begriffe Schizotheriinae und Chalicotheriinae wurden 1914 von dem amerikanischen Theologen und Naturwissenschaftler William Jacob Holland (1848–1932) und seinem Kollegen O. A. Petersen in die Literatur eingeführt.

Laut Online-Lexikon „Wikipedia“ geht man heute davon aus, dass sich die Chalicotherien aus den Lophiodontidae entwickelten, die den Tapiren nahe stehen. Die ältesten Funde stammen aus dem Eozän vor rund 55 Millionen Jahren, wo sie bereits mit sechs Gattungen vertreten waren. Jene frühen Formen ähnelten noch sehr den anderen primitiven Unpaarhufern wie dem Urpferd Hyracotherium („Schlieferähnliches Tier“), früher Eohippus genannt, mit einer Schulterhöhe von nur 20 Zentimetern. Zu diesen frühen Gattungen aus dem oberen Eozän zählt die 1913 von dem amerikanischen Geologen und Paläontologen Henry Fairfield Osborn (1857–1935) erstmals wissenschaftlich beschriebene Gattung Eomoropus, die aus Nordamerika und Asien (China) nachgewiesen ist und belegt, dass beide Kontinente damals verbunden waren.

Im Oligozän wanderten mit Schizotherium die ersten Chalicotherien nach Europa ein. Jene Gattung gehörte zur Unterfamilie der Schizotheriinae. Im frühen Miozän erreichten Metaschizotherium und Phyllotillon, die beide zu den Schizotheriinae gehörten, ebenfalls Europa. Die Gattung Metaschizotherium wurde 1932 von dem Paläontologen Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald (1902–1982) erstmals wissenschaftlich beschrieben, die Gattung Phyllotillon 1910 von Guy Ellcock Pilgrim (1877–1943).

Weitere Schizotheriinae waren die 1873 von dem amerikanischen Paläontologen Joseph Leidy (1823–1891) erstmals wissenschaftlich beschriebene Gattung Moropus („Langsamer Fuß“) aus Nordamerika und Europa sowie die 1863 von dem französischen Gelehrten Jean Albert Gaudry (1827–1908) erstmals wissenschaftlich beschriebene Gattung Ancylotherium aus Europa und Afrika. Beide Gattungen existierten im Miozän, in dem die Chalicotherien eine maximale Artenfülle erreichten. Moropus soll etwas größer als ein heutiges Pferd und eng mit Chalicoterium verwandt gewesen sein. Ancylotherium erreichte eine Schulterhöhe von etwa zwei Metern. Im Mittelmiozän wurden die Schizotheriinae in Europa von den Chalicotheriinae verdrängt.

Chalicotherium goldfussi erreichte bei aufgerichteter Haltung eine Gesamthöhe von schätzungsweise bis zu drei Metern. Männliche Krallentiere besaßen eine Schulterhöhe von rund 2,60 Metern, weibliche von nur ungefähr 1,80 Metern. Auf den ersten Blick waren die Chalicotheriinae recht merkwürdige Tiergestalten. Ihr relativ kleiner, pferdeähnlicher Kopf saß auf einem recht langen Hals. Er zeigt Anpassungen an eine blattfressende Ernährungsweise. Beim geschlechtsreifen Tier fehlen die Schneidezähne und die oberen Eckzähne. Offenbar genügten die muskulösen Lippen und das nackte Zahnfleisch, um das Futter abzuweiden. Die quadratischen, niederkronigen Mahlzähne (Molaren) weisen nur geringe Abnutzungsspuren auf. Das lässt darauf schließen, dass Chalicotherium nur weiche Vegetation verzehrte.

Der Körper des Krallentieres wirkte plump. Sein Schwanz war kurz. Weil die Vorderbeine merklich länger als die Hinterbeine waren, fiel die Rückenlinie stark ab. In der Literatur ist manchmal von einer bizarren Gorilla-artigen Körperproportion die Rede. Zuweilen wird auch auf gewisse Ähnlichkeiten mit Riesenfaultieren im Eiszeitalter hingewiesen. Evolutionsbiologisch gesehen sind die Krallentiere am nächsten mit den Pferden verwandt.

