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Identität, Emanzipation und Sexualität in den Tagebüchern von Ruth Maier

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 25 Seiten

Geschlechterstudien / Gender Studies

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Ins Tagebuch schreibt man immer, wenn man nicht verstanden wird.

1. Die Suche nach der eigenen Identität
1.1 Die Editionsgeschichte
1.2 Schreiben als Therapie und Selbstfindung
1.3 Entfremdungsgefühle
1.4 Gedächtnis und Erinnerung

Ich möchte keinesfalls ein Abhängigkeitsverhältnis zu ihm haben.

2. Fortschrittlichkeit und Emanzipation
2.1 Subjektstatus ohne Opferrolle
2.2 Genderaspekte
2.3 Jüdischsein und Jüdischwerden

Ich lechze nach Liebe, nach Burschen.

3. Liebe, Sex & Zärtlichkeit
3.1 Sex ohne Liebe
3.2 „Übrigens, das mit homosexuell, das ist schon lange vorbei.“
3.3 GunvorHofmo – bedeutsam für Ruth Maier vor und nach dem Tod

Schlussfolgerungen

Ich möcht` berühmt werden. Ich möcht` nicht tot abfallen, wie eine Schraube von einer Maschine. Ich kann mir nicht vorstellen, sozusagen im Schatten des Unberühmtseins zu leben. Leute verschwinden. Ich möchte leben! Und etwas hinterlassen, ein Dokument, dass ich da war. Ein großes schönes Werk. (Vold : 2008, 20)

Die Tagebücher der in Auschwitz vergasten Ruth Maier sind für mich persönlich neben Ruth Klügers Autobiografie weiter leben – Eine Jugend, das eindrucksvollste Zeitzeuginnendokument über die menschenverachtende Terrorherrschaft der Nazis in Europa. Anschaulich und beklemmend präzise analysieren beide Frauen die Zeit ihrer Jugend; es „verstärkt sich der Eindruck der Lebensnähe.“ (Seifert: 2008, 51) Ihre Erinnerungen tragen dazu bei, die Opfer zu individualisieren und die europäische Dimension der Shoah[1] zu verdeutlichen. Die Shoah ist nicht nur Auschwitz. Die Shoah ist Demütigung, Dehumanisierung, De-Individualisierung, Zerstörung von Lebensräumen, Auslöschung von Kultur, zerrissene Familien und Ohnmacht. Sie bedeutet gezieltes– und nicht etwa wie häufig euphemistisch beschrieben, industrielles - Töten von Menschen. Die Shoah hat auf viele Menschen unterschiedlich gewirkt. „Hinter dem Stacheldrahtvorhang sind nicht alle gleich, KZ nicht gleich KZ. In Wirklichkeit war auch diese Wirklichkeit für jeden anders.“ (Klüger: 1992, 83) Individuelle Erinnerungen wie die von Ruth Maier oder Ruth Klüger scheinen eine „besondere Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit und Lebensnähe“ (Seifert: 2008, 39) zu haben und bieten den Leser_innen somit Identifikations- und Projektionsfläche. Sie helfen die unfassbare Zahl von sechs Millionen getöteter Juden in ihrer Abstraktion aufzulösen und die Opfer aus ihrer Anonymität zu befreien. Zusätzlich hat es den Anschein, als hätten „literarische Werke eine nicht unerhebliche Bedeutung für die Erinnerungspolitik und das kulturelle Archiv übernommen.“ (Bogdal: 2007, 7)

Im Folgenden wird es um die Auseinandersetzung mit dem Geflecht aus Identität, Emanzipation und Sexualität in Ruth Maiers Tagebüchern gehen. Wie bewertet Ruth Maier ihr eigenes Jüdisch-Sein? Verortet sie ihre jüdische Identität innerhalb oder außerhalb einer kollektiven Identität? Wie geht sie mit Antisemitismus um? Welche Einstellungen hat sie bezüglich Geschlecht und Geschlechterbeziehungen? Welche Rolle spielen Gedächtnis und Erinnerung? Ist sie Teil einer jüdischen Geschichtsschreibung? Auch wird die literarische Form des Tagebuchs eine Rolle spielen, denn sie ist die Schnittstelle aus individuellen Erinnerungen und historischen Quellen und nicht unproblematisch. „Dem Genre Tagebuch ist gewissermaßen eine Authentisierungsstrategie inhärent, es stellt den Eindruck von Authentizität her, unabhängig davon, wie vermeintlich `authentisch´ das Beschriebene ist oder sein kann.“ (Seifert: 2008, 50)Da die Tagebücher von Ruth Maier erst 2007 in Norwegen und 2008 in Deutschland erschienen sind, gibt es kaum bis keine Forschungsliteratur; mit Hilfe einiger prominenter Expertenstimmen wie z.B. Ruth Klüger, Imre Kertész und Viktor Klemperer möchte ich mich den ausgewählten Themenbereichen nähern.

