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Theologisches in Thomas Manns "Doktor Faustus"

Seminararbeit 2009 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das Religiöse in Thomas Manns Doktor Faustus
1.1 Die Figuren Ehrenfried Kumpf und Eberhard Schleppfuß
1.1.1 Ehrenfried Kumpf
1.1.2 Eberhard Schleppfuß
1.2 Das Scheunengespräch als ein Forum theologischer Diskussion

2. Die Theologiekritik Serenus Zeitbloms

3. Der Abfall von Gott

4. Das Gnadenmotiv

Literaturverzeichnis

Einleitung

Dem allgemeinen Verständnis nach stehen sich christliche Theologie und Dämonologie antithetisch gegenüber. Sie bilden Gegensätze, stellt doch die eine Position das Gute, die andere das Böse dar. In Thomas Manns Roman Doktor Faustus verschwimmt diese Grenze. Dämonologie und Theologie sind bei ihm nicht klar getrennte Positionen, sondern sie nehmen gegenseitig auf- einander Einfluss. Theologie, die Wissenschaft Gottes, ist bei ihm auch dä- monisches Gebiet. Serenus Zeitblom, der Erzähler des Romans, beschreibt diesen Fakt indem er erklärt, dass die Theologie ihrer Natur nach dazu neige und unter bestimmten Umständen jederzeit dazu neigen müsse, zur Dämono- logie zu werden.“1

Thomas Mann selbst bezeichnete seinen Roman Doktor Faustus in seiner Eigenschaft als Teufelsroman als einen religiösen. Diese Arbeit hat das Ziel, Theologisches im Roman aufzuzeigen und darzustellen. Wegen der Fülle von Anspielungen, Zeichen, Ideen und anderer aus der Theologie entliehener Elemente kann einer kompletten Darstellung des Religiösen in Doktor Faus- tus nicht nachgekommen werden. Dies wäre im Rahmen einer Arbeit dieser Art nicht möglich. Es sollen daher einzelne Aspekte aus dem Roman heraus- gegriffen werden, anhand derer der Einfluss der Theologie und deren Rolle als Mittel der literarischen Gestaltung des Romans aufgezeigt werden. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf im Roman vorkommenden Personen, die indirekt oder direkt durch Handeln, Lehren und aufgrund ihrer Persönlichkeit der Theologie und Dämonologie Raum bieten. Aber auch Institutionen und Foren für theologische Diskussionen und Schauplätze für religiöses Handeln sollen Erwähnung finden und beleuchtet werden. Im Mittelpunkt stehen dabei Serenus Zeitblom und Adrian Leverkühn, sowie die Personen, die mittelbar und unmittelbar im theologischen und eben dämonischen Sinne auf sie Ein- fluss nehmen. Anschließend soll auf die von Thomas Mann im Roman ange- legten Ideen des Abfalls von Gott und das Gnadenmotiv eingegangen werden. Eine Erarbeitung eines geschlossenen theologischen Profils Thomas Manns ist nicht möglich, denn insgesamt lässt sich „[…] nach derzeitigem For- schungsstand keine einheitliche implizite Theologie in Thomas Manns Ge- samtwerk nachweisen.“2 Die Theologische Realenzyklopädie beschreibt je- doch die zahlreichen bedenkenswerten theologischen Ansätze und religions- wissenschaftlichen Reflexionen sowie die lebenslange Beschäftigung Thomas Manns mit christlichen und religiösen Fragestellungen als bemerkenswert.3 Die Aufgabe und Zielsetzung dieser Arbeit, nämlich die Suche nach eben diesen Reflexionen und Ansätzen, scheint somit nach Kenntnisnahme dieses Resümees als legitim und im literaturwissenschaftlichen Sinne als wichtig, da für das Textverständnis unerlässlich erklärt.

1. Das Religiöse in Thomas Manns Doktor Faustus

Thomas Mann lässt sich in seinem Roman Doktor Faustus explizit auf Lehren und Begrifflichkeiten der Theologie ein und setzt diese als Mittel der literarischen Darstellung gezielt um. Die Verwendung religiöser Ideen und Philosophien hat dabei die Aufgabe, vier verschiedene Dimensionen in sei- nem Roman zu integrieren und zu verbinden. Diese vier Dimensionen oder thematischen Ebenen sind der Roman Doktor Faustus als Deutschland-, Mu- sik-, Nietzscheroman und die Faust-Legende.4 Nach Schwöbel habe das Religiöse dabei die Aufgabe, die Tiefe des Nietzsche-Schicksals zu zeigen und die Frage nach Schuld und Gnade in der deutschen Geschichte zu bezeichnen. Ebenso schildere es die Problematik musikalischer Kreativität durch die Verwendung religiöser Motive im Tonschaffen Adrian Leverkühns.5