Von anderen Unpaarhufern mit huftragenden Laufbeinen unterschieden sich die Chalicotherien durch ihre mächtigen Klauen an den Vorder- und Hinterfüßen. Sowohl die Vorder- als auch die Hinterfüße trugen drei Zehen mit großen, tief gespaltenen Endkrallen. Ähnlich gebaute Krallen gibt es heute bei verwandtschaftlich weit entfernten Säugetieren wie amerikanischen Schuppentieren und Faultieren.

Die zur Unterfamilie der Schizotheriinae gehörenden Tiere gingen auf allen vier Sohlen und zogen dabei ihre Krallen ein. Dagegen winkelten die zur Unterfamilie der Chalicotheriinae zählenden Tiere beim Gehen ihre langen Krallen ähnlich wie heutige Ameisenbären nach hinten ab. Verknöcherungen auf der Rückseite der Handfingerknochen gelten als Hinweise dafür, dass das Chalicotherium ähnlich wie Schimpansen und Gorillas auf den Knöcheln ging. Wegen dieser Fortbewegungsweise dürfte das Krallentier kein schneller Läufer gewesen sein.

Hätten die Gelehrten von den Chalicotheriidae stets nur Fußreste gefunden, so wäre vermutlich kaum jemand auf den Gedanken gekommen, dass die Krallen zu Huftieren gehörten. Doch das ebenfalls gefundene Gebiss und das Skelett ließen keine andere Deutung zu.

Wozu aber brauchte Chalicotherium goldfussi von Eppelsheim und anderswo die großen Krallen? Der österreichische Paläontologe Othenio Abel (1875–1946) meinte, diese Tiere hätten in Dürrezeiten mit ihren Krallen Knollen, Pilze und Zwiebeln aus dem Boden gescharrt, wenn andere pflanzliche Nahrung nicht erreichbar war. Doch gegen diese Theorie sprach die Beschaffenheit der Mahlzähne. Diese hatten sehr niedere Kronen und eine W-förmig geknickte Außenwand. Der innere Teil der Zahnkrone wurde durch einen sehr schwachen und niederen Höcker gebildet. „Würden diese Tiere auf eine sehr harte Pflanzenkost, wie sie z. B. Steppengräser darstellen, angewiesen gewesen sein, so wären die Zähne schon lange vor der Erreichung des ausgewachsenen Zustandes des Tieres bis auf die Wurzeln abgekaut gewesen“, meinte Othenio Abel.

Heute nimmt man an, dass diese urzeitlichen Säugetiere weiche und saftige Blätter von Sträuchern und Bäumen fraßen. Mit ihrer Körpergröße bei aufgerichteter Haltung bis zu drei Metern, den kurzen, kräftigen Hinterbeinen und den langen Vorderbeinen müssen die Chalicotherinae von Eppelsheim fähig gewesen sein, in den höheren Regionen der Vegetation zu äsen und mit der hakenförmigen Hand Äste herunterzuziehen. Ihr Lebensraum sollen Wälder und Savannen gewesen sein. Verdickungen am Sitzbein (Ischium) lassen den Schluss zu, die Krallentiere hätten längere Zeit auf ihrem Gesäß gesessen, vielleicht während des Äsens.

Eine lebensnahe Rekonstruktion im Naturhistorischen Museum Basel – die erste ihrer Art auf der ganzen Welt – zeigt zwei nachgebildete Chalicotherien mit Haut und Haaren. Eines der Tiere steht hoch aufgerichtet da, lehnt sich mit den Vorderextremitäten an einen Baumstamm und frisst Blätter von den Zweigen. Das andere stützt sich mit seinen überlangen Händen am Boden auf. Viele Merkmale im Bau des Hinterhauptes, der Wirbelsäule und des Beckens weisen darauf hin, dass das Chalicotherium einst sowohl stehend als auch sitzend Laub in einer Höhe abäste, die anderen Pflanzenfressern dieser Zeit unzugänglich war.