Ins Tagebuch schreibt man immer, wenn man nicht verstanden wird. (Vold S. 122)

1. Die Frage nach der Identität

Ruth Maier beginnt im Alter von 13 Jahren Tagebuch zu schreiben. Sie schreibt sehr reflektiert und beobachtet ihre Umwelt mit scharfem Blick und wachem Verstand. Ihre Familie, ihre (Schul-)Freund_innen, Politik und Sexualität spielen eine Rolle. Da sie in einem – für viele junge Menschen – kritischem Alter begonnen hat, Tagebuch zu schreiben, sind Fragen über die eigene Identität ein häufig wiederkehrendes Motiv.

„Ich muss mir über vieles klar werden.

1.) Was will ich erreichen?
2.) Wozu lebe ich?
3.) Was ist überhaupt?“ (Vold 2008, 82)

So vielschichtig Ruth Maiers Persönlichkeit ist, so sind auch ihre Tagebücher ein Kaleidoskop; es finden sich darin fiktive Dialoge, selbstverfasste und zitierte Prosatexte, Zeichnungen, Traumdeutungen und Landkarten. Die Leser_innen lernen eine vielseitig interessierte, gebildete, empfindsame junge Frau kennen. Der bestialische Tod, den Ruth Maier in den Gaskammern von Auschwitz erleiden musste, erscheint umso grausamer angesichts ihrer letzten überlieferten Worte: „Ich glaube, dass es gut so ist, wie es gekommen ist. Warum sollen wir nicht leiden, wenn so viel Leid ist? Sorg dich nicht um mich. Ich möchte vielleicht nicht mit dir tauschen.“ (Vold: 2008, 526) Nach all den Jahren der Verfolgung, der Marginalisierung, der Demütigungen und des Lebens im Exil, fernab der Familie, scheint Ruth Maier ihr Schicksal anzunehmen. Wie aus den Augenzeuginnen- berichten von der Verhaftung hervorgeht, war sie sich sicher, dass sie nie wieder zurückkehren würde. Die Shoah-Überlebende Ruth Klüger schrieb einmal: „Wer schreibt, lebt.“ (Klüger: 1992, 140) Im Falle von Ruth Maier bedeutet Schreiben das Weiterleben nach dem Tod und Spuren zu hinterlassen. Espen Søybe hat über sein Bestreben, die Geschichte von Kathe Lasnik – eines norwegischen Mädchens, das ebenfalls nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde – Folgendes gesagt:

"Mein Ausgangspunkt war es, einem unbekannten Holocaust-Opfer, ein Gesicht zu geben. Wenn es möglich ist, einem den allermeisten Menschen unbekannten jungen Mädchen aus Oslo Kontur zu verleihen, war es gleichzeitig eine Form des Widerstandes. Auch mein eigener Widerstand. Denn auf diese Art und Weise kann an die betroffenen Juden gedacht werden. Und zwar nicht nur als Opfer einer unfassbaren, kriminellen Tat, sondern einfach als Menschen. Das war mein Anliegen." (3Sat, 2008)

Vermutlich hatte Jan Erik Vold ähnliche Motive, als er seinen Namen benutzt hat, um die Tagebücher der Ruth Maier zu veröffentlichen. Durch ihre persönlichen Notizen wird sie aus der Rolle des wehrlosen Opfers herausgelöst und kann wahrgenommen werden als die vielschichtige junge Frau, die sie war. Denn „unabhängig davon, wie weit sich eine Beschreibung im Tagebuch von der erlebten Wirklichkeit entfernt, unabhängig auch von den Eingriffen der Herausgeber, wirkt ein Tagebuch stets lebensnah und wahr.“ (Seifert: 2008, 40)

