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Tristan - Elternvorgeschichte

Intertextueller Vergleich der Minne bei Eilhart von Oberg und Gottfried von Straßburg

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 26 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung
1.1. Struktureller Aufbau und Fragestellung
1.2. Stoffgeschichte und historischer Kontext

2. Intertextueller Vergleich
2.1. Die erste Begegnung Riwalins und Blanscheflurs
2.2. Innerer Kampf gegen die Liebe
2.3. Das Liebesleiden
2.4. Die heimliche Liebe und die Folgen
2.5. Die Flucht

3. Die Minne im Vergleich
3.1. Intertextueller Vergleich des Begriffs
3.2. Eilharts von Oberg „Minne"
3.2. Gottfrieds von StraBburg „Minne"
3.3 Die Bedeutung und Wirkung Gottfrieds von StraBburg „Tristan"

4. Schussfolgerung und Erkenntniskritik

1. Einleitung

1.1. Struktureller Aufbau und Fragestellung

Dass Gottfrieds von StraBburg "Tristan" ein mittelalterliches Werk groBter Bedeutung ist, muss nicht mehr bewiesen werden. Der inselkeltische Ursprung wird anhand der Namen bezeugt. In „fester Gestalt" ist es aber zunachst auf dem franzosischen Festland nachzuweisen. Der „Tristanstoff' verbreitete sich im ganzen mittelalterlichen Europa. Man konnte sagen, dass das Grundkonzept der individuellen Liebe seiner Zeit voraus ist. „Der Stoff enthalt auf diesem Weg eine diachrone Perspektive, die ihn zum europaischen Mythos der Liebe macht."1

In der folgenden Arbeit soil untersucht werden, wie Gottfrieds „Tristan" zu dieser Bedeutung kam und warum aus der Estoire die Version Courtoise und die Version Commune entstanden sind.

Eilhart von Oberg soll hier als Reprasentant fur die Version Commune stehen und in seinem zeitlichen Kontext untersucht werden. Gottfried von StraBburg vertritt die Version Courtoise. Anhand des intertextuellen Vergleichs der ,,Elternvorgeschichte" beider Versionen sollen die Unterschiede aufgezeigt werden.

Die Vorgeschichte wird im Besonderen hinsichtlich der Liebesvor- und darstellung untersucht. Aus diesem Vergleich sollen die unterschiedlichen Autorintentionen herausgearbeitet werden, um die besondere Bedeutung Gottfrieds von StraBburg hinsichtlich der Wirkung in seiner Zeit darzustellen. In der folgenden Arbeit wird die Vorgeschichte chronologisch untersucht. Hierbei werden insbesondere abweichende und fehlende Textstellen, die die Liebe darstellen, genutzt.

AnschlieBend werden die herausgearbeiteten Stellen gegenubergestellt, um die „minne" bei Eilhart von Oberg und bei Gottfried von StraBburg vergleichen zu konnen.

Den Abschluss der Arbeit soll eine Zusammenfassung der Ergebnisse bilden. In dieser Zusammenstellung soll nochmals auf die Bedeutung Gottfrieds von StraBburg „Tristan" im historischen Kontext eingegangen werden.

1.2. Stoffgeschichte und historischer Kontext

Der sogenannte Ur-Tristan ist nicht uberliefert. Das, in altfranzosischer Sprache verfasste Werk, die Estoire, wurde vermutlich gegen 1158 verfasst. Von der Estoire lassen sich zwei verschiedene Versionen bestimmen. Zum einen die Version Commune, die unter anderem Eilhart von Oberg vertritt, zum anderen die Version Courtoise, die durch Gottfried von StraBburg vertreten wird. Der Epos Eilharts ist die einzige vollstandige Fassung in deutscher Sprache. Die vollstandige Fassung bezieht sich auf drei Fragmente und wurde im 12. Jahrhundert verfasst. Eilhart von Oberg nennt sich selbst am Ende seiner Geschichte.

„Von Hobergin her Eylhart[...]2

[....] Eylhart deB guten gecczug hat,

daB es alzo zcu ging."3

Die genaue Datierung und der „literarhistorische" Ort sind in der Forschung umstritten. Volker Mertens nimmt an, dass der Text um 1190 entstand und durch einen Ministerialen der welfischen Herzoge verfasst wurde.4

Eilhart selbst gibt daruber keine Auskunft. Dahingegen spricht Eilhart von der mundlichen Tradition seines Stoffes („ouch habe ich die rede vornommen.", V. 1806 f.) und dem Wahrheitsgehalt („Eylhart deB guten geczug hat", V. 9497). Eilharts Erzahlstruktur lasst sich in drei Teile fassen. Der erste Teil umfasst die Vorgeschichte bis zur Werbungsfahrt nach Irland. Im zweiten Teil folgt die Trankwirkung und endet in der Flucht in den Wald. Der dritte Teil beinhaltet die extensive Trankwirkung und schlieBt mit dem Liebestod. Auffallig ist, dass der dritte Teil die Summe der ersten beiden Teile umfasst.5

Eilharts Werk umfasst beinahe 10000 Verse, Gottfrieds Tristan hingegen fast den doppelten Umfang. Dies lasst auf eine differenzierte Bearbeitung schlie- Ben.