Die riesigen Krallen an den langen Händen von Chalicotherium dürften womöglich auch wirksame Verteidigungswaffen dargestellt haben, wenn ein Raubtier angriff. Wegen der enormen Körpergröße und der gefährlichen Krallen von Chalicotherium wird dies jedoch nur selten vorgekommen sein. Fressfeinde von Chalicotherium goldfussi am Ur-Rhein in Rheinhessen waren vermutlich der löwengroße Säbelzahntiger Machairodus aphanistus sowie die großen räuberischen Bärenhunde Amphicyon eppelsheimenis und Agnotherium antiqum. Der Säbelzahntiger Machairodus aphanistus erreichte eine Schulterhöhe von etwa einem Meter und ein Lebendgewicht von schätzungsweise 220 Kilogramm. Männliche Tiere des Bärenhundes Amphicyon eppelsheimensis, der Merkmale von Bären und Hunden in sich vereinte, brachten es auf eine Schulterhöhe von ungefähr 85 Zentimetern, eine Gesamtlänge von etwa 1,90 Metern und ein Lebendgewicht bis zu 300 Kilogramm.

„Gegen kleinere Räuber konnten sich die großen, aber jedenfalls schwerfälligen und zu schnellem Lauf kaum fähigen Tiere durch Krallenschläge erfolgreich verteidigen, gegen die großen Machairodonten waren die Tiere jedoch fast wehrlos“, meinte Othenio Abel. Und er fügte hinzu: „Grabende Tiere sind in der Regel keine schnellfüßigen Typen und daher den Verfolgungen der Raubtiere fast hilflos preisgegeben, wenn ihnen nicht besondere Schutzmittel, wie ein starker Panzer, zu Gebote ste hen“.

Zeitgenossen von Chalicotherium goldfussi am Ur-Rhein vor etwa zehn Millionen Jahren waren Rüsseltiere (der kleine Rhein-Elefant Prodeinotherium bavaricum, der große Rhein-Elefant Deinotherium giganteum, die Ur-Elefanten Gomphotherium angustidens, Tetralophodon longirostris und Stegotetrabelodon gigantorostris), Nashörner (das hornlose Nashorn Aceratherium incisivum, das kurzbeinige Nashorn Brachypotherium goldfussi, das zweihornige Nashorn Dihoplus schleiermacheri), Urpferde (Hippotherium primigenium), Wald-Antilopen (Miotragocerus cf. pannoniae), Zwergböckchen, (Dorcatherium naui), Gabelhirsche (Euprox furcatus, Euprox dicranocerus, Amphiprox anocerus), Zwerghirsche („Cervus“ nanus), Schweine (Propotamochoerus palaeochoerus, Conohyus simorrensis, Microstonyx antiquus), Tapire (Tapirus priscus, Tapirus antiquus), Biber (Palaeomys castoroides), spitzmaus-ähnliche Insektenfresser (Plesiosorex roosi, Crusafontina kormosi), Maulwürfe (Talpa vallesensis), Dolchzahnkatzen (Paramachairodus ogygius) Hyänen (Ictitherium robustum), Katzenbären (Simocyon diaphorus) und Menschenaffen (Paidopithex rhenanus, Rhenopithecus eppelsheimensis, Dryopithecus sp.). Reste dieser Tiere kamen vor allem bei Eppelsheim unweit von Alzey ans Tageslicht. Über diese exotische Tierwelt informiert das „Dinotherium-Museum in Eppelsheim“, das der Initiative von Altbürgermeister Heiner Roos zu verdanken und nach dem Rüsseltier Deinotherium benannt ist. Zahlreiche Originalfunde aus Ablagerungen des Ur-Rheins in Rheinhessen – darunter auch Fossilien des Krallentieres Chalicotherium goldfussi – werden im Hessischen Landesmuseum Darmstadt aufbewahrt.

