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Das "Vernichtungslager für Arbeitslose" in Joachim Zelters „Schule der Arbeitslosen“

SPHERICON als Konzentrationslager des 21. Jahrhunderts

Seminararbeit 2008 13 Seiten

Literaturwissenschaft - Moderne Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Düsseldorfer Straße und ihre stillgelegte Fabrik für Autoradios

3. Ankunft – Selektion - Tabula rasa

4. Alltag in SPHERICON - Freizeit und Freiheit

5. „Bonus Coints“ - Essen in der „Schule der Arbeitslosen“

6. „Work is freedom“

7. Ist SPHERICON das KZ des 21. Jahrhunderts?

8. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

„‘SPHERICON‘ heißt das fiktive Maßnahme- Center, das durch eine absurd- bedrohliche Mischung aus positivem Denken, Animation, Bewerbungstraining, Strafen und Belohnungen neue Menschen schaffen will […].“[1].SPHERICON- die Schule für Arbeitssuchende, ist der Gegenstand von Joachim Zelters01 Meisterwerk „Schule der Arbeitslosen“. Der am 26. August 1962 in Freiburg geborene Joachim Zelter ist ein deutscher Schriftsteller, dessen Werke „vorwiegend aus erzählender Prosa, die häufig einen Hang zum Satirischen, aber auch zum Tragikomischen“[2],bestehen.

Mit solch einem satirischen Werk Zelters werde ich mich in meiner Hausarbeit auseinandersetzen. Er schrieb den futuristisch- utopischen Roman „Schule der Arbeitslosen“ im Jahre 2006, der jedoch zehn Jahre darauf, im Jahre 2016,handelt.Zu dieser Zeit werden die Arbeitssuchenden von der Bundesagentur für Arbeit an die Schule SPHERICON geschickt, um dort zum idealen Bewerber erzogen zu werden, wodurch das Problem der Langzeitarbeitslosigkeit in Deutschland gelöst werden könnte.

Ich habe mich für das Thema „‘Vernichtungslager für Arbeitslose‘ – SPHERICON, das Konzentrationslager des 21 Jahrhunderts ?“ entschieden, aufgrund der gnadenlosen und emotionslosen Darstellung der Ausbildung und des Aufenthalts der Schüler in SPHERICON, recht nach dem Motto „Arbeit macht frei“, undZelters(offensichtlicher) Anspielung auf die Konzentrationslager des vergangenen Jahrhunderts.

Ich werde im Laufe meiner Hausarbeit herausarbeiten, wie die Anspielung auf Konzentrationslager in dem Buch arbeitet und ich werde das Funktionieren von Konzentrationslagern mit den Abläufen in SPHERICON vergleichen, um so herauszufinden, welche Züge eines Konzentrationslagers SPHERICON besitzt und ob die fiktive, futuristische Schule der Arbeitslosen realistischer ist, als manche Leser vermuten würden. Dazu werde ich die aussagekräftigsten Zitate aus dem Buch verwenden und diese den Analysen aus historischen Fakten der nationalsozialistischen Zeit gegenüberstellen, um so ein Fazit bilden zu können.

Damit meine Arbeit übersichtlich bleibt, habe ich sie in Abschnitte gegliedert, die jeweils durch Überschriften gekennzeichnet sind. Die Primär- und Sekundärliteratur, die ich konsultiert habe, befindet sich am Schluss der Arbeit.

2.Die Düsseldorfer Straße und ihre stillgelegte Fabrik für Autoradios

Bereits der erste Satz beschreibt die Gegend, in der das Buch spielen wird: „Eine stillgelegte Fabrik in einem niedergegangenen Industriegebiet.“[3] Das Gebäude ist früher einmal „Teil einer Fabrik für Autoradios“[4] gewesen und liegt in der Düsseldorfer Straße. Die Schule befindet sich in einem verlassenen Industriegebiet, das „schnell verfallen“[5] könnte, denn „ihre Dächer liegen eingebrochen auf Schutthaufen.“[6]

Die detaillierte Beschreibung der stillgelegten Fabrik und ihrer Umgebung, lässt dem Leser eine abgeschiedene Gegend assoziieren, in der man ungestört und isoliert ist.