Gottfrieds von StraBburg „Tristan" bezieht sich auf Thomas von England. Die Fassung Thomas' wird auf den Zeitraum zwischen 1155 und 1170 datiert. Allerdings sind, seit der Entdeckung des Fragments von Carlisle im Jahre 1995, auch deutliche Unterschiede zur Fassung des Thomas' gefunden worden. Dies wiederrum bestatigt noch einmal die weitreichende Formung des Stoffes durch Gottfried von StraBburg.6 Uber den Autor Gottfried selbst ist historisch wenig bekannt.7 Allein aus dem Werk selbst konnen Schlusse gezogen werden. „Das Attribut ,meist' weist auf nichtadelige Herkunft, zumal der Adelstitel ,her' nirgends auftaucht." Aus dem literarischen Exkurs konnen Zeitgenossen datiert8 werden. Aus diesen Datierungen schlieBt man auf einen Zeitraum um 1210. Das Werk selbst zeigt eine „hervorragende Ausbildung" Gottfrieds, unter anderem im Wissen uber die mannigfaltigen Facher und das Wissen um „lateinische, franzosische und deutsche Dichtung".9

Der mittelalterliche Erzahler unterscheidet sich in weiten Teilen von der heutigen Auffassung eines Autors. Das Wort „Erzahler" bezeichnet die Funktion mittelalterlicher Autoren zutreffend. Die Intention ist es daher nicht, eigenstandige, „eigenmachtig ersonnene Geschichten" zu entwerfen, sondern vielmehr eine Uberlieferung bestehender Geschichten wiederzuerzahlen. Vornehmlich in den Prologen, aber auch immer wieder innerhalb der Geschichten selbst, sind verweise auf Quellen zu finden.10 Auch Gottfried von StraBburg folgt dieser Tradition und berichtet: ,,Ich weiz wol, ir ist vil gewesen, / die von Tristsande hant gelesen; / und ist ir doch niht vil gewesen, / die von im rehte haben gelesen." (V. 131-134). Weiterhin kritisiert Gottfried vorherige Rezipienten und begrundet dies folgendermaBen: „aber als ich gesprochen han, / daz si niht rehte haben gelesen, / daz ist, als ich iu sage, gwesen: / sine sprachen in der rihte nicht, / als Thomas von Britanje giht, / der aventiure meister was / und an britunschen buochen las" (V. 146-151). Eilhart von Oberg berichtet erst am Ende seiner Erzahlung von sich und seinen Intentionen: „von Baubemberg Segelhart / haut diB buch gedichtet / und unfi wol berichtet, / wie Tristrand starb / und wie er geboren ward / und wie eB alleB umb in kam. / nun sprach licht ain ander man, / eB sy anderB umb in komen: daB wir all wol hand vernommen, / daB man eB unglich von im sagt. / Seghart mit gutten zugen daB betagt, / daB eB recht also ergieng."(V. 9672-9684).

In beiden Versionen werden die Verfassernamen bekannt gegeben und mit ihnen die Versicherung, dass die eigene Erzahlung des „Tristan" die Richtige sei. Eilhart spezifiziert seine Quellen jedoch nicht. Er berichtet, dass sie sowohl auf mundlichen, als auch auf schriftlichen Uberlieferungen beruhen.11

Eine weitere Unterscheidung von Gottfrieds und Eilharts Quellenverweisen lasst sich treffen, indem man Gottfrieds Geschichte in der Historie anordnet. Gottfrieds Verweis auf Thomas und dessen Studium der ,,britunschen buochen" verstarkt diesen Eindruck. Ebenso hat aber auch Gottfried die verschiedensten Bucher studiert, um die richtige Fassung zu finden („Als der von Tristande seit, / die rihte und die warheit / begunde ich sere suochen / in beider hande buochen / walschen und latinen / und begunde mich des pinen, / daz ich in siner rihte / rihte dise tihte. / sus treip ich manege suoche, / unz ich an eime buoche / alle sine jehe gelas, wie dirre aventiure was.", V. 155-166).12 Die geschichtliche Perspektive folgt der antiken Historiographie und dem da13 mit einhergehenden „memoria-Topos". Gleichsam auffallig ist Gottfrieds Sicherheit, dass er die richtige und wahre Geschichte Tristans erzahlen kann und wird („und ist ir doch niht vil gewesen, / die von im rehte haben gelesen.", V. 133-134).

