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Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf die europäischen Arbeitsmärkte

Seminararbeit 2010 28 Seiten

VWL - Konjunktur und Wachstum

Leseprobe

Gliederung

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitende Bemerkungen

2. Die Entwicklung der europäischen Arbeitsmärkte bis zum Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008
2.1. Arbeitslosigkeit und Wirtschaftswachstum
2.2. Reformen und Liberalisierung der Arbeitsmärkte

3. Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise auf die Arbeitsmärkte
3.1. Folgen für die europäische Wirtschaftsleistung
3.2. Divergenz bei der Entwicklung der nationalen Arbeitslosenraten
3.3. Arbeitsmarktpolitik in Zeiten der Wirtschaftskrise
3.4. Entwicklung des Arbeitsmarktes in Deutschland
3.5. Entwicklung des spanischen Arbeitsmarktes

4. Perspektiven für die weitere Entwicklung der europäischen Arbeitsmärkte
4.1. Auswirkung der Demographie auf die Quantität qualifizierter Arbeitskräfte
4.2. Die Veränderung der Arbeitswelt

5. Schluss

Literatur

Onlinequellen

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitende Bemerkungen

Die Arbeitsmärkte in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union haben in den vergangenen Jahrzehnten große Umwälzungen erfahren. Für die Entwicklung der Beschäftigung spielen in allen Ländern sowohl interne als auch externe Effekte eine Rolle. Diese Effekte können sowohl politischer als auch wirtschaftlicher Natur sein. Bedeutende Faktoren für den deutschen Arbeitsmarkt waren beispielsweise der Konjunktureinbruch infolge der Erdölkrisen in den 70er Jahren, die Wiedervereinigung und die Arbeitsmarktreformen der Agendapolitik 2003. Außerdem haben andere Faktoren wie der technische Fortschritt und gesellschaftliche Veränderungen zur unterschiedlichen Entwicklung der einzelnen Arbeitsmärkte beigetragen.

Mit dem Ende der Bipolarität und dem Prozess der europäischen Einigung ging auch eine zunehmende Liberalisierung der nationalen Arbeitsmärkte einher. Gleichzeitig sorgte die Globalisierung der Wirtschaft und der Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft für einen entscheidenden Handlungsdruck. In den vergangenen Jahren haben sich die Länder der EU diesen neuen Herausforderungen gestellt und versucht eigene Konzepte für die Reduzierung der Arbeitslosigkeit zu finden. Allerdings sind die einzelnen europäischen Arbeitsmärkte im Gegensatz zur Ökonomie noch nicht ausreichend integriert. Vielmehr versuchen die Mitgliedsländer der EU, ihre Arbeitsmärkte abzuschotten oder Arbeitsplätze auf Kosten der Nachbarländer zu generieren. Trotzdem gelang es allen Ländern der EU in den vergangenen Jahren ihre Arbeitslosenzahlen zu senken.

Diese erfreuliche Entwicklung auf den Arbeitsmärkten, die Mitte des Jahrzehnts begann, hat allerdings durch die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 einen ernsten Dämpfer erhalten. Viele Regierungen sahen sich genötigt, Finanzinstitute zu stützen, um einen Kollaps an den Kreditmärkten zu verhindern. Durch den Einbruch der Finanzindustrie und das Übergreifen der Probleme auf die Realmärkte musste die Politik darüber hinaus auch in weiteren Sektoren zu Stützungsmaßnahmen greifen. Gleichzeitig drohte die schwache wirtschaftliche Dynamik Einfluss auf die Zahl der Arbeitsplätze zu nehmen. Im Rahmen staatlicher Konjunkturprogramme konnte in den vergangenen beiden Jahren der wirtschaftliche Kollaps vermieden werden. Die Krise hatte trotzdem große Auswirkungen auf Beschäftigung und Arbeitslosigkeit in Europa.