Diese Darstellung eines abgesonderten Ortes lässt an die Konzentrationslager des vergangenen Jahrhunderts erinnern, denn die SS wählte „für die Errichtung von Konzentrationslagern stets abgelegene Orte“[7], ebenso, wie es die Bundesagentur für Arbeit für ihre Schule entschied.

„Es ist nicht so sehr der Stacheldraht wie die fabrizierte und kunstvoll hergestellte Unwirklichkeit derer, die er einzäunt“[8], sagte Hannah Arendt02 einst über die Konzentrationslager und verdeutlichte, dass die Menschen in den Lagern absolut isoliert und eingeschlossen waren. So, wie, die Situation in dem Zitat von Arendt erklärt wird, ist es auch in SPHERICON: Die Schule ist umschlossen von einer Mauer mit Stacheldraht und die Trainees dürfen, innerhalb ihrer Ausbildung, das Gelände, ohne Ausnahmen, nicht verlassen.

Ebenso wie die Inhaftierten in den Konzentrationslagern, waren die Trainees von SPHERICON eingesperrt und es gab keinen Weg die Mauern zu überwinden, ohne dafür sanktioniert zu werden.

3. Ankunft – Selektion - Tabula rasa

Nachdem die zukünftigen Trainees den Reisebus verlassen und ihre Taschen genommen haben, sammeln sie sich an einer Stelle des Hofes von SPHERICON und bilden automatisch eine Reihe. Ein Mitarbeiter der Schule stellt sich an die blaue Linie und begrüßt alle neuen Schüler. Der stellvertretende Direktor, der über ein Megafon zu ihnen spricht, stellt ihnen rhetorische Fragen, wie es allen geht, ob die Reise gut verlaufen ist, oder ob sie munter sind. Nach dem in Reihe stehen, vor dem Sprecher, folgt die Selektion: Jeder einzelne neue Schüler wird mit dem Namen alphabetisch aufgerufen und muss sich in seine neue Gruppe, in die er eingeteilt wurde, schnell eingliedern. Je nach Persönlichkeitsprofil eines Trainees wird er, mit Hilfe eines, vom schuleigenen Psychologen, hergestellten Computerprogramms, zugeordnet. Die Menschen in einer Gruppe sind von einem ausgeklügelten System zusammengestellt, das keinen Freiraum für Wünsche hat, in denen sich manche Trainees vielleicht erhofften, zusammen zu bleiben und in einer Gruppe zu sein.

Anschließend begeben sich die einzelnen Gruppen in ihre, voneinander getrennten, Bereiche des Grundstückes. Die „Formalitäten“ der Aufnahme betreffen die Abgabe „der Personal- und Sozialversicherungsausweise sowie Krankenversicherungskarten […].“[9] Das Abschalten des Handys ist ein weiteres Mittel, die Verbindung zur Außenwelt zu vermeiden. In diesem Moment des Buches nehmen der Identitätsverlust und die Gehirnwäsche der einzelnen Trainees ihren Lauf: Durch die Abgabe ihrer Karten und Ausweise ist es den Schülern nicht mehr möglich, die eigene Identität zu beweisen. Es wird ihnen eingeredet, dass sie bisher alles in ihrem Leben falsch gemacht haben und „nichts soll so bleiben, wie es ist.“[10] Sie werden dazu gebracht, in ihren Lebensläufen extravagante und aufsehen erregende Informationen zu notieren und nicht das, was sie in ihrem Leben tatsächlich getan haben. Außerdem sollen die Trainees „vergessen […], was sie bisher gelernt haben“[11], da SPHERICON ihr Start in ein vollständig neues Leben ist. SPHERICON ist demzufolge eine Einrichtung, um Arbeitslose zu „löschen“ und aus ihnen neue, bessere Menschen und perfekte, gnadenlose Bewerber zu machen, die sie formen und verbiegen können, wie es der Leitung der Schule gefällt.