Eine klare Einordnung Gottfrieds bezuglich der Intention und vor allem des Standpunktes bleiben schwierig. Die Forschung ist sich bis heute noch nicht einig, welche Rolle Gottfried als Erzahler einnimmt. Die Deutungen reichen vom christlichen Dichter, uber einen Gesellschaftskritiker, bis hin zu einem „Ketzer".14

2. Intertextueller Vergleich

2.1. Die erste Begegnung Riwalins und Blanscheflurs

Nach dem Prolog folgt sowohl bei Eilhart, als auch bei Gottfried die Vorgeschichte von Tristans Eltern.

Eilhart berichtet zunachst, dass die Geschichte von „manheit und von minnen"( V. 65) handeln wird. Im Anschluss daran wird Konig Marke („ze Kurwalsch, der hieB Marck", V. 59) und sein Konigreich beschrieben und in welcher Bedrangnis es sich befindet („wann in yener dick in gliff / sucht mit keftigem her / und in sin land kam ueber mer," V. 70-72). Aus diesem Grund schickt Marke nach Verbundeten. Und einer jener Verbundeten wird als einziger auch vorgestellt. Eilhart stellt „Rifalin" (V. 79) als „ain kunig rich" (V. 75) vor und erklart, dass sein Land „LoheniB" (V. 80) sei. Es folgt eine Beschreibung Riwalins als ehrenvoller Ritter, der Konig Marke „[...]ze hilff kommt. „Er dient im statte, alB ob er von im hette/ alB sin lehen enpfangen" (V. 82-85). Doch Eilhart klart auf, dass Riwalins Hilfsbereitschaft einen bestimmten Zweck verfolgt. Es wird weiter beschrieben, „daB ward umb daB getan/ daB er gern wolt han/ sin swester zu ainem wip" (V. 93-95). Diese Verse schildern nur, dass Riwalin die Schwester des Konigs zur Frau nehmen mochte. Woher und ob er sie kennt, bleibt offen. Ebenfalls werden keine naheren Erlauterungen uber Blancheflur gegeben. Selbst ihr Name wird erst spater bekannt gegeben.

Den nachsten Versen ist sogleich zu entnehmen, dass Riwalin die Schwester des Konigs „erwarb" und „daB er sie beschlieff' (V. 97). Ob dieser Vers einer Hochzeit entspricht, oder es eine ehelose Verbindung war, kann aus dem Text nicht entnommen werden.15

Es gilt festzuhalten, dass die gesamte Vorgeschichte mit nur 20 Versen „im Eiltempo erzahlt" wird und sich mehr dem „kriegerischen Treiben" widmet.

Durch die fehlenden Details in der Figurenbeschreibung kann keine Personlichkeitsstruktur ermittelt werden.16

Gottfried hingegen widmet Riwalins Figurenbeschreibung uber 250 Verse. In denen beschreibt er Riwalin „wol an geburte kunege genoz, / an lande vursten ebengroz,"(V. 249-250). Auch die Darstellung als Ritter findet sich bei Gottfried („der ritterschefte ein lere", V. 257). Danach unterscheiden sich Eilhart und Gottfried erheblich. Gottfried beschreibt Riwalins Tugenden ebenso wie sein Art „in sines herzen luften swebe / und niwan nach sinem willen leben." (V. 263-264). Es folgt eine detaillierte Beschreibung des jugendlichen Ubermuts und seines ritterlichen Rangs. Riwalins Ubermut und der daraus resultierende Angriff gegen seinen Lehensherrn sind hier besonders zu beachten. Dies zeigt Riwalins zuvor beschriebene Ritterlichkeit in einem anderen Licht. Gottfried belasst diese Unstimmigkeit jedoch, ohne weiter darauf einzugehen. Einzig die Erklarung, dass diese Zuge Riwalins auf seiner Jugend beruhten, nicht aus Boshaftigkeit („daz enkam von archeite niht, / da von doch manegem schade geschiht. / ez kam von dem geleite / siner kintheite. V. 290-294). Womoglich ist Riwalin von Gottfried als Figur fur die „Diskrepanz von Adels- und Herrschertugenden einerseits und deren mangelhafter Verwirklichung ander-17 seits [...]" entwickelt worden.