Die Heterogenität der europäischen Arbeitslosenraten und die unterschiedlichen Auswirkungen der Krise auf die nationalen Arbeitsmärkte soll in der vorliegenden Arbeit genauer analysiert und dargestellt werden. Zu diesem Zweck wird zuerst der Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit herausgearbeitet. Anschließend soll die Entwicklung der Arbeitsmärkte bis zur Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 anhand von einigen ausgewählten Beispielen dargestellt und die bisherigen Arbeitsmarktreformen aufgezeigt werden. Der Hauptteil der Arbeit beschäftigt sich dann mit den Folgen des Wirtschaftseinbruchs 2008/2009 für die Arbeitslosigkeit in Europa. Hier soll vor allem gezeigt werden, warum manche Länder trotz der Krise keine höheren Arbeitslosenzahlen zu verzeichnen hatten und warum in einigen Ländern die Arbeitslosigkeit besonders stark zugenommen hat. Als weiterer Punkt wird dann die Krisenpolitik sowohl im nationalen als auch im internationalen Kontext beleuchtet und anschließend anhand von zwei Beispielen erläutert. Im letzten Abschnitt der Arbeit sollen schließlich mögliche Perspektiven für die europäischen Arbeitsmärkte aufgezeigt werden. Dabei werden vor allem die Problematik der Demographie und der damit zusammenhängenden Fachkräftelücke, sowie die Veränderungen in der modernen Arbeitswelt genauer betrachtet.

2. Die Entwicklung der europäischen Arbeitsmärkte bis zum Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008

Die einzelnen nationalen Arbeitsmärkte in Europa variieren untereinander sehr stark. Dies liegt zum einen an der Heterogenität der politischen Rahmenbedingungen, zum anderen aber auch an der unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklung der Volkswirtschaften. Besonders die osteuropäischen Arbeitsmärkte unterscheiden sich noch sehr von den Arbeitsmärkten Westeuropas. Gründe hierfür sind vor allem die wirtschaftlichen Rückständigkeit einzelner Regionen der neuen Mitgliedsländer, aber auch der ablaufende Strukturwandel seit dem Ende des Kalten Krieges.

Trotzdem haben in den vergangenen Jahren besonders die osteuropäischen Länder mit hohen Wachstumsraten und sinkender Arbeitslosigkeit glänzen können. Die etablierten westeuropäischen Staaten konnten ebenso vom globalen Wirtschaftsboom profitieren. Dennoch ist in diesen Ländern die Arbeitslosigkeit bei weitem nicht so signifikant gesunken, wie in den neuen EU- Mitgliedsstaaten. Mit dem Übergreifen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft und dem rasanten Absturz der Wirtschaftsleistung drohte 2008/2009 auch ein massiver Anstieg der Arbeitslosigkeit[1].

2.1. Arbeitslosigkeit und Wirtschaftswachstum

Die Wirtschaftsleistung einer Volkswirtschaft ist ein bedeutender Parameter in der Ökonomie. Gleichzeitig gilt der Grundsatz, dass die Beschäftigung und damit die Arbeitslosigkeit[2] sehr eng mit der Wirtschaftsleistung eines Landes zusammenhängt[3]. Allerdings bedeutet dies nicht automatisch, dass bei positivem Wachstum des BIP neue Arbeitsplätze entstehen, sondern vielmehr, das ein Mindestwachstum erforderlich ist, um eine Verringerung der Arbeitslosenzahlen zu erreichen. Diese Beschäftigungsschwellen lagen in Deutschland seit 1980 im Durchschnitt zwischen 1,0 und 1,4 Prozent Wachstum. Da das BIP-Wachstum in diesem Zeitraum nicht immer diese Schwelle überschreiten konnte, hat die Arbeitslosigkeit in Deutschland zugenommen und im Verlauf der konjunkturellen Phasen eine Sockelarbeitslosigkeit ausgebildet[4], die auch in den konjunkturell günstigen Jahren nicht zurückgeführt werden konnte.

Auch in anderen europäischen Ländern sind ähnliche Muster zu beobachten. Besonders die gefestigten Volkswirtschaften Frankreichs und Italiens aber auch Großbritanniens benötigen vergleichsweise hohe BIP-Schwellenwerte, um die Arbeitslosigkeit nachhaltig zu senken. Da diese hohen Wachstumsraten nur selten eintreten, bilden sich in diesen Ländern größere Kontingente an Langzeitarbeitslosen, die dann nur schwer in den Arbeitsmarkt zu reintegrieren sind.