1.1 Die Editionsgeschichte

Die Veröffentlichung des Buches wäre ohne GunvorHofmo und ihren Biografen Jan Erik Vold nicht denkbar gewesen. Kurz bevor Ruth Maier mit dem Schiff „Donau“ deportiert wurde, konnte ein Brief an GunvorHofmo von Bord geschmuggelt werden. Darin nahm Ruth Maier Abschied von ihrer engsten Freundin und vermachte dieser ihre persönlichen Notizen, literarischen Texte, Zeichnungen und Briefe. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte GunvorHofmo zu einer der bedeutendsten und wichtigsten Schriftstellerinnen Norwegens werden. Bereits in den 1950ern hat sie erfolglos versucht, Teile von Ruth Maiers Tagebüchern zu veröffentlichen, gelungen ist dies allerdings erst Jan Erik Vold - 60 Jahre später. Während er an einer Biografie über GunvorHofmo arbeitete, fand er Ruth Maiers literarischen Nachlass. Durch die Mithilfe von Ruth Maiers jüngerer Schwester Judith Suschitzky, die in England überlebt hat, konnten die Tagebücher ergänzt und Lücken durch den Briefverkehr zwischen dem Exil in England und in Norwegen aufgefüllt werden. Diese Briefe sind umso wichtiger, als das sie Ruth Maier von einer anderen Seite zeigen, als in ihren Tagebüchern.

Dass Jan Erik Vold sie unter seinem Namen veröffentlicht hat und nicht unter Ruth Maiers, kann sowohl positiv als auch negativ bewertet werden. Zum einen wollte er mit seinem bekannten Namen vermutlich die Aufmerksamkeit des Publikums auf dieses wichtige Zeitzeuginnen-Dokument lenken, zum anderen könnte ihm auch unterstellt werden, dass er sich die Tagebücher zu Eigen gemacht hat. Was immer seine Motive gewesen sein mögen, es hat der Lebensgeschichte von Ruth Maier nicht geschadet, sondern vielmehr ihren Wunsch danach Spuren zu hinterlassen, wahr werden lassen. Es gibt keinen individuellen Totenschein für Ruth Maier. Ihre Leiche wurde zusammen mit denen vieler Anderer verbrannt. Demzufolge hat sie auch kein eigenes Grab; sie wird auf dem Grabstein der Eltern erwähnt, In Memoriam to Ruth Maier. Durch das Tagebuchschreiben hat sie sich selbst ein Denkmal gesetzt. In den Medien wird Ruth Maier häufig als die „Anne Frank Norwegens “betituliert – diese Bezeichnung teilt sie sich mit Kathe Lasnik aus Espen Søybes Kathe. Deportiert aus Norwegen. Der Vergleich ist bis zu einem gewissen Grad zulässig. Beide Mädchen beginnen im Alter von 13 Jahren Tagebuch zu schreiben und beschreiben ihre Familie und Freunde, ihren Schulalltag. Neben den Bemerkungen über ihr privates Leben äußern sie sich – mehr oder weniger nebenbei – auch zu den gesellschaftlichen Veränderungen. Sie schreiben etwa über den Judenstern, den Juden in der Öffentlichkeit tragen mussten, und andere Beschränkungen, denen sie während der deutschen Besetzung unterworfen waren. Allerdings befanden sich beide Frauen in unterschiedlichen Situationen. Die Eine musste sich versteckt halten, während die Andere in ein anderes Land floh und dort eine zeitlang in Freiheit leben konnte. Zusätzlich zu den verschiedenen Handlungsspielräumen, konnte Ruth Maier ein paar Jahre älter werden und sich zu einer jungen Frau und einen größeren Erfahrungshorizont entwickeln; während Anne Frank leider bereits im Teenager-Alter verstarb. Interessant ist der wechselnde Ton in den Tagebüchern. Hat Ruth Maier wirklich nur für sich Tagebuch geführt oder hatte sie nicht vielleicht doch eine Veröffentlichung im Sinn?

