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Deutsche Auswanderung in die USA im 19. Jahrhundert

Hausarbeit 2010 16 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Neuere Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 VORAUSSETZUNGEN
2.1 Veränderungen in der Landwirtschaft und Bevölkerungsdruck
2.2 Reisedarlehen
2.3 Erfindung und Ausbau der Eisenbahn
2.4 Informationsfluss

3 VERLAUF UND GRÜNDE DER AUSWANDERUNG

4 DIE SOZIALE STRUKTUR DER AUSWANDERER

5 SIEDLUNGSVERHALTEN

6 RÜCKWANDERUNG

7 AMERIKA IM VERGLEICH MIT ANDEREN AUSWANDERUNGSLÄNDERN IM 19.JAHRHUNDERT

8 FAZIT

9 Literatur:

1 EINLEITUNG

Viele Deutsche wanderten seit der Entdeckung der Neuen Welt dorthin aus und hatten großen Einfluss auf die Entwicklung Amerikas. Allein 1820 bis 1920 waren dies mehr als fünf Millionen Deutsche[1] und bildeten damit lange Zeit die größte Gruppe von Auswanderern in Amerika. Bis heute sagt jeder vierte Amerikaner von sich selbst, er habe deutsche Wurzeln. Viele berühmte Amerikaner hatten deutsche Vorfahren oder sind selber in erster Generation eingewandert. Diese schriftliche Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, welche Gründe zur Auswanderung führten und wie es im 19. Jahrhundert zu regelrechten „Wellen“ der Auswanderung kommen konnte unter besonderer Berücksichtigung der sozialen Struktur der Auswanderer. Um diese Frage ausführlich beantworten zu können, werden zunächst die sozialen, politischen und ökonomischen Hintergründe Deutschlands beleuchtet, wobei besonders die Faktoren betrachtet werden, die die Menschen aus der Heimat drängten. Aus ökonomischer Effizienz werden hier nur die für die Auswanderung wichtigsten Push- und Pull-Faktoren erwähnt, da dieses Themengebiet sonst zu komplex wäre. Besonders wichtig ist, dass die Geschichte der Wanderung stark verknüpft ist mit der Entwicklung der Sozialgeschichte, weshalb die direkten Reaktionen auf Veränderungen in der Bevölkerung zeitverzögert in den Statistiken auftauchen.[2] Aus diesen Gründen gebe ich einen sozio-historischen Überblick, da ich mir bei meiner Recherche besonders die Frage gestellt habe, welche Bevölkerungsgruppen auswanderten und wieso sie dafür gerade Amerika wählten.

2 VORAUSSETZUNGEN

Ein Push- oder ein Pull-Faktor führt noch nicht zur Auswanderung in ein anderes Land oder in eine andere Region. Neben dem individuellen persönlichen Elend muss mindestens noch ein Faktor hinzukommen, der die persönliche Lage unerträglich macht bzw. zeigt, dass die persönliche Lage woanders wesentlich besser wäre. Erst der krasse Unterschied der Verhältnisse zwischen Heimatland und Einwanderungsland gibt den Anstoß. Einmal gab es diejenigen, die aus unmittelbarer Not ausgewandert sind, aber auch diejenigen, die in Deutschland zwar kein schlechtes Auskommen hatten, aber dafür ihre Chancen in Amerika als weitaus besser ansahen. Dies waren z.B. Kaufmänner, die in Amerika die Chance witterten auf dem noch neuen Markt eine größere Stellung einzunehmen oder Großgrundbesitzer, die in Amerika für wenig Geld größere Flächen Land bekommen konnten als in Deutschland. Die Gründe für die Auswanderung waren vielfältig und werden in Kapitel 3 zusammen mit dem Verlauf der Auswanderung aufgezählt, da beides eng miteinander verknüpft ist. Sie müssen in Verbindung miteinander gesehen werden und können den Phasen der Auswanderung auch nicht immer eindeutig zugewiesen werden, da sie zum Teil für einen längeren Zeitraum andauern bzw. wirken. Ganz allgemein muss eine Verschlechterung der Lebenssituation vorliegen und zur selben Zeit Informationen über ein Land oder Region, wo die Lebensbedingungen besser sind. Wirtschaftliche Motive stehen immer im Vordergrund und können neben anderen Gründen als Hauptgrund angegeben werden, dabei bleiben sie aber immer ausschlaggebend für die Migration. Neben dem Wunsch auszuwandern, müssen erstmal technische und finanzielle Voraussetzungen geschaffen worden sein. Ist dies der Fall, kann eine Auswanderung ernsthaft in Erwägung gezogen werden.[3] Diese technischen und finanziellen Prämissen werden in diesem Kapitel erklärt.