Hannah Arendts Essays über die Konzentrationslager befassen sich unter anderem mit dem Thema des Identitätsraubs und ihrer Ankunft in Auschwitz. Ihre Ansicht war es, dass die Vernichtungslager totale Beherrschung anstrebten, die dann erfüllt ist, wenn die individuellen und spontanen Inhaftierten zu berechenbaren und vollkommen konditionierten Wesen formatieren.[12]

Nachdem der erste Schritt die absolute Kontrolle der Menschen ist, folgen laut Arendt, zwei weitere Phasen: „Der zweite Schritt ist die Zerstörung der moralischen Person“[13] und „der letzte Schritt ist die Zerstörung der Individualität“[14], die vorwiegend durch Folter durchgesetzt wurde.

Schon kurz nach der Ankunft in einem Konzentrationslager wurden die Gefangenen gezwungen, ihre privaten Habseligkeiten abzugeben und bekamen eine Nummer tätowiert. Ab diesem Moment waren sie keine individuellen Menschen mehr, stattdessen formatierten sie zu Ziffern. Die Inhaftierten in den Konzentrationslagern wurden auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduziert und gleich gestellt, obgleich es unschuldige Menschen oder Mörder waren, Erwachsene oder Kinder.[15] Die Menschen in den Lagern verloren ihre Identität. Sie waren dort nicht mehr die, die sie vorher einmal gewesen sind. Man hat mit ihnen ebenso, wie in der fiktiven Schule SPHERICON, eine Gehirnwäsche durchgeführt, sie spüren lassen, dass sie, so wie sie gelebt haben, falsch waren und man wandelte sie von freien Menschen, zu arbeiteten Sklaven, mit Nummern, um. Die Selektion, die ebenfalls in SPHERICON zu finden ist, war ein wesentlicher Bestandteil der Ankunft in Konzentrationslagern. Zunächst wurde die Masse nach dem Geschlecht getrennt. Die Menschen wurden einzeln aufgerufen und von einem Lagerarzt kontrolliert. Gesunde, starke, arbeitsfähige Menschen wurden von der SS registriert und an das Lager übergeben. Alte, kranke Menschen, Frauen und Kinder wurden im Allgemeinen als arbeitsunfähig eingestuft und wurden sofort in die Gaskammern geschickt.[16] Erneut lassen sich Parallelen zwischen dem realen Geschehen in der nationalsozialistischen Zeit und dem fiktiven Vorkommnissen in der „Schule der Arbeitslosen“ finden. Diese Parallelen sind die deutliche Selektion der Menschen und der erzwungene Identitätsverlust.

[...]


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Schule_der_Arbeitslosen (06.08.2008).

[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Zelter (06.08.2008).

[3] Zelter (2006:5).

[4] Ebd.

[5] Zelter (2006:17).

[6] Ebd.

[7] Kogon (1974:74).

[8] Arendt (1986:685).

[9] Zelter (2006:22).

[10] Zelter (2006:21).

[11] Zelter (2006:33).

[12] Arendt (1989:24).

[13] Arendt (1989:25).

[14] Ebd.

[15] Ebd.

[16] Vgl. http://www.dhm.de/lemo/html/wk2/holocaust/selektion/index.html (10.08.2008).

Details

Seiten
13
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640751952
ISBN (Buch)
9783640752423
Dateigröße
976 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161713
Institution / Hochschule
Universität Erfurt
Note
2,3
Schlagworte
Sphericon Vernichtungslager Arbeitslose Jahrhundert Ökonomie Gegenwartsliteratur Schule der Arbeitslosen Schule Roman Zelter Joachim Maßnahme- Center

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Titel: Das "Vernichtungslager für Arbeitslose" in Joachim Zelters „Schule der Arbeitslosen“