„(Es gibt zwei Arten von Leuten die Tagebücher schreiben. Die einen schreiben wirklich aus einer inneren Stimmung heraus. Die anderen in der heimlichen Hoffnung, dass ihr Tagebuch einmal von einem unbekannten Mäzen entdeckt wird und als ein Muster von was weiß ich für jungfräuliche und schamhafte Empfindungen Sensation machen wird. Manchmal gehöre ich zu den einen, dann zu den anderen.)“(Vold: 2008, 29)

Wie eine Randnotiz – in Klammern – diskutiert Ruth Maier nebenbei die Bedeutung von Tagebüchern für die Autor_innen. Sie kokettiert mit ihrer Sehnsucht nach Berühmtsein, indem sie sich scheinbar für keine eindeutige Position entscheiden kann. An einigen Stellen spricht sie jemanden direkt an - nur wen? „Was sagst du dazu?“ (Vold: 2008, 143) Es könnte sich um einen Kunstgriff handeln – was die Frage nach der Authentizität aufkommen ließe – andererseits wollte sie schon sehr früh Schriftstellerin, Schauspielerin, aber auf jeden Fall berühmt werden. Vielleicht braucht sie gerade den Dialog mit sich selbst, um sich ihrer Gefühle zu bestimmten Themen bewusst zu werden. Folglich ist das Zwiegespräch eine Methode zur Selbstvergewisserung. Aber „Lässt sich anhand eines Tagebuchs überhaupt über seinen Autor oder seine Autorin sprechen?“ (Seifert: 2008, 41)

Ruth Maier spricht immer wieder davon Schriftstellerin werden zu wollen und einen Roman zu veröffentlichen. „Ich möchte das ganze Tagebuch aufgeben und aus dem Ganzen ein Buch machen, ein Tagebuch eines Mädchens.“ (Vold: 2008, 48) Ich habe mich immer gefragt, warum das nicht der Titel des Buches von Jan Erik Vold geworden ist. Schließlich wollte Ruth Maier ihre Tagebücher wenn, dann unter diesem Titel veröffentlichen. Verwunderlich ist, dass in ihren späteren Tagebüchern Seiten fehlen. Sie wurden herausgerissen, wie Jan Erik Vold in den jeweiligen Einleitungstexten zu den Kapiteln bemerkt. Fraglich ist, wer diese Seiten herausgerissen hat und warum? Hat Ruth Maier Selbstzensur betrieben? Wollte sie sich selbst schützen? Oder hatte sie schon beschlossen im Falle einer Verhaftung ihre Tagebücher in GunvorHofmos Besitz übergehen zu lassen und die Seiten entfernt, um der Freundin nicht wehzutun? Oder hat vielleicht GunvorHofmo selbst die Seiten entfernt? Was auch immer die Antwort sein mag, es stellt sich zum wiederholten Male die Frage nach der Verlässlichkeit der Autor_in.

1.2 Schreiben als Therapie und Selbstfindung

Tagebücher erfüllen diverse Aufgaben: sie dienen als Sammlung von „Material für eine Autobiografie […], Ventil für emotionale Spannungen […], Mittel der Beruhigung.“ (Seifert: 2008, 46f). Für Ruth Maier war das Tagebuch eine Gewohnheit und eine Art Freund, der sie beruhigen konnte. „Wenn ich ins Tagebuch schreib`, so ist mir so leicht. Und ich seh` dann das Tagebuch so, als wäre es mein Freund.“ (Vold: 2008, 21) Das Medium Tagebuch wirkt oberflächlich betrachtet wie eine reine Privatangelegenheit. Menschen schreiben ihre intimsten Gedanken, Gefühle, Erlebnisse und Wünsche auf. So ist es nicht verwunderlich, dass Ruth Maier eine Grenzkontrolle als krassen Eingriff in ihre Privatsphäre wertet. „Ein ganz gemeiner Hund hat meinen Koffer kontrolliert. Mit weißen, ekligen Händen Seiten aus meinem Tagebuch hat er gelesen.“ (Vold: 2008, 174) Fast macht es den Eindruck, als hätte der Beamte in ihren Gedanken, an ihr Innerstes gerührt. Jedoch stellt sich immer wieder die Frage der Authentizität. Sind die Dinge wirklich so geschehen wie dort beschrieben? Und sind Tagebücher nicht sehr problematisch, weil sie nur sehr bruchstückhaft die Realität widerspiegeln und die Einträge immer nur eine Auswahl darstellen?