Thomas Mann konfrontiert den Leser dabei mit einer Fülle von Zei- chen und Gesten. Ein nicht unbeträchtlicher Teil dieser Zeichen ist dem Reli- giösen und Theologischen entlehnt. Durch dieses Idiom schafft Thomas Mann eine religiöse Atmosphäre, die als Schauplatz des gesamten Romans fungiert. Nach Schwöbel gelinge es Mann, durch das Theologische im Roman letzte Fragen nach Verdammnis und Heil, nach Verwerfung und Gnade sichtbar zu machen. Dies würde die gemeinsame Tiefendimension der unterschiedlichen Darstellungsformen des Romans zeigen. Die theologische Rede decke die Dimension der Letztgültigkeit im Alltäglichen auf, und mache dadurch die Realität des Dämonischen und die Hoffnung auf Gnade sichtbar.6

Um Adrian Leverkühns Theologiestudium beschreiben zu können, benötigte Mann Hintergrundinformationen, die ihm der Theologe Paul Tillich, Professor am Union Theological Seminary in New York, lieferte. Tillichs theologisches und philosophisches Werk zeichnet sich zum einen durch seine radikale Reinterpretation des Verständnisses der Gnade und seiner Deutung des Dämonischen aus. Beide Ansätze lassen sich im Doktor Faustus wieder- finden.7

Direkte Zusammenhänge von Tillichs Theologie und Thomas Manns Doktor Faustus sind zwar nicht belegbar, eine Unterstellung von naheliegen- den Zusammenhängen ist jedoch aufschlussreich. Dies ist etwa möglich bei dem Vergleich von Tillichs Auffassung, dass Wahrheit, die die Unbedingtheit des Göttlichen erreichen soll, die Form der Gnade und somit die Form des Durchbruchs annehmen solle und dem Gnadenmotiv im Doktor Faustus, auf das später eingegangen werden soll. Der Zusammenhang von Zweifel und Gnade scheint hier sehr interessant. Auf Tillichs Schilderungen, welche sich weitgehend auf sein eigenes Theologiestudium beliefen, gründen auch die Romanfiguren Ehrenfried Kumpf und Eberhard Schleppfuß. Von Tillich ge- nannte Details zur Charakterisierung von Personen hat Mann jedoch ironisiert und überspitzt dargestellt. Besonders im Zusammenhang mit Schleppfuß und dessen Theologie muss jedoch auf den „Hexenhammer“ von Jakob Sprenger und Heinrich Institoris hingewiesen werden. Viele der im Schleppfuß-Kapitel verarbeiteten Ideen stammen daraus.

1.1 Die Figuren Ehrenfried Kumpf und Eberhard Schleppfuß

1.1.1 Ehrenfried Kumpf

Ehrenfried Kumpf, einem Dozenten Paul Tillichs, Martin Kähler nachempfunden, war Professor an der Universität Halle. Er wird als „saftigs- ter Sprecher“ aller Dozenten in Halle beschrieben, der den größten Zulauf von Studenten aller Jahrgänge hatte.8 Kumpf unterrichtet systematische Theologie, also jene Disziplin innerhalb der Theologie, die Glauben reflektiert und in Worte zu fassen versucht. Da dieses Fach von Logik, Denken und Systematik bestimmt ist, wundert es wenig, dass es Leverkühns Lieblingsfach war.

[...]


1 Mann, Thomas: Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde. Frankfurt am Main 362008. S.135/136.

2 Fischer, Markus: Mann, Thomas, Theologische Realenzyklopädie, Band XXII, Berlin u.a. 1992.

3 Vgl. ebd.

4 Vgl. Schwöbel Christoph: „…alles geschieht in Gott, besonders auch der Abfall von ihm …“, in: Sprecher, Thomas u. Wißkirchen, Hans (Hgg.): „Und was werden die Deutschen sagen??“ Thomas Manns Roman „Doktor Faustus“. Lübeck 1998. S. 153.

5 Vgl. Schwöbel, Christoph: Thomas Mann und die religiöse Frage. http://www.ekd.de/EKD- Texte/ekd_texte70_2002_thomasmann3.html. 17.02.2009. Kapitel 7.

6 Vgl. Schwöbel, Christoph: Die Religion des Zauberers, Theologisches in den großen Roma- nen Thomas Manns. Tübingen 2008. S. 250.

7 Vgl. ebd. S. 219.

8 Vgl. Mann, Thomas: Doktor Faustus, S. 130.

Details

Seiten
15
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640748808
ISBN (Buch)
9783640749294
Dateigröße
417 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161551
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Philologisch-Historische-Fakultät
Note
1
Schlagworte
Mann Thomas Doktor Faustus Luther Martin Mann Thomas Faust Schiller Ehrenfried Kumpf Eberhard Schleppfuß Serenus Zeitblom

Autor

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