Zusammenfassend lässt sich für die großen Volkswirtschaften Europas feststellen, dass trotz anhaltendem positiven Wachstums nur geringe Fortschritte bei der Absenkung der Arbeitslosenzahlen erreicht werden konnten. Um die Beschäftigungsschwellen dennoch zu überwinden, haben einige europäische Staaten nicht nur versucht, das Wirtschaftswachstum zu stimulieren und damit über diesen Umweg die Arbeitslosigkeit zu senken, sondern vielmehr die Flexibilität der Arbeitsmärkte erhöht. Damit sollen ebenfalls die Beschäftigungsschwellen abgesenkt und so auch bei geringem Wachstum ein positiver Effekt auf die Arbeitslosigkeit erreicht werden.

Anders sah das bei den stark wachsenden Volkswirtschaften Osteuropas[5] und Südeuropas aus. Die Dynamik der wirtschaftlichen Aufholprozesse in den neuen Beitrittsländern war so stark, dass sich in den vergangenen Jahren die nationalen Arbeitslosenquoten teilweise halbieren konnten (siehe Tabelle 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Arbeitslosenquoten jeweils im Januar in der EU 27 (2003 – 2010)[6]

Dieser Aufschwung am Arbeitsmarkt ließ einschneidende Reformen in den Hintergrund rücken und war eine der Folgen dafür, dass in diesen Staaten mit dem Beginn der weltweiten Wirtschaftsflaute die Arbeitslosigkeit sprunghaft anstieg.

2.2. Reformen und Liberalisierung der Arbeitsmärkte

Die europäischen Arbeitsmärkte waren in den vergangenen Jahren großen Umwälzungen ausgesetzt. Der Strukturwandel in der europäischen Wirtschaft und vor allem in den neuen EU-Mitgliedsländern ist in vollem Gang. Gleichzeitig haben sich die internationalen Rahmenbedingungen stark verändert. Durch den Abbau von Zollschranken und den Freihandel haben sich die Märkte untereinander stark vernetzt. Diese Vernetzung hat die Anfälligkeit der nationalen Märkte gegenüber regionalen und globalen Wirtschaftskrisen erhöht[7]. Gleichzeitig bewirkte die Integration in ein globales Wirtschaftssystem einen Anstieg der Prosperität und eine Ausweitung des Welthandels. In Europa hat mit Unterzeichnung der Römischen Verträge schon 1957 der Weg zu einer vertieften Integration begonnen. Mit dem Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union wurden die vier Grundfreiheiten[8] der Europäischen Union festgelegt und ein einheitlicher europäischer Binnenmarkt geschaffen[9]. Dieser Binnenmarkt hatte für alle teilnehmende Länder einschneidende Maßnahmen in der Arbeitsmarktpolitik zur Folge. Der Zuzug von Arbeitnehmern und die Möglichkeit alle Dienstleistungen innerhalb der Gemeinschaft anbieten zu dürfen, hat in vielen Ländern erheblich zu Reformen im Bereich des Arbeitsmarktes beigetragen.

Vor allem die skandinavischen Länder haben sich gut an die neue Situation angepasst. So hat beispielsweise Schweden bereits in den 1990er Jahren mit einer Lockerung des Kündigungsschutzes und mit Änderungen in der Tarifpolitik Erfolge bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit erzielen können[10]. Ein weiteres Beispiel für erfolgreiche Reformen im Bereich der Arbeitsmarktpolitik ist Dänemark. Hier wurde allerdings neben der Tarifpolitik auch Wert auf die Aktivierung der Arbeitslosen gelegt. Dafür wurde die Arbeitsvermittlung besser koordiniert und gleichzeitig die Bezugsdauer der Leistungen verringert[11].