Ein weiteres Element des Tagebuchschreibens ist das der Selbstvergewisserung: „Wenn ich so was schreib´, schreib´ ich das nicht aus Freude am Haarspalten, oder schriftlichen Abhandlungen, sondern weil ich mir über meine Gedanken viel klarer werde, wenn ich sie niederschreibe“ (Vold: 2008, 70). Im Idealfall helfen Tagebücher den Autor_innen sich selbst zu erkennen bzw. zu sich selbst zu finden - durch den Akt des Schreibens und dem Festhalten von Erinnerungen: „Ich will über die Kinder schreiben, die ich gekannt habe, damit sie mir nicht verloren gehen.“ (Vold 2008: 101). Im Fall von Viktor Klemperer war das Tagebuch eine Stütze und eine Form des Widerstands:

„Mein Tagebuch war in diesen Jahren immer wieder eine Balancierstange, ohne die ich hundertmal abgestürzt wäre. […] immer half mir diese Forderung an mich selber: beobachte, studiere, präge dir ein, was geschieht – morgen sieht es schon anders aus, morgen fühlst du es schon anders; halte fest, wie es eben jetzt sich kundgibt und wirkt.“ (Klemperer: 1990, 15)

In einer Ausnahmesituation wie der Shoah, wo plötzlich sicher geglaubte Normen und die soziale Ordnung zusammenbrechen, soziale Ächtung und Verfolgung drohen, gibt die Aufzeichnung eigener Gedanken Halt und ein Stück Sicherheit. Sie dienen der emotionalen Abgrenzung und der Selbstbestätigung: „Wir sind Menschen wie du. Getreten werden wir. Biegen, aber nicht brechen könnt ihr uns…“ (Vold: 2008, 167) Interessanterweise argumentiert Nicole Seifert, dass Tagebücher ein „verzerrtes Bild“ (Seifert: 2008, 42) abgeben, weil sie in Zeiten seelischer Beanspruchung oft nicht geführt würden. Tagebücher wie die von Ruth Maier und Viktor Klemperer beweisen jedoch das Gegenteil. Ein Tagebuch bedeutet Meinungsfreiheit; solange die Autor_innen nicht aus bestimmten Gründen Selbstzensur betreiben, weil sie doch für ein Publikum schreiben - und bieten den Autor_innen die Möglichkeit, Dinge auszusprechen, die in der Öffentlichkeit nicht möglich gewesen wären. Das zeigt sich bei Ruth Maier im Zusammenhang mit den antisemitischen Angriffen, deren Zeugin oder Opfer sie war.

„Еs ist früh, kein Mensch auf der Straße. Ein Jude, jung, gut gekleidet, kommt um die Ecke. Zwei SS-Männer tauchen auf. Der eine und auch der andere geben dem Juden eine Ohrfeige, der taumelt … hält sich den Kopf … geht weiter. Ich, Ruth Maier, 18 Jahre alt, frage nun als Mensch, als Mensch, frage die Welt, ob dies sein darf … Ich frage, warum dies erlaubt ist, warum ein Germane, ein Deutscher einen Juden ohrfeigen darf, aus dem einfachen Grund, weil der eine Deutscher, der andere Jude ist!“ (Vold: 2008, 138)

Dieses Zitat verdeutlicht die Allgegenwärtigkeit von Demütigung und Herabwürdigung. Ruth Maier kann nicht zu den SS-Männern gehen und sie zur Rechenschaft ziehen oder ihnen ihre Meinung sagen, ohne Gewalt fürchten zu müssen. Der misshandelte Jude kann sich nicht wehren bzw. sollte es nicht. Denn es ist „normal“ geworden, dass Menschen andere Menschen wie Gegenstände behandeln und Gewalt gegen Juden als Kavaliersdelikt angesehen wird.