In Afrika und in Südostasien behaupteten sich die Chalicotherien bis ins frühe Eiszeitalter (Pleistozän). Ihr Aus-sterben wird auf eine drastische Veränderung der Umweltverhältnisse zurückgeführt. Damals wichen die Wälder zurück, und es erschienen größere Raubtiere, vor allem aber neue Huftiere, wie die Giraffiden, die als Nahrungskonkurrenten auftraten. Giraffen gab es im jüngsten Miozän (zum Beispiel in Griechenland) sehr häufig. Sie kamen auch im Wiener Becken vor. In Deutschland hat man bisher keine Giraffenreste gefunden, doch man wird sie vermutlich noch nachweisen können. Die Tierwelt der Dinotheriensande von Eppelsheim stellt in ihrer Hauptmasse eine Waldfauna dar, die noch vor der erwähnten Klima- und Umweltveränderung existierte.

Funde von Chalicotherium kennt man außer bei Eppelsheim auch von Esselborn, vom Wissberg bei Gau-Weinheim und Wolfsheim in Rheinhessen, von Frohnstetten auf der Schwäbischen Alb, von Salmendingen, Melchingen und Neuhausen in den schwäbischen Bohnerzen sowie von Oggenhausen bei Heidenheim an der Brenz.

Die meisten Fossilien von Chalicotherien an einem einzigen Fundort sind nicht in Deutschland, sondern in einer Fels-spalte bei Neudorf an der March (Devinska Nová Ves), heute ein Stadtteil von Bratislava in der Slowakei , entdeckt worden. Dort fand man Reste – besonders Zähne – von nahezu 60 Chalicotherium -Individuen. Die rund 1.500 Knochen und Zähne wurden von dem Wiener Paläontologen Helmuth Zapfe (1913–1996) untersucht. Seine Erkenntnisse und die anderer Forscher versetzten den Präparator und Dermoplastiker im Naturhistorischen Museum Basel, Daniel Oppliger, in die Lage, zwei lebensechte Rekonstruktionen von Chalicotherium anzufertigen.

Der Fundreichtum von Chalicotherium -Fossilien bei Neudorf an der March hat die Annahme genährt, Krallentiere seien in Herden umhergewandert. Inzwischen geht man davon aus, im Laufe der Zeit seien immer wieder einzelne Tiere in dieselbe Spalte gestürzt. Vielleicht lebte Chalicotherium als Einzelgänger oder in kleinen Gruppen.

In Deutschland hat man auch Reste von Schizotheriinae entdeckt. Die 1876 von den französischen Paläontologen Paul Gervais (1816–1879) und Édouard Lartet (1801–1871) erstmals wissenschaftlich beschriebene Gattung Schizotherium ist aus Tutzing am Starnberger See (Bayern) und Ulm (Baden-Württemberg) bekannt.

Die 1932 von dem Paläontologen Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald (1902–1982) erstmals wissenschaftlich beschriebene Gattung Metaschizotherium kennt man aus Steinheim am Albuch in Baden-Württemberg sowie Sandelzhausen bei Mainburg und Viehhausen bei Regensburg in Bayern. Metaschizotherium sah aus wie ein Pferd mit Krallenfüßen und war bis zu 2,50 Meter groß.

Bereits 1870 waren die Funde aus Steinheim am Albuch von dem am „Königlichen Naturalienkabinett“ in Stuttgart als „Aufseher“ (Direktor) tätigen Geologen Oskar Fraas (1821–1897) in seiner Abhandlung „Die Fauna von Steinheim“ als Chalicotherium antiqum beschrieben worden. So hieß eine der beiden der damals aus Eppelsheim in Rheinhessen bekannten Arten, die jedoch nach Ansicht späterer Autoren nur eine Art (nämlich Chalicotherium goldfussi) darstellen. 1932 erkannte Gustav Heinrich Ralphl von Koenigswald, dass die von Fraas beschriebenen Reste einer bis dahin verkannten Spezies angehörten, für die er den Artnamen Metaschizotherium fraasi vorschlug, womit Oskar Fraas geehrt wurde. Wegen einer gewissen Ähnlichkeit des Sprungbeins (Astragalus) von Metaschizotherium und des hornlosen Nashorns Aceratherium vermutete Koenigswald, dass vielleicht mancher Metaschizotherium -Rest als solcher eines Nashorns fehlgedeutet wurde.