Aber auch in Osteuropa haben vor allem wirtschaftliche Reformen nach der politischen Wende 1989/90 zu einer Dynamik am Arbeitsmarkt geführt. Besonders Polen und die baltischen Staaten haben ihre Arbeitslosenzahlen deutlich reduzieren können. Zurückzuführen sind diese Fortschritte auf die Konsolidierung und Liberalisierung der Wirtschaft und der Aufbau politischer und rechtlicher Rahmenbedingungen. Die Aussicht auf den Beitritt zur EU hat dann zu Beginn des 21. Jahrhunderts weitere Reformanstrengungen angestoßen[12].

Auch im Süden der EU haben Staaten wie Spanien schon in den 1990er Jahren begonnen ihre Arbeitsmärkte zu reformieren. Spanien konnte durch die Lockerung des Kündigungsschutzes, die Senkung der Lohnnebenkosten für Arbeitgeber und die Einführung von Zeitarbeit und befristeten Verträgen in den letzten 10 Jahren einen Beschäftigungsboom auslösen. Allerdings beschränkte sich der Beschäftigungsanstieg vor allem auf die Tourismus- und Baubranche und hatte zur Folge, dass die spanische Wirtschaft abhängig von diesen beiden Sektoren wurde. Trotz allen Bemühungen der spanischen Regierung konnte selbst in den Zeiten der wirtschaftlichen Prosperität die Arbeitslosigkeit nicht auf den europäischen Durchschnitt gesenkt werden (siehe Tabelle 1). Problematisch ist in Spanien weiterhin die große Zahl an Langzeitarbeitslosen und die hohe Jugendarbeitslosigkeit[13].

[...]


[1] Der Ausfall gesamtwirtschaftlicher Nachfrage gilt als Auslöser keynesianischer Arbeitslosigkeit. Der Einbruch der Güternachfrage führt zu einer Verringerung der Nachfrage nach Arbeitskräften und damit zu einer Erhöhung der Arbeitslosigkeit; vgl. Klump: Wirtschaftspolitik, S. 146.

[2] Selbstverständlich sind neben dem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts auch andere Faktoren, wie die Arbeitsmarktpolitik oder die Bildung, für die Entwicklung des Arbeitsmarktes von Bedeutung.

[3] Die Arbeitslosenzahlen gelten als Präsenzindikatoren für die konjunkturelle Entwicklung. D. h. die Arbeitslosigkeit ist relativ an die Entwicklung der Konjunktur gekoppelt. Der Arbeitsmarkt reagiert innerhalb kürzester Zeit auf Konjunkturauf- und abschwünge; vgl. Altmann: Wirtschaftspolitik, S. 73.

[4] vgl. Schäfer: Beschäftigungs- und Arbeitslosigkeitsschwellen, S. 5.

[5] Besonders Rumänien, Bulgarien und Ungarn sowie die baltischen Staaten.

[6] Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Eurostat.

[7] Je stärker die internationale Verflechtung eines bestimmten Landes, desto kongruenter verlaufen die negativen und positiven wirtschaftlichen Entwicklungen. Vgl. Altmann: Wirtschaftspolitik, S. 61 f.

[8] Die vier Grundfreiheiten sind freier Warenverkehr, Personenfreizügigkeit, Dienstleistungsfreiheit und der freie Kapital- und Zahlungsverkehr.

[9] vgl. Müller- Graf: Die Kompetenzen der Europäischen Union, S. 148.

[10] Tarifverhandlungen wurden stärker koordiniert und gleichzeitig die Dezentralisierung beibehalten. So konnten regionale Unterschiede besser in den Tarifverhandlungen berücksichtigt und gleichzeitig der Dialog der Tarifparteien verbessert werden; vgl. Zierahn: Arbeitsmarktreformen in Schweden, S. 681 – 687.

[11] vgl. Heinemann: Fit für die Zukunft? Deutschland im Wandel. S. 8.

[12] vgl. Köhler/ Fankhauser: Die Transformation Mittel- und Osteuropas. Die Mitwirkung Deutschlands.

[13] vgl. Hartmann: Spanische Arbeitsmarktreform: Olé oder Oh- je? S. 9 – 11.

Details

Seiten
28
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640753802
ISBN (Buch)
9783640753949
Dateigröße
809 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v161523
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Schlagworte
Auswirkungen Wirtschaftskrise Arbeitsmärkte

Autor

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