„In deutlichem Gegensatz zu den dem Tagebuch zugeschriebenen Eigenschaften, die sich unter den Schlagworten Authentizität und Faktizität zusammenfassen lassen, stehen die Erfahrungen, die viele Diaristen selbst mit ihren Tagebüchern machen.“ (Seifert: 2008, 39) Bezeichnend im Falle von Ruth Maier ist die immer wiederkehrende Selbstkritik. „Ich weiß, dass das Stuss ist, was ich da geschrieben habe.“ (Vold: 2008, 176). Sehr gut zu erkennen auch in folgendem Zitat: „Und dann immer wieder die bestimmten Tagebuchblätter anstieren, sich ärgern & berauschen. Widerlich! Man prostituiert sich vor sich selbst.“ (Vold: 2008, 155) Es stellt sich dar, als hätte Ruth Maier eine recht turbulente Beziehung zum Medium Tagebuch gehabt. Einerseits hat das Tagebuch einen hohen Stellenwert in ihrem Leben – vor allem in jüngeren Jahren und als sie noch nicht mit GunvorHofmo liiert war. Andererseits hat sie bisweilen Vorbehalte: „Wie es mir graust vor diesem Tagebuch. Das weiß ich, und doch will ich es nicht zerreißen. Denn vielleicht ist unter all diesem Wust irgendein zarter, echter Gedanke, der doch verdient hat, aufgeschrieben zu werden.“ (Vold: 2008, 166) Das Gefühlschaos einer heranwachsenden jungen Frau manifestiert sich in diesen immerwährenden Zweifeln. Aber auch ihre Experimentierfreudigkeit wird deutlich, wenn sie beispielsweise Gerichtsprozesse aus der Zeitung in fiktive Dialoge umschreibt, oder Gedichte und Essays verfasst. ‚Denn „im Tagebuch wird Schreiben geübt.“ (Seifert: 2008, 49)

Ruth Maier wertet den Akt des Tagebuchschreibens als Zeichen von Unreife: „Ich glaube, wenn ich reifer werde, habe ich nicht mehr das Bedürfnis nach Tagebuch.“ (Vold: 2008, 51) Soll heißen, wenn sie herausgefunden hat, wer sie ist und wozu sie lebt, wird sie nicht mehr auf das Medium Tagebuch angewiesen sein. Jedoch scheint eher die Begegnung mit GunvorHofmo dem Projekt Tagebuchschreiben diametral entgegen gewirkt zu haben. Ruth Maiers Leben fand zu dieser Zeit primär außerhalb der Bücher statt. „Wozu diese Blätter noch dienen, weiß ich nicht. Es ist viel mehr Gewohnheit, dass ich noch schreibe.“ (Vold: 2008, 476)