2.1 Veränderungen in der Landwirtschaft und Bevölkerungsdruck

Seit Mitte des 18. Jahrhundert führte man in Deutschland nach und nach das Realerbteilungsgesetz ein, das einem Bauern vorschrieb, sein Land real aufzuteilen und an alle Söhne ein gleichgroßes Stück zu vererben. Die Söhnes-Söhne mussten ebenso verfahren bis in letzter Konsequenz irgendwann so winzige Parzellen übrigblieben, dass man damit keine Familie mehr ernähren konnte. Friedrich List nennt sie treffend „Zwergwirtschaften“. Die letzte Rettung war für viele die Auswanderung.[4] Zwischen 1800 und 1900 stieg die Zahl der deutschen Bevölkerung um mehr als 130%. Durch die gestiegene Bevölkerung bei gleichzeitiger sinkender Sterberate verteuerten sich die Lebensmittelpreise. Insbesondere bei den Hauptnahrungsmitteln Roggen und Kartoffeln stieg der Preis mehr als um das Doppelte.[5] Die unteren Schichten, die sowieso schon arm waren, war aufgrund dessen jede Missernte, jede Preiserhöhung von Lebensmitteln, jede kleinste Veränderung in der Wirtschaft direkt existenzbedrohend.[6] So machte das Aufsplittern des Bodens die Landwirtschaft unrentabel.

2.2 Reisedarlehen

Diejenigen, die sich für das Abwandern entschieden, mussten eine teure und anstrengende Überfahrt auf sich nehmen. Grade die Bevölkerung aus Baden, der Pfalz und Württemberg wanderten aus, da sie aufgrund der geographischen Lage den Wasserweg nutzen konnten. Da man im 19. Jahrhundert nur mit dem Schiff nach Übersee kam, bedeutete dies für die Auswanderer, dass sie den Rhein hochfuhren zu einem deutschen Hafen, um dann endlich ein Schiff nach Amerika nehmen zu können. Die Überquerung des Atlantiks dauerte mehrere Monate und stellte eine enorme physische und psychische Belastung dar. Krankheiten an Bord waren die Regel, viele erreichten nie ihr Ziel.

„Während der Seefahrt aber entstehet ein jammervolles Elend, Gestank, Dampf, Grauen, Erbrechen, mancherley Seekrankheiten, Fieber, Ruhr, […] Mundfäule, und dergleichen, auch von dem sehr wüsten und schlimmen Wasser herrühret, wodurch viele elendiglich verderben und sterben“ Dennoch wagten viele die Ausreise. Wer genug Geld hatte, z.B. aus dem Verkauf seines Besitzes, konnte sich die Überfahrt selber finanzieren. Manche hatten bereits ausgewanderte Verwandte, die den Daheimgebliebenen Geld schickten für die Überfahrt. Doch der Großteil der Auswanderer hatte nicht diese Möglichkeiten, daher wurde im 17. Jahrhundert das Redemptioner-System erfunden. In der Neuen Welt wurden dringend einfache Arbeiter gesucht, daher gab es Reederer, die als Mittelsmänner für amerikanische Farmer oder Firmen Arbeitskräfte unter den Ausreisewilligen anwarben.[7] Von amerikanischer Seite wurden die Reisekosten gedeckt, als eine Art Darlehen, die der Auswanderer dann abarbeitete. In der Regel war innerhalb von vier Jahren seine Schuld getilgt.[8] Was zunächst zwielichtig klingt, stellte sich als lukratives Geschäft für beide Seiten heraus. Günther schätzt, dass bis zur Abschaffung dieses Systems im Jahr 1890 50 bis 70% der deutschen Auswanderer auf diese Art als Schuldknechte in die Staaten gelangten.[9] Da die Überfahrt für damalige Verhältnisse kaum erschwinglich war, war dies oftmals die einzige Möglichkeit die Kosten der Reise zu decken, da allein schon die Anreise zu den Häfen vier bis sechs Wochen dauerte und das Vermögen der Ausreisenden aufzehrte.[10] Wer also kein oder wenig Geld hatte, hatte dennoch die Möglichkeit nach Amerika auszuwandern.

2.3 Erfindung und Ausbau der Eisenbahn

Ähnlich positiv sah es bei den Transportmöglichkeiten im Inland aus. Im 19.Jahrhundert wurde der Personen- und Gütertransport durch die Erfindung und den Ausbau der Eisenbahn revolutioniert. Waren breite Teile der Bevölkerung ein Jahrhundert zuvor noch auf Kutschen und Flussfähren angewiesen, konnte man nun mit der Eisenbahn bequem und sicher zum Ausreisehafen reisen und wenn man dann in Amerika angekommen war, ging es mit der Eisenbahn weiter ins Landesinnere.[11] Die Überquerung des Atlantiks wurde weniger gefährlich, als Mitte des 19. Jahrhunderts die Dampfschifffahrt erfunden wurde.[12]