Gottfried beschreibt weiterhin, dass man Riwalin die Herkunft aus Lohnois nachsagt. Aber „nun tout uns aber Thomas gewis, / der ez an den aventiuren las, / daz er von Parmenie was" (V. 327-330). Gottfried berichtigt scheinbar vorangegangene Quellen und verweist hiermit auf Thomas. In der Beschreibung Riwalins ist abermals der „memoria-Topos" wiederzufinden. Gottfried erlautert die Herkunft Riwalins detailliert, so dass von einem18 geschichtlichen Hintergrund ausgegangen werden kann.

Im Folgenden wird der Kampf gegen Morgan geschildert, dem Riwalin ,,sollte dem sin untertan" (V. 333). Nachdem Riwalin diesen langen Kampf gewonnen hatte, zog er aus. Erst an dieser Stelle in Gottfrieds Erzahlung wird Konig Marke von „Curnewale" (V. 423) eingefuhrt.

[...]


1 Huber, Christoph: Gottfried von StraBburg, Tristan und Isolde. Eine Einfuhrung, Munchen 1986, S. 10.

2 Buschinger, Danielle, Spiewok, Wolfgang: Eilhart von Oberg. Tristrant und Isalde, Greifswald 1993 (=Wodan 27), S. VII.

3 Keck, Anna: Die Liebeskonzeption der mittelalterlichen Tristanromane. Zur Erzahllogik der Werke Berouls, Eilharts, Thomas' und Gottfrieds, Munchen 1998, S. 77.

4 Keck, Anna: Die Liebeskonzeption der mittelalterlichen Tristanromane. Zur Erzahllogik der Werke Berouls, Eilharts, Thomas' und Gottfrieds, Munchen 1998, S. 74.

5 Keck, Anna. Die Liebeskonzeption der mittelalterlichen Tristanromane. Zur Erzahllogik der Werke Berouls, Eilharts, Thomas' und Gottfrieds, Munchen 1998, S. 84.

6 Huber, Christoph: Gottfried von StraBburg, Tristan und Isolde. Eine Einfuhrung, Munchen 1986. S. 20-21.

7 Stein, Peter K.: Tristan, in: Volker Mertens, Ulrich Muller (Hgg.): Epische Stoffe des Mittelalters, S. 373.

8 Huber, Christoph: Gottfried von StraBburg, Tristan und Isolde. Eine Einfuhrung, Munchen 1986, S. 27.

9 Huber, Christoph: Gottfried von StraBburg, Tristan und Isolde. Eine Einfuhrung, Munchen 1986, S. 29.

10 Worstbrock, Franz Josef: Wiedererzahlen und Ubersetzen. In: Susanne Kobele und Andreas KraB (Hgg.): Ausgewahlte Schriften. Band 1. Schriften zur Literatur des Mittelalters, Stuttgart 2004, S. 183.

11 Keck, Anna: Die Liebeskonzeption der mittelalterlichen Tristanromane. Zur Erzahllogik der Werke Berouls, Eilharts, Thomas' und Gottfrieds, Munchen 1998, S. 77-79.

12 Keck, Anna: Die Liebeskonzeption der mittelalterlichen Tristanromane. Zur Erzahllogik der Werke Berouls, Eilharts, Thomas' und Gottfrieds, Munchen 1998, S. 172-176.

13 Wolf, Alois: Gottfried von StraBburg und die Mythe von Tristan und Isolde, Darmstadt 1989, S. 94.

14 Ganz, Peter Felix: Minnetrank und Minne. Zu Tristan, Z. 11707 f, in: Festschrift Siegried Beyschlag, 1970, S. 63.

15 Keck, Anna: Die Liebeskonzeption der mittelalterlichen Tristanromane. Zur Erzahllogik der Werke Berouls, Eilharts, Thomas' und Gottfrieds, Munchen 1998, S. 89.

16 Wolf, Alois: Gottfried von StraBburg und die Mythe von Tristan und Isolde, Darmstadt 1989, S. 63.

17 Tomasek, Tomas: Die Utopie im „Tristan". Tubingen 1985, S. 44-47.

18 Wolf, Alois: Gottfried von StraBburg und die Mythe von Tristan und Isolde, Darmstadt 1989, S. 113.

Details

Seiten
26
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640750689
ISBN (Buch)
9783640751310
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161549
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Germanistisches Institut
Note
2,0
Schlagworte
Tristan Elternvorgeschichte Intertextueller Vergleich Minne Eilhart Oberg Gottfried Straßburg

Autor

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Titel: Tristan - Elternvorgeschichte