1.3 Entfremdungsgefühle

Was bin ich? Wie werde ich bewertet? Möchte ich mich bewerten lassen? Das scheinen die zentralen Fragen in Ruth Maiers Tagebüchern zu sein. Nach ihrer Ankunft in Norwegen ist Ruth Maier wie berauscht. Sie liebt das Land, die Leute und kommt sehr gut mit ihrer Gastfamilie Strøm zurecht. Im Laufe der Zeit verändert sich jedoch diese Beziehung: „Strøms sind mir jeden Tag weitere tausend Kilometer entfernt.“ (Vold: 2008, 243). Ruth Maiers Aufenthalt in Norwegen dauert länger als ursprünglich angenommen. Da sie dort die bestmögliche Ausbildung bekommen kann, möchte sie nicht nach England oder in die USA ausreisen, bevor sie ihre Matura bestanden hat. Aus diesem Grund geht ihr Zeit verloren. Unglücklicherweise lässt sie Fristen verstreichen und möchte zu spät Gebrauch von einem Visum machen. Leider ist ihr die Ausreise nicht mehr möglich. Die Tatsache belastet vermutlich auch die Beziehung zur Familie Strøm. Sie sind die Verpflichtung eingegangen, sich um Ruth zu kümmern, aber es scheint so, als würde die Hilfsbereitschaft für die arme „Emigrantin, davongejagte deutsche Saujüdin“ (Vold: 2008, 189) zu einer lästigen Pflicht werden. Ab einem späteren Zeitpunkt muss Ruth auf ihrem Zimmer essen, wenn Gäste kommen oder Frau Strøm verbrennt ihre soeben angefertigten Zeichnungen. Da diese Vorfälle von Ruth nur nebenbei verhandelt werden, lässt sich über die Motive von ihren Gasteltern nur spekulieren. Vielleicht hat das veränderte politische Klima in Norwegen damit zu tun? Wie Ulrich Brömmling in seinem Artikel Das verbotene Land erläutert: „hat kein anderer Staat Nordeuropas, einschließlich des mit Hitlers Reich verbündeten Finnlands, so wenig zur Rettung der Juden im eigenen Land getan wie Norwegen unter dem Marionettenregimes Vidkun Quislings.“ (Brömmling: 2007, 1) Auch Ruth Maier, die anfangs von den Norwegern als Menschen, die jeglichem Fremdenhass entsagen, spricht, berichtet später, dass es sehr wohl nazistische Tendenzen in Norwegen gibt. Ist das vielleicht der Grund, warum Strøms Ruth auf ihrem Zimmer essen lassen, wenn Besuch kommt oder Frau Strøm Ruth Zeichnungen verbrennt? Der zunehmende Druck und die Angst vor Repressalien? Die Abhängigkeit von Familie Strøm belastet Ruth Maier. Theodor Herzl formuliert in seinem legendären Werk Der Judenstaat folgendes: „wir lebten von `Wirtsvölkern´, und wenn wir kein `Wirtsvolk´ um uns hätten, müssten wir verhungern. Das ist einer der Punkte, auf denen sich die Schwächung unseres Selbstbewusstseins durch die ungerechten Anklagen zeigt.“ (Herzl: 1896, 13) Das ist einerseits problematisch, weil er ganz klar antisemitisches Vokabular verwendet, andererseits lässt es sich in abgeschwächter Form auf die Situation von Ruth Maier bei ihrer Gastfamilie Strøm in Norwegen übertragen. Ruth verfügt anfangs über keinerlei finanziellen Mittel, sie wird sporadisch von ihrer Schwester aus England mit Geld unterstützt oder von Familie Strøm. Die emotionalen Spannungen und das Gefühl der Nutzlosigkeit führen bei Ruth zu einer Art Identitätskrise. „Und jetzt geh` ich halt so herum, und hinter allem, was ich tue, ist die Angst und die Frage: Wer bist du?“ (Vold: 2008, 268) Ruth ist ihrer Heimat beraubt worden, als sie fliehen musste. Sie wohnt in einem fremden Land, bei fremden Menschen, mit denen sie immer weniger verbunden ist. Sie ist keine Norwegerin, aber nach den Rassegesetzen auch keine Österreicherin, eigentlich lebt sich auch nicht als Jüdin, aber sie wird von außen zu einer Jüdin gemacht. Ihr Subjektstatus steht somit zur Debatte. Es geht um Juden als vermeintlich Dritte „Er ist an jedem Ort deplaziert. Der `Jude als Dritter´ ist das Resultat eines intellektuellen Gewaltaktes. Einer Gruppe wird die Selbstbestimmung über ihre Identität bestritten und genommen.“ (Bogdal: 2007, 9) Ihre Familie lebt in England und der Briefverkehr wird immer seltener. Die Orientierungslosigkeit und die Sehnsucht nach der Familie nehmen zu. So ist auch der letzte überlieferte Eintrag in ihr Tagebuch ein Gedicht an und über die eigene Mutter. Durch die Schwierigkeiten Kontakt mit ihrer Familie zu halten, vor allen nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, sieht sich Ruth Maier als Vollwaise. Sie schreibt ihrer Schwester Judith einmal, dass es so wirkt, als wäre ihre Familie tot, wenn sie Briefe abschickt, ohne jemals oder nur sehr zeitverzögert eine Antwort zu erhalten. Es fehlen ihr die Bezugs- und Stabilisationspunkte in ihrem Leben. „Es ist sehr unmoralisch, kein Heim zu haben. […] Manchmal habe ich Sehnsucht nach einem Heim. Einem Ort, wo ich sicher bin, nicht zur Last zu fallen.“ (Vold: 2008, 481) In einer Entwicklungsphase, die unter normalen Umständen schon problematisch ist, ist Ruth Maier verloren. „Wie kann ich aus mir heraus, muss ich immer ich sein?“ (Vold: 2008, 269)

[...]


[1] Im weiteren Verlauf möchte ich den Begriff „Shoah“ und nicht „Holocaust“ verwenden. Aus Gründen des Respekts vor den Opfern, weil ich „Holocaust“ - was soviel wie Brandopfer heißt - problematisch finde und weil „Shoah“ der Begriff ist, denn die Juden der Katastrophe gegeben haben.

Details

Seiten
25
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640751013
ISBN (Buch)
9783640751617
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161694
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Nordeuropa Institut
Note
1,0
Schlagworte
Identität Emanzipation Sexualität Tagebüchern Ruth Maier

Autor

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Titel: Identität, Emanzipation und Sexualität in den Tagebüchern von Ruth Maier