2.4 Informationsfluss

Der Ausbau der Transportmöglichkeiten kurbelte die Auswanderung an, aber auch die Informationen, die die Medien brachten. Deutschland war im Auswanderungsfieber. Aussiedlergesellschaften informierten sachlich über Land und Ausreise, aber auch Reeder aus Rotterdam und London heuerten Werber an, die durch deutsche Dörfer zogen und Siedler für die Neue Welt anheuerten.[13] Wie man sich denken kann, wurde dabei auch ein märchenhaftes Bild kreiert, von Freiheit und Prosperität. Ob Information oder Verführung, ist manches Mal schwer zu beurteilen. Auswanderungsvereine und – zeitungen lenkten die Auswanderung in bestimmte Länder.[14] Gottfried Duden, dessen 1829 veröffentlichter Bericht über eine Reise nach Amerika in den Jahren 1824 bis 1827, informierte wie viele andere Reiseberichte ausführlich über Siedlungs- und Arbeitsbedingungen. Generell lässt sich aber festhalten, dass viele Auswanderer ein realistisches Bild von den zukünftigen Lebensbedingungen hatten.[15] Wenn man davon ausgeht, dass die persönliche Lage im Heimatland vielleicht als schlecht wahrgenommen wird und man im Vergleich dazu Informationen über ein anderes Land hat, in dem die Lebensbedingungen besser sind, kann man im Informationsfluss zur Auswanderung durchaus einen Pull-Faktor sehen.

[...]


[1] Rößler, Horst: Massenexodus.Die Neue Welt des 19.Jahrhunderts, in: Deutsche im Ausland. Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart hrsg. von Klaus J. Bade, München 1993, S. 148.

[2] Marschalck, Peter: Deutsche Überseeauswanderung im 19. Jahrhundert, Stuttgart 1973, S. 11.

[3] Marschalck, Peter: Deutsche Überseeauswanderung im 19. Jahrhundert, Stuttgart 1973, S. 13.

[4] Günther, Markus : Auf dem Weg in die Neue Welt. Die Atlantiküberquerung im Zeitalter der Massenauswanderung 1818- 1914, Augsburg 2005, S. 26ff.

[5] Christine Hansen: Die deutsche Auswanderung im 19. Jahrhundert – ein Mittel zur Lösung sozialer und sozialpolitischer Probleme?, in: Deutsche Amerikaauswanderung im 19. Jahrhundert. Sozialgeschichtliche Beiträge hrsg. von Günther Moltmann, Stuttgart 1976, S. 11.

[6] Marschalck, Peter: Deutsche Überseeauswanderung im 19. Jahrhundert, Stuttgart 1973, S. 61.

[7] Bretting, Agnes : Mit Bibel, Pflug und Büchse: deutsche Pioniere im kolonialen Amerika, in: Deutsche im Ausland. Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart hrsg. von Klaus J. Bade, München 1993, S. 137ff.

[8] K.N. Conzen : Germans, in: Harvard Encyclopedia of American Ethnic Groups hrsg. von Stephan Thernstrom, Harvard 1980, S. 407.

[9] Günther, Markus : Auf dem Weg in die Neue Welt. Die Atlantiküberquerung im Zeitalter der Massenauswanderung 1818- 1914, Augsburg 2005, S. 27.

[10] Bretting, Agnes : Mit Bibel, Pflug und Büchse: deutsche Pioniere im kolonialen Amerika, in: Deutsche im Ausland. Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart hrsg. von Klaus J. Bade, München 1993, S. 136.

[11] Günther, Markus : Auf dem Weg in die Neue Welt. Die Atlantiküberquerung im Zeitalter der Massenauswanderung 1818- 1914, Augsburg 2005, S. 34.

[12] Marschalck, Peter: Deutsche Überseeauswanderung im 19. Jahrhundert, Stuttgart 1973, S. 42.

[13] Bretting, Agnes : Mit Bibel, Pflug und Büchse: deutsche Pioniere im kolonialen Amerika, in: Deutsche im Ausland. Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart hrsg. von Klaus J. Bade, München 1993, S. 135.

[14] Marschalck, Peter: Deutsche Überseeauswanderung im 19. Jahrhundert, Stuttgart 1973, S. 23.

[15] Bretting, Agnes : Mit Bibel, Pflug und Büchse: deutsche Pioniere im kolonialen Amerika, in: Deutsche im Ausland. Fremde in Deutschland. Migration in Geschichte und Gegenwart hrsg. von Klaus J. Bade, München 1993, S. 151.

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640775743
ISBN (Buch)
9783640775569
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161628
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
Schlagworte
deutsche Auswanderung Deutschland 19. Jahrhundert Industrialisierung soziale Frage USA Amerika Erbteilungsgesetz Redemptionerhandel Rückwanderung Eisenbahn Atlantikreisen deutsche Emigration deutsches Siedlungsverhalten

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Titel: Deutsche Auswanderung in die USA im 19. Jahrhundert