Weil die Chalicotherien in erster Linie Waldbewohner waren, blieben von ihnen seltener Fossilien erhalten als bei Steppenbewohnern wie etwa Wildpferden der Gattung Hippotherium. In Wäldern sind die Bedingungen für die Überlieferung von Fossilien viel schlechter als in Trockengebieten.

Vom Chalicotherium liegen etliche Lebensbilder vor. Othenio Abel rekonstruierte 1920 ein Lebensbild von Chalicotherium aus Pikermi in Attika (Griechenland). Burkart Pfeifroth aus Reutlingen fertigte für das Buch „Deutschland in der Urzeit“ (1986) von Ernst Probst eine Zeichnung an. Pavel Major aus Prag schuf für das „Dinotherium-Museum in Eppelsheim“ ein Bild, das in dem Museumsführer „Das Dinotherium-Museum in Eppelsheim“ (2009) von Dr. Jens Lorenz Franzen, Heiner Roos und Ernst Probst sowie in dem Taschenbuch „Der Ur-Rhein“ (2009) von Ernst Probst veröffentlicht wurde. Im Internet kann man eine farbige Zeichnung von Chalicotherium des russischen Paläoartisten Dmitry Bogdanov aus Chelyabinsk bewundern.

Die bizarr aussehenden Chalicotherien erregen auch die Phantasie von Kryptozoologen. „Die Kryptozoologie versteht sich als Gebiet der Zoologie, das vor dem Menschen verborgene Tiere aufspürt und erforscht. Sie wurde um das Jahr 1950 von dem Zoologen und Publizisten Bernard Heuvelmans begründet“, heißt es in der „Wikipedia“. Immer wieder berichten Kryptozoologen über angebliche Sichtungen von Chalicotherien in der Gegenwart. Doch solche Meldungen konnten bisher nicht bestätigt werden.

Literatur

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ABEL. Othenio: Lebensbilder aus der Tierwelt der
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FRANZEN, Jens L.: Auf dem Grunde des Urrheins – Ausgrabungen bei Eppelsheim. Natur und Museum, 130 (6), S. 169–180, Frankfurt am Main 2000

FRANZEN, Jens L.: Dinotherium-Museum in Eppelsheim eröffnet. Natur und Museum, 131 (12), S. 449–450, Frankfurt am Main 2001

FRANZEN, Jens L.: Ein Paradies für Säugetiere? Das Obermiozän Mitteleuropas. Biologie unserer Zeit, 4, S. 234–242, Weinheim 2006

FRANZEN, Jens L.: Am Ufer des Urrheins. Jubiläumsfestschrift 1225 Jahre Eppelsheim 782, S. 9–12, Eppelsheim 2007

FRANZEN, Jens Lorenz / ROOS, Heiner / PROBST, Ernst: Das Dinotherium-Museum in Eppelsheim. Führer durch die Ausstellung. Herausgegeben vom Förderverein Dinotherium-Museum Eppelsheim, Eppelsheim 2009

GRUBER, Gabriele / SCHNEIDER, Wolfgang (Herausgeber): Zu Ehren von Johann Jakob Kaup (1803–1873), veröffentlicht vom Hessischen Landesmuseum, Darmstadt. Kaupia, Darmstädter Beiträge zur Naturgeschichte, 13, Darmstadt 2004

HELDMANN, Georg: Johann Jakob Kaup: Leben und Wirken des ersten Inspektors am Naturaliencabinet des grossherzoglichen Museums 1803–1873, Darmstadt 1955

HAUBOLD, Hartmut / DABER, Rudolf (Herausgeber): Fossilien, Minerale und Geologische Begriffe, Frankfurt am Main 1989

KOENIGSWALD, Gustav Heinrich Ralph von: Metaschi-zotherium fraasi n.g.n.sp., ein neuer Chalicotheriide aus dem Obermiocän von Steinheim a. Albuch. Bemerkungen zur Systematik der Chalicotheriiden. Aus: Paleontographica/Supplement, Bd. 8, T. 8, S. 1–24, Stuttgart 1932

KURZ, Cornelia / GRUBER, Gabriele: Bestandskatalog von Typusmaterial und weiteren Originalen von Johann Jakob Kaup in der paläontologischen Sammlung des Hessischen Landesmuseums Darmstadt. Aus: GRUBER, Gabriele / SCHNEIDER, Wolfgang (Herausgeber): Zu Ehren von Johann Jakob Kaup 1803–1873; Kaupia, Darmstädter Beiträge zur Naturgeschichte, 13, S. 31–75, Darmstadt 2004

PALAEBIOLOGY DATABASE http://paleodb.org

PROBST, Ernst: Rekorde der Urzeit. Landschaften, Pflanzen und Tiere, München 2008

PROBST, Ernst: Deutschland in der Urzeit, München 1986

PROBST, Ernst: Der Ur-Rhein. Rheinhessen vor zehn Millionen Jahren, München 2009

PROBST, Ernst: Der Rhein-Elefant. Das Schreckenstier von Eppelsheim, Mainz 2010

PROBST, Ernst: Säbelzahnkatzen am Ur-Rhein. Machairodus und Paramachairodus, München 2010

PROBST, Ernst: Johann Jakob Kaup. Der große Naturforscher aus Darmstadt, München 2011

WIKIPEDIA (Online-Lexikon) http://wikipedia.org

ZAPFE, Helmut: Chalicotherium grande (BLAINV) aus der miozänen Spaltenfüllung von Neudorf an der March (Devinská Nová Ves). Band 2 von Neue Denkschriften des Naturhistorischen Museums in Wien, Wien 1979

Bücher von Ernst Probst

Rekorde der Urzeit. Landschaften, Pflanzen und Tiere

Rekorde der Urmenschen. Erfindungen, Kunst und Religion

Archaeopteryx. Die Urvögel aus Bayern

Dinosaurier in Deutschland. Von Compsognathus bis zu Stenopelix

Dinosaurier in Baden-Württemberg. Von Efraasia bis zu Sellosaurus

Dinosaurier in Niedersachsen. Von Elephantopoides bis zu Stenopelix

Dinosaurier von A bis K. Von Abelisaurus bis zu Kritosaurus

Dinosaurier von L bis Z. Von Labocania bis zu Zupaysaurus

Der Ur-Rhein. Rheinhessen vor zehn Millionen Jahren

Der Rhein-Elefant. Das „Schreckenstier“ von Eppelsheim

Krallentiere am Ur-Rhein. Die Entdeckungsgeschichte von Chalicotherium goldfussi

Menschenaffen am Ur-Rhein. Paidopithex, Rhenopithecus und Dryopithecus

Säbelzahntiger am Ur-Rhein. Machairodus und Paramachairodus

Johann Jakob Kaup. Der große Naturforscher aus Darmstadt

Der Mosbacher Löwe. Die riesige Raubkatze aus Wiesbaden

Deutschland im Eiszeitalter

Höhlenlöwen. Raubkatzen im Eiszeitalter

Säbelzahnkatzen. Von Machairodus bis zu Smilodon

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ebenfalls zur Unterfamilie der Schizotherinae. Weitere Gattungen dieser Unterfamilie sind Moropus aus Nordamerika und Europa und Ancylotherium. Beide Gattungen existierten im Miozän, in dm die Chalicotherien ihre maximale Artenfülle erreichten.

Im mittleren Miozän wurden die Schizotherien in Europa von den Chalicotherinae verdrängt. Als wichtigste Gattung der Chalicotheriinae gilt das Chalicotherium, das bei Eppelsheim und in anderen Gegenden existierte. In Europa star-ben die Chalicotherien gegen Ende des Miozäns aus. Vermutlich war eine Veränderung des Klimas die Ursache. In Afrika und in Südasien behaupteteten sich die Chalicotherien bis ins frühe Eiszeitalter (Pleistozän).

Kryptozoologen berichten immer wieder über angebliche Sichtungen von Chalicotherien in der Gegenwart. Solche Beobachtungen konnten bisher aber nicht bestätigt werden.

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Details

Seiten
66
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640769681
ISBN (Buch)
9783640769971
Dateigröße
16.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161754
Note
Schlagworte
Krallentiere Ur-Rhein Forschungsgeschichte Chalicotherium

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Titel: Krallentiere am Ur-Rhein